Interviews 07.10.2019 | 13:29von Colin McGourty

Kramnik: “Ich habe mich nie für ein Genie gehalten"

Obwohl Vladimir Kramnik im Januar seinen Rückzug vom Turnierschach bekannt gab, hat er im Sommer bei der Levitov Chess Week in Amsterdam ein Schnellschachturnier mit Vishy Anand, Peter Svidler und Anish Giri bestritten. Auch Boris Gelfand war dort dabei, und dessen Frau Maya führte während des Events ein ungewöhnliches Interview mit Kramnik. Darin spricht der Russe über seinen Platz in der Schachgeschichte, die Bedeutung des Weltmeistertitels und über seine Furcht vor einem Krieg oder einer ähnlichen Katastrophe.

Der 14. Schachweltmeister Vladimir Kramnik | Foto: Jose Huwaidi

Maya Gelfand, die Autorin des Kochbuchs, “Wie man einen Champion ernährt”, interviewte Vladimir Kramnik während eines gemeinsamen Abendessens  mit ihrem Gatten Boris im Waldorf Astoria in Amsterdam im August , der sich bisweilen in das Interview einmischte. Das Interview wurde auf Russisch auf Channel 9 veröffentlicht, und wir haben große Teile für euch davon übersetzt:


Maya: Vladimir, wie fühlt sich der Ruhestand an?

Vladimir: Ich bin nicht im Ruhestand, sondern habe nur meine Tätigkeiten verlagert. Früher war ich sicher, dass ich bis 80 am Schachbrett sitzen würde, aber dann hat sich diese Entscheidung praktisch von selbst so entwickelt. Bisher habe ich sie keineswegs bereut. Ich habe Schach aus meinem Leben gestrichen – und damit gehört es der Vergangenheit an.

Aber wie kannst du die fast 40 Jahre vergessen, die du mit Schach verbracht hast?

Es gibt keinen Grund, diese Zeit zu vergessen, aber das Leben geht weiter. Ich habe die Möglichkeit, etwas Neues zu beginnen, und die möchte ich nicht versäumen.

Wurde dir Schach langweilig?

Nein, das würde ich nicht sagen, obwohl ich natürlich ein wenig das Interesse und die Motivation verloren hatte. Ich habe meine Augen geschlossen und bin in etwas völlig Neues eingetaucht. Ich bin noch jung genug, um einen neuen Beruf zu erlernen. Ich weiß aber nicht, ob es klappt oder nicht.

Vladimir Kramnik bei einer Schifffahrt während der Levitov Chess Week | Foto: Jan Gustafsson

Du willst aber noch einmal ganz von vorn beginnen?

Ich will es versuchen.

Und in welchem Bereich?

Im Moment schaue ich mich noch um. Es gibt einige Projekte, die mich interessieren, die mit Künstlicher Intelligenz und neuen Technologien zu tun haben.

Die Ungewissheit macht dir keine Angst?

Nein. Natürlich ist das eine schwierige Phase. Ich muss praktisch bei null beginnen, aber das ist auch der Reiz daran.

Aber du kannst dir solche Abenteuer erlauben?

Ja, natürlich. Zum Glück habe ich die Wahl und muss nicht von acht bis achtzehn Uhr arbeiten gehen, um meine Familie zu ernähren. Ich kann tun, was ich will. Im Grunde suchen wir bei jeder Betätigung Emotionen – positive natürlich – und wenn sie nicht mehr da sind, wird es langweilig.

Der Antrieb ist also weg?

Ja, und wenn das so ist, stellt sich die Frage: Warum weitermachen?

Aber wo kannst du so viel Adrenalin ausschütten wie beim Schach?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Einige gehen in die Politik, andere in die Wirtschaft. Aktuell suche ich etwas, das mir so viele Emotionen bringt wie Schach.

Maya wechselt das Thema und kommt zu Vladimir Kramniks größter Leistung – dem Sieg gegen Garry Kasparov:

Du hast ja durchaus etwas erreicht... 

...Ich denke nicht, dass ich so viel erreicht habe wie Kasparov. Seine Ergebnisse und seine Spielstärke waren besser, aber selbst ein großer Champion fängt früher oder später an zu verlieren.

Du denkst also, dass der Weltmeistertitel eine Frage des Schicksals ist?

