Interviews 12.02.2016 | 10:02von Colin McGourty

Kramnik über Kasparov, Topalov und vieles mehr

Der ehemalige Weltmeister Vladimir Kramnik hat Sport Express ein langes Interview gegeben, in dem er über das Kandidatenturnier spricht, darüber, was es bedeutete, Garry Kasparov und Veselin Topalov zu schlagen, über den aktuellen Weltmeister Magnus Carlsen, Betrugsfälle im Schach und vieles mehr. Der Weltranglistenzweite, der am Freitag bei der Zurich Chess Challenge spielt, sprach außerdem über die neue 40-Minuten-Zeitkontrolle, die dort verwendet wird, und schlug vor, dass diese bei zukünftigen Weltmeisterschaftsmatches genutzt werden könnte.

Vladimir Kramnik nimmt es in der ersten Runde seines letzten Turniers mit Bela Khotenashvili auf - beim Qatar Masters 2015 | Foto: Katerina Savina, Qatar Masters Webseite  

Vladimir Kramnik sprach im Interview für die russische Sportzeitschrift Sport Express mit Kirill Zangalis und Vladimir Barsky.


Zangalis/Barsky: Du nimmst zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht am Weltmeisterschafts-Kampf teil. Wie fühlst du dich in deiner neuen Rolle als "Beobachter"?

Kramnik: Ich gehe das ruhig an. Es war eine Laune des Schicksals, dass ich nicht in das Kandidatenturnier gekommen bin. Das relevante Rating betraf eine Periode, in der ich mich nicht über Ratings qualifizierte. Ich beschwere mich nicht. Diese Periode wurde im Vorhinein bestimmt, aber wenn man es zwei Monate nach vorne oder nach hinten verschieben würde, wäre ich drin. Vielleicht sollte das Kandidatenturnier nach einem jüngeren Rating entschieden werden, um die Stärke eines Schachspielers zu dem gegebenen Zeitpunkt und nicht seine Stärke von vor einem Jahr widerzuspiegeln…

Es ist jedoch nicht das Ende der Welt - es gibt andere interessante Aufgaben. Ich werde versuchen, meine Spielweise zu verbessern. Natürlich würde ich gerne um die Weltmeisterschaft kämpfen, angesichts der Tatsache, dass ich bereits ein älterer Schachspieler bin und nicht viel Zeit mehr habe. Es ist etwas ärgerlich, diesen Zyklus zu verpassen, aber was kann man tun? Über die Jahre habe ich mich daran gewöhnt, die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind.

Ratingsprünge passieren jedem, sogar Carlsen. Er ist stabiler als der Rest, aber auch er hatte kürzlich einen ziemlich großen Absturz. Der Wettbewerb hart und der Turnierkalender sehr straff. Anand zum Beispiel ist auch instabil geworden: vor einem halben Jahr war er Weltranglistenzweiter und jetzt ist er aus den Top 10 gefallen. Vielleicht ist er aber bald wieder in guter Form, weil er ein Spitzenspieler ist.

Welche Ziele hast du abgesehen von der Weltmeisterschaft?

Viele! Dieses Jahr würde ich gerne die Olympiade mit Russland gewinnen, einfach gut spielen, Spaß am Spielen haben und für gute Partien sorgen. Das Wichtigste ist, mein Interesse am Spiel und meine Motivation zu behalten. Wenn diese beiden Elemente verschwinden, ist es Zeit, das praktische Spielen zu beenden, aber im Moment ist glücklicherweise noch alles normal in dieser Hinsicht.

Wer ist der Favorit beim Kandidatenturnier?

Es gibt keinen Favoriten: alle sind auf einem sehr ähnlichen Level. Alles hängt von der Form ab, die die Spieler jeweils zum Turnier mitbringen, außerdem von etwas Glück. Fast jeder Teilnehmer könnte gewinnen - damit will ich der Frage nicht ausweichen, das ist zur Zeit die Realität.

Im offenen Turnier in Gibraltar erlitt Anand zwei schmerzhafte Niederlagen. Wird das sein Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten beeinflussen?

Natürlich, aber er hat genug Zeit, um sich zu erholen. Er gewann das letzte Kandidatenturnier auf sehr überzeugende Weise und man kann nicht ausschließen, dass er auch dieses Mal gewinnt.

