Berichte 15.03.2018 | 14:25von Colin McGourty

Kandidatenturnier Berlin, R4: Caruana nach dramatischer Partie in Führung

Fabiano Caruana hat beim Kandidatenturnier 2018 die Führung übernommen. Der Amerikaner schlug in einer Partie mit vielen Höhen und Tiefen Vladimir Kramnik und verhinderte damit, dass der Ex-Weltmeister mit 3,5 aus 4 dem Feld enteilen konnte. An einem anderen Tag hätte die Partie Grischuk-Ding Liren den größten Applaus bekommen, denn Grischuk brachte erst ein brillantes Opfer und kämpfte später heroisch ums Remis. Levon Aronian zeigte sich derweil von seiner Niederlage gegen Kramnik gut erholt und besiegte Sergey Karjakin, der in der Eröffnung die Varianten verwechselte. Wenig bis nichts los war nur bei Mamedyarov-So.

Die Partie Kramnik-Caruana bot echtes Drama und könnte in die Schachgeschichte eingehen |Foto: FIDE

Alle Partien des Kandidatenturniers könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde hier nachspielen:

Und hier das Video mit dem gestrigen Live-Kommentar von Melanie und Nikolas Lubbe:


Kramnik 0-1 Caruana: Nichts für schwache Nerven

Vor dem Beginn dieser Partie betrachtete Peter Svidler die Bewertungen, die Stockfish in der Anfangsstellung abgibt, und musste darüber schmunzeln, dass die unschuldige Russische Eröffnung Weiß die größten Chancen auf Eröffnungsvorteil bietet. Natürlich witzelte er mit seinem Co-Kommentator Jan Gustafsson erst recht, als die wichtigste Partie der Runde genau diesen Verlauf nahm:

"Svidler schaute sich vor der Partie Stockfishs Bewertung der Anfangsstellung an und kam zu dem Schluss, dass Schach tot ist - und dann kam die Partie Kramnik-Caruana."

Die Spieler erreichten nach 10 Zügen dieselbe Stellung wie Stockfish, was unsere Kommentatoren zu dem Scherz verleitete, dass Anish Giris und Vladimir Kramniks Vorbereitung daraus bestehe, Stockfishs Empfehlungen auf Stufe 21 zu folgen! Sie gingen davon aus, dass Kramnik in einer unverlierbaren Stellung ein wenig Druck ausüben würde, der Vorteil aber nicht zum Gewinn ausreichen würde.

Der Kramnik der Gegenwart ist aber ein Spieler, der um jeden Preis gewinnen will, und daher dauerte es nicht lange, bis ein wildes Gefecht mit Glanzzügen, Fehlern und Zeitnotirrungen entbrannte. Jan Gustafsson hat sich für seine Erklärungen eine halbe Stunde Zeit genommen:


Schauen wir uns dennoch kurz die wichtigsten Stationen dieser Partie an. Dies ist die Stellung nach Kramniks 33.Tg1:


Hier ging 33…Txc2!, womit Schwarz sich einen weiteren Bauern schnappt und alles im Griff hat. In Zeitnot deckte Caruana aber unnötigerweise mit 33…h6 den Läufer und nach 34.Tc7! hatte Kramnik wieder alle Chancen.

Vor der Zeitkontrolle erlangte der Ex-Weltmeister sogar die überlegene Stellung und es schien nur eine Frage der Zeit, bis seine Freibauern mit der Damenumwandlung die Partie entscheiden würden. Tatsächlich glaubte er mit 47.Tg8 einen Gewinnweg gefunden zu haben, doch hatte er dabei die grandiose Widerlegung 47…Lf6!! übersehen:


Spielt Weiß 48.Txg4? greift Schwarz mit 48…Kf5! den Turm an und droht gleichzeitig Matt auf a1, wonach Weiß aufgeben kann!

"Was für ein schmutziger Trick von Caruana! Ich bin sicher, dass Vlad die Idee mit dem Matt auf a1 übersehen hat. Das war schwer zu sehen, da Weiß eben noch einen Bauern auf a7 hatte." 

