Features 11.05.2015 | 11:48von chess24 staff

Kenne deinen Feind: Unser Gehirn und unsere Fehler

Fehler im Schach sind so allgegenwärtig wie schmerzhaft, aber manchmal haben wir Schwierigkeiten, eine rationale Erklärung dafür zu finden, warum wir hinter unseren eigenen Erwartungen zurückgeblieben sind. Wir befragten die Psychologin und FIDE-Meisterin María Rodrigo Yanguas zu dem Thema, und in dem folgenden Artikel gibt sie uns eine sowohl plausible als auch nachvollziehbare Erklärung dafür, warum man Fehler macht, sowie ein paar Tipps, wie man sie vermeiden kann. Es geht nicht nur darum, sich im Schach zu verbessern!

Wie kann man sich erklären, dass ein so brillanter Spieler wie Vassily Ivanchuk ein Matt-in-1 in dieser Stellung übersah, obwohl er noch genügend Zeit hatte?

Kenne deinen Feind 

von WFM María Rodrigo Yanguas

Tick tack, tick tack… Denk nach, Hirn, denk nach. Wir brauchen nur ein Remis… 9, 8, 7… Wir schaffen es in die nächste Runde, ein letzter Kraftaufwand und wir sind da… 6, 5, 4… Es scheint einfach zu sein! 56.Dd8+ und wenn 56...Lc8 dann 57.Db6+ und remis, und wenn 56...Ka7 57.Da5+ endet die Partie ebenfalls friedlich in einer Zugwiederholung. Ok, Zeit für den Zug!... 


Dann folgten ein paar Sekunden Stille, die allen Beteiligten wie Stunden vorkamen… Niemand konnte glauben, was da gerade geschah. In der Übertragung wurde die Partie als 0-1 angezeigt, obwohl beide noch Zeit hatten. Was war passiert? Ja, es stellte sich heraus, dass Deimante Daulyte einzügig ihre Dame einstellte, als sie 57.Da5+ spielte. Sie gab auf, ohne darauf zu warten, dass Monika Socko diese nahm.

Unglaublich? Nein! Obwohl diese Anfängerfehler im Eliteschach nicht so oft vorkommen, war das nicht einmal der einzige Vorfall bei der Weltmeisterschaft der Frauen. Zum Beispiel machte Schwarz in der Partie Khotenashvili-Huang einen schrecklichen Fehler:


In einer klaren Gewinnstellung für die Spielerin mit den schwarzen Steinen (mit einem Mehrbauern und -Springer) spielte Schwarz 40…Txc3?, nur um später zu erkennen, dass die Bauern doch nicht durchlaufen werden… und anstatt, dass die chinesische Spielerin eine Armageddon-Partie erzwang, flog sie aus dem Event.

Oder hat jemand vergessen, wie Ivanchuk in der folgenden Stellung gegen Anand ein Matt-in-1 übersah?


Ivanchuk hätte natürlich mit 29...Dxh1! mattsetzen können, spielte aber letztlich 29...Df4+?? und verlor die Partie tatsächlich zwölf Züge später.

Oder was ist mit GM Sam Shankland (2661) in der jüngsten US-Meisterschaft, der endlich eine überschaubare Endspielstellung gegen Wesley So erreicht hatte:


Weiß spielte 92.g4?? und gab dann nach der einfachen Erwiderung 92...Sxg4 auf.

Unsere spanische Berichterstattung aus St. Louis hielt den Moment fest

Ich könnte auch eine noch leichtere Übung vorschlagen: schließt die Augen ein paar Sekunden lang und versucht, euch an eine Partie zu erinnern, die ihr verloren habt, weil ihr Figuren eingestellt oder ein absurdes Matt zugelassen habt… Ich vermute, dass viele von uns einfach nicht genügend Finger haben, um diese gesammelten Situationen an einer Hand abzuzählen!

