Berichte 13.03.2018 | 15:39von Colin McGourty

Kandidatenturnier Berlin, R3: Kramniks unsterbliche Partie

Levon Aronian brachte in der dritten Runde des Berliner Kandidatenturniers eine große Überraschung mit 1.e4 ... und landete in Kramniks vernichtender Vorbereitung, Kramnik hatte zwei Jahre auf diese Chance gewartet. Peter Svidler, der die Partie für uns analysiert, hat den Eindruck, daß Aronian bereits nach 9 Zügen auf dem Weg zu einem Desaster war. Nach 18 Zügen musste Kramnik nur noch das spektakulärste Ende im Stil von Paul Morphy finden. Vlad führt nun alleine im Turnier: Karjakin-Grischuk und So-Ding Liren waren ruhige Remisen, Caruana-Mamedyarov dagegen ein Najdorf-Thriller, bei dem der Punkt am Ende ebenfalls geteilt wurde.

Der 42-jährige Vladimir Kramnik kann immer noch Meisterwerke produzieren | Foto: FIDE

Du kannst alle Partien des Berliner Kandidatenturniers 2018 im Viewer unten nachspielen. Ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt seine Paarungen und bisherigen Resultate:

Der Livekommentar zu Runde 3 von Melanie und Nikolas Lubbe:

Natürlich beginnen wir mit...

Aronian-Kramnik 0-1: Die Berliner unsterbliche Partie

Alexander Grischuk beschrieb diese Partie als “eine der besten, die ich jemals gesehen habe” und “von Anfang bis Ende unglaublich”. Peter Svidler hat sie für uns analysiert:

Wie auch Jan Gustafsson auf Deutsch:


Selten war die Eröffnung einer Schachpartie bemerkenswerter, wie Svidler sagt: ab dem ersten Zug. Der Pianist Francesco Tristano machte den symbolischen ersten Zug und wählte 1.e4. Alle rechneten damit, daß Levon das zurücknehmen und stattdessen 1.d4, 1.c4 oder einen anderen für ihn übliche Zug spielen würde, aber es blieb bei 1.e4!

‌Kramnik war nach 1.e4 so aufgeregt, daß er Aronian offenbar fragte, ob es wirklich dabei bleibt

Um das Ausmaß dieser Überraschung einzuordnen, kannst Du 1) die Partie auf chess24 auswählen 2) die Anfangsstellung wählen, 3) unter dem Brett "Datenbank" anklicken, 4) im Feld "Spieler suchen" "Aronian" eingeben und "Aronian, Levon" anklicken, 5) bei “Farbe" "White" wählen, 6) nun der Trick: "Als Eröffnungsbaum" anklicken und die bekommst eine Übersicht von Levons Partien: 


Wie Du siehst, ist 1.e4 Levons vierte Wahl, aber er spielte es zuletzt im Dezember 2016 beim London Classic gegen Mickey Adams (Anfang 2017 beim Sharjah Grand Prix nochmals gegen denselben Gegner) und zuvor 2016 nur sporadisch. Du "darfst" 1.e4 auf dem Brett ausführen und Dir Levons Partien anschauen (auf eine Partie klicken öffnet sie im Notationsfenster oben).

Eine vergleichbare Überraschung war die zweite Partie des WM-Matches 2008 in Bonn: Vishy Anand schockierte Vladimir Kramnik in die umgekehrte Richtung - statt wie zuvor bei ihm üblich 1.e4 spielte er 1.d4, der Großteil von Kramniks Matchvorbereitung war irrelevant. Das wurde hinterher als schlaue Entscheidung und großer Beitrag zu Vishys Sieg im Match bezeichnet, Levon hoffte vielleicht auf einen ähnlichen Effekt nun in Berlin. Das ist vielleicht später immer noch der Fall, aber die 1.e4 Premiere ging völlig daneben. Selten, daß Bobby Fischers "best by test" Zug so kritisiert wurde:

‌Schlechte Eröffnungswahl von Aronian

Aronians entscheidender Fehler war wohl 1.e4

Kramnik hatte in der Runde zuvor Weiß gegen die Berliner Mauer, aber nun saß er auf der für ihn üblichen Seite mit Schwarz. Svidler sagte dazu: "Kramnik ist eine interessante Wahl für den ersten Versuch, Berlin zu widerlegen". Der Armenier wählte statt des Endspiels ‌4.d3, aber wenn er eine brilliante Idee hatte konnte er sie nicht demonstrieren. 6…Qe7 überraschte ihn offenbar, und nach  7.h3?! machte Kramnik nur eine kurze Kunstpause vor 7…Rg8!