Caruana war der einzige Kandidat, der dieses Jahr in Wijk aan Zee etwas beeindruckend war, hier schlägt er Wei Yi und rückt damit drei Runden vor Schluss auf einen halben Punkt hinter Magnus | Foto: Fiona Steil-Antoni 

"Verbargen" Caruana, Giri und Karjakin in Wijk aan Zee etwas und zogen nicht alle Register, um zu siegen?

Es ist klar, dass sie nicht in Topform waren. Zweifellos sahen sie es alle als "Aufwärmen" oder Trainingsturnier, obwohl sie auch gut spielen wollten. Caruana war besser als die anderen, aber das lag hauptsächlich an seinem Kampfgeist. Ich denke, dass sie sich alle vor dem Kandidatenturnier verbessern werden, und einige von ihnen sehr beträchtlich.

Kurz vor Gibraltar gab es ein offenes Turnier in Katar, an dem du und Carlsen teilgenommen haben. Ist das ein neuer Trend: Top-Großmeister, die in Opens spielen?

Ja, Demokratie (lächelt). Aber warum auch nicht? Im Jahr 2014 spielte ich in Katar mein erstes offenes Turnier seit langem und es hat mir gefallen. Es ist wichtig, dass das Turnier stark war, da nicht alle Opens gleich sind. In Gibraltar oder Qatar spielt man gegen ordentliche Großmeister und Topspieler, außer vielleicht in den ersten paar Runden. Es ist ziemlich interessant. Man will in jedem Alter, in jedem Karrierestadium neue Erfahrungen in einem Turnier sammeln, um etwas zu seiner Wissensbasis hinzuzufügen. Ein schwaches Open gibt einem nichts, abgesehen vielleicht von Geld, und das ist nicht das Wichtigste. Ich habe mit Magnus gesprochen - ihm hat das Turnier in Katar gefallen.

Hast du es in deiner Jugend geschafft, Opens zu gewinnen?

Natürlich! Obwohl das letzte Mal, als ich in einem gespielt habe, vermutlich 1993 war. Aber, wie die Erfahrung zeigt, landen die besten Spieler immer in den Spitzenpositionen, unabhängig vom Turnierformat oder der Aufstellung. Klasse zeigt sich in einem langen Event. Vorher sagten die Leute, dass Top-Großmeister ihre Ratings verlieren würden, wenn man sie zwingen würde, an offenen Turnieren teilzunehmen, aber ich habe jetzt zweimal in Katar gespielt und mein Rating verbessert. Carlsen und Nakamura ging es genauso.

Kramnik und Carlsen vereinbaren schnell ein Remis in der letzten Runde des Qatar Masters Open | Foto: Katerina Savina, Qatar Masters

Im November letzten Jahres verhängte das US-Finanzministerium Sanktionen gegen den FIDE-Präsidenten. Danach legte Kirsan Ilyumzhinov sein Amt vorläufig nieder. Hast du je darüber nachgedacht, an die Spitze des Weltschachverbandes zu treten?

Theoretisch in der Zukunft - vielleicht, aber jetzt definitiv nicht. Ich bin Weltranglistenzweiter, ich spiele als Profi und außerdem hat mich niemand dazu eingeladen. Abgesehen davon habe ich nicht den Eindruck, dass Ilyumzhinov sein Amt aufgeben will. Was die vorläufige Amtsniederlegung angeht, das ist eine taktische Umstrukturierung, während die Sanktionen selbst sehr traurig sind.

Was auch immer man über ihn denkt, ich bin sicher, dass die Anschuldigungen absolut erfunden sind. Es ist mehr wie Rache für Kasparovs verlorene Wahl im Jahr 2014, als er für das Amt als FIDE-Präsident kandidierte und deutlich gegen Ilyumzhinov verlor. Schließlich genießt Garry Kimovich in den USA große Unterstützung, auch finanziell. Es ist möglich, dass die Leute, die hinter Kasparov standen, gute Verbindungen ins Repräsentatenhaus haben und diese Leute beschlossen, Arbeit und Vergnügen zu kombinieren: um Rache für ein katastrophales Wahlergebnis zu erhalten und zu versuchen, den Abschluss eines wichtigen Vertrages zu verhindern…

Welcher Vertrag?

