Berichte 18.09.2019 | 11:35von Colin McGourty

Khanty World Cup 3.2: Kein Weg zurück

Keiner der sieben Spieler, die gestern unbedingt gewinnen mussten, schaffte den Ausgleich. Damit sind Sergey Karjakin (gegen Nikita Vitiugov), Harikrishna (gegen Kirill Alekseenko), Vidit (gegen Wesley So), Dmitry Andreikin (gegen Jan-Krzysztof Duda), Eltaj Safarli (gegen Shakhriyar Mamedyarov), Daniil Yuffa (gegen Teimour Radjabov) und Xu Xiangyu (gegen Alexander Grischuk) beim FIDE World Cup 2019 augeschieden. Ebenfalls raus ist Maxim Matlakov, der mit Weiß gegen Levon Aronian verlor. Die restlichen acht Duelle werden am Mittwoch im Stichkampf entschieden.

Levon Aronian war der einzige Spieler, der nach einem Remis in der ersten Partie gewinnen konnte | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des FIDE World Cup 2019 in Khanty-Mansiysk könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der gestrigen Live-Übertragung mit Jan Gustafsson und Laurent Fressinet:

Keine heldenhaften Comebacks

Die zweiten Partien der 3. Runde in Khanty-Mansiysk zeigten eindrucksvoll, warum es in einem K-O.-Turnier so wichtig ist, nicht in Rückstand zu geraten. Keiner der sieben Spieler, die am Montag verloren hatten, konnte den Ausgleich und damit einen Stichkampf erzwingen. Tatsächlich kam keiner von ihnen auch nur in die Nähe dessen. Schauen wir uns die Matches der Ausgeschiedenen in der Reihenfolge der Setzliste an und beginnen mit der Nummer 13 und dem Weltcup-Sieger von 2015, Sergey Karjakin.

Aus dem Trio Karjakin, Giri und Radjabov verabschiedete sich der ehemalige WM-Herausforderer aus Khanty-Mansiysk | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Eine extrem zweischneidige Stellung im Italiener war sicher nicht die schlechteste Option für Karjakin in dieser Partie, die er unbedingt gewinnen musste, und sein riskanter Bauernraub hätte ihm langfristig sicher Gewinnchancen gegeben … doch das Problem war, dass es kein langfristig gab. Nikita Vitiugov machte nicht den Fehler, Komplikationen zu scheuen, und erledigte seine Aufgabe souverän: 


22…Lxf2+! 23.Kxf2 Dg3+ 24.Kg1 (andere Züge verlieren) 24…Sf4! 25.Sf1 Sxh3+ 26.Kh1 Sf2+ und die Partie endete mit Remis durch Zugwiederholung.

Jan-Krzysztof Duda hat sich durch seinen Sieg gegen Dmitry Andreikin auf Platz 18 der Live-Elo-Liste verbessert | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die Nummer 15 der Setzliste Dmitry Andreikin traf auf Jan-Krzysztof Duda und hoffte sicher darauf, dass der junge Pole das Risiko erneut hochschrauben würde, wie er das zum Beispiel gegen Wesley So beim Grand Prix in Moskau getan hatte, als er ebenfalls nur ein Remis brauchte. Das damalige Figurenopfer ging nicht gut, aber dieses Mal wählte Duda einen pragmatischen Ansatz und tauschte bereits nach 20 Zügen die Damen. Nach 41 Zügen war das Remis dann unterschriftsreif.

K.O.-Turniere sind hart | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Es war ein grausamer Tag für die Inder, die in Khanty mit zehn Spielern nach Russland (28 Spieler) die am stärksten vertretene Nation waren, nun aber auch ihre letzten beiden Hoffnungen begraben mussten. Die Nummer 17 der Setzliste Harikrishna versuchte gegen den 22-jährigen Russen Kirill Alekseenko alles, um die Stellung kompliziert zu gestalten:


Alekseenko kritisierte hinterher das Qualitätsopfer 26.Sxe5!, doch sieht es eher so aus, als habe Harikrishna in den anschließenden Komplikationen den Faden verloren. Bei bestem Spiel wäre die Partie vermutlich remis ausgegangen, aber am Ende gewann Alekseenko sogar und verbesserte sich mit 2687,4 Elo auf einen Platz unter den Top 50 in der Welt.

