Berichte 12.03.2018 | 13:00von Colin McGourty

Kandidatenturnier Berlin, R2: Grischuk verschärft Sos Krise

“Verlieren ist immer sehr inspirierend,” meinte Alexander Grischuk, nachdem er auf seine Niederlage gegen Vladimir Kramnik einen überzeugenden Sieg gegen Wesley So folgen ließ. Zum zweiten Mal in Folge öffnete So mit den schwarzen Steinen die Stellung und musste dies bitter bereuen. Seine Chancen auf ein WM-Match gegen Magnus Carlsen sind damit auf ein Minimum gesunken. Die anderen drei Partien endeten remis: Mamedyarov-Aronian verlief recht ruhig, während bei Ding Liren-Caruana ein scharfer taktischer Kampf entbrannte und Vladimir Kramnik gegen Karjakin die Berliner Mauer von der anderen Seite betrachtete.

Grischuk ist nach einem schönen Sieg gegen So wieder im Rennen| Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Alle Partien aus Berlin könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Und hier der Live-Kommentar zur zweiten Runde mit Melanie und Nicolas Lubbe:


Grischuk 1-0 So: Gibt es kein Matt, höre ich mit dem Schach auf!

Alexander Grischuk machte seine Erstrundenniederlage gegen Vladimir Kramnik in der nächsten Runde direkt wett und bot nicht nur am Brett, sondern auch in der Pressekonferenz eine tolle Show. 

Eine Partie, nach der sich sogar Grischuk zu einem Lächeln hinreißen ließ :) | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Allerdings erhielt er von seinem Gegner Wesley So eine Menge Schützenhilfe, der dann auch meinte:

Vor dem Turnier erzählte mir jeder, dass die Spieler gut vorbereitet seien und viel Nervosität herrsche. Ich vermute, ich bin einfach mit schlechter Form ins Turnier gestartet. 

In der ersten Partie gegen Caruana war der Durchbruch 15…e5 zwar provokativ, doch vermutlich der beste Zug in der Stellung. Leider lässt sich dasselbe nicht über Sos 12.Zug gegen Grischuk sagen, nachdem er einen Zug zuvor seinen Turm von e8 nach f8 zurückgezogen hatte, um f7 zu verteidigen:


Grischuk:

Der Zug 12…d5 überraschte mich sehr. Ich dachte, Schwarz hat gerade Tempi verloren und dann muss d5 wirklich schlecht sein... 

Positiv für So war, dass Grischuk zunächst keinen direkten Ausmacher finden konnte und dabei viel Zeit verbrauchte. Offenbar schien So aber förmlich Todessehnsucht zu verspüren, denn er zog den Turm erneut von f8 und der Verteidigung des Feldes f7 weg (vermutlich hätte der andere Turm nach e8 gehen sollen), was mit 19.Tc1! direkt ausgenutzt wurde:


Grischuk zeigte hinterher, dass 19…Sxd4 mit 20.Lxf7+! und der Springergabel auf e5 widerlegt wird. Wenige Züge später war die Partie im Grunde gelaufen: 19…Sxe4 20.Txe4 Lf6 21.Tg4! Kh8 22.Tc5!


Ein schöner und extrem kraftvoller Turmzug. Nach 22…Sxd4 23.Sxd4 Lxd4 hat Weiß die angenehme Wahl zwischen 24.Lxh6 und 24.Lc3. Der Computer empfiehlt 22…Se7! und sieht gewisse Rettungschancen für Schwarz, doch nach 22…Tad8 23.Dc1! war die Partie gelaufen. Grischuk meinte dazu:

An dieser Stelle habe ich nicht einmal gerechnet. Ich sagte mir: Ich habe alle Figuren im Angriff, und Schwarz hat einen Läufer zur Verteidigung. Gibt es hier kein Matt, höre ich mit dem Schach auf! Es kann nicht sein, dass Schwarz eine Verteidigung hat.

