Berichte 25.03.2018 | 14:32von Colin McGourty

Kandidatenturnier Berlin, R12: Rematch Carlsen-Karjakin?

Sergey Karjakin führt nun im Rennen, das den nächsten Herausforderer von Magnus Carlsen ermittelt. Am vielleicht dramatischsten Tag der Turniergeschichte, seit Carlsen und Kramnik in der Schlussrunde des Kandidatenturniers 2013 in London beide verloren, besiegte er Fabiano Caruana. Shakhriyar Mamedyarov strauchelte ebenfalls, da Ding Liren seine Remisserie beendete und nun als einziger Spieler in Berlin ungeschlagen ist. Der Zweikampf, der das Turnier über weite Strecken prägte, scheint lange her. Auch Alexander Grischuk ist einer von fünf Spielern, die nur zwei Runden vor Schluss maximal einen halben Punkt Rückstand auf Platz eins haben.

Karjakin besiegt Caruana erneut im kritischen Moment eines Kandidatenturniers | Foto: Niki Riga

Du kannst alle Partien des Berliner Kandidatenturniers im Viewer unten nachspielen. Ein Klick auf ein Ergebnis öffnet diese Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt dessen Paarungen und bisherigen Resultate:

Und Du kannst den dramatischen Tag im Livekommentar von Melanie und Nikolas Lubbe nochmals erleben:

Karjakin-Caruana 1-0: “Ich dachte ok, ich sollte wie ein Mann spielen"

Wenn Caruana Carlsen herausfordern will, braucht er nun ein besseres Ergebnis als Karjakin aus den letzten zwei Runden | Foto: Niki Riga

Falls Sergey Karjakin sich für ein weiteres WM-Match qualifizieren sollte, werden wir auf dramatische Wendepunkte zurückblicken. In Runde 7 gewann er ein völlig harmloses Endspiel mit beiderseits 4 Bauern - sein Gegner Wesley So sagte, daß selbst ein Kind das Remis halten konnte. Zu diesem Zeitpunkt war es schwer vorhersehbar, daß dies der Anfang einer Serie mit 4 Siegen in 6 Partien war. In Runde 9 verpasste Fabiano Caruana mehrere komplizierte Gewinnwege gegen Ding Liren und dann einen, den er eigentlich sehen musste. Und dann natürlich diese Partie.

Hinterher wiesen beide Spieler darauf hin, daß es völlig anders war als bei Karjakins Sieg in der Schlussrunde des Kandidatenturniers 2016. Caruana erklärte:

Es war eine total andere Situation. Vor zwei Jahren musste ich mit Schwarz auf Gewinn spielen, eine viel schwerere Aufgabe als meine heute...Remis wäre ein sehr gutes Ergebnis. Aber das Resultat war dasselbe und jeweils war es nicht gut.

Es gab durchaus Ähnlichkeiten, jeweils spielte das Feld d5 eine Rolle. 2016 vertraute Karjakin, der nur ein Remis brauchte, seinen Berechnungen und opferte einen Turm:


37.Txd5! exd5 38.Dxd5 und gewann dann eine berühmte Partie, mit der er sich das Recht auf ein WM-Match sicherte. Damals spielte Caruana Sizilianisch. Die Stellung, die er nun aus der Russischen Verteidigung erreichte, war nicht so dramatisch, Sergeys Entscheidung dafür wohl mutiger. 2016 stünde er ohne das Opfer schlechter, diesmal hatte er mehrere ruhige Alternativen nach 16…Lg4!?:


Sergey opferte mit 17.Lxd5!! Lxd1 18.Txd1 die Qualität für einen Bauern. Er erklärte seinen Gedankengang nach der Partie:

Dann dachte ich ok, ich sollte wie ein Mann spielen. Wenn ich in dieser Turniersituation nicht opfere, wann dann? Es war ein perfekter Moment für ein Opfer!

Caruana wünschte sich, daß er z.B. 16…f5 gespielt hätte, da ihm langsam dämmerte, wie schlecht seine Stellung in einer praktischen Partie ist:

Erst einige Züge später realisierte ich, daß ich wirklich nichts tun kann. Ich hatte die Illusion, daß ich Gegenspiel bekomme, oder irgendwie die Läufer abtauschen kann, oder irgendwie meinen König sichern kann, aber diese Wege fand ich einfach nicht. Weiß spielt einfach diese prophylaktischen Züge, Kb1, Ka2, und sein König steht sehr sicher. Vielleicht ist es nicht so schlecht, aber am Brett war es einfach so unangenehm.

