Interviews 28.06.2017 | 08:38von Colin McGourty

Kramnik über Carlsens Krise & das Rennen zum Kandidatenturnier

Der ehemalige Weltmeister Vladimir Kramnik wurde am Sonntag 42 Jahre alt und feierte diesen Tag als Zweiter der Live-Weltrangliste, nachdem er Weltmeister Magnus Carlsen beim Altibox Norway Chess geschlagen hatte. In einem anschließenden Interview sprach er über die Formkrisen, die Magnus und dessen letzter Herausforderer Sergey Karjakin durchmachen, und über seine eigene Hoffnung darauf, sich für ein weiteres Weltmeisterschaftsmatch zu qualifizieren.

Vladimir Kramnik am Tag des 2017 Altibox Norway Chess Blitzmatches | Foto: Jose Huwaidi

Vladimir Kramnik sprach in einem russischen Interview, das in der Nezavisimaya Gazeta veröffentlicht wurde, mit Marina und Sergei Makarichev. Wir haben es im Folgenden für euch übersetzt:


Marina und Sergei Makarichev: Vladimir, wir wisssen nicht wirklich, ob wir dir gratulieren oder dir unser Beileid aussprechen sollen. Auf der einen Seite ist es keine schlechte Leistung, sich bei einem solchen Turnier den 2.-3. Platz zu teilen, auf der anderen Seite kann man nicht sagen, dass du in Stavanger Glück hattest…

Vladimir Kramnik: Das Ergebnis an sich ist, wie man so sagt, nichts Besonderes, aber gleichzeitig habe ich ein paar interessante Partien gespielt. Ich würde sagen, wenn das Niveau des Turnieres auch nur ein bisschen niedriger gewesen wäre, hätte ich viele von ihnen gewonnen. Schachspieler in den weltweiten Top 10 leisten unglaublich viel Widerstand, d.h. selbst wenn man einen Vorteil erlangt, ist es extrem schwer sie zu schlagen. Ja, So und Nakamura haben lange Folgen einziger Züge gefunden und es geschafft, sehr schwierige Stellungen zu halten. Dagegen habe ich fast nichts, was ich mir vorwerfen könnte - sie haben einfach eine brillante Verteidigung aufgefahren! Solches "Pech" zeugt von dem unglaublich hohen Niveau des Turniers.

Aber es ist dir gelungen, einen Sieg in der Partie gegen Magnus Carlsen zu erreichen!

Da war die Spielweise ganz anders - sehr direkt und Zug um Zug, während meine Gegner in den Partien gegen Nakamura, So und Karjakin sich bedeutende defensive Ressourcen gesichert haben, obwohl ich einen ordentlichen Stellungsvorteil hatte. Im Aufeinandertreffen mit Carlsen hätte eine Ungenauigkeit, ein einziger Fehler die ganze Partie kosten können und ich bin sehr froh, dass ich es geschafft habe, diesen Fehler meines Gegners zu verwerten.

Magnus Carlsen gibt zum ersten Mal seit 2010 in einer klassischen Partie gegen Kramnik auf | Foto: Lennart Ootes

Wenn es nicht diesen Fehler in der Partie in der vorletzten Runde gegen Vachier-Lagrave gegeben hätte, als du eine scharfe Eröffnung mit Schwarz gespielt hattest, um jeden Preis gewinnen wolltest und dir sogar einen gewissen Vorteil erarbeitet hattest… Hattest du gehofft, die letzten beiden Partien zu gewinnen und um den ersten Platz zu kämpfen?

Kramnik had an up-and-down Altibox Norway Chess event but finished in joint 2nd behind Aronian

Ja, aber das hat leider nicht geklappt…

In der Live-Ratingliste stehst du jetzt auf dem zweiten Platz weltweit und der Abstand zwischen dir und Magnus ist verschwindend gering…

Seit dem Turnier ist der Abstand gar nicht mehr groß, aber darauf achte ich nicht. Weltranglistenerster oder -zweiter… Natürlich wäre es schön, irgendwann Erster zu sein. Zweifellos ist es sehr wichtig für die jungen Leute, die noch nie in ihrem Leben an erster Stelle waren, aber ich war bereits Weltmeister und Weltranglistenerster. Es ist eine andere Frage, ob das Rating eine Art objektive Realität widerspiegelt. Wenn man einen Blick auf die Ratingliste wirft, sieht man, dass es jetzt ein paar Leute einschließlich mir gibt, die sich nun in unmittelbarer Nähe zu Magnus befinden. Im Prinzip sieht man, dass jemand Carlsen bald einholen wird, wenn er weiterhin so spielt wie in letzter Zeit. Ich weiß nicht, ob es So, Aronian oder ich selbst sein werde. Es ist klar, dass er jetzt zur Vernunft kommen und die Krise überwinden muss, sonst wird er bis zum Ende des Jahres den ersten Platz der Ratingliste verloren haben.     

