Berichte 27.03.2018 | 11:29von Colin McGourty

Kandidatenturnier Berlin, R13: Fabi führt im spannenden Rennen

Fabiano Caruana ist zurück: nach einem Sieg gegen Levon Aronian hat er einen halben Punkt Vorsprung vor dem nervenaufreibenden letzten Tag des Berliner Kandidatenturniers. Sergey Karjakin verlor seine Führung nach einem Kurzremis mit Schwarz gegen Wesley So - im Nachhinein keine gute Idee, da seine beiden Rivalen siegten. Shakhriyar Mamedyarov profitierte dabei davon, daß Alexander Grischuk kurz vor Ende ihrer Partie patzte. Ding Liren entwischte erneut, diesmal gegen Vladimir Kramnik, und hat so noch eine kleine Chance auf den Turniersieg und ein WM-Match gegen Magnus.

Caruana braucht noch einen Sieg für ein WM-Match | Foto: Niki Riga 

Der eine Tag ist nicht wie der andere! Beide Spieler, die in Runde 12 verloren, gewannen nun in Runde 13:

Der Tag im Livekommentar von Nikolas und später auch Melanie Lubbe:

So-Karjakin 1/2: Ein gutes Ergebnis?

Remis ist generell ein gutes Ergebnis, wenn man im Turnier alleine führt. Aber hier konnte Caruana dadurch Karjakin überholen. | Foto: Niki Riga

Zunächst zur kürzesten Partie des Tages. Sergey Karjakin hatte davor eine sehr gute Ausgangsposition - selbst hatte er in Runde 12 Caruana besiegt, Mamedyarov hatte auch verloren, Karjakin konnte sich in einer Runde vom vierten auf den (nach Tiebreak) ersten Platz verbessern. Er hatte vier seiner sechs letzten Partien gewonnen, aber ein fünfter Sieg schien unwahrscheinlich, sobald ‌13.b4!? auf dem Brett gespielt wurde: 


Diese Neuerung enthielt eine kleine Falle. Wie Sergey nach der Partie zeigte, würde 13…De5 14.Td1 b5 an 15.Lxc4! scheitern: wenn Schwarz dann den Läufer schlägt, nimmt der weiße Springer zurück und landet auf d6. Es gab eine einfache Antwort: nach 13…Df5!, was Damentausch praktisch erzwang, enntstand schnell ein total ausgeglichenes Endspiel. In der Hinrunde hatte Karjakin dann gegen So "aus dem Nichts heraus" gewonnen, diesmal nicht - die Spieler blitzten die letzten Züge und einigten sich nach 39 Zügen auf Remis.

Sergey beschrieb seine Stimmung danach:

Es ist völlig in Ordnung, ich hatte ja Schwarz und in dieser Turniersituation ist Remis für mich ein gutes Ergebnis.

Die Pressekonferenz nach der Partie:

Remis war dann nach den Ereignissen an anderen Brettern nicht mehr unbedingt ein gutes Ergebnis:

Caruana-Aronian 1-0: Fabi zeigt wieder, was er kann

Aronian krempelt die Ärmel hoch - aber der Levon, den wir kennen und lieben, fehlte in Berlin  | Foto: Niki Riga 

Direkt nach der Partie hatte Caruana seine Niederlage gegen Karjakin in Runde 12 als "das Schlimmste, das passieren konnte" bezeichnet, aber später änderte er seine Meinung:

Die Niederlage in der letzten Runde hat mir eher geholfen. Zuvor wurde ich angesichts der Versuche, meine Führung zu verteidigen, nervös und das hat mein Spiel für einige Partien ruiniert. Vor dieser Partie hatte ich ein viel besseres Gefühl. Natürlich hatte ich nicht gerne verloren, aber trotz meiner guten Turniersituation war ich nicht in der richtigen Stimmung, und vor allem deshalb habe ich gegen Sergey so glatt verloren.

Der furchtlose Fabi aus der ersten Turnierhälfte kam zurück. Geholfen hat dabei, daß seine Vorbereitung vom Ruhetag perfekt funktionierte. Gegen Aronians Spanier wiederholte er Alexander Grischuks kurioses 9.Ld2 aus der vorigen Runde:


Gegen Grischuk spielte Aronian hier 9…Kh8, nun folgte er der Engine-Empfehlung 9…Lg4

Wesley So kibitzt bei seinem Landsmann | Foto: Niki Riga

Damit hatte Caruana gerechnet:

Es war nicht meine Idee - so spielte Grischuk in der letzten Runde. Es ist wohl nicht ganz eine Neuerung, aber eine brilliante Eröffnungs-Idee. Weiß erreicht damit eher keinen Vorteil, aber es öffnet zumindest ein kleines neues Kapitel im Anti-Marshall. Ich denke, daß Levon die kritische Fortsetzung wählte. Es hat Spass gemacht, am Ruhetag eine total frische Stellung zu betrachten. Wir analysierten etwas, das zuvor noch nie gespielt wurde, das war unterhaltsam. Ich hatte Glück, daß ich bis zum 15. Zug meine Vorbereitung aufs Brett bekam. Weiß hat dann bereits, was ich wollte, eine spielbare Stellung die nicht schnell verflacht.