Caruana gab zu, daß sein siebter Sinn für Gefahren ihn im Stich gelassen hatte. Nur abseits vom Brett verstand er, was er angerichtet hatte:

Einmal ging ich in den Ruhebereich, schaute auf die Monitoren und sah die Stellung aus weisser Sicht. Nun bereute ich, was ich getan hatte, aus weisser Sicht sah es so wunderschön aus.

Jan Gustafsson hat diese sehr wichtige Partie analysiert:

Nach dieser Partie führen Caruana und Karjakin punktgleich mit 7/12, aber erster Tiebreak ist direktes Resultat - zugunsten von Karjakin. Fabiano muss daher in den beiden letzten Runden mehr Punkte als sein Rivale erzielen, um sich für ein Match gegen Carlsen zu qualifizieren. Er behielt in der anschliessenden Pressekonferenz die Fassung, obwohl es ein herber Schlag war:

Das ist das Schlimmste das passieren konnte. Aber noch werden zwei Partien gespielt, also abwarten.

Wie wir im letzten Rundenbericht verglich Karjakin sein Comeback mit dem Kandidatenturnier 2016 in Khanty-Mansiysk. Aber nun ist Karjakins Turniersituation viel besser, da Vishy Anand damals seine Führung behaupten konnte. 

Die Pressekonferenz nach der Partie:

   

Mamedyarov-Ding Liren 0-1: Ein verbesserter Kramnik

Ding Liren hatte allen Grund zu Freude | Foto: Niki Riga

Gestern gaben wir vier Spielern Chancen auf den Turniersieg und hatten dabei Ding Liren zu Unrecht abgeschrieben. Bei 1.5 Punkten Rückstand drei Runden vor Schluss und Schwarz gegen Shakhriyar Mamedyarov in Runde 12 schien das plausibel - aber plötzlich liegt der Chinese nun auf dem dritten Platz und ist als einziger Spieler im Turnier ungeschlagen.

Vielleicht ist "plötzlich" dabei das falsche Wort: Ding reifte vor unseren Augen, wurde in jeder Pressekonferenz selbstbewusster und demonstrierte beeindruckende Rechenkunst und Stellungsbeurteilung. Ein weiter Weg, seit wir nach der Partie in Runde 5 gegen Mamedyarov schrieben "Es schien, als ob Mamedyarov in der Pressekonferenz seinen Gegner 'trainierte'.". Nun waren die Rollen vertauscht, obwohl Ding Liren nach seinen verpassten Chancen gegen Grischuk eine schlechte Nacht hatte:

Nachts schlief ich nicht gut, aber am Ende konnte ich morgens schlafen und fühle mich nun erholt.

Die Partie zeigte auch, daß Ding Liren gelernt hat, daß Kramnik in der Eröffnung nichts dem Zufall überlässt:

Heute hatte ich diese Variante nicht speziell vorbereitet, aber ich wollte eine ruhige Partie. Nachdem er wie in der Partie spielte erinnerte ich mich, wie Kramnik reagiert hatte, und überprüfte das am Brett. Ich fand keine Verbesserung für Weiß, also kopierte ich Kramniks Spiel.

Mamedyarov dachte, es sei Zeit, um aggressiv zu spielen, aber dieser Schuss ging nach hinten los | Foto: Niki Riga

Der Semi-Tarrasch aus So-Kramnik wurde bis 18…h6 wiederholt (So und Kramnik hatten die Stellung einmal wiederholt):


Hier versuchte Wesley den Durchbruch d5 und erreichte nichts. Stattdessen musste er stundenlang erleben, wie Kramnik versuchte, einen mikroskopischen Vorteil zu verwerten, und dabei vor allem sich selbst ermüdete.

Mamedyarov war offenbar auf Kramniks Variante nicht vorbereitet - in der Pressekonferenz dachte er fälschlich, daß Ding Liren als Erster abwich. Für 18.Dh2 brauchte Shak bereits 11 Minuten, dann weitere 13 für seine Neuerung 19.Se5. Ding Liren gab das Kompliment mit 23 Minuten für19…Sf6 zurück, danach ein zweischneidiger Kampf. Beide Spieler dachten, daß sie besser stehen und auf Gewinn spielen, wobei man zunächst den Eindruck hatte, daß Shak einen gefährlichen Angriff entwickelt.

