Berichte 16.03.2016 | 10:33von Colin McGourty

Kandidatenturnier, Runde 4: Karjakin schlägt Anand

Sergey Karjakin hat mit seinem ersten Sieg in einer klassischen Partie gegen Vishy Anand die Führung beim Kandidatenturnier 2016 übernommen. Auch dieses Mal endeten die anderen drei Partien remis, wobei Fabiano Caruana den scheinbar sicheren Sieg gegen Veselin Topalov vergab und hinterher seinen 41. Zug als „Hallizunation“ bezeichnete. Levon Aronian ist damit alleiniger Zweiter, nachdem er gegen Peter Svidler eine unangenehme Stellung erfolgreich verteidigen konnte.

Sergey Karjakin hat zweimal das Norway Chess-Supergroßmeister vor Magnus Carlsen gewonnen und hat nun die besten Chancen gegen den amtierenden Weltmeister in New York anzutreten  | Foto: World Chess

Kandidatenturnier in Moskau, Ergebnisse der 4. Runde

Oberflächlich betrachtet, war die erste beendete Partie der 4.Runde ein spektakulärere Kampf. 

Nakamura ½-½ Giri

Wie so oft auf höchstem Niveau handelte es sich aber weniger um eine veritable Partie, als um einen Test, wie gut der Gegner seine Hausaufgaben bei der Eröffnungsvorbereitung gemacht hat.   

Anish Giri in der Eröffnung auf dem falschen Fuß zu erwischen, ist keine leichte Aufgabe | Foto: World Chess

Hikaru wählte ein Abspiel der Slawischen Verteidigung, mit der Giri schon selbst Alexei Shirov geschlagen hatte. Er erklärte seine Wahl so:

Ich ging schon davon aus, dass er gut vorbereitet sein würde, wie in jeder Eröffnung muss du dich gut vorbereiten und hoffen, dass dein Gegner nicht die beste Fortsetzung kennt. Hat er alles bis ins Detail vorbereitet, erreicht man gar nichts. 

Nach 20…Ld4! war die Stellung laut Nakamura schon ausgeglichen, und seine letzte Hoffnung war dann 24.f5:


Nakamura:

Im Grunde war der ganze Witz an der Variante, dass ich auf einen Trick im 24.Zug spielte und darauf hoffte, Anish würde vielleicht 24…Lg7 spielen. Der Zug sieht ziemlich menschlich aus, wenn man sich die Stellung vorher nicht angesehen hat, ist wegen 25.fxg6 fxg6 26.Tf7+ Kxh6 27.Taf1 aber nicht korrekt.

Selbst diese Stellung wäre womöglich zu halten, aber in der Partie spielte Giri 24…c5! und obwohl die Stellung nach 25.fxg6+ Kxg6 26.Sxf7 sehr gut für Schwarz aussieht, war wenige Züge später durch Zugwiederholung alles vorbei.

Das Team Giri - Sopiko Guramishvili und Vladimir Tukmakov - müssen sich bislang keine Sorgen machen | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Vier Remis damit für Giri, während Nakamura sich nach seiner Niederlage in Runde 2 Sergey Karjakin stabilisiert hat. Hier die komplette Pressekonferenz:  

Das andere logische Remis, bei dem beide Spieler ihre Hausaufgaben erledigt hatten, bescherte Levon Aronian den alleinigen zweiten Platz.

Svidler ½-½ Aronian

Während seiner Tätigkeit als Live-Kommentator für chess24 beim Bilbao Masters 2015 verfolgte Peter Svidler eine unglaubliche Partie, in der Vishy Anand bereits im 10.Zug gegen Anish Giri auf Verlust stand. Damals erklärte er, dass Anand einen Zug vorher mit dem schwarzen Springer vier verschiedene Bauern schlagen konnte.

Alles über die Bilbao Masters erfahrt ihr hier

Vishy entschied sich mit 9…dxe5 für keine der vier Möglichkeiten. Wie sich herausstellte, hatte ihn sein Instinkt nicht getrogen, aber der korrekte Zug war 9…Sc5!, den Levon Aronian auch spielte und damit die Beweispflicht an Peter zurückgab.

Nachdem Karjakin seine Partie gegen Anand gewann, liegt Aronian auf dem alleinigen 2.Platz | photo: World Chess

Apropos Eröffnungsvorbereitung. In einem Interview zog Vladimir Kramnik einen interessanten Schluss aus dem Kandidatenturnier in London:

Es mag merkwürdig klingen, aber ich glaube, Svidler war der Spieler, der in der Eröffnung am besten abschnitt. Er war zwar nicht besser vorbereitet als die anderen, aber alle seine präparierten Ideen kamen aufs Brett! Und das hielt auch einer sorgfältigen Prüfung Stand – schaut man sich nur die Stellungen nach der Eröffnung an, war er der Beste, die Nummer 1.

Dieser Trend scheint sich in Moskau fortzusetzen, denn Svidler beeindruckte zunächst Nakamura in Runde 3 damit, dass er eine Nebenvariante bis zum 25.Zug vorbereitet hatte, und nun bekam er auch noch eine Stellung gegen Aronian aufs Brett, die er bis zum 17. oder 18.Zug zu Hause auf dem Brett (oder dem Bildschirm) hatte. 


