Meinung 11.08.2014 | 23:52von IM Georgios Souleidis

Kasparovs schlimmste Niederlage

Zeitgleich zur 9. Runde der Schacholympiade fand die FIDE-Präsidentschaftswahl statt. Garry Kasparov trat an, um Kirsan Ilyumzhinov zu beerben. Was als weiterer Höhepunkt in seiner glorreichen Karriere angedacht war, endete für Garry in einem Desaster.

Ein persönlicher Rückblick von Georgios Souleidis

Es begann am Sonntag den 10. August, spät abends, mit dem Gedanken, ob ich am darauffolgenden Tag die Generalversammlung des 85. FIDE-Kongresses besuchen sollte. Nach einem langen Arbeitstag stand ausschlafen ganz oben auf der Prioritätsliste, doch ich hätte es mir nicht verziehen, in einer wohligen norwegischen Matratze zu liegen, wenn woanders Schachgeschichte geschrieben wird.

Beim Frühstück lief ich Leontxo Garcia über den Weg und erkundigte mich, wie er zum Ort des Geschehens gelangen wolle - natürlich mit dem hinterlistigen Gedanken ihm zu folgen. Dass ich überhaupt in so eine Bredouille geraten war, lag an der unbefriedigenden Informationspolitik seitens aller möglichen Personen, die eigentlich Bescheid hätten wissen müssen.

Leontxo arbeitet u.a. für die renommierte spanische Tageszeitung "El Pais" | Foto: Georgios Souleidis

Am Vorabend war es für mich nicht auszumachen, ob Journalisten die gleichen Busse benutzen dürfen wie die Delegierten. Die Wahl fand nämlich in der Universität statt, die etwas außerhalb des Stadtzentrums, in dem fast alle untergebracht sind, liegt. Genaue Auskünfte hätten mir z.B. erspart, den jungen Rezeptionisten um 1.00 morgens nach Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln auszufragen.

Ok, ich hatte Glück, denn natürlich durfte ich, mit der für Mitarbeiter der Organisation ausgestatteten Superbadge, einen der zur Uni fahrenden Busse benutzen. Ich kam zwar - wie viele weitere Personen - etwas spät an, doch kein Beinbruch. Ich hatte nur Hymnen - ja die FIDE hat eine eigene Hymne und Norwegen sowieso - und die offizielle Begrüßung verpasst.

Da vorne sitzen die Leute, die Garry Kasparov mit seinem Team gedachte abzulösen | Foto: Georgios Souleidis

Hmm, warum hatte ich mich auf dieses kleine Abenteuer eingelassen? Klar, ich könnte schachjournalistische Pflicht ins Feld führen, aber das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Vielmehr reizte mich die Versammlung, weil es im Vorfeld nach einem engen Rennen zwischen den Kandidaten aussah - wer, wenn nicht Kasparov, könnte am Status Quo der FIDE etwas ändern? - und insbesondere weil mir viele Personen weismachen wollten, dass es superheiß hergehen werde, dass die Fetzen fliegen werden, dass die Lager sich anschreien werden, dass die überbezahlten Anwälte mit Klagen drohen werden...Offensichtlich wollte ich dabei sein, um auch ein wenig Spaß zu haben und ganz wichtig: Ich wollte mir ein eigenes Bild machen!

Ich mach es kurz: Es war eine langweilige Veranstaltung. Die Wahl war schon im Vorfeld entschieden und der FIDE-Kongreß nur der Rahmen für den letzten Akt.

Klar, vor Ort gab sich Kasparov kämpferisch und sein Team betont optimistisch - offensichtlich der letzte Atemzug, mit dem man eventuelle Wackelkandidaten zu sich herbeireden wollte - aber spätestens beim ersten Applausregen der unterschiedlichen Lager wurde deutlich: Hoppla, hier herrscht aber eine enorme Dysbalance:

60-40 war zu Beginn realistisch, doch das Ungleichgewicht veränderte sich zugunsten Kirsans Lager, je länger der Tag dauerte - man munkelt, dass sich darunter viele heißblütige Südamerikaner befanden, die ihre Hände beinahe wund klatschten. 

Ich will mich und euch mit Details wie die Vergabe von Proxy-Stimmen - Weitergabe der eigenen Stimme an einen anderen Delegierten wegen Nichtanwesenheit - oder innerafrikanischen Hahnenkämpfen verschonen. Das Endergebnis von 110 zu 61 zugunsten von Kirsan Ilyumzhinov ist zu deutlich. Da nutzte es auch nicht, dass Garry Kasparov wortgewaltige Fürsprecher wie NIgel Short in seinen Reihen hatte, es nutzte auch nicht, dass er mit Rex Sinquefields Scheckbuch winkte und nach dem Tag der Wahl mit einer Finanzspritze von 10 MIllionen Dollar frohlockte.

Kirsan am Rednerpult mit seinem Team | Foto: Georgios Souleidis

Kirsan trat ans Pult und übertrumpfte den 13. Schachweltmeister einfach:

Garry möchte morgen 10 Millionen Dollar in die FIDE investieren. Ich garantiere der FIDE 20 Millionen Dollar und das heute!

Und da der alte und neue Präsident in Geberlaune war, versprach er gleich hinterher:

Ich bin bereit, 500.000 Dollar in die FIDE FIRST AFRICA FOUNDATION zu investieren. Und Nigel Short soll den Vorsitz übernehmen! Außerdem bin ich bereit, sofort 100.000 Dollar an die Kasparov Chess Foundation zu überweisen.

Danach gab es unter seinen Anhängern kein Halten mehr.

Darüber hinaus: Keine Tumulte, keine Drohungen, kein Eklat...110-61, ich wiederhole mich, ist einfach zu deutlich. Was hängen bleibt, ist für mich dieses Bild:

Ob das Anrennen gegen Kramniks Berliner Mauer so schmerzhaft war wie die Momente nach der verlorenen FIDE-Präsidentschaftswahl? | Foto: Georgios Souleidis

PS: Es war trotzdem ein schöner Tag. In der Mittagspause genoß ich die Sonne mit diesem wirklich überaus sympathischen Kollegen, der allerdings für die völlig falsche Webseite arbeitet...

...und während der langanhaltenden Wahlprozedur lernte ich eine nette Kollegin aus Kenia kennen, mit der ich mich u.a. über Schach in Afrika unterhielt.

Also, hat sich doch gelohnt der Ausflug!


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