"Grischuk folgt resolut dem wichtigsten Prinzip beim Schach: Matt beendet die Partie!"

Wesley So konnte das Matt zwar verhindern, hatte am Ende aber eine Figur weniger. Obwohl er nur einen Bauern dafür hatte, spielte er aus zwei Gründen weiter: 1. Er wollte die Niederlage hinauszögern, die seine Chancen auf den Turniersieg praktisch zerstört. 2. Grischuk war in Zeitnot. Letztlich änderte das aber nichts am Ausgang, da Grischuk in 44 Zügen gewann und sich auch auf der Pressekonferenz in blendender Form präsentierte.

Als Grischuk gefragt wurde, ob er nervös war, meinte er: 

Ich stand total auf Gewinn! Man will die Partie nicht verderben, aber das hat nichts mit dem Nervensystem zu tun … es ist nicht gut, ruhig zu sein. Die Frage, ob ich nervös war, kommt oft. Und wenn sie gestellt wird, impliziert sie meist, dass Nervosität etwas Negatives wäre, doch das ist gar nicht der Fall. Schlecht ist vielmehr, nicht nervös zu sein, wenn man eine wichtige Partie spielt und in Zeitnot ist. Das würde bedeuten, dass etwas nicht mit einem stimmt. Natürlich ist es schlecht, wenn man zittert wie Espenlaub, aber es ist auch schlecht, wenn man nicht nervös ist. Gestern zum Beispiel war ich gar nicht nervös!

Es folgten weitere spannende Äußerungen. Auf die Frage, ob er ein Risiko eingegangen sei, weil er den schwarzen Könige in Zeitnot angegriffen habe, meinte Grischuk: „Wenn man mattsetzt, muss das nicht vor dem 40.Zug geschehen.“ Als ein Zuschauer meinte, es habe sich um die „denkwürdigste Angriffspartie“ des Kandidatenturniers gehandelt, entgegnete Grischuk: „Danke für diese Einschätzung, aber sie bedeutet vermutlich auch, dass sie nicht sehr viele Partien verfolgt haben!“   

Als jemand darauf hinwies, dass Grischuks Turmzüge an die Partie Steinitz-Bardeleben, Hastings 1895 erinnerten, meinte dieser:

Es gibt eine berühmte Partie Keres-Smyslov aus dem Kandidatenturnier 1953.Weiß stellte seine Türme nach h3 und h5, schlug auf h7 ... und verlor!


Keres' Turmopfer war brillant (nach 19…gxh5 steht Weiß besser!), aber nach 19…dxc4!! 20.Txh7 c3! stand Smyslov auf Gewinn. Ihr könnt die Partie mit Computeranalyse hier nachspielen und euch in Joosep Grents’ Artikel weiter über sie informieren.   

Als es um Inspiration ging, hatte Grischuk in der Pressekonferenz aber noch einen Spruch auf Lager:

Verlieren ist beispielsweise immer sehr inspirierend! 


Mamedyarov ½-½ Aronian: Frieden im Kaukasus

Dieses Duell wollte keiner als Verlierer verlassen | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Es geht immer um viel, wenn Spieler aus Aserbaidschan und Armenien aufeinandertreffen, aber die Spitzenspieler der beiden Länder haben ein gutes Verhältnis, das durch eine ruhige Partie sicher gewahrt blieb. In einem 4.Dc2 Nimzo-Inder wich Mamedyarov den ausgetretenen Pfaden mit 10.g3 und dem “Pseudo-Fianchetto” 11.Lh3 aus und brachte Aronian zum Nachdenken:  


Mamedyarov erklärte hinterher, dass es ihm darum ging, schwarzes e5 zu verhindern, und Aronians 11…b6 ihn direkt aus der Vorbereitung geschmissen habe. Es folgte kleinere Scharmützel, nach denen Weiß optisch Druck am Damenflügel bekam, doch 16…Lc4! beruhigte die Lage. Zum zweiten Mal in Folge hätte Aronian fast die gegnerische Dame gefangen:


Natürlich folgte jedoch 19.Dxa5, worauf Aronian mit Dauerangriff auf die Dame das Remis forcierte.