Damit war die Messe aber nicht gesungen, da 48.d8=D den Weißen rettete und ein Remis laut Caruana die objektiv korrekte und logische Folge gewesen wäre. Kramnik hatte aber noch einen anderen Freibauern, der einen kurzen Moment lang tatsächlich unaufhaltsam zu sein schien. Svidler war vermutlich nicht der Einzige, dem diese Partie zusetzte: “Noch eine Wende in dieser Partie halte ich nicht aus!”

Und natürlich kam sie!

"Kramnik gegen Caruana ist eine Achterbahnfahrt."

Kramnik hatte auf dem Weg zur zweiten Zeitkontrolle im 60.Zug viel Zeit verbraucht und eine Stellung, die er scheinbar nicht mehr verlieren konnte, war extrem kompliziert geworden. Mit zwei Sekunden auf der Uhr passierte ihm im 59. Zug dies:

Ich geriet in Panik und machte den ersten Zug, der mir in den Sinn kam.

"Svidler: Du lieber Himmel! Mir fehlen die Worte. Nach 59.Td1 Ta1+ gewinnt Caruana."

Nach dem Turmtausch kann Weiß den h-Bauern nicht mehr aufhalten, daher entschied sich Kramnik, mit Minusfigur und zwei Bauern weniger weiterzuspielen. Plötzlich hatte er wieder viel Bedenkzeit, aber nichts mehr auf dem Brett, über das es sich nachzudenken lohnte. Ein Desaster für Kramnik, über das ein Foto mehr als 1000 Worte sagt:

Hier die Pressekonferenz nach der Partie:

Karjakin 0-1 Aronian: Schachglück

Schwere Zeiten für Sergey Karjakin | Foto: FIDE

Erst vor zwei Tagen sprach Vladimir Kramnik über Glück beim Schach, nachdem er ausgerechnet gegen Levon Aronian, der fast nie 1.e4 spielt, in einem wichtigen Turnier eine Neuerung im Spanier anbringen konnte. Nach dem Ruhetag war nun Aronian an der Reihe:

Wie schon Vladimir nach der Partie gegen mich meinte, muss man manchmal eben Glück haben. Es ist ja nicht so, dass wir es nicht probieren würden, aber ohne Glück kann man mit Schwarz nicht die bessere Stellung bekommen.

Sergey Karjakin stimmte zu:

Das war ein böses Missgeschick, aber definitiv mein Fehler, da ich die Varianten verwechselt habe. 

Was war passiert? Im 14.Zug versank Sergey in tiefes Nachdenken und spielte dann statt dem sofortigen 14.Th3 wie im Vorjahr bei So-Aronian und Giri-Harikrishna 14.Tb1!? Rasch ging es mit den Zügen 14…Dd6 15.Th3 a6 weiter, doch dann griff der Russe mit 16.Le2? fehl. Es folgte das starke 16…Sc5!


Diese Stellung wurde schon unzählige Male nach 14.Th3 a6 15.Le2 Se5 16.Rb1 Dd6 erreicht, der entscheidende Unterschied ist aber, dass Aronians Springer auf c5 und nicht auf e5 steht!

Aronian erklärte hinterher, dass Schwarz nun e5 mit Doppelangriff droht, was für Karjakin ein bitterer Moment war:

Nach 16…Sc5 fühlte ich mich wie Levon nach Tg8 in seiner Partie gegen Vladimir. Anstatt um Vorteil zu kämpfen, steht man mit Weiß nach zehn Minuten schlechter. Ein schreckliches Gefühl! 

Sergey suchte sein Heil im Endspiel, aber nur wegen seines Rufs als Defensivkünstler gab man ihm noch Chancen:

"Svidlers Einschätzung des Endspiels: Sieg Karjakin 0%, Remis 35%, Sieg Aronian 65%. Ich würde sogar noch weiter gehen, wenn es nicht Karjakin wäre." 

Levon ließ sich die Chance aber nicht entgehen und fügte der weißen Stellung mit 38…e3! den entscheidenden Schlag zu:


39.fxe3 Tc2 gewinnt eine Figur, aber nach 39.Sf3 Tc2 fiel der f-Bauer mit Schach und selbst Karjakin fand keine Rettung mehr.

