Allgemein 02.09.2019 | 12:59von Colin McGourty

Kasparov feiert beim Chess960 gegen Caruana sein Comeback

Der dreizehnte Weltmeister Garry Kasparov tritt beim Champions Showdown: Chess 9LX, der heute in Saint Louis beginnt, zu einem Schnellschach- und Blitzmatch gegen Fabiano Caruana an. Außerdem finden drei weitere Wettkämpfe statt – Wesley So gegen Veselin Topalov, Leinier Dominguez gegen Peter Svidler und Hikaru Nakamura gegen Levon Aronian. Wir werfen einen Blick auf die vier Matches, die 20 Partien umfassen und bei denen es um ein Preisgeld von $200.000 geht.

Garry Kasparov und Fabiano Caruana trafen schon bei Ultimate Moves aufeinander | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

I: Garry Kasparov ist zurück!

Natürlich ist die Rückkehr von Garry Kasparov das beherrschende Thema. Es gibt wenig Schöneres beim Schach, als wenn einer der besten Spieler aller Zeiten ans Brett zurückkehrt – allerdings nicht zum ersten Mal:

  1. 2015, also zehn Jahre nach seinem Rückzug vom Profischach, überredete Rex Sinquefield ihn zu einem Rematch gegen Nigel Short. Dabei demontierte der Ex-Weltmeister seinen Gegner mit 8,5:1,5. 
  2. 2016 forderte Kasparov nach der US-Meisterschaft Nakamura, So und Caruana bei einem Blitzturnier heraus. Dabei belegte er 1,5 Punkte hinter Nakamura und einen halben Punkt hinter So den 3. Platz, hatte aber 4 Punkte mehr auf dem Konto als Fabiano Caruana!
  3. 2017 nahm Kasparov am St. Louis Rapid & Blitz teil und wurde Achter. Er landete vor Anand und Nakamura und nur einen halben Punkt hinter dem Fünften Caruana.
  4. 2018 wurde dann Chess960 gespielt, und Kasparov unterlag Veselin Topalov:


Man kann Kasparov nicht vorwerfen, dass er schwierigen Aufgaben aus dem Weg ginge, denn dieses Jahr fordert er die Nummer 2 der Welt Fabiano Caruana heraus. Während des Sinquefield Cup fragte Yasser Seirawan ihn ziemlich unumwunden, ob er das für eine gute Idee halte! Die Antwort lautete:

Ja, schau, es ist kein normales Turnierschach, sondern Chess960, und am Ende des Tages geht es um den Spaß. Den werden wir sicher haben, und außerdem muss ich sagen, dass Fabi definitiv nicht sein bestes Turnier spielt.

Natürlich kann man auch so viele Jahre nach seinem Rückzug nur schwer oder gar nicht glauben, dass Garry etwas ausschließlich aus Spaß an der Freude macht. Seine ärgerliche Reaktion, als er glaubte, das gegnerische Team habe gegen Ende der ersten Ultimate Moves-Partie betrogen, zeigt, dass es eben nicht nur um den Spaß ging. Und falls sein Killerinstinkt nicht ausreicht, dürfte ihm Fabiano Caruanas Witzelei im Vorfeld der Ultimate Moves den entscheidenden Schub gegeben haben!

Ich will Garry nur eine grobe Ahnung vermitteln, was nächste Woche auf ihn zukommt!

Hier die Bilder von den Ultimate Moves:

II. Was bedeutet der Name?

Wie man sieht, heißt das Turnier nicht mehr einfach “Chess960”, sondern hat einen neuen Namen und ein neues Logo bekommen!


Der Name Chess 9LX klingt tatsächlich verwirrend, da er eine Mischung aus römischen und arabischen Zahlen enthält. L = 50 und X = 10 ergeben zusammen 60. Das sieht schön aus, aber natürlich stellt sich die Frage, ob es nach den beiden bereits vorhandenen Bezeichnungen Chess960 und Fischer Random Chess eine dritte gebraucht hätte. Und natürlich hätte man die Sache auch anders lösen können. Wir haben eine Umfrage gestartet: 

"Welchen Untertitel für den anstehenden Champions Showdown findet ihr am besten?"

Anish Giri: "Was stimmt bei euch nicht, ChessXXIV?"

