Berichte 17.03.2016 | 08:34von Colin McGourty

Kandidatenturnier, Runde 5: Aronians verhinderte Glanzpartie

“Das kommt dabei raus, wenn man seinem Bauchgefühl nicht vertraut!” So lautete Levon Aronians Urteil, nachdem er einen wunderschönen – und korrekten! – Mattangriff gezeigt hatte, zu dem er sich am Brett nicht durchringen konnte. Fabiano Caruana saß auf der anderen Seite des Bretts und konnte nach der Partie erleichtert sein. Erstmals gab es in Runde 5 keine entschiedene Partie, aber nur bei Anand-Nakamura konnte man von einem ruhigen Remis sprechen. Schauen wir uns die ereignisreiche 5.Runde noch einmal genauer an!

Aronian nahm es mit Humor: "Das ist nicht mein Stil - ich setze gern mit Figuren Matt, nicht mit Bauern!" | Foto: World Chess

Kandidatenturnier in Moskau, Ergebnisse der 5.Runde

Beginnen wir mit der Partie der Runde:

Aronian ½-½ Caruana

Levon hätte um ein Haar seinen Triumph gegen Caruana vom Sinquefield Cup 2015 wiederholt | Foto: World Chess

Wenn man ehrlich ist, verlaufen die Pressekonferenzen in Moskau nicht sonderlich unterhaltsam, aber Aronian-Caruana war eine Ausnahme! Von Beginn an zeigten sich die beiden Spieler in glänzender Laune:

Caruana: Ich will schon lange Benoni spielen, aber niemand hat mich gelassen…

Aronian: Mit mir hast du einen Partner! Du kannst immer Benoni gegen mich spielen.

Aufgrund seines zweifelhaften Rufs war es durchaus überraschend, dass Benoni zu einem so frühen Zeitpunkt des Kandidatenturniers aufs Brett kam. Offenbar führte die Eröffnung dazu, dass beide Spieler es recht locker nahmen:

Aronian: Die Gäule gingen mit mir durch. Ich beschloss, dass es an der Zeit sei, meinen Gegner mattzusetzen!

Caruana: Das löse ich in dir raus, richtig?!

Richtig toll wurde die Pressekonferenz aber nicht durch die Witze, sondern weil Levon eine Variante zeigte, die tatsächlich zum Matt geführt hätte, wenn Caruana der ersten Empfehlung des Computers gefolgt wäre!

Aronian: "Siehst du, ich habe dich mattgesetzt, mein Freund!"  Mit unserer Software, die wir bei der Live-Übertragung benutzen, könnt ihr nachvollziehen, wie sich die Einschätzung des Computers allmählich ändert.

Die ganze Pressekonferenz gibt es hier:

Damit aber nicht genug! Jan Gustafsson hat die Partie für euch gründlich analysiert:

Erholen wir uns von diesem Aufreger mit der ereignislosesten Partie des Tages:

Anand  ½-½ Nakamura

Beide Spieler mussten in Moskau schon Rückschläge einstecken, aber das Turnier ist lang!| Foto: World Chess

Hikaru Nakamura spielte die Berliner Verteidigung, Vishy Anand antwortete mit Anti-Berlin (4.d3), mehrere Figuren wurden abgetauscht, und obwohl es kurz so aussah, als hätte Vishy wegen der besseren Bauernstruktur Vorteil, verflachte die Partie sofort. Die Spieler fassten das Geschehen so zusamnmen: „Wir spielten 30 Züge, die schon einmal gemacht wurden – eine bequeme Angelegenheit!“

Mehr erfahrt ihr in der Pressekonferenz:

Dafür waren die beiden restlichen Partien wieder sehr kompliziert.

Topalov ½-½ Karjakin

Sergey Karjakin trat zu dieser Partie als Führender an, während Veselin Topalov in fast jeder Partie mit dem Rücken zur Wand stand, doch sollte man den ehemaligen Weltmeister auf gar keinen Fall unterschätzen!   