Die Idee war nicht gerade subtil…

‌Ich liebe Kramniks 7...Tg8!. Derlei Unsinn mache ich in Blitzpartien.

…aber die Überraschung saß:

‌Ich vermute, daß Kramniks 8...Tg8!? gegen Aronian die Sorte Eröffnungsidee ist, über die sein Sekundant Anish Giri nur laut lacht.

Das war Anish gegenüber unfair, er hatte das auf ähnliche Art mit Weiß versucht:

‌Lieber Schachfreund, errate den nächsten Zug. Ein guter Troll wird erwähnen, daß diese Partie Remis endete. Stimmt schon.

Svidlers Kommentar zu Kramnik-Sekundant Giri:

Zunächst war ich schockiert, dann erschien es logisch. Ich denke, daß sie vom Stil her gut zueinander passen.

Diese Partie unterstützt Svidlers These. Der Zug in Berlin stammt nicht von Giri, Kramnik hatte es schon zuvor entdeckt und hoffte, daß er es gegen 1.e4-Spieler wie Vishy Anand oder Magnus Carlsen verwenden kann. Kramnik:

Ich betrachtete 7.h3 immer als sehr ernsthaften Versuch und habe das lange analysiert. Es war nicht einfach, aber dann fand ich vor einigen Jahren das sehr starke 7…Tg8. Ich denke, es ist eine Bombe! Schwarz steht nach 7…Tg8 wohl schlichtweg besser. Ich wartete auf eine Chance, das zu spielen, und dann kam diese zu einem absolut unerwarteten Moment: im Kandidatenturnier, gegen Levon, der normalerweise nicht 1.e4 spielt. Aber 7…Rg8 ist sehr stark, g5 ist eine starke Drohung. Der Computer zeigt es zunächst nicht, aber sobald man ihn damit füttert gefällt es ihm sehr.

Kramnik sagte, daß er sich nicht erinnern konnte, wie es nach 8.Kh1 Nh5 weiter geht. Aber er spielte es stark, verzichtete zu Recht auf den möglichen Damentausch und demonstrierte ein perfektes Finish. Bei der Pressekonferenz vor dem Turnier wurde er gefragt, ob er konsequent auf den Turniersieg spielt oder auch seine künstlerische Seite zeigt, Kramniks Antwort:

Ich wollte, daß ein Kramnik erscheint, der dem Ziel Turniersieg alles andere pragmatisch unterordnet, aber wahrscheinlich kommt der Künstler!

Am Ende konnte er in einer Partie, die direkt in die Annalen eingeht, beides kombinieren - auch wenn Levon das hübscheste Ende nicht erlaubte:

‌Kramnik: "Irgendwie wollte ich ein hübsches Ende der Partie...so wollte ich vor allem gewinnen. Deshalb berechnete ich 24...Ld5!

Das perfekt berechnete Finish hebt die Partie vielleicht auf eine andere Ebene, auch wenn Kramnik selbst bescheiden blieb:

Ehrlich gesagt: es war hübsch, aber nicht extrem schwierig. Die weisse Stellung war einfach zu schlecht. Aus der Schublade: einerseits hübsch, vielleicht wird es in vielen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht, aber nüchtern betrachten keine unglaubliche Leistung.

Andere waren begeistert:

Einfach brilliantes Schach von Vlad Kramnik! Ich ziehe meinen Hut vor ihm. Aussergewöhnlich. Ich liebe es!
Wunderschön. Es begann mit dem kleinen Turmzug 7...Tg8!? der sagt "ich will Dich matt setzen". Das sagt jeder Zug, aber einige poetischer als andere.
Kramnik, wo warst Du in letzter Zeit!!


Die anschliessende Pressekonferenz der beiden Spieler:

Zwei Siege in drei Partien ist ein perfekter Beginn für Kramnik, der in Runde 4 Weiß gegen einen anderen Rivalen Fabiano Caruana hat. Wenn er diese Partie ebenfalls gewinnen sollte, können wir - auch wenn danach noch zehn Runden gespielt werden - bereits von guten Chancen auf ein WM-Match Carlsen-Kramnik sprechen:

Das Allerbeste: tausende Partien ermitteln sieben Teilnehmer des Kandidatenturniers. Und nachdem das entschieden ist gewinnt der Spieler mit Freiplatz natürlich locker und leicht!