Zum Teil. Es gibt viele Leute, die ihn verdient hätten.

Vladimir Kramnik und Boris Gelfand während der Levitov Chess Week | Fotos: Jan Gustafsson

Und einer davon sitzt hier.

Boris: Ich war tatsächlich in der Situation, in der es eine Frage des Schicksals war. Reines Roulette. (Boris Gelfands WM-Kampf gegen Vishy Anand wurde 2012 im Stichkampf entschieden. Vishy gewann dabei ein Remisendspiel, während Boris in einem gewonnenen Endspiel nur Remis erreichte.)

Kramnik

In der Schachgeschichte gab es nur recht wenige Spieler, bei denen es klar war, dass sie Weltmeister werden würden: Fischer, Kasparov, Carlsen. Ich zähle eher nicht dazu. Ich finde, dass ich durchaus auch nicht Weltmeister hätte werden können.

Du hattest also Glück?

Nicht nur. Ich kann nicht sagen, dass das Schicksal mich dazu bestimmt hat. Ehrlich gesagt, habe ich nicht einmal davon geträumt. 

Wäre ich nicht Weltmeister geworden, wäre ich kein unglücklicher Mensch geworden. Ich habe den Titel als Bonus betrachtet - nicht als Anerkennung meiner Leistungen, sondern als Bonus. 

Am wichtigsten war mir immer der Wettkampf mit mir selbst. 

Es gibt die weit verbreitete Ansicht, dass Kasparov dir an die Spitze verhalf, du aber sein großer Helfer warst.

Ich kann wohl ohne falsche Bescheidenheit sagen, dass ich ohne ihn nicht komplett chancenlos gewesen wäre. Mit ihm ging alles ein wenig schneller.

Was meinst du – hat er in dir einen potentiellen Rivalen gesehen?

Das hat er so gesagt. Ich konnte mir das natürlich nicht vorstellen, aber am Ende hatte er Recht.

Gewinnen ist angenehm, aber wie gehst du mit Niederlagen um?

Unterschiedlich, obwohl ich einen ziemlich konstanten Umgang damit hatte. 

Um es mit einem Begriff aus dem Boxen zu sagen, ich habe kein “Glaskinn”. Anders geht es auch gar nicht – wenn man keinen Windhauch verträgt, kann man kein erfolgreicher Sportler werden.   

Welche andere Qualitäten spielten in deiner Karriere eine Rolle?

Zunächst hatte ich keine Angst vor meinen Gegnern – jede Partie gegen einen starken Spieler ist letztlich ein Geschenk. Angesehen davon, braucht man gute Nerven und vor allem ein ausgeglichenes Ego. Ich konnte mich immer gut einschätzen, und das ist aus meiner Sicht ein riesiges Plus, wenn man sich seine Schwächen eingestehen kann und es zumindest versucht, diese zu beheben oder zu verbergen.

Ich habe mich nie für ein Genie gehalten, aber auch nie unterschätzt.

Nachdem du Weltmeister wurdest, konnten dir die Schachfans zwei Dinge nie verzeihen: dass du ein Match bestritten hast, ohne dich zu qualifizieren, und dass du dich einem Revanchematch verweigert hast.

Boris: Darf ich das übernehmen?

Gern.

Boris: Wie Guberman gesagt hat: “Juden gibt man für alles die Schuld. | Für ihre Aufgewecktheit. Für ihre Intelligenz. Dafür, dass sie die Schultern hängen lassen. | Dafür, dass sie auf Lenin geschossen haben. | Und dafür, dass sie nicht getroffen haben.” (Igor Guberman ist ein jüdisch-russischer Schriftsteller, und auf Lenin verübte 1918 Fanny Kaplan ein Attentat)  

Vladimir: Meine Antwort lautet so: Für mich war immer das entscheidende Kriterium, dass ich mich in meiner Haut wohlgefühlt habe. Was die anderen gesagt haben, hat mich nicht groß interessiert. Es war nicht mein Fehler, dass ich ein Match ohne vorherige Qualifikation bestritten habe. Die Umstände waren so, und ich habe die Gelegenheit genutzt.

Und eine Revanche abgelehnt?

Der Grund war, dass wir einen Vertrag unterschrieben hatten, in dem klar geregelt war, dass der Verlierer am Kandidatenturnier teilnimmt. Kasparov hat ihn nicht nur unterschrieben, sondern selbst entworfen.