Das war alles, als die FIDE vorhatte, einen wichtigen Vertrag über das Recht, das Weltmeisterschaftsmatch im November diesen Jahres abzuhalten, unterschreiben wollte. Vor ein paar Monaten sprach ich persönlich mit einem der Initiatoren dieses Projekts, einem großen amerikanischen Unternehmer, und er bestätigte, dass Sponsoren bereit waren, das Weltmeisterschaftsmatch und eventuell andere große Schachevents in den USA abzuhalten. Die Sanktionen wurden buchstäblich ein paar Tage vor dem Vertragsabschluss angekündigt. Erscheint das nicht verdächtig? Ich muss dabei betonen, dass es meine persönliche Meinung ist, und ich verstehe, dass es für viele nach einer "Verschwörungstheorie" klingt, aber vertraut mir, ich bin bei weitem nicht der Einzige, der an diese Version glaubt.

Und außerdem, was ist der Zweck von Sanktionen? Wenn Ilyumzhinov Öl mit Terroristen gehandelt hat, ist das eine Straftat. Kirsan hat erklärt, dass er bereit ist, sich vor einem amerikanischen Gericht zu verteidigen, aber niemand hat ihn für irgendetwas angeklagt. Und ich vermute, dass es kein offenes Strafverfahren geben wird, denn dann müssten sie eindeutige Beweise für die Anschuldigungen hervorbringen. Kurz gesagt, wenn es konkrete Anklagepunkt gibt, dann bringt ihn vor den Kadi, und wenn nicht, dann sollte es keine Sanktionen geben.

Kasparov hat sofort auf Kramniks Kommentare reagiert:

"‌Kramniks Kommentare beweisen, dass außergewöhnliche Schachfähigkeiten nichts mit Intelligenz oder Charakter zu tun haben. Mehr Infos:"

"Offensichtlich ist die Angewohnheit von Putins Russland, Außenstehende für die eigenen Verbrechen & Fehler des Regimes verantwortlich zu machen, sogar in der Schachwelt ansteckend!"

"Die US-Sanktionen gegen FIDE-Präsident Ilyumzhinov machen mich traurig, wie jeden, dem Schach am Herzen liegt. Sie beschädigen wieder einmal das Image des Spiels."

Die bisherigen Zurich Chess Challenge Turniere waren sehr erfolgreich und waren sogar der Anfang eines "Zürich-Formats" - eine Runde klassisches Schach und eine weitere Schnellschach. Jetzt wird es ein neues Format geben: zwei Partien pro Tag mit einer Zeitkontrolle von 40 Minuten bis zum Ende der Partie, mit einer 10-Sekunden-Gutschrift pro Zug. Wie siehst du diese Innovation?

Nach seinem Sieg beim Tata Steel Masters wurde Carlsen zur Züricher Zeitkontrolle befragt und kommentierte, "40 Minuten ist etwas seltsam, weil man dann wirklich mit der Qualität einer klassischen Partie spielen will, aber irgendwann einfach nicht die Zeit hat um nachzudenken." | Foto: Fiona Steil-Antoni

Ich denke, sie hat eine Zukunft. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es zweifellos nicht notwendig, diese Zeitkontrolle überall einzuführen, aber man kann sie ausprobieren. Jetzt ist es noch ein Experiment, aber innerhalb von fünf Jahren könnte das Format "zwei Partien pro Tag mit einer Zeitkontrolle von einer Stunde pro Partie" genauso gut die Norm sein. Vielleicht werden so sogar Weltmeisterschaftsmatches abgehalten werden.

Es stimmt, dass weder ich noch meine Gegner je mit solch einer Bedenkzeit gespielt haben, aber das ist kein so großes Thema - es wird nach und nach passieren. Es wird sehr interessant zu sehen, wie sehr eine solche Zeitkontrolle die Qualität des Spiels beeinflusst. Wenn der Unterschied zum klassischen Schach sich als nicht so groß herausstellt, d.h. wenn die Partien weiterhin hochwertig sind, dann wird diese Zeitkontrolle beliebter werden.