Er fand selbst die Zeit, um sich “The Shape of Water” im Kino anzuschauen. Rein schachlich hat er untertrieben, schon wenige Züge nach dem überraschenden 15.Lc1! hatte Weiß enormen Vorteil:

‌Jan über Aronians Stellung gegen Caruana: "Die Versuchung, einfach aufzugeben, ist sehr stark!"

Jan Gustafsson analysiert diese spektakuläre Partie:

Wenn man einen Moment hervorheben kann, dann die Stellung nach 31.Dxf2:


Levon erwähnte danach, daß ein Freund ihm 31…Sxb4!! zeigte. Caruana, der dies auch nicht gesehen hatte, meinte "das ist unglaublich stark" und dann "das ist wunderschön". Nach 32.cxb4 Td4! wäre Levon zurück in der Partie, die beste Verteidigung 33.Sd5! ist für Menschen alles andere als offensichtlich.

Nach der Partie | Foto: Niki Riga

Stattdessen spielte Levon 31…e4 und stand auf Verlust. Auf die Frage, ob er sich über die verpasste Chance ärgerte, meinte er "zu diesem Zeitpunkt ist mir alles egal". 1.5/8 seit Runde 6 ist ein katastrophaler Kollaps für den Spieler, den viele vor dem Kandidatenturnier als Favorit bezeichnet hatten:

‌Aronian hat immer noch eine GM-Norm

Die anschliessende Pressekonferenz:

Aronian hat kaum Zeit, um sich zu erholen: in nur fünf Tagen spielt er beim GRENKE Chess Classic zusammen mit u.a. Carlsen, MVL, Vishy und einem ebenfalls müden aber dabei potentiell sehr gut gelaunten Caruana.

Mamedyarov-Grischuk 1-0: Shak ist wieder da

Dienstag steigt die Spannung nochmals | Foto: Niki Riga

Mamedyarov erlitt in Runde 12 ebenfalls eine vernichtende Niederlage und meinte dazu:

Gegen Ding Liren zu verlieren war wie eine Katastrophe. Dieser Tag war für mich nicht einfach...Das Problem ist, daß ich zuletzt vor 18 Monaten mit Weiß verloren hatte, und nun zu einem sehr wichtigen Moment gegen Ding Liren - Remis, Remis, Remis, und dann besiegt er mich zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt in meinem Leben.

Was Shakhriyar letztendlich half war, daß es auch Grischuks letzte Chance war:

Es war eine dumme Situation. Wir mussten beide gewinnen. Für mich war Remis fast dasselbe wie eine Niederlage…

Grischuk hatte den Eindruck, daß Schwarz nach dem "starken Zug" 12…Sf6 keine Probleme hatte. Danach übersah er zwar eine weiße Idee, aber dennoch war die Stellung nach 30 Zügen völlig ausgeglichen:


Grischuk sah, daß 30…a6 Remis forciert, aber da er kein Remis wollte spielte er 30…Da5. Auch nach 33…Kh7 (Grischuk wies darauf hin, daß 33…Kg7 die Partiefortsetzung vermeidet) war es noch ausgeglichen, aber 34…Sxb5? war dann zuviel (selbst hier sollte sich Schwarz nach 34…Sf5 halten).


Nach 35.Lxb5 sichert der c-Bauer Schwarz ein Remis, aber Shaks 35.e6! war partieentscheidend. Nach 35…Da3 konnte Schwarz seinen Freibauern umwandeln, aber es war zu langsam gegen Mamedyarovs Mattangriff: 36.Dxb5 c2 37.exf7 Kg7 38.Le4 c1=D 39.De8 Schwarz gab auf

Der WM-Traum ist für Grischuk vorbei | Foto: Niki Riga

Damit war Mamedyarov wieder im Rennen um Carlsens Herausforderer, aus dem Grischuk ausschied. Schau Dir die anschliessende Pressekonferenz an:

Ding Liren-Kramnik 1/2: Immer noch ungeschlagen

Ist was? | Foto: Niki Riga

Auch Vladimir Kramnik wurde eliminiert, seine ohnehin eher theoretischen Chancen waren schon vor dem Ende seiner eigenen Partie Makulatur. Dennoch hatte Big Vlad seinen Spass, der Igel-Aufbau gegen Ding Liren zeigte plötzlich seine Stacheln:

‌Schau Dir Kramnik an. Was für eine Inspiration für junge Spieler, alte Spieler, müde Spieler, depressive Spieler, langweilige Spieler, verrückte Spieler...

