Allgemein 14.01.2022 | 11:04von Tarjei Svensen

Kramnik über Carlsens neues Ziel, was Firouzja tun muss und die jungen Spitzenspieler!

Vladimir Kramnik spricht über Magnus Carlsen und die Überquerung der 2900er Barriere, was Alireza Firouzja tun muss, seine Erinnerungen an Wijk aan Zee sowie Nodirbek Abdusattorov und den Aufstieg der jungen Generation im ersten Teil eines zweiteiligen Interviews. Wie immer ein Gentleman, war der 46-jährige ehemalige Weltmeister großzügig und gab ein exklusives Interview für chess24-Leser.

Der 14. Weltmeister Vladimir Kramnik während des Interviews mit chess24

Der 14. Weltmeister, der sich im Ruhestand befindet und bei der Blitzweltmeisterschaft 2019 sogar auf dem 3. Platz landete, ließ das Turnier in Warschau aus und verbrachte Weihnachten stattdessen in Genf. Er musste schließlich eine Woche mit Fieber im Bett verbringen, jedoch nicht mit COVID wie der Rest seiner Familie.

Ich bin tatsächlich sehr glücklich, dass ich nicht dorthin gegangen bin, weil glaube ich ein Drittel des Turniers COVID bekommen hat! 

Kramnik sagt, dass er nicht mehr soviel Zeit mit Schach verbringt, denn 50% seiner Zeit kommen Projekten außerhalb Schach zugute. Er versucht indes, Schachturniere zu verfolgen, wenn es ihm die Zeit erlaubt, besonders, wenn er als Kommentator wie zur Julius Baer Challenger Chess Tour im letzten Jahr auftritt.

„Es wäre ein absolut unglaublicher Erfolg“

Vladimir Kramnik während des Ruhetags des Norway Chess 2017 in Stavanger | Foto: Tarjei J. Svensen

Das Tata Steel Chess beginnt am Samstag in Wijk aan Zee, wo Magnus Carlsen seinem 8. Titel nachjagen wird. Der 2865-gewertete 31-jährige verkündete zudem, dass sein Ziel sei, die 2900er Barriere zu durchbrechen.

In der diesjährigen Ausgabe muss der fünffache Weltmeister 9 Punkte in 13 Runden erzielen, nur um keine Wertungspunkte zu verlieren. 10 Punkte würden bedeuten, dass er 11 Wertungspunkte gewinnt.

Wie schätzt Kramnik Carlsens Chancen ein, 2900 zu knacken?

Es ist sehr schwer. Ich würde sagen, dass eine Chance besteht, jedoch nicht, dass diese besonders hoch ist. Vielleicht eine Chance von 10 Prozent. Es wäre selbstverständlich absolut beeindruckend, wenn er es schafft und es wäre ein unglaublicher Erfolg.

Aber rein objektiv betrachtet, einfach weil die Theorie heutzutage soweit fortgeschritten ist, selbst wenn man Jesus Christus ist, kann man keinen Spieler mit Schwarz besiegen, wenn dieser nicht verlieren will! (lacht) Es wird einfach so schwer!

Er fügt hinzu:

Lass uns sagen, er möchte eine Wertungsdifferenz von 100 Punkten zu den anderen Spielern erreichen. Das ist eine Sache: viel, viel besser als die Nummer 2 zu sein. Das ist möglich. Das hat er quasi erreicht. Aber um 2900 zu sein, muss man +5 in jedem Spitzenturnier machen. Es ist einfach sehr schwer, weil sie dich, selbst wenn du perfekt spielst, nicht gewinnen lassen, weil sie Theorie kennen und schlichtweg gut spielen.

Jemand wie Magnus braucht wahrscheinlich Zeile. Er hat diesen Charakter, dass er Ziele benötigt und sich deswegen dieses Ziel gesetzt hat. Ich habe mich nie wirklich für Ziele interessiert oder mir welche gesetzt. Wenn er das Gefühl hat, dass er ein Ziel braucht, dass ihm dabei hilft, besser zu spielen und uns die Freude bereitet, erstklassiges Schach zu sehen, dann ist das gut für alle. Es wird jedoch nur schwer, dies zu erreichen.


