Berichte 15.09.2019 | 15:27von Colin McGourty

Khanty World Cup 2.2: Naka raus, Firouzja zaubert

Hikaru Nakamura ist aus dem FIDE World Cup 2019 ausgeschieden, nachdem er gegen Liviu-Dieter Nisipeanu nicht nur nicht über ein Remis hinauskam, sondern in der Endstellung sogar auf Verlust stand. Die Comebacks des Tages legten Wei Yi, der gegen David Anton gewann, und Eltaj Safarli hin, der für seine mutige Entscheidung, gegen den 15 Jahre alten Nihal Sarin das Evans Gambit zu spielen, belohnt wurde. Damit sind sich in der dritten Runde nur Nisipeanu und Xu Xiangyu (der gegen Ernesto Inarkiev). Der Rest muss heute ins Stechen, unter anderem Ding Liren und Anish Giri, die Nr. 1 und 2 der Setzliste.

Alireza Firouzja holte einen brillanten Sieg gegen Daniil Dubov und erreichte damit Runde 3 | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des World Cups kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir die Live-Kommentierung noch einmal anhören (es gibt zwei Teile, weil es in Khanty-Mansiysk zur Mitte der Runde technische Probleme gab):

Siegen auf Knopfdruck

Hikaru Nakaura fand gegen Liviu-Dieter Nisipeanu kein passendes Rezept | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

11 Spieler brauchten in der zweiten Partie einen Sieg auf Knopfdruck, um den Tiebreak zu erzwingen, aber nur zweien von ihnen geland das Kunststück auch. Die Nr. 14 der Setzliste, Hikaru Nakamura, kam nicht mal ansatzweise dem Sieg nahe gegen einen gerrisen spielenden, 43 Jahre alten Liviu-Dieter Nisipeanu. Die deutsche Nr. 1 vermied jedwede scharfe Eröffnung und spielte mit Schwarz Russisch und dann das seltene 8...c5, was Nakamura zum Denken brachte. Er vermied den Fehler, zu passiv zu spielen und brachte seine Zentrumsbauern nach vorne. Und als Nakamura zu sehr auf seinen Angriff am Königsflügel fokussiert war, konterte Nisipeanu am Damenflügel:


18…c4! war der Starzug, der die Stellung um den weißen König herum öffnete. Nach 19.Txd4 (19.b4 d3! hilft auch nicht) 19…Da5 20.Lxc4 Lxc4 21.bxc4?! Lxa3+ 22.Kd1 hatte Hikaru zwar einen Bauern mehr, aber natürlich ist der isolierte Tripel-Bauer auf der c-Linie alles andere als ein siegbringender Vorteil. Weiß stand glatt auf Verlust nach 30.Te1:


Der Computer schlägt das kaltblütige 30...Kh8 vor, wonach der Sc4 entfesselt wird und der schwarze Angriff durchschlagen sollte. Aber Nisipeanu bot mit Erreichen des 30. Zugs und 30...Te8+ Remis an, was ihn nach der Annahme durch Nakamura auch eine Runde weiter brachte.

Die zwei Spieler, die zwingend gewinnen mussten, um im World Cup zu bleiben, waren bereit, in der Eröffnung ein wenig zu pokern:

Martin Bennedik: Einige Spieler passen ihre Eröffnungen an, wenn sie gewinnen müssen.

Wei Yi’s machte Gebrauch von 3…h5, eine Variante die schon von Ian Nepomniachtchi hier und dort gespielt wurde und zu kompliziertem, zweischneidigem Spiel führt. Also genau das, was er brauchte, um David Anton zu überspielen. Magnus Carlsens Songvorschlag vom Vortag “he’s going home” sollte sich als voreilig erweisen!