Der Chinese hatte am Damenflügel aggressiv gespielt und wurde dann plötzlich am anderen Flügel (O-Ton Ding Liren) "total überrascht":

‌Svidler nach Kramniks 18...g5!? - "Das ist unglaublich unterhaltsames Schach!"

Unsere Kommentatoren fragten sich, wie man überhaupt auf so einen Zug kommen kann, wobei Vladimir hinterher meinte "typisch in Igel-Strukturen". Die Idee war vor allem g5-g4, und nach 19.h3? fand Kramnik einen Zug, der zu stark war um ihn nicht zu spielen: 19…f5!! Da f5-f4 zulassen strategischer Selbstmord wäre, entstand der seltene Fall, daß eine taktische Idee komplett auf dem Brett erscheint, es folgte 20.exf5 Lxg2 21.Kxg2 Txa3! 22.Sxa3 Da8+!:

‌Ein wunderschöner taktischer Schlag von Kramnik, basierend auf dem Doppelangriff 22...Da8+ - "der Mann ist brilliant" (Svidler)

Danach spielte Kramnik zunächst perfektes Schach, aber nach der ersten kleinen Ungenauigkeit 30…Sfxg4 (30…Txe7 ist wohl besser) nutzte Ding seine Chance:


31.Qd1!, Idee Damentausch auf d5, war die Rettung. Kramnik hätte allerdings wohl nach wie vor gute Chancen, wenn er nach 31…Lh6 32.Tc3 mit 32…Kg7 oder 32…Kh7 Damentausch verhindert hätte. Aber er war in Zeitnot und erlaubte eine Abwicklung zu einem für ihn leicht besseren Endspiel.

Als Einziger in Berlin ungeschlagen - Ding Liren | Foto: Niki Riga

Wie so oft im Turnier schien es, daß Kramnik nun stundenlang weiterspielen würde. Unsere Kommentatoren diskutierten das wichtige und immergrüne Thema, mit welchem Kandidaten sie am liebsten auf einer Wüsteninsel stranden würden:

Diese Diskussion konnten sie dann nicht einmal abschliessen, da ein Wunder geschah - Kramnik erlaubte Remis durch Zugwiederholung, nach der Zeitkontrolle hatte er nur etwa 25 Minuten nachgedacht.

Die Pressekonferenz nach der Partie:

Durch diesen Tag wurde der Stand an der Tabellenspitze komplett neu definiert:


Mit nur noch einer Runde zu spielen hat nur Fabiano Caruana sein Schicksal in eigener Hand:

Wenn Caruana mit Schwarz gegen Grischuk gewinnt, sind andere Ergebnisse irrelevant. Wenn nicht, ist er allerdings sehr anfällig, da Mamedyarov und Karjakin den besseren Tiebreak haben (Vorteil Mamedyarov gegenüber Karjakin). Nochmals: Niemand versteht es, aber bei Gleichstand nach Punkten gibt es keinen Stichkampf, der Sieger wird ermittelt anhand von 1) direkter Vergleich (bei drei oder mehr Spielern internes Mini-Turnier), 2) Anzahl Siege, 3) Sonneborn-Berger.

Also eine schwierige Situation für Caruana - der Traum jedes (Profi-)Schachspielers und eine sechsstellige Summe steht auf dem Spiel. Mit einem Remis hat er sehr gute Chancen - Karjakin trifft auf den bisher ungeschlagenen Ding Liren und Schwarz gegen Kramnik wird für Mamedyarov nicht einfach. Aber es wäre auch keinesfalls überraschend, wenn einer oder beide von Fabianos Rivalen gewinnen.

Dankenswerterweise hat Eric Isaacson die möglichen Szenarien analysiert:

Wie Du siehst, gibt es noch eine Möglichkeit - wenn Grischuk gegen Caruana gewinnt, Ding Liren gegen Karjakin gewinnt und Kramnik-Mamedyarov remis wird, dann heisst der nächste Herausforderer von Magnus Carlsen… Ding Liren!

Unabhängig von allen mathematischen Szenarien wird es sicher dramatisch. Du kannst es live verfolgen, am besten auf chess24!

Siehe auch:


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