„Es ist nicht so, dass Firouzja eindeutig der Typ ist, der Magnus herausfordert“

Magnus Carlsen verkündete, dass er nur dann ein weiteres Weltmeisterschaftsmatch spielen wird, wenn Alireza Firouzja der Herausforderer ist. Die Frage ist, wird sich Firouzja qualifizieren? | Foto: Lennart Ootes/norwaychess.com

Der Spieler, der Carlsen auf der Weltrangliste am nächsten ist, ist Alireza Firouzja, der mit einer Wertung von 2804 61 Punkte hinter ihm Zweitplatzierter ist. Der iranisch-stämmige Franzose beeindruckte insbesondere im letzten Jahr und wird als der zukünftige Weltmeister gehandelt. 

Weil er sich für das Kandidatenturnier qualifiziert hat, was im Juni stattfinden soll, wird Firouzja während des Turniers 19 Jahre alt werden und könnte vor seinem 20. Geburtstag Weltmeister werden. Alles was er dafür tun muss, ist das Turnier vor Fabiano Caruana, Teimour Radjabov, Jan-Krzysztof Duda, Sergey Karjakin, Ian Nepomniachtchi und den zwei Qualifikanten des FIDE Grand Prix zu gewinnen. Und Magnus besiegen.

Kramnik ist vom Teenager beeindruckt, sagt aber:

Er ist selbstverständlich beeindruckend. In seinem Alter 2800 zu sein... er ist der größte Spieler der neuen Generation. Wie immer hat er noch viel zu lernen. Es ist nicht so, als wäre er eindeutig der Typ, der Magnus herausfordert. Er muss sein Spiel noch verbessern. Ich glaube nicht, dass sein Spiel schon tadellos ist.

Kramnik möchte nicht näher ins Detail gehen, in welchen Bereichen sich Firouzja verbessern muss, um dessen Gegnern keine Tipps zu geben.

Es ist klar, dass sein Spiel noch nicht so rund ist. Er hat noch viele Dinge, die er verbessern muss. Aber es ist eindeutig, dass ich beeindruckt bin. Und ich glaube, dass er eines Tages zu einem Weltmeisterschaftskampf antreten wird, um es mal so zu sagen. Wird es aber dieses Mal der Fall sein? Nun, es besteht eine Chance, aber seien wir ehrlich, er ist beim Kandidatenturnier nicht der Favorit, weil er grundsätzlich weniger Erfahrung usw. besitzt. Es besteht jedoch eine Chance und ich vermute, dass er hart arbeiten wird, um zu versuchen, seine Chance zu nutzen. Aber selbst wenn er es nicht tut, ist es kein Drama. Er muss Erfahrungen sammeln und die Erfahrung, dass Kandidatenturnier mitzuspielen, ist wirklich essenziell. Es ist sehr wichtig für ihn, dass er bei diesem Turnier mitspielt. 

Kramnik, der selbst in fünf Weltmeisterschaftskämpfen spielte, hat ein paar Tipps für Firouzja.

Ich denke, dass es für Firouzja das Beste ist, sich nicht zu sehr darauf zu konzentrieren, das Turnier zu gewinnen, weil er Zeit hat, jung ist. Es gibt einige Spieler in diesem Kandidatenturnier, deren Zeit beginnt abzulaufen. Sie haben nicht mehr viel Zeit übrig. Firouzja hat alle Zeit der Welt. Natürlich will man hier und jetzt Leistungen erbringen. Vielleicht wird er dann, in wenigen Jahren, ein ausgeglichenerer Spieler sein und einige Dinge lernen. Dann wird er vielleicht in zwei Jahren ein Spieler sein, der vollkommen bereit ist. Wer weiß? Oder vielleicht in vier Jahren, dann wäre er erst 22-23, das ist nichts. 

Wenn man Weltmeister werden will, gibt es keinen Grund, sich zu beeilen. Es gibt nicht viele Weltmeister, deshalb ist es sogar in Ordnung, wenn man 30 ist!