Eine kuriose Stellung mit vier c-Bauern und einem Mehrbauern von Schwarz, der aber durch den Entwicklungsvorsprung des Weißen und dessen mächtige Läufer aufgewogen wird. An dieser Stelle jedoch sah Svidler seine Vorbereitung kritisch:

Ich hatte diese Stellung bei der Analyse mit meinen Sekundanten auf dem Brett, und es wäre vermutlich sinnvoller gewesen, sie sich genauer anzuschauen … der Computer hält sie für ausgeglichen und meint, es wäre egal, was man spielt … Ab dieser Stelle wollte ich am Brett die besten Züge finden, was ziemlich dumm ist, wenn man bedenkt, dass ich wusste, dass diese Variante vermutlich aufs Brett kommen würde.

Aronian hielt sich für genauso „dumm“, wobei beide Spieler sich einig waren, dass Schwarz nach19.Ld6 Sb6 das Schlimmste überstanden hatte. Stattdessen gab es die interessante Möglichkeit 19.Te1 (um den Springer vom Feld b6 wegzulocken) 19…Sf6 20.Tb1!, wonach der Druck auf dem Damenflügel enorm ist. In der Partie gab Levon zwei Bauern, um seine Figuren zu befreien und hielt das anschließende Turmendspiel mit Minusbauer leicht remis.

Hier die Pressekonferenz mit den beiden Spielern::

Die beiden anderen Partien des Tages hätten normal einen Sieger haben müssen.

Caruana ½-½ Topalov

Diese Partie wäre in der 13. oder 14.Runde, in der müde Krieger dem enormen Druck nicht mehr standhalten können, vielleicht halbwegs normal gewesen, aber in Runde 4 direkt nach dem Ruhetag ist sie schwer zu erklären. Zunächst unterlief Topalov ein herber Überseher, der normalerweise zu seiner dritten Niederlage hätte führen müssen. Doch dann revanchierte sich Caruana mit einem Zug, der beste Chancen hat, auch am Ende zur Goldenen Zitrone des gesamten Kandidatenturniers gekürt zu werden. Vielleicht war ihm schlicht eingefallen, dass Veselin seinen 41.Geburtstag feierte!

Topalov teilt sein Glück mit seinem Manager Silvio Danailov | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Jan Gustafsson hat diese überaus merkwürdige Partie für euch analysiert:


Und das meinten die Spieler:

Und damit kommen wir zur Sensation des Tages.

Karjakin 1-0 Anand

Nach Vishy Anands Sieg in der 1.Runde sah es so aus, als könnte er seine ausgezeichnete Leistung vom Kandidatenturnier 2014 in Khanty-Mansiysk wiederholen, wo das indische Schachgenie mit +3 ohne Niederlage den Sieg errang. Nach dieser Partie kann er zwar das Turnier noch gewinnen, aber es wird schwer! 

Karjakin kam einem Sieg gegen Anand  schon beim letzten Kandidatenturnier sehr nahe - dieses Mal hat es geklappt! | Foto: World Chess

Die kritischen Momente der Partie kamen in diesem Fall schon sehr früh aufs Brett – Karjakin ließ die Neuerung 9.h4! vom Stapel, worauf Vishys 10…f5 bereits fragwürdig aussah, er aber erst im 12.Zug eine verhängnisvolle Entscheidung traf:


Anands einziger Kommentar in der Pressekonferenz war:

12…exd5 hätte ich nicht spielen sollen. Ich habe 12…Dxd5! gesehen, machte mir aber wegen 13.Lc4 einige Sorgen. Ich glaube, dass ich nach 12…exd5 einfach eine strategisch ungünstige Stellung habe.

Der Ex-Weltmeister landete in einer Stellung mit hängenden Bauern, während Karjakin klar war, dass die Partie sich zu seinem Gunsten entwickelte, als Anand sich mit 18…La6 und dem Abtausch der Läufer zu völlig passiver Verteidigung entschloss:


Karjakin drückte es so aus:

Dies ist vermutlich die entscheidende Stellung, aber nicht weil Schwarz verloren ist, sondern weil die Stellung nach 18…La6 sehr leicht für Weiß zu spielen ist. Ich befürchtete einen Abwartezug wie 18…Kh8.

Passive Verteidigung war noch nie Vishys Stärke, während Karjakins Technik längst bekannt ist und für den logischen Ausgang der Partie sorgte. Im 43.Zug gab Anand auf, kurz bevor der Bauern auf d5 fiel:


"Glückwunsch an Sergey Karjakin für seinen ersten Sieg in einer klassischen Partie gegen Vishy Anand."

Bei der Pressekonferenz ging es offenbar darum, kein weiteres Salz in Anands Wunden zu streuen, denn es gab nur eine kurze, rein schachliche Analyse des Geschehens zu bestaunen:

Der Ausgang dieser Partie sorgte für einen denkwürdigen Moment (das betrifft aber auch Harikrishnas unfassbaren Aufstieg – nächsten Monat wird er beim Norway Chess gegen die besten Spieler der Welt antreten):

"Nach seiner Niederlage gegen Karjakin ist Anand nicht mehr die indische Nummer 1 in der Live-Eloliste!"

In Khanty-Mansiysk lag Sergey Karjakin nach der ersten Turnierhälfte bei -2, ehe er nach einem starken Auftritt in der zweiten Turnierhälfte mit +3 noch den zweiten Platz in der Gesamtwertung belegte. Dieses Mal hat er sich bereits in die beste Ausgangsposition gebracht und seine Rivalen – vor allem Spieler wie Nakamura und Caruana – schon früh in Zugzwang gebracht.

In Runde 5 hat Karjakin gegen einen wackligen Topalov durchaus eine Chance auf einen weiteren vollen Punkt, während die Partien Anand-Nakamura und Aronian-Caruana auf jeden Fall tolles Schach versprechen! Weiter geht es schon am heutigen Mittwoch, wie immer beginnen die Partien um 13:00.

Ihr könnt alle Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:       

         

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