Nigel Short hatte einen Traum…

‌Letzte Nacht träumte ich, daß Ding Liren seine drei letzten Partien und das Turnier gewinnt

...aber dann zweifelte er:

‌Ich erwarte einen Sieg für Shak. Nur das Gefühl, daß Schwarz zerschmettert wird.

Nach der Partie bereute Mamedyarov jedoch sein 28.g4!?


Sein Vorschlag war 28.a3 (28.Sxe6!? ist ebenfalls interessant), wobei man das im Nachhinein eher beurteilen konnte - nachdem klar wurde, wie stark das schwarze Spiel am Damenflügel ist. Beide spielten weiterhin am jeweils anderen Flügel, bis 36…a3! quasi partieentscheidend war:


Objektiv steht Weiß danach wohl bereits auf Verlust. Mamedyarov folgte dann nicht der Computer-Hauptvariante, sondern versuchte seine beste praktische Chance - ein direkter Angriff auf den schwarzen König. Es funktionierte beinahe, nach ‌43.Th5 diese Stellung auf dem Brett - und im englischen Livekommentar von Jan Gustafsson und Peter Svidler:


Es scheint, als ob Weiß überlebt - neben den Livekommentatoren hatte auch Ding Liren selbst den einzigen schwarzen Gewinnzug zuvor nicht gesehen:  43…Da7+! mit Doppelangriff auf König und Läufer. Ding Liren bezeichnete sich selbst als “very lucky”, aber nach z.B. der Partie tags zuvor gegen Grischuk hatte er sich sein Glück verdient!

Nach diesem Ergebnis hält Anish Giri weiterhin alleine den Rekord von 14 Remisen in 14 Partien eines Kandidatenturniers:

‌Am Ende kann es nur einen geben.

Außerdem hat Ding Liren nun eine konkrete Chance auf ein Match gegen Magnus. Als einziger ungeschlagener Spieler ist er beim ersten Tiebreak niemand unterlegen, und gegenüber Mamedyarov im Vorteil (der zweite Tiebreak "meiste Siege" ist allerdings ein Problem!). In der letzten Runde spielt er gegen einen gewissen Sergey Karjakin...

Grischuk-Aronian 1/2: Eine verpasste Chance?

Aronian und Karjakin. Spielen Nerven die entscheidende Rolle im Kandidatenturnier? | Foto: Niki Riga

Das war die bei weitem ruhigste Partie der Runde, aber dennoch ein faszinierender Kampf. Alexander Grischuk spielte im geschlossenen Spanier das seltene 9.Ld2 und zeigte später eine Idee dieses Zuges, der Läufer landete auf a5. Es sah gut aus für Weiß, aber Aronian ging davon aus, daß er nach 18…Sc5 keine Probleme hat. Ein Remis schien sich anzubahnen, bis Levon 22.Sxe7 Dxe7 erlaubte:


Unsere Kommentatoren und einige weitere Großmeister im Chat bezeichneten 23.c5!? als automatischen Zug. Grischuk selbst nannte es "prinzipiell", aber sagte, daß er nach 23…dxc5 24.bxc5 Tcd8 "keinen Weg finden konnte", da Schwarz auf 25.Sxe5 die Antwort 25…Sf4! hat. Weiß kann sich nur mühsam konsolidieren (z.B. droht immer Txf3), aber der Computer sagt, daß Weiß mit langsamen Zügen wie  25.Tc2!? letztendlich klaren Vorteil erhält. In der Partie verflachte es nach 23.Le3 c5! zum Remis.

Am zweiten Tag nacheinander war eine Pressekonferenz mit Levon Aronian kurz, schmerzlos und ohne große Höhepunkte:

Vielleicht ist das der Moment, um Grischuks beste Zitate aus dem Turnier zu bringen!

Kramnik-So 1/2: Eine sehr ernsthafte Idee

Wieder normale Welt: Neuerung von Kramnik und präzise Technik von So, aber für beide Spieler zu spät  | Foto: Niki Riga

Vladimir Kramnik auf Fragen nach der Partie, ob er abergläubisch ist:

Ich bin überhaupt nicht abergläubisch. Mein einziger Aberglaube ist, daß ich mit Eröffnungsvorteil bessere Gewinnchancen habe, also versuche ich das!