Er fährt fort:

Er hat ein Traumszenario. Er ist jung, er hat bereits viel erreicht, er spielt das Kandidatenturnier und macht unglaubliche Erfahrungen. An seiner Stelle würde ich mich einfach entspannen und versuchen, gut zu spielen und nicht wirklich daran denken, es zu gewinnen. Natürlich kann man daran denken, aber nicht den gesamten Druck auf sich nehmen, zu versuchen, es zu gewinnen. 

Selbst für Magnus gibt es keine Garantie und warum muss es ausgerechnet Alireza sein? Es gibt einige unglaubliche Spieler, wie Aronian usw. Man hat einfach eine Chance und kann spielen und okay, vielleicht kommt man gegen Ende des Turniers dem Ziel sehr nahe, dann hat man plötzlich Chancen und kann damit beginnen, sich unter Druck zu setzen. 

Aber wenn man gleich zu Beginn damit anfängt, besonders basierend auf den Medien, auf all diesen Leuten, die glauben, dass das Match zwischen Carlsen und Firouzja sein wird, ist es nicht besonders produktiv, insbesondere wenn man jung ist.

Der Weltranglistenzweite wird Wijk aan Zee verpassen, nachdem die Organisatoren seine Forderungen nach einer Entschädigung für die Probleme beim Turnier 2021 zurückwiesen.

„Ich bin überrascht, dass viele von ihnen noch nicht so hoch gewertet sind.“

Firouzja ist nicht der einzige Jungstar, der gegenwärtig beeindruckende Leistungen erbringt. Der 17-jährige Nodirbek Abdusattorov gewann die Schnellschachweltmeisterschaft in Polen auf sensationelle Art und Weise - eine Leistung, für die er von der usbekischen Regierung eine Wohnung geschenkt bekam.

Nodirbek Abdusattorov gewann sensationell die Schnellschachweltmeisterschaft, wo er auch Magnus Carlsen besiegte | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Als er nach Abdusattorov gefragt wird, sagt Kramnik, dass die Top 10 ein großer Erfolg für ihn wären und beginnt, über die aufstrebende Generation junger Spieler zu sprechen.

Es ist eindeutig, dass diese Generation kommt, es ist tatsächlich eine ziemlich starke und sehr talentierte Generation, eine ziemliche Anzahl an extrem talentierten Spielern, die bald in den Top 10 sein werden. 

Ich habe das bemerkt, als ich mit ihnen sprach und Meisterklassen gab. Ich bemerke das Ausmaß des Talents. Es ist eine sehr, sehr starke Generation.

Es ist für mich nicht überraschend, dass sie langsam aber sicher kommen. Wir können auch Praggnanandhaa und Gukesh sowie viele andere hinzuziehen. Sie sind wirklich gut, wirklich Spitzenspieler. Dann muss man erkennen, dass wahrscheinlich nicht alle von ihnen ihr volles Potenzial erreichen werden. Für mich ist jedoch klar, dass all diese Typen Top 10 Spieler sein werden, es ist nur eine Frage der Zeit. Dann wird vielleicht einer von ihnen Weltmeister.

In diesem Sinne ist es nicht überraschend, dass sie sich verbessern, es ist tatsächlich eher andersherum - ich bin überrascht, dass viele von ihnen noch keine sehr hohe Wertung haben. Sie zeigen nicht bessere Ergebnisse und ich denke, dass sie es können.

Was fehlt und warum erzielen sie nicht bessere Ergebnisse? 

Ich weiß es nicht, es ist für jeden anders. Jeder hat sein eigenes Entwicklungstempo und es läuft nie alles glatt. Manchmal, wenn man einen Sprung macht, gleicht man sich gewissermaßen aus. Es scheint so, als würde man sich ein Jahr lang nicht verbessern und dann plötzlich gewisse Erfahrungen und Wissen anhäufen und dann einen großen Sprung machen. Das ist der Grund, warum jeder sein eigenes Tempo besitzt. Letztendlich werden viele Typen dieser Generation früher oder später die alten Löwen wie Caruana oder So und andere Rentner herausfordern. 