Wenn du in letzter Zeit Live-Übertragungen mit Computeranalysen anschaust, hast du dann den Eindruck, dass alle vergessen haben wie man spielt, abgesehen vielleicht von Carlsen…

Nein, das ist nicht der Fall! Es ist einfach so, dass Computer immer stärker werden, außerdem gibt es sehr viel Interesse an Turnieren. Im modernen Schach wird die Rolle der Vorbereitung immer bedeutender, Schachspieler verbringen mehr und mehr Zeit mit der Vorbereitung zuhause und das beeinflusst, wie frisch man in der Partie ist. Es ist eine Sache, wenn man eine Stunde Vorbereitung macht, schläft, spazieren geht und dann zur Partie geht, aber es ist ganz anders, wenn man sich fünf Stunden lang vorbereitet. Im letzteren Fall verbraucht man sehr viel Energie, sogar bevor die Partie anfängt. Insgesamt ist das Spielniveau aber ziemlich hoch - deutlich höher als vor 10-20 Jahren.

Kasparov zum Beispiel hat es oft geschafft, aus der Eröffnung einen großen Vorteil herauszuschlagen, und dann musste man den Gegner nur noch erledigen. Natürlich spielte er brillant, aber sehr viele Partien gewann er dank seiner Vorbereitung. Jetzt ist diese Zeit vorbei und man muss in ungefähr ausgeglichenen Stellungen sehr hohen Druck erzeugen. Man gewinnt mit korrekten, psychologischen Entscheidungen: zum Beispiel indem man das Spielmuster drastisch verändert, im Vorfeld der Zeitkontrolle auf einmal schärfer spielt. Wenn man gewinnen will, muss man scharfe, "zerklüftete" Stellungen schaffen, um den Gegner dazu zu bringen, Fehler zu machen. Aber gleichzeitig hat man keine Garantie, dass man nicht selbst Fehler macht. Unglücklicherweise ist selbst auf dem höchsten Niveau eine saubere Partie - ein großer Vorteil in der Eröffnung und die Umwandlung dieses Vorteils in einen Sieg - in der Praxis bereits unrealistisch. Daher hat man manchmal den Eindruck, dass es jetzt mehr Fehler gibt.

Denkst du wirklich, dass die neue Zeitkontrolle für Weltmeisterschaftsmatches benutzt werden könnte?

Im Moment sehe ich keine Probleme bei einem Match mit der klassischen Zeitkontrolle, aber die Computer werden stärker und die Eröffnungstheorie entwickelt sich… In Turnieren bekommt man, egal, was passiert, eine oder zwei interessante Partien, aber in Matches ist es nur eine einzige Partie pro Tag. Es könnte passieren, dass Schwarz die Stellung aus der Eröffnung heraus "sterilisiert" und der Kampf zu Ende ist. Wenn das zu einem Massenphänomen wird, ist es möglich, dass wir zwei Partien pro Tag spielen müssen. Und nicht 12, sondern 24 – an denselben 12 Spieltagen. Es ist unwahrscheinlich, dass das in den nächsten paar Jahren geschehen wird, aber es ist möglich, dass es im Laufe der Zeit dazu kommen wird.

Ich wiederhole: es ist wichtig zu sehen, ob die neue Zeitkontrolle bedeutet, dass die Qualität der Partien darunter leidet. Wenn wir sehen, dass die Anzahl grober Fehler deutlich ansteigt, dann ist das kein positiver Schritt. Abgesehen davon, dass es Schach aufregender machen wird, ist es auch wichtig, ein hohes Spiellevel beizubehalten.

Vladimir, du hast viele Turniere und Matches für die Weltmeisterschaft erlebt. Kannst du dich an die denkwürdigsten Momente erinnern? Als du zum Beispiel im Jahr 2000 keinen Geringeren als Garry Kasparov geschlagen hast und zum besten Großmeister der Welt wurdest…

Es ist schwer für mich, den denkwürdigsten Moment zu wählen. Hinsichtlich der Arbeitsintensität und der Spannung kann sich nur wenig im Verlauf meiner langen Karriere mit diesem Match messen. Um damals gegen Kasparov zu spielen, als er seine Höchstleistung erreicht hatte und die höchste Elo seiner Karriere hatte, musste ich mich anstrengen, um meine eigenen Grenzen zu überschreiten. Daher erinnere ich mich eher an die harte Arbeit, aber die Erinnerungen sind trotzdem angenehm, da diese Arbeit erfolgreich war.

