Allgemein 06.05.2014 | 09:35von IM Georgios Souleidis

Kein Gebot für Rückkampf zwischen Carlsen und Anand – was nun?

Trotz Verlängerung der Frist ist bislang kein Gebot für den WM-Rückkampf zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand beim Weltschachverband FIDE eingegangen. chess24 geht der Frage nach, warum es trotz des weltweiten Hypes um Magnus Carlsen so schwierig ist, einen Ausrichter zu finden.

Artikel im Original erschienen auf Englisch von Colin McGourty

Der erste Kampf zwischen Anand und Carlsen sorgte weltweit für riesiges Interesse | Foto: Anastasiya Karlovich, chennai2013.fide.com


Fünf Minuten, nachdem die Frist ablief, veröffentlichte die FIDE die folgende enttäuschende Mitteilung auf ihrer Webseite:

FIDE hat vor Ablauf der Frist am 30. April um 13:00 GMT kein Gebot erhalten. FIDE wird sich zur gegebenen Zeit wieder dazu äußern.


Die Frist selbst war eine Verlängerung der ursprünglichen Frist vom 10. März für ein Match, das in weniger als sechs Monaten, am 6. November 2014, starten soll. Der FIDE-Geschäftsführer Nigel Freeman äußerte sich damals:

Falls wir bis zur nächsten Frist kein Gebot erhalten, müssen wir anerkennen, dass das Produkt nicht genug vermarktbar ist.


Kann das wirklich der Fall sein mit einem 23-jährigen Weltmeister, der weltweit für riesige Aufmerksamkeit sorgt und einem Star in einem Land (Indien) mit 1,2 Milliarden Einwohnern? Lasst uns zuerst einen Blick auf mögliche Hindernisse werfen.

Was lief schief?

1) Das Kandidatenturnier änderte wenig

Viswanathan Anand überraschte die Schachwelt mit seinem Sieg beim Kandidatenturnier. Es war ein tolles Comeback nach einigen schwierigen Jahren für die Legende aus Madras, aber man braucht kaum Fantasie, um sich vorzustellen, dass der innere Zirkel der FIDE ob der neuen Situation nicht begeistert reagierte. Bei einem Herausforderer aus Russland, Bulgarien, Armenien oder Aserbaidschan wäre ein Gebot wahrscheinlicher gewesen.

Anand flankiert vom FIDE-Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov und der Gouverneurin der Ugra-Region Natalia Komarova bei der Siegerehrung des Kandidatenturniers 2014 in Khanty Mansiysk - eine allerletzte Option wäre, das Match in Sibirien abzuhalten | Foto: Offizielle Webseite


2) Rückkampf? Nein Danke!

Auch wenn es keiner ausspricht, so ist es offensichtlich, dass ein Rückkampf zwischen den gleichen Spielern wegen seines einseitigen Verlaufs beim ersten Mal schwierig zu vermarkten ist, insbesondere da der Kampf in weniger als einem Jahr danach wieder stattfinden soll.

3) Die Schacholympiade als Konkurrent in Norwegen

Schach ist inzwischen so populär in Norwegen, dass sogar Schachspieler, die nicht Magnus Carlsen heißen, im Fernsehen gezeigt werden - hier wird der Qualifikationskampf für das Superturnier im Juni zwischen der norwegischen Nr. 2 Jon Ludwig Hammer und Nr. 3 Simen Agdestein auf TV2 übertragen 

Die logische und vielleicht wahrscheinlichste Wahl wäre Norwegen. Da der erste Kampf in Indien stattfand, spricht für die Spieler nichts gegen Norwegen. Außerdem ist das Interesse an Magnus derzeit riesig in seiner Heimat - siehe u.a. den Artikel von Tarjei Svensen für chess24: Norwegian national TV networks vying for chess broadcast rights  

Der Wille, die WM in Norwegen zu organisieren, ist vorhanden. Der Präsident des norwegischen Schachverbands Joran Aulin-Jansson meint, dass die Veranstaltung für Norwegen fantastisch wäre. In einem Artikel auf VG.no erfährt man, dass der Schachverband mit verschiedenen Agenturen gearbeitet hat, um den Wettkampf in der Osloer Region zu veranstalten - mit einem Budget von 40 Millionen Kronen (4,85 Millionen Euro). Der Plan, gewerbliche Sponsoren vor Ende der Frist zu finden, scheiterte allerdings.

Im gleichen Artikel wurde Aulin-Jansson gefragt, ob die Schacholympiade im August in Tromsø als Konkurrenz-Veranstaltung ein Problem wäre.