Sieht Kramnik in Abdusattorov irgendetwas besonderes?

Natürlich, aber so besonders wie 2-3 andere Spieler. Ich möchte keine Namen nennen, glaube aber, dass es vielleicht fünf Typen gibt, die sehr großes Talent besitzen, darunter Abdusattorov. Wer besser sein wird, kann man nie wissen. Sie werden alle gut spielen.

Ich würde nicht sagen, dass Abdusattorov außergewöhnlich besonders ist. Er ist besonders, aber es ist nicht so, als wäre er der beste oder klar besser als all die anderen. Es gibt einige gute Spieler. Ich wünsche ihm alles Gute und er ist extrem talentiert. Ich hatte einige Sitzungen auf chess24 und ich habe ihm beim Spielen zugeschaut. Er muss an einigen Dingen arbeiten. Ich sagte ihm, dass er noch einiges an ernsthafter Arbeit vor sich hat. 

Aber nochmal, wenn man Talent und Willen besitzt sowie den Wunsch, zu arbeiten, dann sehe ich kein Problem. Das einzige Problem in dieser Situation kann sein, dass man nicht versteht. Zu denken, dass alles in Ordnung ist und dass er fehlerlos ist. Ich gehe aber nicht davon aus, dass er so ist.

Zwei dieser Talente werden in Wijk aan Zee auf die Probe gestellt - Praggnanandhaa und Andrey Esipenko, die Carlsen letztes Jahr schlugen.

„Ich war zu der Partie eine halbe Stunde zu spät, gewann sie aber trotzdem!“

Während das Masters und Challengers wie geplant trotz des Lockdowns stattfinden wird, denkt Kramnik, dass die Abwesenheit der Amateure und Zuschauer einen Einfluss auf die Atmosphäre haben wird.

Ich weiß nicht, wie ich mich bei all diesen Einschränkungen fühlen würde. Im letzten Jahr war es etwas traurig, wie ich gehört habe. Es ist ein wenig schwer, in dieser Atmosphäre ohne Zuschauer zu spielen. Ich schätze professionelle Spieler haben sich mittlerweile daran gewöhnt, ich jedoch noch nicht. Es ist einfach nicht dasselbe, besonders wenn man ein Event für viele Jahre gespielt hat und weiß, wie lebhaft die Atmosphäre ist und dann kommt man zur selben Halle und sie ist leer. Für mich wäre das psychologisch etwas schwer. Es ist so wie Fußball ohne Zuschauer. Es ist ein kompliziertes Gefühl, es ist nicht das Gleiche.

Kramnik hat selbst einige gute Erinnerungen an Wijk aan Zee, wo er 1998 mit Viswanathan Anand den ersten Platz teilte. Er nennt es ein „sehr besonderes Turnier“.

Für mich war es immer ein schlechtes Turnier, es war generell mein schlechtestes Turnier, obwohl ich die Atmosphäre aus einem einfachen Grund mochte. Ich wusste, dass ich jedes mal nicht gut spielen würde, aber ich mochte das Turnier und kam trotzdem. Ich hatte 2018 ein sehr gutes Turnier und machte +4.

Ich erinnere mich an 1998, ich war so jung, gegen Boris Gelfand verschlief ich. Es beginnt zu früh, um 13:30 Uhr. Ich wachte in meinem Bett auf und es war 13:40 Uhr. Ich war zu der Partie eine halbe Stunde zu spät, gewann aber dennoch. Einige gute Erinnerungen, einige lustige. Aber 1998, kannst du dir vorstellen, vor wie vielen Jahren das war?

Der zweite Teil des Interviews mit Vladimir Kramnik wird in den kommenden Tagen veröffentlicht.

Währenddessen könnt ihr das Tata Steel Chess live auf chess24, beginnend am Samstag um 13:30 Uhr, verfolgen. Peter Svidler und Jan Gustafsson werden auf englisch kommentieren: Tata Steel Masters | Tata Steel Challengers

Siehe auch:


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