Auf jeden Fall bezieht sich die Zahl 960 auf die 960 möglichen Ausgangsstellungen, bei denen die Figuren auf der Grundreihe zufällig durcheinandergemischt werden. Mit der Eröffnungstheorie kann man da wenig anfangen, was auch Kasparov so sieht:

Ich komme immer wieder gern nach St. Louis, um Schach zu spielen, und beim Chess960 muss ich mein Gedächtnis nicht mit irgendwelchen Partien aus den Achtzigern quälen.  


III: Ein vertrautes Format

Das Format ist mit dem des Vorjahrs identisch. Die Spieler treten zu sechs Schnellpartien mit 30 Minuten + 10 Sekunden Verzögerung an und tragen anschließend 14 Blitzpartien mit 5 Minuten + 5 Sekunden Verzögerung aus. An den ersten drei Turniertagen wird jeweils zu Beginn eine neue Stellung ausgelost, mit der die Spieler erst zwei Schnell- und dann zwei Blitzpartien austragen. Am vierten Tag werden acht Blitzpartien gespielt, wobei nach vieren eine neue Stellung ausgelost wird.

Nun ja, ein paar Figuren stehen nicht am normalen Ort... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wie 2018 haben die Spieler eine Stunde, um die neue Stellung zu analysieren (bzw. eine halbe Stunde am Schlusstag). Werden Kasparov und Svidler wieder zusammen analysieren und sich dabei die falsche Stellung anschauen, wie im Vorjahr?

IV: Svidler und unvertraute Stellungen

Peter Svidler gewann zwischen 2003 und 2005 dreimal die Chess960-WM in Mainz und trifft in Saint Louis auf den Neu-Amerikaner Leinier Dominguez. In Jennifer Shahades Poker-Podcast The Grid kam zur Sprache, wo Svidlers besonderes Talent für diese Variante liegt:

Jennifer: Welchen Anteil deines Erfolges schreibst du diesem fotografischen Gedächtnis zu?

Peter: Einen gewissen, aber um ehrlich zu sein keinen allzu großen. Die Frage, warum ich gut bin, wenn das überhaupt so ist, war für mich nie vorrangig. Festgestellt habe ich irgendwann, dass ich über enorme praktische Qualitäten verfüge. Das traue ich mich durchaus zu sagen, und wenn ich etwas Gutes über mich sage, bedeutet das, dass ich wirklich davon überzeugt bin. Also, ich verfüge wirklich über enorme praktische Qualitäten. Ich sehe die wichtigen Wendepunkte in der Partie – natürlich gibt es in einer Schachpartie extrem viele Entscheidungen, bei denen es vermutlich eine mathematisch korrekte Lösung  gibt, aber ihr Wert ist nicht sehr groß. Die beste Zug führt vielleicht zu +0,60, also einer leicht besseren Stellung, und der zweitbeste Zug führt zu +0,50, womit man nicht allzu viel herschenkt, wenn man den besten Zug nicht findet. Es gibt aber Wendepunkte, zwar nicht in jeder Partie, aber in den meisten, und dann ist es wichtig, dass man erkennt, dass der nächste Zug entscheidenden Charakter hat, und seine ganze Energie darin investiert.

Ich habe ein recht gutes Verständnis, was Initiative betrifft, mit ihr bin ich ein sehr guter Spieler, aber ich denke, meine wichtigsten Fähigkeiten haben mehr damit zu tun, die Herausforderungen zu bewältigen, nachdem eine Partie erst einmal begonnen hat. Gedächtnis hat mehr mit Vorbereitung zu tun (…) Mein Gefühl war immer, dass es für mich in Ordnung ist, wenn ich nach 15 Zügen in einer Stellung lande, in der ich und mein Gegner keine Ahnung haben. Damit habe ich überhaupt kein Problem! 

Ein anderer Spieler mit dieser Fähigkeit ist natürlich Magnus Carlsen:

Peter: Wenn ich sage, dass ich mich in einer völlig unbekannten Stellung wohlfühle, sofern das auch für meinen Gegner gilt, trifft dies für Magnus ungleich mehr zu. Er glaubt dasselbe wie ich, aber er kann beweisen, dass es stimmt, denn die Ergebnisse zeigen das. Er glaubt, dass er besser als alle anderen Schachspieler auf der Welt ist, wenn man ohne Theorie einfach Schach spielt. 

Hier für alle Interessenten der gesamte Podcast!