Auch Vidit ist ausgeschieden| Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die indische Nummer 3 und Nummer 29 der Setzliste Vidit stand vor der noch schwierigeren Aufgabe, gegen Wesley So gewinnen zu müssen, und kam nie auch nur in die Nähe dieses Ziels, nachdem So 21 Züge abspulte, die er zu Hause bereits auf dem Brett gehabt hatte. Damit steht der US-Amerikaner bei 5 aus 6 und liegt wieder auf Platz 7 der Weltrangliste, nachdem er beim Sinquefield Cup noch geteilter Letzter war. Seine Meinung zu K.O.-Turnieren:

Ich mochte sie schon als kleiner Junge. Vor zehn Jahren habe ich ebenfalls am Weltcup teilgenommen und spielte wirklich gut. Ich erreichte durch Siege gegen Guseinov, Ivanchuk, der dann zurücktrat [und diese emotionale Entscheidung später widerrief], und Gata Kamsky die vierte Runde. Schon als kleiner Junge mochte ich K.O.-Turniere, weil man nur im Armageddon ausscheiden kann, ohne eine Partie zu verlieren.

Wesley So ergänzte, dass es bei den K.O.-Turnieren des FIDE Grand Prix nicht gut für ihn gelaufen sei, er aber nach wie vor glaube, dass dieses Format für seinen soliden Stil optimal sei. Vor einem Stichkampf hat er jedenfalls keine Angst:

Außer gegen Magnus macht mir ein Stichkampf nichts aus, und da er nicht hier ist, ist alles in Ordnung!  

Shakh denkt darüber nach, wegen des Geburtstags seines Sohns von Sibirien nach Baku zu reisen| Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Es war keine Überraschung, dass die Nummer 103 der Setzliste Eltaj Safarli gegen seinen Landsmann Shakhriyar Mamedyarov ausschied, aber die Art und Weise warf einige Fragen auf. Beobachter hatten sich darüber gewundert, dass Safarli in der ersten Partie sehr früh aufgegeben hatte, und Mamedyarov sah das im Interview nach der zweiten Partie genauso:

Mamedyarov über seine gestrige Partie gegen Safarli: „Ich dachte, die Stellung wäre auf jeden Fall gewonnen, doch die Analyse danach hat gezeigt, dass sie einfach remis ist. Ein sehr schönes Remis, das wir beide übersehen haben.“

Man kann sich auch die Frage stellen, warum Safarli in der zweiten Partie nicht weitergespielt hat:


Natürlich ist seine Stellung nach 17…Lxd4 18.Dxd4 Tg8 miserabel, aber Safarli hätte eine Niederlage nur ein paar Elo-Punkte gekostet. Derweil rechtfertigte sich Mamedyarov dafür, dass er die Züge wiederholt und nicht auf Gewinn gespielt hatte:

Ich sehe keinen Sinn darin, wegen der Elo weiterzuspielen. Wäre ich 20, würde ich sicher weiterspielen, aber hier lohnt es sich nicht, deswegen die Partie fortzusetzen. Man will einfach in die nächste Runde und sich mit seinem nächsten Gegner auseinandersetzen. 

Auf die Frage, ob Safarli in Khanty bleiben und ihn wie beim Norway Chess unterstützen werde, meinte Mamedyarov, dass es noch keine Entscheidung gebe – “es wäre nicht korrekt gewesen, ihn vorher zu fragen, da auch die Möglichkeit bestand, dass ich ihm helfen kann!“ Mamedyarov ist sehr froh, dass er nun zwei Ruhetage vor der Brust hat, nachdem er zuletzt 72 Tage am Stück bei Turnieren involviert war. Er scherzte sogar, dass er seinen Sohn in Baku besuchen werde!

Daniil Yuffas Favoritenstürze fanden ein Ende |Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Weniger glücklich war Mamedyarov über seinen Gegner in Runde 4 – es ist sein Freund und Landsmann Teimour Radjabov, der das Qualitätsopfer der Nummer 106 des Turniers Daniil Yuffa locker widerlegte und mit Zugwiederholung auf den vollen Punkt verzichtete.