Und wie hast du dich gefühlt, als du erkannt hast, dass du Garry den Schrecklichen geschlagen hast? Carlsen sprang zum Beispiel voll bekleidet in einen Swimming-Pool, nachdem er Anand vom Thron gestoßen hatte. Wolltest du nicht zum Beispiel in Champagner schwimmen?

‌"Endlich Weltmeister! Danke an alle für eure Unterstützung!"

Seltsamerweise verspürte ich fast nichts. Es war so eine Welle totaler Erschöpfung, dass ich nicht einmal die Energie hatte, mich zu freuen. Ich weiß nicht, wie es für andere Sportler ist, aber bei mir folgt auf ein hartes Turnier oder Match immer absolute Trostlosigkeit. Natürlich feierte mein ganzes Team nach dem Sieg über Kasparov ausgelassen, aber ich nicht - das war nicht "der russische Stil". Bis zum letzten Zug trägt dich das hohe Adrenalinlevel, aber sobald alles vorbei ist, erkennt man auf einmal, dass nichts mehr übrig ist. Gar nichts. Und danach kann man einfach eine lange Zeit nicht normal schlafen. Das passierte mir nach jedem Weltmeisterschaftsmatch.

Wie das Sprichwort besagt - in der Bewegung liegt die Stärke. Und ich finde das auch. Wenn man ein gewisses Ziel erreicht - dann war es das, man muss weitermachen. Sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen geht einfach nicht.

Sich gehen zu lassen und einen Shot nach dem anderen zu kippen ist also nichts für dich?

Anscheinend nicht. Was mir in Erinnerung geblieben ist, war nicht der Tag, an dem ich Weltmeister wurde, sondern eher der Weg, den ich gegangen bin, um diesenT itel zu erreichen. Ich habe gelesen, dass Kasparov nach seinem Sieg gegen Anatoly Karpov im Jahr 1985 ins Hotel platzte, jubelte, laut schrie und seine Hände in die Luft streckte. Aber er ist von Natur aus temperamentvoller. Ich hatte keine solchen nackten Emotionen. Der Grund war auch, dass ich mich nie auf ein besonderes Ergebnis konzentriert habe - dass ich der Beste der Besten sein musste oder gar nichts. Selbst wenn ich nicht Weltmeister geworden wäre, wäre ich mit meinem Leben und meiner Karriere zufrieden gewesen. Mein Credo ist, alles zu geben, all meine Energie zu verbrauchen und wenn ich damit nicht an die Spitze gelange, bedeutet das, dass ich es einfach nicht verdient habe.

Vor zehn Jahren hast du den Bulgaren Veselin Topalov in einem Weltmeisterschaftsmatch geschlagen. Die ganze Welt und nicht nur die Schachwelt erinnert sich an diesen "Toilettenskandal". Du hast dich aus Protest sogar geweigert, eine der Partien zu spielen, sodass dein Gegner einen wichtigen Punkt bekam… Seitdem hast du Topalov oder seinem Manager nie die Hand geschüttelt?

Bei der Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaft neulich in Berlin wurde uns der neue Hollywoodfilm "Pawn Sacrifice" gezeigt. Als wir die Szene sahen, in der Fischer nicht zu der zweiten Partie auftauchte, fingen Schachspieler an, Witze darüber zu machen, dass man vielleicht einen Film über mein Aufeinandertreffen mit Topalov drehen sollte! Anand und Carlsen schlugen sogar berühmte Schauspieler für unsere Rollen vor. Ich weiß jedoch nicht mehr, wer die Kandidaten waren. Tatsächlich war unser Match nicht weniger dramatisch als das Aufeinandertreffen im Jahr 1972. Damals gab es einfach viel Politik im Schach, der Kalte Krieg beeinflusste das Spiel.

Es gab absurde Anschuldigungen, dass du zu oft auf die Toilette gegangen bist, Anspielungen auf Hilfe von außen… Ging es beim Match gegen Topalov um mehr als nur um Schach?

Nach dem, was Topalov und sein Manager gesagt und getan hatten, wollte ich wirklich nicht verlieren. Es ging ums Prinzip, da sie meine Ehre angegriffen hatten. Ich hätte ganz einfach verlieren können, da ich mich entschloss, weiterzuspielen, nachdem ich illegalerweise eines ganzen Punkts beraubt wurde. Das Verhalten von Topalovs Team während des Matches war einfach unerhört, ein Fall von wirklicher Schikane. Ich hatte vorher noch nie so eine Aggressivität erlebt bei einem Schachevent und ich hoffe, dass ich das nie wieder tun werde.

