Berichte 16.09.2019 | 12:48von Colin McGourty

Khanty World Cup, R2 Stichkämpfe: Giri muss ins Armageddon

Anish Giri trifft in der 3.Runde des FIDE World Cups 2019 auf Jeffery Xiong, doch zuvor musste er gegen Evgeniy Najer bange Momente überstehen und erreichte erst im Armageddon die nächste Runde. Ansonsten kamen die Favoriten recht sicher weiter und qualifizierten sich in 13 von 15 Duellen bereits beim Schnellschach für Runde 3. Unglücklich ausgeschieden ist der 15-jährige Nihal Sarin, dessen Niederlage gegen Eltaj Safarli eine kleine Überraschung war. Die größte Sensation gelang dem Russen Daniil Yuffa, der in einem unglaublichen Match Luke McShane besiegte.

Im längsten Match zwischen Anish Giri und Evgeniy ging es bis zum Armageddon | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des FIDE World Cup 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der Live-Übertragung:

Tag der Favoriten

Turnierfavorit Ding Liren trifft nun auf Alireza Firouzja | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

In der zweiten Stichkampfrunde dieses World Cups behielt am Ende meist die größere Elo-Zahl bzw. Erfahrung die Oberhand. Auch die Nummer 1 des Turniers Ding Liren kam weiter, nachdem Sergei Movsesian in der ersten Schnellpartie eine inkorrekte Kombination vom Stapel ließ:


Weiß muss seine Dame gegeben, um nicht mattgesetzt zu werden – hat er also etwas übersehen? Nein! Nach 30.Dxe2! Dxe2 31.c6! gab Movsesian auf, ohne sich noch anzuschauen, wie der weiße Springer sich übers Brett schlängelt, um die Umwandlung des c-Bauern zu unterstützen. Die zweite Partie dauerte zwar 78 Züge, aber Movsesian konnte die Partie nicht gewinnen. Ding trifft nun auf den 16-jährigen Iraner Alireza Firouzja.

Zwei Überraschungsmänner der ersten Runde mussten leider gestern das Aus hinnehmen. Naiditsch-Bezwinger Niclas Huschenbeth wurde überzeugend von Nikita Vitiugov geschlagen, während Kirill Alekseenko ebenfalls sicher gegen den Bezwinger von Radek Wojtaszek, den Norweger Johan-Sebastian Christiansen, die Oberhand behielt.

Ausgeschieden ist auch der 15-jährige Inder Nihal Sarin, der in Khanty-Mansiysk einige tolle Partien gespielt hat. Sein Einsteller in der zweiten Turnierpartie, in der er nur noch ein Remis brauchte, kam ihn aber teuer zu stehen. Eltaj Safarli, der schon einmal eine Elo von fast 2700 hatte und in der Nationalmannschaft von Aserbaidschan viele Drucksituationen erlebte, übernahm mit einer starken Leistung in der ersten Schnellpartie die Führung.

Eltaj Safarli war sowohl für Sam Shankland als auch Nihal Sarin Endstation |  Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

In der zweiten Partie musste der Nachwuchsstar unbedingt gewinnen, stellte aber nach Safarlis 15…Nxc4 die Partie ein:


Nach dem Wiederschlagen auf c4 hat Weiß einen kleinen Vorteil, aber stattdessen probierte es Sarin mit dem Zwischenzug 16.dxc6?. Nach 16…Dh4! bleibt der Springer aber auf dem Brett, denn nach 17.g3 folgt 17…Dh5! Nach 17.cxb7 Tab8 ließ sich Sarin lieber auf die Zugwiederholung ein, als mit einer Minusfigur auf Gewinn zu spielen. Ein trauriges Ende einer tollen Vorstellung beim World Cup:

“Tolle Leistung von Nihal Sarin. Ohne den Einsteller in der zweiten Partie würdest du nun in der nächsten Runde stehen. Deine Turnierpartien mit den weißen Steinen waren eine Augenweide.“

Safarli trifft in Runde 3 auf seinen Landsmann Shakhriyar Mamedyarov.

Nichts lief für Adhiban nach Plan | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Nihal Sarin war aber nicht der einzige Pechvogel. Sein indischer Landsmann Adhiban patzte ebenfalls mit 25.T1c2?:


Gegen einen so starken Spieler wie Yu Yangyi kann man sich keinen Bauernverlust leisten, doch genau das war nach 25…Dxd4! geschehen, da Schwarz die weiße Grundreihenschwäche ausnutzen konnte (26.exd4 scheitert natürlich an 26…Te1#).

