Berichte 24.03.2018 | 13:46von Colin McGourty

Kandidatenturnier Berlin, R11: Karjakin wieder mit Chancen

Sergey Karjakin hat nach seinem Sieg gegen Levon Aronian in Runde 11 wieder gute Chancen, sich für den kommenden WM-Kampf gegen Magnus Carlsen zu qualifizieren. Nach seinem schwachen Auftakt hat er nun nur noch einen Punkt Rückstand auf den Führenden Fabiano Caruana, der in Runde 12 mit Schwarz auf ihn trifft. Alexander Grischuk liegt wie Karjakin bei +1, nachdem er gegen Ding Liren gerade noch ins Remis entwischte. Fabiano Caruana und Shakhriyar Mamedyarov spielten gegen Vladimir Kramnik bzw. Wesley So remis und haben damit weiterhin die besten Chancen.

Sergey Karjakin hat gerade einen Lauf - kann er seinen Triumph von 2016 wiederholen? | Foto: Niki Riga

Alle Partien des Kandidatenturniers könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde mit Computeranalyse nachspielen:

Hier das Video mit dem gestrigen Live-Kommentar von Melanie und Nikolas Lubbe:


Aronian 0-1 Karjakin: Wiederholt sich die Geschichte von New York?

Lange sah es so aus, als würden Sergey Karjakin und Ding Liren ihre Partien gewinnen | Foto: Niki Riga

Nach einem Jahr 2017 mit durchweg uninspirierten Leistungen startete Sergey Karjakin als Letzter der Setzliste ins Kandidatenturnier und nach zwei Weißniederlagen in den ersten vier Runden gab ihm wohl niemand mehr eine ernsthafte Chance auf einen neuerlichen WM-Kampf gegen Magnus Carlsen. Erneut belehrt Karjakin nun aber seine Kritiker eines Besseren und zeigt wie schon vor vier Jahren, dass er zu einem Comeback fähig ist. Bereits 2014 war Karjakin mit zwei Niederlagen ins Turnier gestartet und gewann danach noch drei Partien:

Karjakin's comebacks in 2014 and 2018

Vor vier Jahren reichten +1 am Ende für den mit Shakhriyar Mamedyarov geteilten 2.Platz, wobei Karjakin in der Vorschlussrunde um ein Haar den späteren Sieger Vishy Anand besiegt hätte. Auch dieses Jahr ist drei Runden vor Schluss noch alles möglich.

Schauen wir uns die Partie, die für Levon Aronian einmal mehr grausam verlief, genauer an. Der Armenier hat mittlerweile fünf Partien (vier seiner letzten sechs) verloren und ist aus den Top Ten der Weltrangliste gefallen. Die Enttäuschung ist vermutlich groß, und es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Im einem Katalanen stand er gegen Sergey Karjakin gut, und obwohl der Russe einige Verbesserungen des weißen Spiels (wie 26.Dg4 anstelle von 26.Db2 und 33.Dc2 anstatt 33.g4) vorschlug, war das Gleichgewicht bis zum 42.Zug gewahrt:


Levon überlegte 1 Minute und 36 Sekunden für den Zug 42.Lc3?, mit dem er unter Aufgabe des Bauern a4 den Bauern d6 „deckte“. Nach 42.a5! wäre das Gleichgewicht wohl gewahrt geblieben, da 42…Kxd6 nach 43.Lb4+ forciert zum Remis führt. In der Partie gab es dagegen nach 42…Dxa4 kein Zurück, da der weiße d-Bauer sechs Züge später verloren ging. Das Damenendspiel erwies sich zwar als komplizierter, als Karjakin erwartet hatte, doch zeigte er bei der Verwertung keinerlei Schwächen. In der letzten Partiephase hatte Aronian vier Bauern weniger: 

"2002 habe ich in der Bundesliga gegen Aronian mit drei Minusbauern weitergespielt, weil ich einfach nicht aufgeben wollte. Das tat mir ein wenig leid, aber nun sehe ich, dass er gegen Karjakin mit vier Minusbauern weiterspielt."