Für Aronian war es derweil ein harter Dämpfer, und es wird schwer, enttäuschende Erfahrungen aus früheren Kandidatenturnieren zu verdrängen. Andererseits brach er da meistens spät im Turnier ein. Levon bezeichnete sich selbst als einen Spieler wie Mikhail Tal, der oft frühe Niederlagen brauchte, um in weiteren Runden besser zu spielen. Zum Beispiel gewann er nach seiner Niederlage in Runde eins des Kandidatenturniers 2014 gegen Vishy Anand drei der sechs nächsten Partien und führte bei Halbzeit zusammen mit Vishy - danach in der zweiten Hälfte vier Remisen und drei Niederlagen.

Es erwies sich als schlechte Idee von Levon Aronian, in Berlin den Berlin-Spezialisten herauszufordern | Foto: FIDE

So-Ding Liren 1/2: Erst einmal konsolidieren

Wesley So ist der einzige Spieler in einer momentan schlechteren Situation als Aronian, aber zumindest hat er nach einem wenig aufregenden Marshall gegen Ding Liren nun einen halben Punkt. Der Chinese folgte Matlakovs Neuerung aus dem Aeroflot Open 2018 (18…Tfd8), wobei er sagte, daß er das vor einiger Zeit selbst entdeckt hatte. Sos 20.h4 war offenbar neu. 

Wesley So in Berlin nicht mehr punktlos | Foto: FIDE

Die Partie endete wie so oft im Marshall-Gambit: mit Aktivität und Läuferpaar hat Schwarz genug Kompensation für den weissen Mehrbauern, Remis nach 37 Zügen. Wesley gab hinterher zu, daß er sich kaum motivieren konnte, etwas zu riskieren:

Nach zwei Niederlagen ist es mental schwer, sich für eine komplexe Partie zu entscheiden. Ich muss mitnehmen, was ich bekomme.

Zuvor sagte er zu seinem Turnierbeginn:

Ich weiß nicht, warum ich sehr schlecht spielte. In diesem Turnier fühlt man viel mehr Druck als sonst - ich wollte hier wirklich gewinnen, der zweite Platz zählt nicht.

Karjakin-Grischuk 1/2: Nicht der Rede wert

Vorläufig das letzte russische Derby | Foto: FIDE

Alexander Grischuk war voll des Lobes über Aronian-Kramnik und Caruana-Mamedyarov und sagte “Über unsere Partie sollten wir nicht einmal Worte verlieren!” Karjakin hatte eine neue Idee im Italiener (Giuoco Piano) aber erreichte damit offenbar nur eine leicht schlechtere Stellung:


Hier droht Weiß selbst, daß er klar schlechter steht, aber 18.d4! führte ziemlich forciert zum Remis:

In der Pressekonferenz wurden andere Themen besprochen. Grischuk sagte, daß es für ihn kein Unterschied ist, gegen Landsleute zu spielen. Karjakin sah das anders und erwähnte, daß er mit Grischuk und Karjakin zusammen gearbeitet hat und sie dadurch viel schwerer überraschen kann. Er verriet auch, daß Potkin nun nicht ihn sondern Grischuk unterstützt - damit ist neben Vlad Tkachiev Grischuks zweiter Sekundant bekannt. Peter Svidler sagte im Livekommentar, daß er diesem Lager nicht angehört - er hatte seine Hilfe angeboten falls nötig, aber Alexander hat "seinen Freund noch nicht angerufen".

Das andere Kuriosum war die Fortsetzung des schachlichen Watergate...Karjakin zu den Toiletten für die Spieler:

Wie gesagt, inzwischen haben wir Wasser, aber ein merkwürdiges. Nicht normales Wasser - wirklich, es ist wie Wasser mit Seife. Ich wage es nicht (‌Geste, Wasser ins Gesicht zu sprühen).