Topalov übernahm direkt das Kommando | Foto: World Chess

Topalov erwies sich als sehr gut vorbereitet und brachte mit 11.Tb1 direkt eine Neuerung, mit der er von Giris 11.Se5 gegen Karjakin in Runde 3 abwich. Veselin hielt Sergeys Reaktion 11…c5!? für einen schwächeren Zug, war dann aber beeindruckt von 13…Ld6 (nachdem der Läufer bei seiner Reise schon auf b4 und e7 gelandet war):


In dieser Stellung trugen sich merkwürdige Dinge zu. Topalov ist berühmt für sein scharfes auf Taktik angelegtes Spiel, doch hier versäumte er (wie in Runde 1 gegen Anand) die Chance, ein Opferspiel mit entweder 16.Sxd5!? Lxd5 17.Sxf7 (er meinte, die würde mit dem Turm auf b2 nicht funktionieren) oder dem direkten 16.Sxf7!? zu beginnen. Keiner dieser Züge ist so stark wie der Einschlag auf f2, den er gegen Anand versäumte, aber die entstehenden Stellungen hätten seinem Stil entsprochen. Stattdessen spielte er das ruhige 16.Sd3, obwohl der Begriff “ruhig” die folgenden Ereignisse kaum zutreffend beschreibt.

"Das Ende der Welt muss nahe sein. Topalov spielte das ruhige 16.Sd3 und verzichtete auf taktische Möglichkeiten...! 

Erst verliert Baden-Baden einen Bundesligawettkampf, und dann auch noch das...

Karjakin meinte hinterher, “es war schwer zu begreifen, was los war”, doch nach dem Damentausch konnte der Schwarze definitiv aufatmen.

Hier die Pressekonferenz mit den Gedanken der Spieler zu dieser Partie:

Giri ½-½ Svidler

Kurz vor dem Ende der Pressekonferenz meinte Anish Giri: “Ich bin sehr stolz. Peter wollte kein Grünfeld spielen, und ich habe ihn dazu gebracht!“ Svidler war etwas überrascht, dass sein Gegner ihn förmlich zu seiner Spezialeröffnung zwang, empfand dies aber letztlich als „eine Art Kompliment“. Anish erklärte seine Entscheidung damit, dass er Peters Vorbereitung umgehen wollte, nachdem er im Interview mit Kramnik gelesen hatte, dass dieser Svidler für den am besten vorbereiteten Spieler beim Kandidatenturnier in London hielt. 

Giri und Svidler sorgten für die erste Grünfeld-Partie  | Foto: World Chess

Die Partie stand unter dem Zeichen gegenseitigen Respekts, wobei Svidler sich mehr als 11 Minuten Zeit nahm, um mit 7…a5 einen Zug zu finden, den Giri womöglich nicht vorbereitet hatte. Dieser Zug kam schon einmal bei Tregubov-Svidler im Jahr 2004 vor! Es entwickelte sich eine Partie mit einem kuriosen Austausch von Ungenauigkeiten, die auf diesem Niveau durchaus zum Partieverlust führen können. Erst spielte Svidler 13…Lf5?! (13…Be6!):


Das provozierte förmlich das starke 14.e4! (Svidler: “Ich habe alle deine Figuren entwickelt!”). Zwei Züge später wurde Svidler von einem Turmzug überrascht, den er übersehen hatte, und landete nach seiner passiven Entgegnung in einer gefährlichen Stellung. Sein Kommentar:

Ich geriet ein wenig ins Schlingern, weil ich nicht glauben konnte, was ich aus meiner Stellung gemacht hatte. Einige Züge lang spielte ich nicht optimal.

Dennoch blieb die schwarze Stellung robust, und als Svidler zu e5 kam, sah die Sache schon wieder besser aus. Im höheren Sinne war die Partie nach dem 23.Zug vorbei:


Hier musste Weiß auf a4 schlagen, während Giri das gespielte 23.Lf4? direkt bereute:

Direkt nach der Ausführung sah ich 23…Ld7!, das absolut verheerend ist!

Auf einmal steht eher Schwarz besser, doch sieben Züge später endete die Partie mit Zugwiederholung. Beide Spieler haben nun fünf Remis auf dem Konto, haben es aber durchaus schon versucht, eine Partie zu gewinnen.

Hier die Pressekonferenz:

Damit ist ein Drittel des Kandidatenturniers absolviert. Sergey Karjakin führt weiterhin vor Levon Aronian, aber nur Veselin Topalov ist abgeschlagen:

Heute geht es mit unserer Live-Übertragung von Runde 6 ab 13:00 weiter.  Caruana-Karjakin und Aronian-Nakamura sind vermutlich die interessantesten Duelle des Tages.

Ihr könnt alle Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:  

         

Weitere Links:


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