Viel über Stimmung Aronians sagt aus, dass er in der kürzesten Pressekonferenz des Kandidatenturniers kaum ein Wort herausbrachte:

Verstehen kann man ihn allemal. Nachdem er jahrelang die Nummer 2 der Welt war und 2017 ein glänzendes Jahr hatte, galt er für viele als Favorit, doch nun ist er drei Runden vor Schluss schon rein rechnerisch nicht mehr in der Lage, sich zu qualifizieren. Selbst drei Siege würden nicht mehr reichen:


Ganz anders steht es natürlich um die Gefühlslage von Karjakin, der sich aktuell in der Form des letzten Kandidatenturniers präsentiert. Seine Erklärung:

Nach der Niederlage gegen Levon in der ersten Turnierhälfte war mir klar, dass ich mein Spiel verbessern musste, und jetzt bin ich froh, dass mir das gelungen ist und ich einige Partien gewinnen konnte. Am wichtigsten war, nicht mehr zu verlieren, aber irgendwie ist es mir gelungen, mit Schwarz zu remisieren und mit Weiß einige Partien zu gewinnen. Es fühlt sich wie ein neues Turnier an.


So ½-½ Mamedyarov: Alles unter Kontrolle

Peter Svidler zitierte den walisischen Lyriker Dylan Thomas mit dessen Worten “Empör dich, wenn das Tageslicht erstirbt“, um Levon Aronians Emotionslage nach dessen sechstem Scheitern bei einem Kandidatenturnier zu beschreiben. Er wollte mit dem Zitat den Gegensatz zu Wesley So verdeutlichen, der sich seit seiner Niederlage gegen Karjakin in Runde 7 mit seinem Schicksal abgefunden zu haben scheint.

Nur gute Laune auf der Pressekonferenz | Foto: Niki Riga

Die Partie folgte dem Muster der letzten Runde. An einer mäßig interessanten Eröffnung war das vielleicht Spannendste, dass Shakhriyar Mamedyarov im Katalanen nun die Züge 7…a6, 7…b6 und 7…c6 allesamt während eines Turniers durch hat!


Wesley wusste aber, was er tat und zeigte in der Pressekonferenz einige nette Varianten, die natürlich nie aufs Brett kamen:

Mamedyarov erzählte, dass er beim Erreichen des verschiedenfarbiges Läuferendspiels Remis angeboten und sich gewundert habe, warum sein Gegner nicht annahm. Vielleicht spielte So wegen des Mehrbauern in der konkreten Stellung weiter, doch die restlichen Bedenkzeiten von 1h 50 von So und 1h 33 von Mamedyarov sagen alles über die weißen Gewinnchancen.

Caruana ½-½ Kramnik: “Ein ziemlich schlechter Zug!”

Der Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, eröffnete die Partie | Foto: Niki Riga

Auf dem Papier bot diese Partie Fabiano Caruana eine gute Chance, seine Führung auszubauen, nachdem Vladimir Kramnik seine letzten drei Schwarzpartien verloren hatte. Dessen Gefühlslage dürfte in die Richtung derjenigen von Aronian gehen und zudem kämpfte er um seine letzte Chance, sich für den WM-Kampf gegen Carlsen zu qualifizieren.

Die Partie begann damit, dass Kramnik eine der Lieblingseröffnungen der Gattin seines Sekundanten Anish Giri wählte und das Triangel-System im Slawen – 1.c4 e6 2.Sc3 d5 3.d4 c6 spielte. Fabiano entschied sich für das Marshall Gambit mit 4.e4 dxe4 5.Sxe4


…doch dann kam mit dem überraschenden 5…c5!? ein Zug, der auf höchstem Niveau noch nie gespielt worden war. Fabi nahm sich fünf Minuten für 6.Sxc5, worauf mit Kramniks direkter Antwort 6…Sc6 die Pointe folgte. Caruana versank daraufhin in 20-minütiges Nachdenken.

Kramnik überraschte seinen Gegner in der Eröffnung | Foto: Niki Riga

In der Pressekonferenz meinte der Amerikaner, “Ich glaube, der Zug ist nicht unproblematisch”, worauf Vladimir fröhlich entgegnete:

Ein ziemlich schlechter Zug, richtig! Völlig einverstanden. Ein kleiner Bluff, warum nicht? Er hat funktioniert, oder?