Auch hier präsentierten sich die beiden Spieler auf der Pressekonferenz in Top-Form. Über Motivation hieß es:

Aronian: Liegt man in einem Turnier zurück, ist das schon sehr motivierend. Man sollte immer motiviert sein, wenn man gut spielen will. Spielt man nicht gut, ist man automatisch motiviert.

Mamedyarov: Ich bin immer motiviert und versuche ein Lächeln aufzusetzen, denn gute Laune ist sehr wichtig!

Und über die Reaktion auf Fehler während einer Partie:

Mamedyarov: Bei einem groben Fehler muss man direkt aufgeben. Nichts mehr zu machen. Hat man noch eine Chance, sollte man sich besser an Karjakin wenden, um die Frage zu beantworten. Fragt nicht, wie ich dann spiele… Ich kann dazu wenig sagen, da ich eher normal schlecht spiele und weniger grobe Fehler begehe!  

Aronian: Grobe Fehler sind generell ein gutes Heilmittel, da sie einen aufwecken, denn wir alle halten uns gelegentlich für klug und unbesiegbar. Wenn man dann eine sehr schlechte Partie spielt, kapiert man, dass man noch viel verbessern muss. Je stärker ein Spieler ist, desto weniger machen ihm Niederlagen aus, daher denke ich, dass keiner der Teilnehmer hier wäre, wenn er nach groben Fehlern schlecht weiterspielt. Wir alle sind zwar nicht immun dagegen, aber zumindest gut darauf vorbereitet, unsere Fehler zu akzeptieren und weiterzukämpfen. 

Levon merkte noch an, dass die meisten Probleme im Spielsaal behoben worden seien, er aber “immer noch darauf hofft, dass den Spielern der Luxus einer zweiten Toilette gewährt wird”. Shak wiederholte mehrmals, dass es in “Zeitnot ein großes Problem” sei, wenn auf der Toilette Hochbetrieb herrscht!

Ding Liren ½-½ Caruana: Taktik!

Tolle Kampfpartie zwischen Ding Liren und Fabiano Caruana | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

Ding Liren und Fabiano Caruana ähneln sich als Schachspieler in mancherlei Hinsicht. Beide strahlen am Brett nicht gerade Selbstbewusstsein aus und scheinen optisch großem Druck nicht gewachsen zu sein, doch in Wirklichkeit rechnen beide messerscharf, wenn es hart auf hart kommt, und finden sich wie kaum jemand anders in komplizierten Stellungen zurecht. 

"Ding Lirens Furchtlosigkeit in den ersten Runden beeindruckt micht sehr. Ein Debütant spielt nicht zwangsläufig so und hat auch nicht immer diese Einstellung."

In ihrer Partie in Runde 2 wurde es aber so kompliziert, dass keiner mehr richtig durchblickte. Natürlich können auch wir nur Kostproben liefern.

Ding Liren spielte Katalanisch, und Caruana spielte darauf den seltenen Zug 7…b6, der Ivan Bukavshin zugeschrieben wird. Er führte ihn bei der Russischen Meisterschaft 2015 ein, ehe er wenige Monate später im Alter von erst 20 Jahren auf tragische Weise ums Leben kam. Caruana meinte, er habe sich nicht mehr genau an seine Aufzeichnungen erinnern können, erreichte aber bald eine gute Stellung (und kritisierte hinterher Lirens Zug 16.Lf4). Dann dachte er länger nach und steckte das Brett in Flammen:


18…Sf3+ folgte nach 48 Minuten (Ding hatte 18…Sxe2+ erwartet), doch wie es oft passiert, hatte Fabiano etwas beim zweiten Zug in den Variantenbäumen übersehen! 19.exf3 d4 20.f4! war eine unliebsame Überraschung, da dies nicht wie gedacht wegen 20…Lf3 21.Lxd4 Df5 zum Verlust durch Matt führt, sondern nach dem Hammer 22.Sd5!! zu weißem Vorteil. 


