Berichte 17.09.2019 | 07:35von Colin McGourty

Khanty World Cup 3.1: 7 Spieler am Rande des Abgrunds

Sergey Karjakin, Dmitry Andreikin, Harikrishna und Vidit gehören zu den 7 Spielern, die am heutigen Dienstag gewinnen müssen, um ihre Niederlagen gegen Nikita Vitiugov, Jan-Krzysztof Duda, Kirill Alekseenko bzw. Wesley So in der ersten Partie der Runde 3 aus der Welt zu schaffen. Es war ein Tag der kleinen Vorteile, die in Siege verwandelt wurden, außer in Xu Xiangyu-Grischuk, wo ein zweifelhafter Bauernraub des chinesischen Spielers zu dem führte, was Grischuk "einen großen Kampf, eine verrückte Partie" nannte. Zu den 9 Remis gehörte auch Peter Svidler, der nach einem Fehler gegen Liviu-Dieter Nisipeanu sich haarscharf noch aus dem Schlamassel befreien konnte.

Alexander Grischuk zeigt Alex Yermolinsky die spannendste Partie der Runde | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des World Cups kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir noch einmal den Live-Kommentar von Jan Gustafsson und dem zweifachen Französischen Meister Laurent Fressinet ansehen:

6 Seeschlangen und eine Explosion

Vidit hatte in Runde 3 offensichtlich keinen Spaß | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Wo das alles schief gelaufen ist, das ist genau die Frage, die man sich am Montag immer wieder stellen könnte. Zum Beispiel hatte Vidit nach 28 Zügen gleiches Material bei nahezu symmetrischer Stellung gegen Wesley So:


Alles schien auf ein Remis hinauszulaufen, doch 38 Züge später, nach 66.Txa6, spucken die Tablebases für 7-Steiner bereits einen Sieg für Weiß aus:


Theoretisch ist die Stellung bei bestem Spiel ein Matt in 39 Zügen. Doch auch wenn kein Mensch so perfekt spielen kann, misshandelte Wesley die Stellung nicht und gewann nach 93 Zügen.

Vidits Landsmann Harikrishna braucht heute ebenfalls zwingend einen Sieg | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Während es keine große Überraschung war, dass Wesley Vidit im Stil des jungen Magnus Carlsens überspielte, war die Partieanlage des 22 Jahre alten Russen Kirill Alekseenko gegen Pentala Harikrishna beeindruckend. Aus der Eröffnung heraus erreichte er etwas Greifbares und sammelte dann Bauer um Bauer ein, da Haris Versuche, Gegenspiel zu erlangen, die Aufgabe des Russen noch leichter machten.

Radjabov gab eines der ausgefalleneren Interviews von all den Siegern in Runde 3, die du je erlebt haben wirst. | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

In der Partie Teimour Radjabov gegen Daniil Yuffa lief es ganz ähnlich. Das aggressive schwarze Spiel machte einen tollkühnen Eindruck, wonach Radjabov nach 45 Zügen den Sieg einfahren konnte. Die Partie erinnerte einen daran, wie stark Radjabov spielen kann. Doch nach seinem Sieg war die 32-jährige Nr. 2 Aserbaidschans nicht so sicher über seine schachliche Zukunft. Er behauptete: "Ich denke in letzter Zeit nicht wirklich viel über mein Schach nach", und sagte weiter: "alle Leute, mit denen ich früher gekämpft habe, beenden ihre Karriere". Er fügte hinzu, dass er fast "auf ein schlechtes Ergebnis wartete, damit ich mich endlich verabschieden kann"!

Dunkle Wolken also an Radjabovs Horizont, denn es erscheint wahrscheinlich, dass er in Runde 4 gegen die aserische Nr. 1, Shakhriyar Mamedyarov antreten muss. Shakh spielte mit Schwarz und hatte bereits nach 11 Zügen einen Bauern mehr gegen seinen Landsmann Eltaj Safarli - der Mann, der Sam Shankland und Nihal Sarin nach Hause schickte. Was dann folgte, war ein wenig kurios, da Eltaj beschloss, in der folgenden Stellung aufzugeben:


Sicherlich wird der schwarze a-Bauer irgendwann den weißen Turm kosten, aber es ist noch völlig unklar, dass die weißen Königsflügelbauern nicht doch irgendwie ausreichen könnten, um mit einem Remis davonzukommen. Zumindest aber erscheint die Aufgabe ein wenig verfrüht.

Der 21 Jahre alte Pole Jan-Krzysztof Duda ist bereits die Nr. 20 der Welt auf der Live-Rating-Liste nach seinem guten Start in Khanty-Mansiysk:


Den Sieg gegen Dmitry Andreikin konnte er bereits in ihrer ersten klassischen Partie überhaupt feiern, auch wenn Duda zugab, dass, als er bereits im 16. Zug verdoppelte g-Bauern hatte, er eher daran dachte, wie er mit einem Remis davonkommen würde. Die Schwäche wurde dann aber zu einer Stärke, als der g3-Bauer bis nach g5 marschierte. Am Ende konnte Duda in ein sehr gutes Endspiel abwickeln:


Er war dabei erfrischend ehrlich:

Lange Zeit habe ich 37.Dg4! gar nicht gesehen, auch wenn es auf der Stelle gewinnt. Ich dachte nach und nach 20 Minuten habe ich es glücklicherweise endlich gesehen!