Mir ist natürlich bewusst, dass wir Tromsø nicht zerstören dürfen.


Der Hintergrund ist, dass im Haushalt für die Schacholympiade noch 15 Millionen NOK (1,82 Millionen Euro) fehlen und die Organisatoren deswegen an die norwegische Regierung herangetreten sind. Der Vorsitzende des Schachklubs in Tromsø Jan Sigmund Berglund scheint ob der Tatsache, dass der Schachverband die Weltmeisterschaft ausrichten möchte, genervt:

Es ist schon ein grenzwertiger Skandal. Die WM würde die Aufmerksamkeit von der Olympiade, nicht nur finanziell, ablenken. Es ist kein Geheimnis, dass die Schacholympiade nach Sponsoren sucht. Ich und viele andere wundern uns, wie der Präsident des norwegischen Schachverbands Tag und Nacht nach Sponsoren für eine konkurrierende Veranstaltung suchen kann.


Aulin-Jansson erwiderte:

Ich denke, alles andere zu vergessen, weil wir eine Olympiade ausrichten, wäre eine noch größere Sünde. Ich glaube, dass auch zwei große Veranstaltungen nebeneinander existieren können.


Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass das stärkste Turnier des Jahres - Norway Chess 2014 - ebenfalls die Möglichkeiten für weitere Sponsorengelder einschränkt für 2014. Das ganze Gerede ist allerdings obsolet, sollte sich die norwegische Regierung entschließen in ihre Schatulle zu greifen, um einen Miniteil ihrer riesigen finanziellen Reserven abzugeben.

4) Die Schwierigkeit Schach zu vermarkten

Gewerbliche Sponsoren für Schach zu finden, war nie einfach und Nigel Freeman ist nicht der einzige, der Zweifel äußert. Jacob Lund, der für die Schacholympiade auf Sponsorensuche geht, wird von aftenposten.no folgendermaßen zitiert:

Ein Schachturnier hat wenig Ausstrahlung für Sponsoren. Es ist schwierig dieses Produkt dem Kunden näher zu bringen. Wie viele der lokalen Sponsoren der WM in Chennai sind überhaupt in Erinnerung geblieben?


5) Wahlen, Wahlen, Wahlen

Alle fünf Jahre finden in Indien Wahlen statt - eine monumentale Aufgabe mit über 800 Millionen Wahlberechtigten. Was hat das mit Schach zu tun? Nun ja, der Bundesstaat Tamil Nadu sponserte die letzte Schach-WM in Chennai und die Schachfans werden sich erinnern, dass die Eröffnungsfeier eher eine große Wahlparty für die amtierende Ministerin J. Jayalalithaa war und die Spieler fast nur als Staffage dienten. 

Die Eröffnungsfeier des Matches Anand-Carlsen 2013 fand in einem riesigen Stadion mit sehr vielen Zuschauern statt und diente der amtierenden Minisiterin im Licht der Spieler zu glänzen| Foto: Anastasiya Karlovich


The Indian Express schreibt:

Wahrscheinlich hat der Indische Schachverband, der die letzte WM organisierte, dieses Mal wegen politischer Verpflichtungen ihres Präsidenten JCD Prabhakar, der auch Mitglied der Partei AIADMK in Tamil Nadu ist, die Möglichkeit verpasst.


Staatliches Sponsoring ist unwahrscheinlich kurz vor Wahlen und das gleiche gilt auch für die Schachwelt. Dieses Jahr kämpfen Kirsan Ilyumzhinov und Garry Kasparov um den Posten des FIDE-Präsidenten und beide Seiten halten sich nicht zurück, um etwaige finanzielle Unterstützung durch ein WM-Gebot und somit indirekte Unterstützung für den Gegenkandidaten zu torpedieren. Z.B. könnte der amerikanische Milliardär Rex Sinquefield ein WM-Match sponsern, aber nicht 2014, weil er zum Team Kasparov gehört.

Der Sponsor des Matches Anand-Gelfand und aktuelle Präsident des russsischen Schachverbands Andrey Filatov überreicht Vishy Anand nach seiner Titelverteidigung ein Gemälde | Foto: moscow2012.fide.com 

Dazu passt, dass Russland dieses Mal weniger als Ausrichter in Frage kommt. Ein weiterer Milliardär, Andrei Filatov, wurde zum Präsidenten des russsichen Schachverbands gewählt, und obwohl er das Match seines Freundes Boris Gelfand gegen Viswanathan Anand 2012 sponserte, wird er wohl kaum wieder als Notnagel herhalten wollen. Es gab in den letzten Jahren einige neue Sponsoren für traditionelle Turniere, aber derzeit sieht es sogar so aus, als ob das Aljechin Memorial dieses Jahr nicht und das Tal Memorial eventuell nicht stattfinden wird. Die kriegsähnlichen Zustände in der Ukraine tun ihr Übriges.