Obwohl Nihal Sarin am Vortag ihn krachend auseinandernahm, kam Eltaj Safarli gestern mit einem Sieg zurück | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite


Eltaj Safarli erwärmte unterdessen die Herzen der Schachromantiker, indem er das berühmte Evans-Gambit spielte, das es sofort schaffte, die 15-jährige Nachwuchshoffnung Nihal Sarin dazu zu bringen, 9 Minuten zu investieren, bevor er sich entschied, das Gambit anzunehmen. Wir haben in früheren Berichten bereits festgestellt, dass Nihal zwar brillant in Khanty-Mansiysk gespielt hat, aber die Geschmeidigkeit seiner Züge nicht mit seinem Zeitmanagement zusammenpasst. Und dieses Mal sollte das eine Katastrophe veruraschen. Gestern war es extremer als je zuvor, denn Nihal hatte mit Zug 20 nur noch 1 Minute auf der Uhr! Sein Gegner hatte zwar auch Probleme mit der Zeit und die Stellung des jungen Inders war gut, wenn nicht gar gewinnträchtig, doch dann ereignete sich die oben angesprochene Katastrophe im 32. Zug.

32…Raf8 wäre hier eine gute Option für Schwarz gewesen, doch Nihal entschied sich, ohne diesen Zug sofort zu 32...Tg6?? zu greifen, was nach 33.Txf2 schlicht eine Figur einstellt. Ein paar weitere Züge wurden noch aufgrund des Schocks gespielt, aber es gab kein Zurück mehr. Nach einem dramatischen Tiebreak gegen Sam Shankland nutzte Eltaj Safarli damit nun auch die nächste Chance, einen höher bewerteten Spieler aus dem Wettbewerb zu werfen.

Manchmal ist das Leben hart, selbst für Supertalente | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Harikrishna, Evgeny Tomashevsky, Sergey Karjakin, Jan-Krzysztof Duda, Maxime Vachier-Lagrave, Levon Aronian, Vladislav Artemiev und Shakhriyar Mamedyarov erreichten alle das nötige Remis oder gar mehr und zogen damit in Runde 3 ein, nachdem sie in der ersten Partie bereits siegreich vom Brett gingen. Zwei dieser Spieler wurden im Anschluss interviewt:

Im Fall von Mamaedyarov schaffte dieser das nötige Remis aber nur mit viel Dusel. Rustam Kasimdzhanovs Eröffnungswahl mit einem ruhigen Italiener war objektiv vielleicht nicht stark, aber psychologisch sicherlich clever:


In dieser Stellung hatte Mamaedyarov schon einmal Weiß, nämlich gegen Karjakin in einer umstrittenen Partie vom letzten Norway Chess Turnier. Magnus Carlsen meinte im Anschluss, dass das Remis vorher vereinbart wurde:

Tarjei J. Svensen: Carlsen: "Ich weiß, dass Mamedyarov und Karjakin in zurückliegenden Turnieren Remisen vorher abgesprochen haben. Ob das in diesem Turnier der Fall war, kann ich nicht beweisen, aber überraschen würde es mich nicht."

In der Partie folgte eine spektakuläre Kombination nach 16.Te1 Kh7 17.Df3 d5 18.exd5 Lxd5 19.Df5+ g6 20.Sxg6!,doch dieses Mal kam das Opfer früher, denn Rustam spielte die Neuerung 16.Shf5. Darauf folgte 16…d5 17.Sxh6+ gxh6 18.Lxh6:


Bis hierhin zogen die Spieler ziemlich schnell, aber hier dachte Mamedyarov 33 Minuten lang nach, bevor er 18…dxe4?! spielte, was wohl der Verlustzug ist, auch wenn es auf geringer Tiefe die erste Wahl des Computers ist.

Rustam Kasimdzhanov erwischte Mamedyarov in der Eröffnung, konnte die Partie dann aber nicht gewinnen | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Kasims 19.Txe4! war die richtige Entgegnung (wiederum nach 33 Minuten Nachdenken!), aber es ist fast unmöglich zu beschreiben, was mit Sicherheit folgte, denn es ist eine tückische Stellung, in der sich die Bewertungen ändern, je tiefer man in die Stellung eindringt - es ist sicherlich die Art von Partie, die man lieber vorher arrangiert hätte! Das Gefühl ist, dass Rustams regulärer Chef Fabiano Caruana einen Weg gefunden hätte, die Partie zum Sieg zu führen, aber stattdessen entkam Mamedyarov knapp und zog in die nächste Runde ein.