V: Aronian über Chess960

Svidlers Nachfolger auf dem Chess960-Thron war Levon Aronian, der in Mainz 2006 und 2007 siegte, ehe sich mit Hikaru Nakamura sein Gegner in St.Louis den Titel schnappte. Dieses Match könnte eine enge Kiste werden, nachdem beide Kontrahenten im Vorjahr ihr Match gewannen und Nakamura bei der „inoffiziellen WM“ in Norwegen gegen Magnus Carlsen 10:14 verlor.

Levon Aronian kiebitzte mit einigen anderen bei den Ultimate Moves | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Levon ist vermutlich einer der größten Verfechter von Chess960, was seine Antworten illustrieren, die er Alejandro Ramirez während der 11.Runde des Sinquefield Cup gab:

Alejandro: Ist Chess960 besser als normales Schach?

Levon: 100%!

100%?

Absolut! Es ist das viel bessere Spiel.

Findest du, es sollten mehr Turniere auf der Tour angeboten werden?

Ich wäre begeistert, wenn es mehr Chess960 geben würde. Mir ist klar, was die Leute über Harmonie denken, aber was die meisten nicht verstehen und akzeptieren, ist, dass der Großteil dieser Harmonie von den früheren Generationen und den Computern stammt. Nimmt man ein anderes Computerprogramm, sieht diese Harmonie schon wieder ganz anders aus.

Ich halte chess960 für die deutlich reichere Variante, aber der Amateur hat zu ihr keinen Zugang.

Ist es schwieriger zu erlernen?

Vor langer Zeit, noch bevor ich Chess960 kannte, las ich ein Buch von Hermann Hesse (Anm. d. Ü.: Das Glasperlenspiel), wo er das Schachspiel als eine Mischung aus Musik, Mathematik, Schach und Literatur beschreibt. Beim Glasperlenspiel handelt es um ein erfundenes Spiel, und das ist für mich auch Chess960. Es ist die Kombination aus Harmonie und Atonalität, wenn ich diesen Begriff aus der Musik verwenden darf, die es so perfekt macht. Ich wüsste nicht, warum es nicht mehr Turniere davon geben sollte!

VI: Zwei weitere Sieger treffen aufeinander

Am schwierigsten ist vermutlich der Ausgang des Duells So-Topalov zu prognostizieren, da die beiden im Vorjahr ebenfalls ihre Matches gewannen (So schlug Giri, und Topalov wie erwähnt Kasparov). Wesley So wird seine Schmach vom Sinquefield Cup tilgen wollen, während Topalovs Form nach seinem Teilrückzug immer schwer vorherzusagen ist.

Wesley So muss gegen Veselin Topalov ran | Crystal Fuller, Grand Chess Tour 

VII: Die Vorboten des Weltcup

Ein Problem haben Topalov, Caruana und Kasparov nicht, denn sie nehmen nicht am Weltcup 2019 teil, der in einer Woche in Khanty-Mansiysk beginnt. Peter Svidler beschrieb seinen Terminkalender nach seiner Abreise aus St. Louis am Freitag so:

Ich werde heimfliegen, wieder packen, eine halbe Nacht schlafen und danach nach Khanty reisen, um am Weltcup teilzunehmen.

Wesley So gab uns einen Vorgeschmack, auf das, was kommt:

"Einer der Favoriten des Weltcups 2019, Wesley So, meint, es sei unmöglich, den Sieger vorherzusagen. 'Letztes Mal ist sogar Magnus ausgeschieden.' Wie sind eure Prognosen?"

Hier die Paarungen, der Spieler, die beim Chess960 dabei sin!

  • Leinier Dominguez gegen Alder Escobar Forero (R1), Kacper Piorun (R2), Wang Hao (R3)
  • Wesley So gegen Sergio Duran Vega (R1), Anton Demchenko (R2), Vidit (R3)
  • Hikaru Nakamura gegen Bilel Bellahcene (R1), Liviu-Dieter Nisipeanu (R2), Peter Svidler (R3)
  • Peter Svidler gegen Carlos Albornoz Cabrera (R1), Ruslan Ponomariov (R2), Hikaru Nakamura (R3)
  • Levon Aronian gegen Essam El Gindy (R1), Parham Maghsoodloo (R2), Maxim Matlakov (R3)

Natürlich könnt ihr alle Partien des Weltcups live auf chess24 verfolgen (und hier schon alle Paarungen anschauen), aber davor kommt noch der Champions Showdown: Chess9LX! Erneut werden Jennifer Shahade, Yasser Seirawan und Maurice Ashley ab 19:50 Uhr jeden Tag live aus St. Louis berichten. Das alles gibt es live auf chess24.

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