6) Der FIDE-Faktor

Da es ein Wahljahr ist, verlor Garry Kasparov keine Zeit, um auf Twitter eine Lawine gegen seinen politischen Widersacher loszutreten.

FIDE hat es tatsächlich nie geschafft das Produkt Schach gewerblichen Sponsoren schmackhaft zu machen, aber der Ex-Weltmeister ist vielleicht zu weit gegangen. Die Webseite FIDE Not For Sale gehört zu einer Reihe von neuen anonymen Seiten, die nur dem Zweck dienen, den politischen Gegner zu diskreditieren, aber an der folgenden Aussage ist was dran:

Kasparov sagte: "FIDE hält sich nie am Fahrplan." Aber Tatsache ist, dass alle Termine in den letzten zwei Zyklen, mit Weltcup, Grand Prix, Kandidatenturnier und Weltmeisterschaften genau nach Plan stattfanden.


Der Präsident der Europäischen Schachunion und Verbündete von Kasparov, Silvio Danailov, mischt sich auch immer wieder ins Spiel ein. Er beschuldigte den Vize-Präsidenten der FIDE Georgios Makropoulos und das gesamte FIDE-Präsidium für die Tatsache, dass bislang kein Gebot aus Norwegen kam:

Die bitteren Folgen dieses politischen Streits werden in dieser Liste von Entscheidungen sichtbar, die die FIDE vierteljährlich veröffentlicht:

Den Ex-Weltmeister Garry Kasparov einstimmig für seine beleidigenden Aussagen gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee und ihrem Präsidenten Thomas Bach verurteilen. 


Egal wie man die gegenseitigen Schuldzuweisungen deutet, es ist klar, dass dieser Streit nicht förderlich ist, um Sponsoren zu finden. 

7) Keine Gebote von neutralen Standorten

New York, Paris und Dubai wurden als mögliche Ausrichter genannt, während die mysteriöse Chess News Agency (vielleicht eine weitere Seite aufgesetzt, nur um einen Gegner anonym zu attackieren) zitierte den FIDE-Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov vor dem Kandidatenturnier:

Ich habe einen exzellenten Vorschlag für die kommende Weltmeisterschaft. Es gibt seriöse Leute, die bereit sind zehn Millionen Dollar für das WM-Match auszugeben, was vier bis fünf Millionen Dollar Preisgeld bedeutet. Falls wir das arrangieren können, werden alle zufrieden sein.


Bislang hat sich aber nichts getan.

8) Die kurze Zeitspanne

Das Resultat des Kandidatenturniers 2014 war nach der 13. Runde am 29. März bekannt, während die Frist am 30. April ablief. Obwohl potentielle Interesssenten schon vorher ihre Pläne vorangetrieben haben könnten, ist ein Monat ein lächerlich geringer Zeitraum, um einen Spielort zu finden und einen Preisfonds von ca. fünf Millionen Euro aufzutreiben, insbesondere wenn gewerbliche Sponsoren mit ins Boot sollen. 

Was nun?

Magnus Carlsen soll seinen Titel schneller als jeder andere Weltmeister in den letzten 50 Jahren verteidigen | Foto: Ahmed Mukhtar, Shamkir Chess


Die "Times of India" zitiert Nigel Freeman:

Die FIDE prüft derzeit alle möglichen Optionen, inklusive einer weiteren Verlängerung der Frist oder direkte Verhandlungen mit Organisatoren aus den Heimatländern der Spieler. Diese Situation gab es in der Vergangenheit mit anderen WM-Kämpfen und es gab immer eine zufriedenstellende Lösung.


Nachdem die Frist ablief, äußerte sich der Präsident des norwegischen Schachverbands Joran Aulin-Jansson positiv:

Mal schauen, wie sich die FIDE das nächste Mal äußert. Wir haben die Idee, die WM in unserem Land auszurichten, noch nicht aufgegeben.


Eine Sache ist klar - die Zeit läuft viel zu schnell ab, falls das Match wie geplant im November 2014 stattfinden soll.

Siehe auch:


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