22…Dh3 kann mit dem einfachen 23.Se3 beantwortet werden, wobei 23.Sxe7+! Kh8 24.Lxg7+! Kxg7 25.Sf5+ sogar noch besser aussieht. Nach 22...Dxd5 23.Lc3 Lxd1 24.Txd1 steht Weiß klar besser.

Der hohe Zeitverbrauch wirkte sich natürlich aus, doch Caruana schaffte es in Zeitnot, die Stellung zusammenzuhalten und ein unterm Strich gerechtes Remis zu erreichen. Hier die Spieler in der Pressekonferenz: 

Kramnik ½-½ Karjakin: Die Berliner Mauer hält

PhosAgro CEO Andrey Guryev machte den ersten Zug bei diesem rein russischen Duell | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband 

In der Pressekonferenz zu Beginn des Turniers wurde darauf hingewiesen, dass niemand mehr als Vladimir Kramnik dafür getan hat, Berlin als Stadt in der Schachwelt bekannt zu machen, doch in Runde 2 versuchte er selbst die Eröffnung zu knacken, mit der er Garry Kasparov bei der Schach-WM den Zahn gezogen hatte. Nach der Partie meinte er: „Ich spiele normal mit Schwarz so, daher war er es ein Vergnügen, sich die Stellung mal von der anderen Seite anzuschauen!“

Kramnik war natürlich gut vorbereitet und brachte mit der offensichtlichen Neuerung 15.a3 Karjakin zum Nachdenken. Der Vize-Weltmeister meinte aber, „vermutlich kenne ich das alles, aber ich konnte mich nicht erinnern“. Kramnik derweil offenbarte, dass er seine Aufzeichnungen eine halbe Stunde vor der Partie noch einmal angeschaut habe, doch die anschließende Partie war dennoch völlig unklar. Kramnik opferte einen Bauern für positionellen Druck, sah den richtigen Moment für den entscheidenden Durchbruch aber nie gekommen:


Es folgte der klassische Durchbruch 42.e6, aber nach 42…fxe6 43.g5 Th8 44.Txe6 Tf8! mündete die Partie in ein Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern, dessen Ausgang trotz seiner langen Dauer nie ernsthaft infrage stand.

Einmal mehr hatte sich gezeigt, dass die Berliner Mauer hält...

"Wenn nicht einmal Kramnik eine Idee hat, was man gegen die Berliner Mauer spielen soll, ist diese Eröffnung nicht zu knacken." 

...aber der Erfinder meinte zu Evgeny Surov von Chess-News:

Schwarz hat viele Ressourcen, aber nicht so viele, wie alle denken. In unserer Partie schwebte Schwarz in großer Gefahr, und ich hoffte, dass ich einen günstigen Durchbruch finden würde, was mir aber nicht gelang. Ich weiß nicht, ob es einen gab. Das Wichtigste an diesen Endspielen ist, dass die Computer sie falsch einschätzen und immer Ausgleich anzeigen, obwohl das nicht annähernd stimmt. Das war hier genauso, die Stellung war nicht ausgeglichen und Schwarz hielt die Stellung nur mit großer Mühe remis. 

Hier der Stand nach der 2.Runde mit einem abgeschlagenen Wesley So:


In Runde 3 erleben wir Aronian-Kramnik, Karjakin-Grischuk, Caruana-Mamedyarov und So-Ding Liren, ehe es am Dienstag in den ersten Ruhetag geht. Ab Montag ist auch Peter Svidler dabei, der sein Bundesliga-Engagement bei Baden-Baden positiv erlebte...

…und nun gemeinsam mit Jan Gustafsson bis zum Ende dabei sein wird! Alle Partien gibt es live auf chess24!

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