Vor einiger Zeit schlug Magnus Carlsen fast all seine Gegner und gewann ein Turnier nach dem anderen, aber nun hat sich das Ganze dramatisch verändert - eine Wende um fast 180 Grad. Entspricht dieser Eindruck der Realität?

Er hat wirklich sehr stark gespielt. Vielleicht waren Carlsens Ergebnisse etwas aufgebläht im Verhältnis zu seiner Spielqualität, aber so ist das immer, wenn man eine Glückssträhne hat. Deine Gegner erhalten den Eindruck, dass du unbesiegbar bist und verspüren vielleicht nicht unbedingt Angst (das wäre zu überspitzt!), aber zumindest Unsicherheit. Wie man so sagt, Geld zieht Geld an und Ergebnisse ziehen Ergebnisse an. Magnus erlebt gerade einen Einbruch, aber ich denke, dass er in Wirklichkeit deutlich besser spielt als es nach außen hin den Anschein hat. Seine Ergebnisse sind zu niedrig für sein Spielniveau. Und dahinter steht auch ein offensichtlicher psychologischer Hintergrund, im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Rivalen zum ersten Mal seit vielen Jahren seine Verwundbarkeit gesehen haben.

Kramnik hätte innerhalb einer Partie Plätze mit Carlsen tauschen können, aber stattdessen hat Magnus seinen Vorsprung fürst Erste bewahrt... | Quelle: 2700chess

Und keine Angst mehr vor ihm haben!

Sie haben angefangen, mutiger und selbstsicherer gegen ihn zu spielen. Es hat sich herausgestellt, dass er auch Schwachpunkte hat. In diesem Turnier wurde er sowohl von Aronian als auch von mir nicht knapp geschlagen. Es war also auf keinen Fall unumgänglich, dass er Karjakin schlagen würde.

In dieser Partie ging Magnus verrückte Risiken ein und hätte leicht verlieren können!

Das stimmt. Seine restlichen Partien endeten auf perfekte logische Art mit Remis. Anders gesagt, man kann nicht behaupten, dass er mehr aus dem Turnier hätte herausholen können. Ich denke, es ist eine temporäre Krise, die Magnus überwinden wird, aber während er vor ein paar Jahren der unangefochtende Vorreiter war, ist es jetzt fraglich, ob er diese Position wieder einnehmen kann. 

Was das Live-Rating angeht, bist du auf den zweiten Platz geklettert und liegst nur zehn Punkte hinter Carlsen. Bedeutet das, dass du dich auf der Grundlage der Ratings für das Kandidatenturnier qualifizierst? Das Thema ist immer recht unklar…

Zur Zeit kämpfen drei Leute um die beiden Ratingplätze im Kandidatenturnier – ich, So und Caruana. Dieser ungewöhnliche Wettbewerb berücksichtigt die 11 letzten Ratinglisten jedes Monats, von Januar bis Dezember 2017. Wir liegen jetzt alle sehr nahe beieinander, es ist also schwer zu sagen, wie das Ganze am Ende des Jahres aussehen wird. Es kommt alles auf unsere Spielweise in den restlichen Monaten an und natürlich auf unsere Leistung beim Weltpokal.

Ihr nehmt alle drei am Weltpokal teil?

Ja, und wir treten nicht nur gegeneinander an, sondern wir werden uns auch widerwillig gegenseitig helfen. Schließlich qualifizieren sich die beiden Finalisten als Weltpokalsieger für das Kandidatenturnier, wenn also einer von uns ins Finale kommt, macht das den Weg zum Kandidatenturnier für die anderen beiden frei. Genau genommen ist es nicht einmal nötig für mich, ins Finale zu kommen…

Aber es ist trotzdem besser hineinzukommen.

Es ist natürlich besser, hineinzukommen und sogar den Pokal zu gewinnen… Ich werde es wirklich sehr versuchen, aber ich sage nochmal, dass es mir auch einen Platz im Kandidatenturnier garantieren würde, wenn Caruana oder So ins Finale kommen.

Du bist einer der wenigen Spieler, die ordentliche Ergebnisse in den Partien gegen Magnus Carlsen vorweisen können. Wie schätzt du deine Chancen ein, wenn ein solches Match stattfinden würde?