Es scheint, dass es solche Fehler immer gegeben hat, gibt und geben wird, aber warum passieren sie überhaupt? Ist es mangelnde Technik? Mangelnde Konzentrationsfähigkeit? Unsicherheit? Ich denke, dass der Grund für diese Fehler die Bildung einer KOGNITIVEN BLOCKADE ist, die uns daran hindert, die Leistung zu erbringen, die wir erbringen könnten.

Der präfrontale Cortex des Gehirns | Foto: Wikipedia

Schauen wir uns an, woraus eine kognitive Blockade besteht:

Unser Gehirn besteht aus vielen Teilen, die alle auf eine spezielle Aufgabe ausgerichtet sind, aber als Team zusammenarbeiten, wenn das Gehirn optimal funktioniert - das ermöglicht es uns, mit unserer Umgebung zu interagieren.

Der Bereich, der darauf spezialisiert ist, all diese Informationen zu integrieren und Pläne erfolgreich zu entwickeln und umzusetzen, ist der präfrontale Bereich.

Das würde also bedeuten, dass der Hauptschuldige bei einer kognitiven Blockade der präfrontale Bereich ist.

Aber hier wird es schwierig, denn der Grund dafür, dass der präfrontale Cortex aufhört, richtig zu arbeiten, ist, dass vorher in anderen Teilen unseres Gehirns Veränderungen stattgefunden haben. 

Meine Damen und Herren! Ich würde Ihnen gerne CORTISOL vorstellen: es ist an allem schuld. Es handelt sich um unser Stresshormon, das unser Körper in Situationen produziert, die WIR als gefährlich einstufen. So wird unser Körper gewarnt, dass wir uns in Gefahr befinden, sodass das Hormon bei DRINGENDEN NOTFÄLLEN als Verteidigungsmechanismus angesehen werden kann, obwohl es auf lange Dauer schädlich sein kann.

Früher half uns Cortisol zum Beispiel, zu fliehen, wenn wir einen Löwen sahen (ein Löwe ist ein gewisser Stressfaktor).

Das Reaktionssystem des Körpers auf Stress | Bild: openi.nlm.nih.gov

In unserer modernen Gesellschaft haben sich die Stressfaktoren geändert und bestehen jetzt zum Beispiel aus einer zu späten Ankunft bei einem Meeting oder aus einer Prüfung... oder aus einer Schachpartie. All diese Situationen sorgen für eine Stressreaktion im Hypothalamus, die zu einer Reihe weiterer Reaktionen führt - zum Beispiel zur Freisetzung von Cortisol im Rest des Körpers.

Cortisol erhöht die Menge an Glukose im Blut, das später vom Gehirn und den Muskeln benutzt wird. Das merken wir auf einer physiologischen Ebene (wir zittern und unser Herz rast etc.) sowie auf einer mentalen Ebene (negative Gedanken, Angst etc.).

Was hat also der präfrontale Cortex mit Cortisol zu tun?

Synapsen | Bild: intoleranciadiario.com

Man hat herausgefunden, dass Stress zwar in speziellen Situationen positiv ist, er auf Dauer oder bei chronischem Auftreten jedoch schädlich ist, da erhöhte Cortisolspiegel mit dem Verlust von Synapsen im präfrontalen Cortex des Gehirns assoziiert werden.

Synapsen sind die Verbindungen, die Neuronen im Gehirn herstellen, sodass sie miteinander kommunizieren können. Wenn diese Kommunikation gestört wird, funktioniert das Gehirn nicht mehr richtig und unser Nervensystem wird blockiert, sodass wir nicht mehr richtig denken oder handeln können.

Viele von euch fragen sich jetzt zweifellos, was man tun kann, um zu verhindern, dass diese chemische Reaktion zu einem kognitiven Kollaps und zum Verlust der Kontrolle führt.