Andrey Esipenko steht die beste Zeit beim Weltcup noch bevor, doch dieses Mal musste er sich einem Stärkeren beugen | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Mit dem 17-jährigen Andrey Esipenko schied ein weiterer Youngster aus. In der ersten Partie verrechnete er sich und verlor eine Figur gegen seinen Landsmann Peter Svidler. In der zweiten Partie kam es sogar noch schlimmer: Auch wenn es nicht danach aussah, dass Esipenko den dringend benötigten Sieg erringen könnte, war es auch nicht nötig, so schnell unterzugehen!

Nach 39.Dd8+! war die Partie wegen Matts im nächsten Zug vorbei. In der ersten Runde hatte Svidler mit dem 18-jährigen Kubaner GM Carlos Daniel Albornoz Cabrera ebenfalls einen Youngster ausgeschaltet:

In Runde 3 trifft er nun auf einen Spieler, der auch jünger als er ist, aber im Fall des letzten deutschen Teilnehmers Liviu-Dieter Nisipeanu handelt es sich nur um wenige Monate!

Jeffery Xiong setzte sich im Duell der 18-Jährigen durch | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Ein anderer Youngster feierte dagegen einen überzeugenden Sieg. Jeffery Xiong gewann scheinbar mühelos 2:0 gegen den gleichaltrigen Iraner Tabatabaei, während andere Doppelsiege deutlich mühsamer zustande kamen. Leinier Dominguez gewann zweimal gegen Nijat Abasov, stand in der ersten Partie aber komplett auf Verlust:


Nach 27…Se2+! und 28…Sd4 wären alle weißen Drohungen pariert und Schwarz hätte eine gesunde Mehrfigur, doch stattdessen endete die Partie abrupt mit 27…Sh5? 28.hxg4 Dxg4 29.Se6 Tf6 (29…Dd1+! war die letzte Remischance) 30.De5! und Abasov gab auf.

Auch Alexander Grischuk erreichte Runde 3 | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Ähnlich lief es bei Alexander Grischuk, der gegen Benjamin Bok in der ersten Schnellpartie einen wilden Opferangriff startete und nach dem Remisschluss einräumte, dass er auf Verlust gestanden hatte. In der zweiten Partie kam es zu der seltenen Situation, dass Grischuk deutlich mehr Zeit auf der Uhr hatte, und am Ende brachte er den vollen Punkt mit einigen geometrischen Manövern nach Hause: 


Die ungewöhnliche Konstellation endete mit den Zügen 35.Txa2 Txa2 36.De1 Ta1! und Weiß gab auf. 37.Tc1 funktioniert wegen 37…Dxe1+ und Matt im nächsten Zug nicht.

Grischuk war wieder einmal in Topform, als er nach der Partie erklärte, warum er seinen nächsten Gegner nicht vorher wissen möchte (verratet ihm nicht, dass es Xu Xiangyu ist!):

Wenn man sich beim Schach vorbereitet, sollte man das grundsätzlich tun. Nehmen wir an, man will 1.e4 spielen, dann sollte man auf Russisch, Spanisch, Sizilianisch, Französisch, Skandinavisch, Aljechin, Pirc usw. usf. vorbereitet sein, und wenn man d4 spielt, gilt das Gleiche mit anderen Eröffnungen. Man sollte also auf alles vorbereitet sein, und wenn das nicht der Fall ist, kann man im letzten Moment auch nicht mehr viel retten. Oder wie wir in Russland sagen: Je weniger man weiß, desto besser schläft man!

Bei den anderen 25-Minuten-Partien feierten Dmitry Jakovenko gegen Gawain Jones (2:0) und Teimour Radjabov gegen Sanan Sjugirov (1,5:0,5) überzeugende Siege, während Wei Yis Duell gegen David Anton bis zum verdienten 1,5-zu-0,5-Sieg des Chinesen ein erbittertes Gefecht war. 

Dmitry Jakovenko eliminierte Gawain Jones | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Auch bei Matlakov-Gelfand fiel in der ersten Schnellpartie die Entscheidung. Wie Maxim Matlakov nach der Partie mitteilte, hatte er Glück, dass in der Eröffnung eine Stellung aufs Brett kam, deren ausführliche Analyse er sich noch am Morgen angesehen hatte. Bei korrektem Spiel wäre die Partie remis ausgegangen, aber in einer Schnellpartie war dies für Boris Gelfand schwer zu finden. 

Boris Gelfand musste sich gegen Matlakov verabschieden | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Matlakovs nächster Gegner ist in einer Neuauflage des Weltcups 2017 in Tiflis Levon Aronian. Damals gewann der Armenier, allerdings erst nach einigen herausragenden Partien auf beiden Seiten.

Giri und Yuffa haben den längeren Atem

Yuffa-McShane war ein irres Duell | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Nach den 25-Minuten-Partien sah es so aus, als wäre auch dieser Tag recht schnell beendet, doch am Ende kam alles ganz anders. Yuffa-McShane war zwar nicht das Match mit den meisten Partien, aber mit 630 Zügen sicherlich eines der längsten Duelle in der Geschichte des Weltcups!