Levon lüftete das Geheimnis, wie er sich am Ruhetag von seiner Schlappe gegen Kramnik erholt hatte:

Ich habe meine Eltern und meine Schwester besucht. Wir haben Scrabble gespielt und ich habe gewonnen. Ein Sieg ist immer ein guter Auftakt! Man muss nur die Spiele spielen, in denen man gewinnen kann - das ist der Trick! 

Er hat auch einen großen Fanclub:

"Meine Tochter hat heute keinen Zug verpasst und die gesamte Partie vor dem Bildschirm verbracht. Sie liebt Levon und war sehr traurig, als sie von seiner Niederlage in der 3.Runde erfuhr. Nun ist sie überglücklich!" 

Hier die Pressekonferenz der beiden Kontrahenten:

Wie in einem früheren Bericht erwähnt, gewann Aronian 2014 nach seiner Erstrundenniederlage drei seiner nächsten sechs Partien. Die andere kuriose Tatsache ist, dass Karjakin damals in den ersten vier Runden zwei Partien verlor und dann Zweiter hinter Anand wurde! So wie das Turnier bisher verläuft, kann alles passieren…

"Dieses Kandidatenturnier ist so verrückt, dass es mich nicht überraschen würde, wenn Vishy gewinnt." 

Nur in einer Partie war wenig los:

Mamedyarov ½-½ So: Eine fantastische Partie

"Altherrenschach" von Shak, aber er hat nur einen halben Punkt Rückstand auf den Führenden | Foto: FIDE

Shakhriyar Mamedyarov meinte nach der Partie halb scherzhaft, halb im Ernst, “Heute habe ich eine fantastische Partie ohne Fehler gespielt”, doch sein Gegner Wesley So war im 4.Dc2-Nimzo-Inder (hier Jans Videoserie dazu) gut vorbereitet, auch wenn er die Verbesserung 16.Txd2 einer Partie Bareev-Ivanchuk nicht kannte. Shak meinte, “die Partie wurde gespielt, als du noch nicht geboren warst”, sie fand allerdings erst 2006 statt. Jedenfalls musste So mit 17…Te6! nur einen starken Zug finden, damit die Partie nach 31 Zügen remis endete.

Auf den ersten Blick sieht das Ergebnis nach einer verpassten Chance für Mamedyarov aus, der sich laut Svidler in einem so wichtigen Turnier offenbar verpflichtet fühlt, „auf ein normales Repertoire zurückzugreifen, das nicht seinen Stärken entspricht“. Da an den anderen Brettern aber alle Weißspieler ums Remis kämpften, war der halbe Punkt gar nicht so schlecht!

Hier die Bilder von der Pressekonferenz:

Damit kommen wir zu der Partie, die an einem normalen Tag immer die Partie des Tages gewesen wäre:

Grischuk ½-½ Ding Liren: Herr Ding hält AlphaZero Stand

Beide Spieler waren hinterher froh, dass sie diese dramatische Partie ohne Niederlage überstanden | Foto: FIDE

Veselin Topalov wird heute 43 Jahre alt, und in einer Art Hommage an den Bulgaren packte Alexander Grischuk in der Anti-Moskau-Variante dessen Hammer 12.Sxf7! aus dem Jahr 2008 aus:

Damals gelang es Ljubomir Ljubojevic schon am nächsten Tag gegen Jan Timman, das Opfer zu widerlegen, während Shirov ½-½ Karjakin im selben Jahr die letzte Partie auf höchstem Niveau war, in der es aufs Brett kam… bis gestern! Grischuk scherzte:

Es ist eine Idee von AlphaZero… Stockfish hält es für totalen Quatsch!

Mit einem solchen Zug konfrontiert zu werden, ist der Albtraum jedes Schachspielers, da man von tiefschürfenden Analysen im Vorfeld ausgehen kann, wenn ein Spieler wie Grischuk ihn im Kandidatenturnier auspackt. Ding Liren meinte denn auch, “Ich bin sehr froh, dass ich das überlebt habe”, und gab zu, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wie man auf Topalovs Vorgehensweise reagieren muss, geschweige denn wusste, was er nach Grischuks Neuerung 16.a4 tun sollte. Liren meinte, er habe buchstäblich gezittert, doch er tauchte tief in die Stellung ein und fand einige starke Züge, bis er die Partie mit 21…gxf4? wegwarf:


Wie Ding Liren seinem Gegner nach der Partie zeigte, gewann 22.Lh4+! Lf6 23.Dg4! für Weiß die Partie (z.B. 23…Thg8 24.exf6+ Kxd6 25.Dxf4+ e5 26.dxe5+).