Wie ihr sehen werdet, ist es viel leichter zu verstehen, wenn wir eine Schachpartie einer Funktionsanalyse unterziehen:


Bild: panamericana.pe

Anmerkung: Das Diagramm zeigt, dass unsere Erklärung für die Vorgänge in unserem Gehirn nicht ganz korrekt ist. Ich wollte das Ganze so stark wie möglich vereinfachen und das unterstreichen, was ich am wichtigsten finde - natürlich kann das nur eine grobe Annäherung an die Vorgänge in unserem komplexen Gehirn sein. Es ist nicht das Cortisol selbst, das den kognitiven Kollaps herbeiführt, sondern die massive Freisetzung von Cortisol triggert eine Reihe chemischer Prozesse im Gehirn. Cortisol steht in einem engen Zusammenhang mit dem Neurotransmitter des zentralen Nervensystems (ZNS), dem Serotonin. In Situationen mit chronischem Stress führt die große Freisetzung von Cortisol zu einer geringeren Empfänglichkeit für Serotonin im Hippokampus (namentlich werden die 5-HT1, 5-HT2 und 5-HT1b-Rezeptoren beeinträchtigt). Das bewirkt wiederum, dass die Verbindungen im präfrontalen Cortex nicht mehr richtig funktionieren, was eine kognitive Blockade verursacht. Außerdem moduliert Serotonin andere ZNS-Neurotransmitter, einschließlich DA (Dopamin) and INN (Noradrenalin). Die Deregulierung des einen kann also zur Deregulierung des zweiten und/oder dritten führen. Zum Beispiel ist der mesokortikale dopaminergene Weg (von der Area tegmentalis ventralis zum präfrontalen Cortex) wichtig für all unsere kognitiven Prozesse, wenn das DA also nicht richtig reguliert wird, hindert das uns daran, eine adäquate Leistung zu zeigen.   

Wie wir sehen, triggert das Spielen einer Schachpartie automatisch eine Reihe physiologischer Prozesse in unserem Körper, wie Nervosität und einen beschleunigten Herzschlag… ein psychologischer Trigger ist dann dafür verantwortlich, den Grund für den physiologischen Trigger zu liefern, also z.B. warum wir nervös sind. Wie ihr seht, ist es eine Feedback-Schleife: mehr physiologische Trigger führen zu mehr kognitiven Triggern und so weiter.

Ich denke, ich sollte präzisieren, dass ich mit kognitiven Triggern keine Gedanken über Schachzüge meine, sondern alles andere, was nicht mit der Partie an sich zu tun hat, z.B. AUTOMATISCHE GEDANKEN, oder all diese Gedanken, die auf einmal in unseemr Bewusstsein entstehen, wie: Warum bin ich so schlecht? Wie konnte ich das übersehen? Ich hätte die Partie bereits gewinnen müssen, wenn ich diese Partie gewinne und die nächste, gewinne ich das Turnier, ich verliere Ratingpunkte… Ich denke, dass ich bei weitem nicht die Einzige bin, die solche Gedanken hat, und viele davon sind schädlich. Es gibt jedoch auch positive Gedanken, die wir unterstützen sollten.

Diese Schleife führt zu verstärktem Stress (mit all den Reaktionen, die damit einhergehen) und dieser führt die Reaktionen in unserem Gehirn - wie oben skizziert - ins Unendliche fort.

Ok, wie können wir das also stoppen?

Es ist sehr einfach: MAN MUSS DIE KETTE UNTERBRECHEN, DIE ZUM KOLLAPS FÜHRT. Dabei gibt es zwei wesentliche Herangehensweisen:


1. ENTSPANNUNGSTECHNIKEN: Im Laufe der Jahre wurden viele Entspannungstechniken entwickelt, was sie jedoch alle gemeinsam haben, ist das Ziel, alle chemischen Level im Körper konstant zu halten, um schädliche physische Reaktionen zu vermeiden.

  • Diejenige, die ich am wärmsten empfehle, ist die volle Atmung oder Bauchatmung. Dabei atmet man tief in den Bauch ein und lässt die Luft dann zu den Rippen aufsteigen, hält sie da und atmet dann langsam aus. 

  • Andere mögliche Methoden umfassen z.B. die progressive Muskelentspannung (Jacobson; Bernstein und Borkovec). Man kann sie auf verschiedenen Wegen durchführen, aber bei allen Methoden spannt man einen Muskel oder eine Muskelgruppe (je nach Übung) für 8-10 Sekunden an und entspannt ihn oder sie dann ungefähr 30 Sekunden lang, wobei man sich auf das Spüren des Unterschieds konzentriert.