Er war sich also sicher, dass das für ihn nicht gelten würde?

Ich weiß nicht, ob er sich irgendeiner Sache sicher war, aber nach seiner Niederlage prasselte eine Welle von Vorwürfen auf mich ein, als ich mich an den Vertrag hielt. Das war total absurd, aber so funktionieren die Medien nun mal.

Die ganze Kampagne gegen dich war also PR?

Natürlich. Liebe und Hass kann man leicht kaufen.

Garry Kasparov beim Chess9LX in St. Louis vor einigen Monaten | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Apropos Politik: Du hast eine französische Frau und deine Kinder leben in Frankreich, aber seit einigen Jahren lebst du nicht mehr in Frankreich, sondern in der Schweiz. Warum?

Ich kann dafür keinen konkreten Grund nennen. Es hing mehr damit zusammen, dass die generelle Situation nicht mehr so attraktiv war. Die Zukunft in Frankreich war nicht sehr vielversprechend. Dort wird es aus meiner Sicht immer schlechter. Ich sehe auch keine Möglichkeit, dass es dort in nächster Zeit besser wird.

Das ist dein Eindruck?

Es ist die Analyse der Fakten, die Analyse eines generellen Bildes. Ich bin zu diesem Schluss gekommen. Vielleicht ist er falsch, aber am Ende des Tages ist jede Schlussfolgerung subjektiv.

Dieses Gefühl hast du in der Schweiz nicht?

Nein. In der Schweiz sind sowohl die Gesellschaft als auch die politischen Strukturen gesünder, obwohl in diesen Zeiten nicht einmal die Stabilität der Schweiz sicher ist.

Wie siehst du die Lage der Welt?

Nicht sehr gut. Mir scheint, dass es ohne Frage schlechter geworden ist. Aus meiner Sicht entwickelt sich die Welt in die falsche Richtung. Irgendwann wird das meiner Meinung nach zu großen Spannungen führen.

Du meinst, es könnte eine Explosion geben?

Ja, absolut.

Ich finde, dass die Wahrscheinlichkeit eines großes Krieges oder einer großen sozialen Katastrophe in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren deutlich zugenommen hat. Mir scheint, wir steuern auf einen Punkt zu, an dem es kein Zurück mehr gibt, und nach dem etwas sehr Schlimmes passieren wird. Das wird sehr schmerzhaft sein und sich auf jeden und alle Bereiche des Lebens auswirken. Danach wird aus den Ruinen aber wieder etwas Neues entstehen. 

Generell hat sich die Politik so stark zu einem Showbusiness entwickelt, dass man sie schlicht nicht mehr ernst nehmen kann. Ich habe das Gefühl, dass die Handlungen unserer Politiker überhaupt keinen Inhalt mehr haben. Was sie abliefern, hat keinerlei Substanz, daher bleibt uns nur, über Twitternachrichten, Äußerlichkeiten und Blödsinn zu diskutieren. Showbusiness eben.

Du hast das Gefühl, dass alles außer Kontrolle gerät?

Mir scheint, dass die Mehrzahl der Politiker nicht versteht, was heute in der Welt passiert – wie Menschen leben, wie sich die Technik weiterentwickelt, worauf wir zusteuern. Sie können nicht mit den Veränderungen Schritt halten. Diese Leute sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. Angesichts des Tempos, mit dem auf der einen Seite Veränderungen stattfinden, und der Langsamkeit der Gesellschaft andererseits wird es zwangsläufig zu einer Katastrophe kommen. Heutzutage gibt es keine langfristigen Strategien mehr. Alle denken nur kurzfristig: wie gewinnt man die Wahl, wie übersteht man die nächste Wahl, und was ist mit der übernächsten Wahl. Keiner hat eine nachhaltige Strategie. Und das macht mir wirklich Sorgen.  

Du hast eben ein sehr apokalyptisches Bild gezeichnet! Du bist nicht zufällig Jude?

Viele Menschen machen sich deswegen Sorgen. Ich hätte nichts dagegen, Jude zu sein, aber mein Vater ist Russe und meine Mutter Ukrainerin, und das nicht nur auf dem Pass, sondern tatsächlich.


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