Der englische GM Nigel Short kommentierte:

"Ich bin ein wenig überrascht, dass Grischuk den direkten Gewinnzug 21.Lh4+ nicht gefunden hat. Computervarianten sind oft sehr kompliziert und für Menschen schwer zu finden, aber das war ziemlich einfach."

Der spanische GM Miguel Illescas ging sogar noch weiter und bemerkte, dass man das Kandidatenturnier nicht gewinnen kann, wenn man einen solchen Zug nicht findet.

Was aber hatten die Spieler übersehen? Ding Liren hatte erst nach Ausführung seines Zuges bemerkt, dass 23…Dxd4 24.Lxf6+ Sxf6 (oder 24…Txf6) wegen 25.Dg7+ verliert. Bei Grischuk lag das Problem in der Vorbereitung. Er hatte statt Ding Lirens 20…Lc6 eine andere Hauptvariante mit 20…La6 21.f4 b4 22.Dc2 gxf4 im Sinn. Er wusste, dass 23.Lh4+ in dieser Variante nicht gewinnt, weil die Dame von c2 nicht nach g4 kann! Aus diesem Grund zog er 22.Lh4+ gar nicht erst in Erwägung. 

Erneut blickten die Götter in Runde 4 auf die Normalsterblichen herunter.... | Foto: FIDE

Der andere Grund, warum er schnell spielte, bestand darin, dass er glaubte, Weiß würde ohnehin auf Gewinn stehen. Sein chinesischer Kontrahent fand aber einen brillanten Verteidigungszug nach dem anderen, bis die Partie kippte. Die taktischen Verwicklungen waren wild, wie nach 38…Sc5:


Grischuk griff mit 39.Dxg8 zu, doch anschließend musste er sehr genau spielen, um die schwarzen Bauern und damit die Partie zu halten. Hätte er stattdessen 39.Dxc6 Kxc6 40.Sxc3 gespielt, wäre die Partie wesentlich weniger dramatisch remis ausgegangen.

Grischuk hatte aber nicht nur am Brett Probleme:

Ich hatte noch fünf Minuten auf der Uhr und wollte auf die Toilette gehen, doch sie war besetzt. Also ging ich zurück, machte einen Zug, versuchte es wieder und sah, wie ein Unbekannter herauskam. Wir haben nur eine Toilette und dann wird sie noch von anderen Leuten benutzt, was soll man dazu sagen?

Die Organisatoren schlugen zurück, machten damit aber wieder einmal nur alles schlimmer: 

"Grischuk meinte während der Pressekonferenz, dass er nicht auf die Toilette konnte, weil diese besetzt war. Noch heute werden wir den Spielern ein Video zusenden, in denen die Toiletten und der Ruheraum erklärt werden (es gibt mehr als ein WC)." 

Das war aber nicht die einzige interessante Bemerkung Grischuks auf der Pressekonferenz, denn auf die Frage, wie er nach so komplizierten Partien schlage, antwortete er: 

Wie schläfst du, mit wem schläfst du - ich mag solche Fragen nicht! 

Wie immer mit Grischuk lohnt sich die Pressekonferenz!

Nach vier Runden liegt Caruana allein in Führung, doch Kramnik hätte dem Feld durchaus mit 3,5 aus 4 enteilen können:


Kramnik hat in den nächsten fünf Partien viermal Schwarz und muss als Erstes gegen Wesley So ran, der ihn beim Shamkir Chess im Vorjahr besiegt hat. Caruana hat Weiß gegen Karjakin, und auch bei Aronian-Grischuk und Ding Liren-Mamedyarov kann es spannend werden.

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Verpasst nicht die 4.Runde des Kandidatenturniers live auf chess24!

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