Entspannung durch Farben | Bild: rumbacaracas.com

  • Für junge Kinder können diese Übungen etwas kompliziert sein, sodass sie sie nicht gut ausführen können. Mit ihnen arbeite ich normalerweise daran, Farben zu visualisieren. Dabei atmet man tief ein und stellt sich beim Ausatmen eine Farbe vor, die für Frieden und Ruhe sorgt. Dann stellt man sich vor, dass man mit dieser Farbe bedeckt ist.




2. KOGNITIVE TECHNIKEN: Diese Techniken sind viel komplexer als die physischen und für das dazugehörige Training braucht man mehr Zeit.

Mit diesen Techniken wollen wir all die negativen Gedanken verändern und sie durch positive Gedanken ersetzen. So beeinflussen wir indirekt die physiologischen Prozesse, denn wenn wir unser Gehirn dazu bringen, positive Sachen zu denken, wird unsere ganze physiologische Struktur beruhigt.

Obwohl das sicherlich schwerer ist, kann es wirkungsvoller sein als die rein physiologischen Techniken, da wir direkt die Wahrnehmung beeinflussen.

  • Ein einfacher Weg, Gedanken zu stoppen | Foto: www.appsy.org

    Eine der Techniken, die mir gefallen, ist das GEDANKENSTOPPEN. Das Ziel ist, den negativen inneren Dialog zu unterbrechen, der unangenehme Emotionen hervorruft. Zuerst wählen wir einen Unterbrechungsimpuls, einen intensiven Impuls, den wir absichtlich herbeiführen können und der unsere Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht, z.B. Fingerschnipsen, ein Tritt unter dem Tisch, sich aufs Bein klopfen (idealerweise wäre es ein lautes Geräusch, aber wir haben davon gehört, dass laute Geräusche bei einem Schachturnier eher unerwünscht sind). Sobald wir uns für einen Impuls entschieden haben, müssen wir ihn nur anwenden. Wenn wir merken, dass wir automatische negative Gedanken haben, führen wir unseren Unterbrechungsimpuls herbei und wechseln über zu positiven Gedanken (das Ganze kann man gut mit Entspannung ergänzen).

Nach dieser Erklärung dafür, warum wir in manchen Momenten die Kontrolle über unser Gehirn verlieren und unverständliche Züge machen, denke ich, dass deutlich geworden ist, wie wichtig es ist, sich nicht nur technisch, sondern auch mental auf einen Wettbewerb vorzubereiten. Selbst wenn wir im Schach an sich topfit sind, können unser Hirn/unser Körper uns einen Strich durch die Rechnung machen, wenn wir sie nicht kontrollieren können.

Ich denke, dass die mentale Vorbereitung im Allgemeinen immer stark unterschätzt wurde (nicht nur beim Schach, sondern in allen Sportarten und Lebensbereichen). Die technische Seite ist einfach sichtbarer, aber dank einiger Kollegen und Psychologen fangen die Leute an, zu merken, dass es ohne ein paar der Werkzeuge, die in diesem Artikel erwähnt werden, sehr schwierig ist, in einer tatsächlichen Partie eine 100%-ige Leistung zu zeigen.

Darum sei stark und begib dich in deinen Körper;
Dort haben deine Füße einen sicheren Stand.
Denk sorgfältig darüber nach!
Gehe nicht einfach irgendwo hin!

Kabir sagt: Lasse alle Gedanken über
imaginäre Dinge los,
Und stehe fest in dem, was du bist.
(Kabir, 1440-1518)

WFM María Rodrigo Yanguas

Maria ist eine Psychologin, die sich auf Klinische Psychologie spezialisiert. Sie ist Frauen-FIDE-Meisterin mit einer aktuellen Elo von 2171 und zwei Internationalen Frauen-Meisternormen. Sie ist außerdem führende Dozentin im Spanischen Schachverband und absolviert gerade ihr praktisches Jahr in der Psychologie. 


Siehe auch:


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