"Alles tut weh", aber Grischuk ist noch im Rennen | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Spieler mit einer Elo unter 2600 sind mittlerweile beim World Cup 2019 ausgeschieden, denn auch die Nummer 105 des Turniers, der Chinese Xu Xiangyu, konnte gegen Alexander Grischuk nichts bestellen24.Td6! stellte klar, dass es der Tag des Russen werden sollte:


Natürlich geht 24…Sxd6 nicht, weil Weiß mit 25.exd6 die schwarze Dame angreift und die lange Diagonale öffnet. 24…De7 war der einzige Zug, um die Partie zu verlängern, und nach 25.Dxe7 stellte sich die Frage, ob Schwarz das halten kann. Das schaffte er nicht, und Grischuk trifft nun auf den Sieger des Duells Dominguez-Wang Hao.

Grischuk war im Interview zu Scherzen aufgelegt und erklärte, dass am Donnerstag eigentlich kein Ruhetag wäre (da er diesen immer nach zwei Runden haben möchte!), und dann antwortete er auf die Frage, ob er als Partievorbereitung Musik höre:

Nein. Wie soll ich sagen, ich bin in einem Alter, in dem einem bereits alles wehtut. Ich hoffe einfach, dass ich keine Rückenschmerzen, Magenschmerzen oder Halsschmerzen habe. Da brauche ich nicht auch noch Musik!


8 Remis und 1 Levon Aronian

Le Quang Liem gegen Artemiev lautet eine Stichkampfbegegnung, auf die wir uns freuen können | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die gestrige Runde verlief recht ruhig, da bis auf einen alle Wettkämpfe, deren erste Partie remis geendet hatte, in die Verlängerung gehen. Bei Ding Liren-Firouzja ging es erneut scharf zur Sache, sodass man sich wirklich auf den Stichkampf freuen kann. Bei Xiong-Giri wurde die längste Partie des Tages gespielt, die allerdings nicht sonderlich spannend war.

Damit kommen wir zu Levon Aronian, der einmal mehr mit einem grellen Hemd aufwartete:

"Wie sich schon mehrfach gezeigt hat, glaubt Levon Aronian nicht an das Prinzip, dass die Drohung stärker als die Ausführung ist."   

Auf dem Schachbrett waren Aronian und Maxim Matlakov zu kühnen Taten bereit, wobei die armenische Nummer 1 vermutlich zu Unrecht 17.Sh5!? als Fehler brandmarkte. Der kritische Moment kam nach 17…g6:


Laut Aronian hatte Matlakov übersehen, dass der schwarze Springer nach 18.d5! Sb8 19.Txe5 wieder mit 19…S8d7 ins Geschehen eingreift, wobei der Computer meint, 20.Txe7! Dxe7 21.Sxf4 g5 22.De2! sei immer noch gut für Weiß. 18.dxe5!? gxh5 19.Dxh5 in der Partie war immer noch spielbar, aber nach 19…Dd3!  hatte Schwarz alles unter Kontolle. Aronian fasste zusammen:

Danach sieht es so aus, dass ich meine Stellung auf verschiedene Weisen verstärken kann, aber ich wollte den praktikabelsten und sichersten Weg finden. In der Folge war es schwierig für ihn, die Stellung mit wenig Zeit zu verteidigen, und insofern bin ich sehr zufrieden mit der heutigen Partie.

Die Partie endete mit einer Gabel, es handelte sich dabei aber nicht um einen einzügigen Einsteller, sondern um das unausweichliche Schicksal des Weißen, die eigene Todesart wählen zu müssen:

Damit stehen acht Spieler sicher in Runde 4, und die Duelle So-Vitiugov und Mamedyarov-Rajdabov stehen bereits fest.

Tomashevsky-Nepo wird ebenfalls im Stichkampf entschieden | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die Zusammensetzungen aller anderen Achtelfinalduelle werden am Mittwoch entschieden.

Alle Partien könnt ihr ab 12 Uhr wieder live auf chess24 verfolgen.

Weitere Links:


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