Xu Xiangyu marschiert weiter

Wie bei so vielen Partien von Nepo galt auch hier: Bitte nicht zu hause nachmachen! | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Es war kein Tag der Überraschungen in Khanty-Mansiysk, auch wenn Ian Nepomniachtchis Neuerung 13…a5?! im Grünfeldinder wohl keine Nachfolger finden wird. Sein Landsmann Alexandr Predke hatte schnell zwei Bauern mehr und mit Zug 21 sogar drei:


21.Dxf7+!? Kh8 (21…Kxf7 22.Sg5+) 22.Dc4 und wenn Weiß sich konsolidiert, ist es kein Wunder, dass er gute Chancen hätte. Aber es war ebenso kein Wunder, dass Nepomniachtchi den Druck auf der Uhr konstant hoch hielt und Weiß schlussendlich kollabierte - das hat Nepo bereits gegen die besten der Welt getan. Und zwar kontinuierlich.

Schlussendlich gab es also nur eine wirkliche Überraschung neben Nisipeanu, der Nakamura nach Hause schickte. Und das war der 19 Jahre alte und mit 2576 bewertete Xu Xiangyu. Nach seinem Sieg gegen Bu gewann er ebenfalls gegen Ernesto Inarkiev. Der chinesische Spieler verpasste dabei ein paar taktische Schläge, aber der eine, der die Partie dann entschied, war es wert, darauf zu warten!


23.Txg7!! Kxg7 24.Lxe4!, nutzt aus, dass der Springer auf f6 gefesselt ist. Nach 24…Sxe4 25.Dxe4 hätte Weiß einen schönen Vortiel, aber nach 24…Sd7?! 25.Se5! wie es in der Partie kam, war Schwarz völlig geplatzt. Ernesto schleppte die Stellung noch weiter bis Zug 46, doch dann gab er auf.

Alireza Firouzja zaubert

Am Samstag gab es einige beeindruckende Siege, darunter einen glatten Positionssieg von Wesley So gegen Anton Demchenko, aber der denkwürdigste Sieg kam von dem 16-jährigen Alireza Firouzja. Da er ein höheres Rating als Daniil Dubov hatte (er war der 32. und Daniil der 33. der Setzliste), war es formal keine völlige Überraschung, aber ein erfahrener Spieler wie Dubov, der zuvor in früheren World Cups gespielt hat, auszuschalten, war eine beeindruckende Leistung. Und dann ist da noch die Art und Weise, wie er es gemacht hat: Mit etwas mehr als einer Minute auf der Uhr hätte niemand Firouzja dafür kritisiert, dass er hier durch Zugwiederholung ein Remis angesteuert hätte, doch stattdessen.....


37.exd6!! war ein brillantes Figurenopfer, das von weiterem präzisem Spiel begleitet wurde 37…Txb8 38.Te1! Kf8 39.Te7! Td8 40.a6! Txd6 41.a7!


Dubov sollte dennoch in der Lage sein, diese Stellung zu verteidigen, aber am Ende kostete der a-Bauer einen ganzen Turm und Firouzja gewann eine fantastische Partie.

15 Matches im Tiebreak

Ding Liren ist noch nicht fix in Runde 3, denn er hatte mit Schwarz nichts gegen ein schnelles Remis gegen Sergei Movsesian

Movsesian muss nun im Tiebreak gegen Ding Liren antreten | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Insgesamt gab es in 13 Matches jeweils zwei Remis, viele davon ohne großen Kampf. Christiansen-Alekseenko stand Movsesian-Ding in nichts nach: jeweils nur 21 Züge. Weitere Top-Spieler im Tiebreak sind: Anish Giri, Alexander Grischuk, Leinier Dominguez, Yu Yangyi, Peter Svidler und Teimour Radjabov.

chesscupugra: Die Tiebreak-Paarungen. Speichere dir die Liste ab.

Am Sonntag werden diese Matches entschieden. Doch für Montag stehen bereits 4 Paarungen fest:  So-Vidit, Nepomniachtchi-Tomashevsky, Andreikin-Duda und Artemiev-Le Quang Liem. Das wird sicherlich grßartig, denn Jan Gustafsson wird zusammen mit Laurent Fressinet kommentieren. Doch zuerst stehen einmal die heutigen Tiebreaks an. Hier kannst du die Partien ab 12:00 Uhr MEZ verfolgen.

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