Wie hast du dich gefühlt, als du Topalov in den Tiebreaks geschlagen hast?

Ich freute mich sehr viel mehr als nach meinem Sieg über Kasparov, trotz der Tatsache, dass Topalov zwar ein starker Schachspieler, Garry aber deutlich unterlegen ist. Die Emotionen in Elista waren deutlich höher als in London. Es war wichtig für mich, den Bulgaren für sein Verhalten zu bestrafen. Leute lieben Sieger und vergeben ihnen schnell für alles. Ich weiß genau, dass alle schnell vergessen hätten, wie Topalov sich während des Matches verhalten hat, wenn er gewonnen hätte - er wäre ein Held geworden. Das wollte ich wirklich nicht zulassen!

Kramnik ballte die Faust in einer Siegerhaltung, nachdem er Topalov Ende letztes Jahr im European Club Cup schlug | Foto: Evgeny Surov, chess-news

Seitdem hat die Schachwelt eine sehr negative Meinung von Topalov und er wird sogar nicht zu gewissen Turnieren eingeladen. Es ist ein Schandfleck auf seinem gesamten Leben. Im Jahr 2006 riskierte er alles: Ehre, Anstand - er wollte so verzweifelt siegen. Moralisch war es wichtig für mich, dass er letztendlich kein Traumleben führt. Ich ging Risiken ein und hätte verlieren können, da ich während des Matches hinten lag, aber ich glich aus und schaffte es, in den Tiebreaks die Oberhand zu bekommen. Ich denke, dass das in Bezug auf meine Widerstandsfähigkeit und Willenskraft die größte Leistung meiner Karriere war.

Und weißt du noch, wie Topalov nach der Niederlage aussah?

Irgendwie habe ich nicht besonders auf ihn geachtet (lacht). Natürlich war er enttäuscht, milde ausgedrückt, aber sein Manager war zweifellos wütend, da er der federführende Planer des ganzen Skandals und des Verbrechens war. Topalov hat außerdem nicht die innere Stärke gehabt, sich öffentlich für sein unsportliches Verhalten zu entschuldigen, obwohl er von vielen führenden Großmeistern verurteilt wurde.

Wirst du ihm jemals verzeihen?

Ich gebe Leuten immer eine zweite Chance, aber Topalov hat sie nicht angenommen. Daher habe ich seit langem aufgegeben, Kontakt mit ihm zu haben und gebe ihm nicht die Hand.

Vor einem halben Jahr, als Topalov im weltweiten Ranking auf Platz Zwei stand, und du unten in den Top 10 warst, postete Danailov einen Screenshot in den sozialen Medien und schrieb, dass das Leben jeden an seinen Platz gebracht hatte - als ob er sagen wollte, schaut wo Kramnik und wo Topalov ist. Wir wissen, dass du auf Provokationen nicht reagierst, aber möchtest du jetzt reagieren?

Danailov: "Who's who im Weltschach 9 Jahre nach Elista 2006. Die Fakten und die Zahlen haben die Helden so angeordnet, wie sie es verdienen" (auf der FIDE-Ratingliste von Februar 2016 war Kramnik Zweiter und Topalov Neunter)

Ich habe meine Meinung zu diesen Leuten seit langem klargemacht. Es ist für mich von absolut keinem Interesse, was er sagt oder schreibt, und ich plane garantiert nicht zu reagieren. Wenn du es mir nicht erzählt hättest, hätte ich nicht einmal gewusst, was sie verkündet haben. Sie haben so einen schlechten Ruf, dass es besser wäre, wenn sie sich um ihre eigenen Probleme kümmern könnten. Soweit ich weiß, interessiert sich das FBI stark für seinen Manager und untersucht seine Aktivitäten im Zusammenhang mit seiner Arbeit für den Bulgarischen und den Europäischen Schachverband. Seine Hauptbeschäftigung im Moment sollte vermutlich darauf abzielen, ein freier Mann zu bleiben.