Alles angefangen hatte mit einer 132-zügigen Seeschlange in der ersten Turnierpartie, in der Yuffa mit zwei Läufern gegen Springer nicht gewinnen konnte, und nach einer recht kurzen zweiten Turnierpartie wurden auch sämtliche Schnellpartien erst im Endspiel entschieden. Yuffa siegte nach 90 Zügen mit Schwarz, doch McShane glich in der nächste Partie nach 97 Zügen aus. In der ersten 10-Minuten-Partie kam wieder ein verrücktes Endspiel aufs Brett, das Yuffa nach 82 Zügen gewinnen konnte:

Luke McShane gab sich aber nicht geschlagen, sondern erzwang mit einer schönen Positionspartie die Blitz-Entscheidung. In der ersten Blitzpartie durfte man einen ungewöhnlichen “Dameneinsteller” bewundern:


Es “droht” Le7 mit Damenfang, aber in Wirklichkeit funktioniert das nicht wegen Lxg6! Nach McShanes 47.Kf1? war aber alles anders, denn nach 47…Le7! 48.Lxg6 konnte sich die schwarze Dame mit Schach retten: 48…Dh3+ und Weiß gab auf.

K.O.-Turniere können hart sein! | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

In der letzten Partie hatte Luke McShane während der 89 Züge so gut wie keine Gewinnchancen, aber einmal konnte er auf der Stelle den Punkt einfahren!


81…La7! nimmt dem Springer die Felder, und der schwarze König kann diesen einfach abholen. McShane hatte den Plan bei 81…Kf7? sicher gesehen, aber nach 82.Sb8! konnte der Springer entkommen.  

Damit hat die Nummer 106 der Setzliste mit einer Elo von 2577 nach David Navara auch Luke McShane eliminiert, wobei der 22-jähriges letzteres als „Match seines Lebens“ bezeichnete. Nach Abschluss seines Studiums möchte er sich nun voll auf Schach konzentrieren: 

Damit kommen wir zu Giri-Najer, wo es das erste Armageddon bei diesem World Cup gab:


Beim Blick auf die ersten sechs Remis bei diesem Duell kommen einem allerlei Späße in den Sinn, aber obwohl zum Teil durchaus Vorsicht regierte (Giri weiß natürlich, dass  Evgeniy Najer ein extrem gefährlicher Taktiker ist), kann man nicht von einem ruhigen Spaziergang reden! Hier eine Stellung aus der ersten 10-Minuten-Partie:

23…g5+! war stark, aber nicht so offensichtlich, denn es sieht eher so aus, als wäre die Idee mit dem Springer nach e3 zu kommen und den Läufer g2 abzutauschen, als ein Mattnetz zu spinnen. Nach 23…c5 endete die Partie aber bald mit Zugwiederholung.

Allein auf weiter Flur | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Beim Blitzen führte Najers ungewöhnliche Eröffnung (1.e4 e5 2.Sc3 mit einer neuen Stellung nach 6 Zügen) dazu, dass er mit 25.b4? einen Schritt zu weit ging: 


25…Sxb4!! führte unter Damenopfer zum Matt, und nach 26.Dxd7 (andere Züge verlieren sofort) 26…Sxd3+ 27.Ka2 Tb2+ 28.Ka1 Txc2+ 29.Kb1 Tb2+ 30.Ka1 Td2+ 31.Kb1 Tb8+ gab Najer auf, anstatt auf der b-Linie Figuren dazwischen zu stellen:

Giri brauchte danach als Weißer nur ein Remis zum Weiterkommen, doch Najer schaffte es in 104 Zügen ein Doppelturmendspiel mit zunächst zwei und dann einem Mehrbauern zum Sieg zu führen.

Beim Armageddon hätte Giri als Schwarzer erneut ein Remis gereicht, doch nachdem er schnell den weißen Zeitvorteil aufgeholt hatte, ging er hier All-In:


28…Sxh2! 29.Kxh2 Dh6+ 30.Kg1 Dh1+ 31.Kf2 Dg2+ 32.Ke1 Dxg3+ 33.Bf2 Dxa3 und obwohl die weiße Stellung hier objektiv noch in Ordnung ist, brach Najer unter dem Druck zusammen:

Ohne Pause geht es für Giri weiter, der heute auf Jeffery Xiong trifft. Weitere spannende Duelle in Runde 3 sind Firouzja-Ding Liren, So-Vidit, Yu Yangyi-Wei Yi, Duda-Andreikin, Nisipeanu-Svidler, Aronian-Matlakov oder Artemiev-Le Quang Liem. Wie üblich wird Jan Gustafsson live auf Englisch kommentieren, dieses Mal mit Laurent Fressinet an seiner Seite!

Ab 12 Uhr könnt ihr live auf chess24 dabei sein.

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