Caruana-Mamedyarov 1/2: Najdorf-Abenteuer

Es schien oft, als ob Caruana einen eingebauten Computer hat! | photo: FIDE

Diese beiden Partien konnte man sofort wieder vergessen, im Gegensatz zur längsten Partie des Tages - ein Thriller, in dem beide Spieler Ehrgeiz, Rechenkunst und starke Nerven unter Druck zeigten. Shakhriyar Mamedyarov spielte Najdorf-Sizilianisch, Fabiano Caruana wählte 6.f3 und dann wich Shak mit 9…Sbd7 von Caruanas früheren Partien ab, zugunsten von vor etwa zehn Jahren populären Abspielen. Nach 13.Nd5  (Caruana später “Ich weiß nicht, warum ich Sd5 spielte”) war der Elo-hochkarätigste Vorgänger Svidler 1-0 Ponomariov 1-0, MTel Masters 2006 in Sofia:


Caruana sagte, daß er Zug um Zug schwitzte, da er sich erst am Brett für diese Variante entschieden hatte, die er zuletzt vor vier Jahren studierte. Mamedyarov ging mit seiner Dame auf Bauernraub und ließ dabei zu, daß weisse Dame und Springer in seine Stellung eindringen. Dies war ein kritischer Moment: 


Der Weltranglisten-Zweite Shakhriyar Mamedyarov | Foto: FIDE

Caruana befand sich in Zeitnot, und Mamedyarov dachte, daß er gute Gewinnchancen habe, da er mit 27...bxa4 einen weiteren Bauern gewinnt. Dann entdeckte er, daß dies ein furchtbarer Fehler wäre: Nach 28.De7! Db5 steht Schwarz nach allen weissen Zügen gut, bis auf....


…29.Dxf6!! gxf6 30.Sf7#

Shaks Kommentar:

Ich will so spielen und dabei ein einzügiges Matt übersehen, aber nachdem ich das sah war ich mit Remis zufrieden!

Dabei hatte Weiß nach dem gespielten 27…Sxe4 28.fxe4 Tf8 und nun 29.Tde1! offenbar gute Gewinnchancen, entweder dasselbe wie in der Partie, ohne den Bauern auf e4 zu verlieren, oder vielleicht mehr nach 29…Dh5 30.Se6!. Nach stattdessen 29.Sf7+ war Caruana froh, daß er die Zeitnotphase überstand, und machte sich keinerlei Illusionen über die entstandene Stellung:

Wenn Weiß das überlebt, dann dank einem Tempo!

Am Ende war Caruana froh über 46…Kg7, auch wenn das wohl objektiv der beste Zug war:


Nach 46…Kh6 fürchtete sich Caruana vor einem Bauernrennen ab 47.b4, da seine Bedenkzeit bereits wieder knapp war. In der Partie konnte er zu einem Remisendspiel vereinfachen: 47.Dxf5 gxf5 48.c4! Lg3! (der einzige Zug) 49.Tg1! (ebenfalls der einzige Zug) und nach 49…h4 einigten sich die Spieler auf Remis. Beide hatten gesehen, daß die Könige nach 50.Kc2 gerade rechtzeitig die gegnerischen Freibauern kontrollieren können.

Die anschliessende Pressekonferenz:

Natürlich war das wieder mal eine verrückte Caruana-Partie - nur eine viel ausführlichere Analyse kann herausfinden, was wirklich alles los war. Aber anscheinend zeigen beide Spieler in Berlin gute Form:

Einziger Grund zu Sorge für Caruanas Fans ist dabei seine Bedenkzeit-Einteilung, die vielleicht auch einmal Konsequenzen haben wird. 

Nach drei Runden des Kandidatenturniers liegt ein Spieler alleine vorne:


Wir haben nun den ersten Ruhetag, wobei es fraglich ist, wieviel Ruhe die Spieler bekommen. Kramniks Antwort auf die Frage, wie er diesen Tag verbringt, war keine Reklame für eine Karriere als moderner Weltklasse-Schachprofi:

Wie jeden anderen Tag, meine Notizen überprüfen.

Schachfans können dagegen beim Banter Blitz unser Kommentatorenteam Peter Svidler und Jan Gustafsson herausfordern (oder dabei zuschauen/zuhören)! 


Es beginnt zur selben Zeit wie üblicherweise die Runden in Berlin: 

Am Mittwoch geht es weiter in Berlin. Die interessanteste Paarung wohl Kramnik-Caruana, während Mamedyarov mit Weiß gegen So vielleicht zur Spitze aufschliessen kann oder will. Außerdem Grischuk-Ding Liren und Karjakin-Aronian. Wie immer wird es live auf chess24 übertragen!

Siehe auch:


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