Hätte Andreikan nach 37…Dxg4 38.hxg4 hier 38…Te4 gespielt, hätte er womöglich ein wenig mehr Widerstand leisten können, doch nach 38…Txg4 39.Txe3 gewann Duda leicht. Andreikin verlor seit 2013 keine klassische Partie im World Cup, wenn man einmal von seiner Auftaktniederlage im Finale gegen Vladimir Kramnik absieht. Doch am heutigen Dienstag muss er nun zwingend gewinnen, um im Turnier zu bleiben.

Ein weiterer Held des World Cups, der Sieger 2015, Sergey Karjakin, machte sich das Leben selbst schwer durch seine Niederlage gegen seinen Landsmann Nikita Vitiugov. Es war eine Partie, in der man sich nicht fragen kann, wo es eigentlich für Schwarz begann, schief zu laufen. Denn diesen Moment, in dem die schwarze Stellung begann, auseinanderzufallen, konnte man sehr gut identifizieren!

52…Dd5? war ein zum Verlust führender Fehler:


53.Lc5+! und Karjakin gab auf, weil 53…Kg8 54.Db8+! Kf7 55.Df8+ zum baldigen Matt führt.

Einige Tage in Folge konnten wir das ungewöhnliche Spektakel beobachten, dass Grischuk mehr Zeit auf der Uhr hatte als sein Gegner | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Und jetzt zu etwas ganz anderem.... Grischuk-Xu Xiangyu war nicht mit diesen langatmigen Partien zu vergleichen, weil der 19-jährige Xu Xiangyu aus China ausgangs der Eröffnung einen Bauern abgriff. "Ich denke, er hat hier nur einen Fehler gemacht, weil man verrückt sein muss, um mit Weiß freiwillig diesen Bauernraub zu versuchen", kommentierte Grischuk, der spürte, dass seine Reaktion mit 16...Qh4! den chinesischen Spieler kalt erwischt hatte. Es gab kein Zurück mehr, als Xu seine Figuren auf den schwarzen König warf und zum zweiten Mal in zwei Tagen mit einem Turm auf g7 opferte. Es funktionierte fast wieder, denn Grischuk spielte 24...Le7? statt des siegreichen 24...Dh3! (ein Zug, den er gesehen und in Betracht gezogen hatte):


Hätte Xu mehr als eine Minute auf der Uhr, hätte er womöglich gesehen, dass 25.Txh7! hier gewinnt. Denn nach 25...Lxh7 26.Sxh7 Dxh7 hat Weiß 27.De4! und das folgende Th1! wird Material gewinnen. 

Stattdessen spielte er 25.Dc6, wonach Schwarz nach 25...Lxf5 locker gewinnt, auch wenn Grischuk am Ende dazu verleitet wurde, eine brillante Kombination zu spielen:


37…Lxe5!! funktioniert, weil 38.Dxd8 in 38…Lf6+! läuft und nach jedem Königszug die Dame aufgrund eines Abzugs verloren geht.

Olimpiu G. Urcan: Eine hübsche Taktik von Alexander Grischuk: 37...Lxe5! mit der Idee, dass nach 38.Dxd7 Lf6+ kommt, gefolgt von einem weiteren Schach des Turms und die Dame ist verloren.

Grischuks Analyse nach der Partie gibt eine gute Idee davon, was Spieler während einer solchen nervenaufreibenden Partie sehen - und was nicht:

9 Remis - und Svidler verkneift sich die Aufgabe

Laurent Fressinet gab zu, dass der 16 Jahre alte iranische Star Alireza Firouzja mittlerweile im französischen Chartres lebt | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die verbliebenen Partien endeten Remis, wobei es bei einigen wenig gab, über das es sich zu berichten lohnt: Anish Giri wich einer Zugwiederholung aus, Levon Aronian und Maxim Matlakov fanden "die am wenigstens erzwungene Zugwiederholung aller Zeiten!" (Fresseinet). Doch in Le Quang Liem-Artemiev und Yu Yangyi-Wei Yi als auch Firouzja-Ding Liren konnten wir kurze, wenn auch intensive Partien beobachten.

Peter Svidler rettete sich dank präziser Verteidigung | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Bei den Remis-Partien konnten wir noch am ehesten in Nisipeanu-Svidler auf Blut hoffen. Peter Svidler hatte den folgenden Schlag aus heiterer Luft sicherlich nicht übersehen:


31.Lxg6! Er erzählte vor dem Kameras, dass er dachte, dass sein Gegner im Anschluss an 31...fxg6? 32.Dxc4+ spielen würde, wonach sie beide schnell "nach Hause gehen" könnten. Doch nach 32.Txc4! war es wie eine kalte Dusche von Liviu-Dieter Nisipeanu für Peter Peter Svidler, denn plötzlich droht ein Matt in 2 Zügen. Peter gab zu, versucht gewesen zu sein, einfach aufzugeben. Doch dann fand er einen Trick, der den Schaden auf einen Bauern in einem Damenendspiel reduzierte. Die Partie dauerte bis Zug 88, doch Schwarz überlebte es.

Olimpiu G. Urcan: Peter Svidler zeigt dank einer feinen Verteidigungsleistung, wie schwer es ist, einen Weltklassespieler zu schlagen.

Damit ist Peter nicht im gleichen Boot wie Harikrishna, Xu Xiangyu, Vidit, Karjakin, Andreikin, Safarli und Yuffa, die heute alle gewinnen müssen, um nicht ihre Koffer zu packen. Verpasse nichts, denn Action ist garantiert. Es geht los um 12:00 Uhr MEZ.

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