Vor kurzer Zeit, in London 2013, hättest du dich für ein Weltmeisterschaftsmatch qualifizieren können. Im Kandidatenturnier hast du dieselbe Anzahl von Punkten wie Carlsen erzielt, wurdest aber aufgrund einiger Zweitwertungs-Koeffizienten Zweiter. War es enttäuschend, dass das Schicksal des ersten Platzes nicht einmal durch "Schachsanktionen" entschieden wurde, sondern durch ein paar unverständliche Zahlen?

Es war nicht enttäuschend. Die Regulierungen waren idiotisch, aber sie waren im Vorhinein bekannt. Ich hatte einfach Pech: laut drei von den Tiebreaks war ich besser, aber Carlsen lag beim ersten vor mir. Es ist ein anderes Thema, dass wir darüber dann viel diskutiert haben. Sogar Magnus sagte, das System sei seltsam. Aber niemand hatte das Bedürfnis etwas zu verändern. Und beim nächsten Kandidatenturnier in Khanty-Mansiysk blieben die Regeln gleich. I setzte mich für Änderungen ein, beschloss aber aus Neugier abzuwarten, ob jemand anders in dieser Hinsicht etwas tun würde? Es stellte sich heraus, dass niemand Interesse hatte. Naja, ich habe das Thema auch ruhen lassen, da es irgendwann auch in die andere Richtung gehen wird - die Regel wird zu meinen Gunsten wirken. Man muss verstehen, dass Großmeister oft Leute sind, die einfach Schach spielen wollen und sich nicht so sehr um organisatorische Themen kümmern.

Kürzlich schrieb Kasparov, dass Carlsen hervorsticht und in einer eigenen Liga spielt, wie Djokovic im Tennis. Bist du damit einverstanden?

Natürlich ist er zur Zeit die weltweite Nummer Eins, aber es gibt ein paar Spieler, die in derselben Liga sind wie er. Man kann nicht sagen, dass es eine Art riesiger Kluft gibt. Auf der anderen Seite kann ich nicht leugnen, dass Magnus besser ist als der Rest, aber es gibt drei oder vielleicht fünf Großmeister, die in einem langen Match gegen ihn mithalten können. Die kosmische Kluft zwischen ihm und dem Rest ist etwas übertrieben und es ist sicherlich nicht garantiert, dass Carlsen noch viele Jahre regieren wird. Schließlich ist ein Weltmeisterschaftsmatch eine spezielle Prüfung. Kasparov hat auch ein Turnier nach dem anderen gewonnen, aber Matches um die Krone gegen hochmotivierte und gut vorbereitete Herausforderer kosteten ihn enorm viel Energie. Auf der anderen Seite ist Carlsens Stärke seine kolossale Stabilität. Kein anderer Schachspieler hat so eine Stärke.

Carlsen schlägt jetzt vor, das Match um die Krone aufzugeben und es mit einem jährlichen K.O.-Turnier wie dem Weltpokal zu ersetzen.

Das ist eine Frage, die man systematisch angehen muss, man darf nicht daran denken, welchem Großmeister es nützt, sondern die Interessen der ganzen Schachgemeinschaft berücksichtigen. Für mich ist es absolut offensichtlich, dass Weltmeisterschaftsmatches unsere Marke sind. Das ist das Wertvollste, was wir als Schachspieler haben. Viele Leute, die unsere Kämpfe selten verfolgen und nur Amateure sind, oder nicht einmal das, kennen nur die Geschichte der Matches um die Krone: Capablanca-Alekhine, Botvinnik-Tal, Fischer-Spassky, Karpov-Kasparov, Anand-Carlsen… Dieser Film "Pawn Sacrifice", mit berühmten Hollywood-Schauspielern basierte auf so einem Match. Ich verstehe nicht, warum das System zerstört werden muss. Seien wir ehrlich! Das Weltmeisterschaftsmatch ist das einzige Schachevent, dass Presse und Sponsoren aus der ganzen Welt anzieht. Der hohe finanzielle Preis - zwei Millionen Dollar - bestätigt das. Und es sollte nicht vergessen werden, dass das erste offizielle Weltmeisterschaftsmatch 1886 stattfand. All das wegzuwerfen wäre ein großer Fehler.

Also stimmst du Carlsen absolut nicht zu?