Es wäre sehr interessant, gegen Magnus anzutreten, sei es auch nur weil das Match den Kreis meiner Karriere schließen würde. Schließlich habe ich Weltmeisterschaftsmatches gegen Kasparov gespielt, der deutlich älter war als ich, gegen Vertreter meiner eigenen Generation, und gegen Spieler, die etwas jünger waren als ich. Carlsen ist bereits die nächste Generation. Und obwohl er eine Art Krise durchmacht, ist es trotzdem offensichtlich, dass er ein einzigartiger Schachspieler ist, der beste Schachspieler der neuen Generation. Und aus diesem Blickwinkel heraus wäre es extrem interessant, meine Stärke in einem Zusammenprall mit dieser neuen Generation zu testen, mit ihrem allerbesten Vertreter. Ich denke, dass ich aufgrund meiner Erfahrung eine Chance hätte, obwohl ich sehr hart arbeiten müsste. Es ist klar, dass er ein starker Gegner ist, aber… zunächst muss man sich für so ein Match qualifizieren und das ist eben nicht einfacher, als im Match selbst Erfolg zu haben.

Aronian & Kramnik träumen beide davon, den aktuellen Weltmeister abzusetzen | Foto: Jose Huwaidi

Ist es schwerer, sich für das Match zu qualifizieren, als es zu spielen?

Es ist in jedem Falle vergleichbar. Die Konkurrenz ist jetzt extrem stark. Das Kandidatenturnier wird ein unglaublich starkes Turnier und wenn Carlsen selbst darin spielen würde, gäbe es absolut keine Garantie, dass er siegen würde. So, Caruana, Aronian und Nakamura sind nun extrem stark. Mamedyarov hat sich ebenfalls stark verbessert. Das ist eine ganze Reihe an wunderbaren Spielern, deren Ratings nicht viel Abstand zu einander und zu Magnus haben. Jeder von ihnen träumt von einem Match gegen Carlsen, also wäre es seltsam, vor so einem Turnier, das ich (falls ich hineinkomme!) noch gewinnen muss, im Vorhinein über ein Match um die Schachkrone zu sprechen. Ich hoffe, dass ich gute Chancen habe, mich für ein Match gegen ihn zu qualifizieren und ich werde mich stark darauf konzentrieren…

Sergey Karjakin nahm mit Abstand den letzten Platz in diesem Turnier ein. Wie erklärst du dir dieses Ergebnis und wie schwer ist es, aus dieser Talfahrt herauszukommen?

Bereits vor dem Start des Turniers habe ich mir gesagt, dass jeder Letzter, aber auch Erster werden kann. Eine sehr ausgewogene Aufstellung! Und wenn Karjakin nicht eine wunderbare Stellung gegen Carlsen verloren hätte (und Sergey hätte auch gewinnen können!), hätte der Weltmeister mit Abstand den letzten Platz belegt. Und das hätte wirklich niemand erwartet! Wenn man sich in einem solchen Turnier entspannt, kann man schnell auf den letzten Rang fallen. Jeder war dieser Gefahr ausgesetzt. Sergey Karjakin hat in letzter Zeit viel Arbeit und Energie darauf verwendet, Schach beliebter zu machen, und sich mit vielen Dingen beschäftigt, die nichts mit Schach zu tun haben. Ich habe den Eindruck, dass das der Grund ist, warum es ihm an Energie fehlt und er am Ende von Turnieren müde wird. Ich denke, dass er sich bis zur Zielgeraden gut gehalten hat, aber dann zusammengebrochen ist. Mein Eindruck ist, dass er sich etwas ausruhen und wieder ganz auf Schach konzentrieren muss. Die weltweite Konkurrenz  ist jetzt so stark, dass es sofort sehr schwer wird, wenn man kurz aus dem Training und Spielrhythmus aussteigt. Ich denke, dass er eine Pause von öffentlichen Aktivitäten braucht, sich einschließen, ausruhen und harte Arbeit leisten muss. Dann wird das schon wieder.

Man sagt, dass man kein Meister wird, sondern als Meister geboren wird. Gibt es junge Schachspieler in Russland, die in Zukunft um die Schachkrone kämpfen könnten?

Es ist unmöglich vorherzusagen, wer ein Meister werden kann. Um einer der führenden Spieler, ganz zu schweigen von einem Weltmeister, zu werden, reicht ein großartiges Schachtalent nicht aus. Dafür braucht man abgesehen von immensem Talent auch Glück. Schließlich gab es bis jetzt nur 16 Weltmeister in der ganzen Schachgeschichte! Ich würde jetzt keine jungen Spieler nennen wollen, da es ihnen nur im Wege stehen würde, aber ich arbeite eng mit der Sirius Schachschule in Sotschi zusammen, um junge Kinder zu trainieren. Ich habe vor, diesen Sommer zu Trainingslagern zu fahren, um da ein paar Vorträge zu halten. In Sirius herrschen wunderbare Bedingungen und wir - der Trainerstab und ich - werden unser Möglichstes tun, damit die jungen Leute ihr Talent verwirklichen können.


Vladimir ist nicht der einzige Topspieler, der am 25. Juni Geburtstag hatte. Alles Gute zum Geburtstag, Jan!

"Alles Gute zum Geburtstag, mein Lieblings-Schachkomiker!"

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