Dieses Ziel erreichte er, die Reaktion von Wesley So:

Zunächst möchte ich bemerken, daß es eine Leistung von mir war: eine Verluststellung direkt aus der Eröffnung heraus!

Die Neuerung war 8.Db3:


Peter Svidler spielte mit der Idee, daß dies ein "Fingerfehler" (‌mouse slip) von Kramnik war, da Weiß nach dem von Wesley relativ schnell gespielten 8…Db6 Damentausch nicht vermeiden konnte - sein Bauer auf g4 bleibt angegriffen. Kramniks Bedenkzeit-Einteilung verschleierte vielleicht auch etwas, er brauchte fast 8 Minuten für 9.f3! und bezeichnete dies als "sehr ernsthafte Idee".

Wie Kramnik dankenswerterweise nach der Partie bestätigte, spielte Wesley zunächst die korrekten Züge. Aber nach 13…Txh5?! (13…f5!) and 14…Kf7?! (wieder sieht 14…f5 besser aus) wurde es kritisch, bis Kramnik nach 17…Lxh3 die Chance hatte, das zu tun was er in diesem Turnier oft tat - opfern!


18.fxg5! und nach 18…Bd7 mit zwei Bauern und dabei drei verbundenen Freibauern am Königsflügel für die Figur hatte Kramnik das Gefühl, die Partie sei fast entschieden. Wesley fühlte zu diesem Zeitpunkt im Turnier keinen Druck und fand danach fast alle einzigen Züge. Kramnik zweifelte dabei zwischen verschiedenen Versuchen, seinen Vorteil zu verwerten (nicht gespielt u.a. 20.Tae1 und 25.Txa6). Der Ex-Weltmeister war nahe am Sieg und vergab seinen Vorteil vielleicht erst im 32. Zug:


Svidler hatte kaum Zeit zu erklären, daß Schwarz nicht -Sxg5 droht (darauf Th8+ mit Gewinn des schwarzen Ta8) und Weiß daher einfach seine Stellung mit z.B. 32.f4 verstärken kann, bevor Kramnik mit 32.Ne6?! forcierte. Wie sich herausstellte, hatte er nach 32…Sxe5 33.dxe5 Te8 34.Nf4 34…Lc2! übersehen. Für die nächsten Züge verbrauchte Kramnik viel Bedenkzeit, u.a. unglaubliche 45 Minuten für den 41. Zug, aber sein Gewinnpotential war dahin. Nach 42 Zügen wurde Remis vereinbart.

Kramnik beklagte in der Pressekonferenz wie üblich sein Schicksal:

Ich war mit der Eröffnung sehr zufrieden. Ich denke, daß ich nicht schlecht gespielt habe, ich habe viel gesehen, aber irgendwie ist es nicht mein Turnier. Einfach unglaubliches Pech. Natürlich hat Wesley sich gut verteidigt, es war kein Selbstläufer, aber dennoch, so viele verpasste Chancen und immer fehlt warum auch immer ein Tempo. Es passiert einfach. Um hier gut zu spielen, ein gutes Ergebnis, der Turniersieg - ich weiss es, da ich schon viele Kandidatenturniere spielte - braucht man wahrscheinlich zumindest etwas Glück. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß ich es in diesem Turnier nicht habe. Sicher, ich machte auch selbst Fehler, aber ein bisschen Glück - wenn wenigstens eine Variante für mich statt für meinen Gegner funktionieren würde, das wäre schön!

Die Pressekonferenz:

Der Traum ist für Kramnik (auch wenn er noch eine theoretische Chance hat), So und natürlich Aronian vorbei. Aber alle anderen spielen Montag und Dienstag einige der wichtigsten Partien ihres Schachlebens!


Wie bereits erwähnt, hat Karjakin durch den direkten Vergleich den besseren Tiebreak gegenüber Caruana, ebenso Ding Liren gegenüber Mamedyarov. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, daß wir wohl am besten abwarten, ob sich die Lage bereits nach der vorletzten Runde am Montag etwas klärt. Das Restprogramm der Spieler mit realistischen Chancen auf den Turniersieg:


Erst allerdings ein Ruhetag.

Dann natürlich die entscheidenden Runden des Kandidatenturniers Montag und Dienstag, mit Liveübertragung auf chess24!

Siehe auch:


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