Ich respektiere natürlich seine Meinung. Er ist ein ehrlicher Typ und sagt immer, was er denkt, und es ist sein Recht, solche Aussagen zu treffen. Es ist einfach so, dass ich keinen Vorteil für irgendwen sehe, daher war ich überrascht, als ich davon hörte, und verstand die Idee nicht. Der Weltmeisterschaftstitel ist besonders. Vielleicht liegt das daran, dass wir nur recht wenige Schachchampions hatten seit 1886. In K.O.-Turnieren entscheidet sich viel im schnellen Schach und es gibt mehr Zufälle. Ich gewann den Weltpokal selbst, aber ich würde nicht sagen, dass das Format mit einem ausgewachsenen Match verglichen werden kann. Daher hoffe ich, dass es in der näheren Zukunft keine Veränderungen geben wird. Niemand braucht das: weder die Fans noch die Sponsoren.

Der Präsident des russischen Schachverbandes President Andrei Filatov findet, dass der Champion von einem berühmten Milliardär zu einem Match herausgefordert werden könnte, wie Bill Gates, oder von einem starken Schachspieler, der ein Preisfonds aufstellen kann. Der Weltschachverband würde die Herausforderung in Erwägung ziehen. Gleichzeitig bliebe der offizielle Zyklus für die Entscheidung über einen Herausforderer unverändert, es gäbe also mehr Matches, mehr Geld, mehr PR…

Darüber habe ich etwas gehört, aber ich kenne keine Details. Ich denke aber, dass Geld in dem Sport keine entscheidende Rolle spielen sollte. So etwas könnte man erlauben, wenn der Herausforderer realistische Chancen hat und es ein Match ist, dass die Schachwelt einschließlich der Fans wirklich sehen will. Wenn das möglich ist, muss man strengere Kriterien einführen, nicht nur finanzielle.

Wollen wir mehr davon sehen? Schaut euch vielleicht Jan Gustafssons Kommentare dazu an!

Wir können es nicht vermeiden, ein wichtiges Thema anzusprechen. Die Technologie entwickelt sich sprunghaft und wenn ein Schachspieler die Hilfe eines Computers in Anspruch nimmt, ist es unmöglich, ihn zu schlagen. Denkst du, dass diese Gefahr wächst?

Dieses Problem gibt es. Betrug weitet sich nach und nach aus - das sieht man an der Anzahl von Fällen, bei denen ein Sportler auf frischer Tat ertappt wurde. Es ist gut, dass das noch nicht bei Topturnieren passiert ist - zumindest wurde niemand je erwischt, aber natürlich werden solche Vorkommnisse immer öfter auftreten. Man muss den Kopf nicht in den Sand stecken - der Betrug alleine wird im Sande verlaufen. Sportdoping ist in allen Sportarten zu einem sehr ernsthaften Problem geworden. Ganze Anti-Doping-Ausschüsse arbeiten daran, aber es entstehen immer noch Skandale. Dabei garantiert Doping in diesem Fall immer noch keinen Sieg: wenn man schwächer ist, verhelfen keine Injektionen oder Pillen zum Sieg. Im Schach ist Hilfe durch Computer eine Erfolgsgarantie in einer Partie gegen jeden Gegner und schließlich stehen Geld und Titel auf dem Spiel.

Wie kann man das bekämpfen?

Es beunruhigt mich wirklich, dass in dieser Hinsicht keine wirkliche Arbeit geleistet wird. Bei manchen Turnieren ergreifen sie kosmetische Maßnahmen, die die Sicherheit gewährleisten sollen, aber ein erfahrener Spezialist kann leicht ein Schlupfloch finden. Ein "professioneller" Betrüger wird nicht aufgehalten werden. Ich habe mir angeschaut, was man in dieser Hinsicht tun kann, und dem Anti-Betrugs-Komitee der FIDE mehr als einmal Vorschläge gemacht. Ich bin bereit, mich dafür zu verbürgen, dass es eine Methode gibt, Betrug ganz auszuschließen, aber dafür muss Geld ausgegeben werden, auch wenn es nicht exzessiv wäre. Aber im Moment will niemand auch nur einen Cent ausgeben, wenn es darauf ankommt. Ich möchte wirklich nicht erleben, dass die Schachwelt in Zukunft von solchen Skandalen erschüttert wird, es wäre also besser, jetzt Maßnahmen zu ergreifen.

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