Fabiano erkannte die Pointe des Zugs, die darin liegt, dass das natürliche 7.Sb3 an 7…a5 scheitert, während auf 7.Le3 das starke 7…e5! folgt. Caruana meinte, er habe den Zug 7.Se2 nicht erwogen, den der Computer, wie Kramnik wusste, zwar bevorzugt, der ihm aber „unnatürlich erschien“. Sein Gegner pflichtete ihm bei und meinte, “den Zug würde ich als letzten in Betracht ziehen“. Das hätte aber durchaus lustig werden können, wenn 7.Se2 Sxd4 8.Sxb7!? Sf3+!? aufs Brett gekommen wäre:


Stattdessen kam in der Partie die von Kramnik angegebene Hauptvariante aufs Brett: 7.Sf3 Sxd4 8.Dxd4 Dxd4 9.Sxd4 Lxc5 10.Sb5 Ke7:


Hier spielte Caruana 11.Ld2?!, weil er, wie er hinterher meinte, bereits viel Zeit verbraucht hatte und seinen Gegner zum Nachdenken bringen wollte. Das war vermutlich eine kluge Entscheidung. Kramnik meinte dazu, jeder könne mit seinem Computer sehen, dass Weiß nach 11.Sc7 besser steht, „aber klar ist auch, dass er nicht weiß, wie genau er fortsetzen soll“.

Wieder einmal ging es in der Pressekonferenz lustig zu, zumal Kramnik zugab, dass er zwar auf Gewinn spielte, aber nicht objektiv gesehen | Foto: Niki Riga

In der Partie stand Schwarz zunächst wohl leicht besser, doch als Kramnik Remisvarianten vermied (Caruana kicherte fast, als er fragte, ob Kramnik Angst vor einem Remis gehabt habe), stand Weiß zumindest komfortabler. Beide Spieler waren sich einig, dass 19.f4 ein Fehler war und Kramnik dieses Mal zu Recht seinen h-Bauern in Bewegung setzte. Nach 21…h4 hätte es richtig spannend werden können:


22.g4 wäre der kritische Zug gewesen, denn die Stellung nach 22…Lxf4 23.gxf5 Lxc1 24.Txc1 exf5 ist extrem zweischneidig. Das hielt sogar Kramnik für zu riskant und plante stattdessen 22…Sh6 23.Kf3 Sf7 mit anschließendem g5. Die Partie blieb nach 22.Kf3 hxg3 23.hxg3 Txh1 24.Txh1 scharf, doch dieses Mal überzog Kramnik nicht und die Partie ging remis aus.

Die Pressekonferenz war ein munterer Schlagabtausch:


Damit kommen wir zur Partie des Tages:

Ding Liren ½-½ Grischuk: “Es gibt nur einen Giri auf der Welt”

In der ersten Partie dieser beiden Kontrahenten war Alexander Grischuk nur einen recht einfachen Zug vom Sieg entfernt, doch dieses Mal verlief das Duell genau andersherum!

Grischuk hat immer noch Chancen auf den WM-Kampf| Foto: Niki Riga

Grischuk meinte, er wäre in den ersten 15 Zügen seiner Vorbereitung gefolgt, doch kann man sich nur schwer vorstellen, dass der Zug 15…Sa5? (15…0-0 war wohl richtig) darin vorkam:


Die Pointe des Zuges ist laut Grischuk, dass auf 16.Lb1 das starke 16…f5! folgen kann, da 17.exf6 an 17…Lxf3! scheitert, wonach das Matt nur noch durch Damenverlust zu verhindern ist.

Alles schön und gut, aber nach 16.Lf4! schüttelte Grischuk seinen Kopf:

Schwarz muss eigentlich gut stehen, aber ich weiß nicht, wie es weitergeht... Wie gegen Aronian kam meine Eröffnungsvorbereitung aufs Brett, und zwei Züge später konnte ich schon aufgeben. 

Es wurde immer schlimmer und weder die Kommentatoren noch Grischuk selbst glaubten an ein Wunder:

"Peter: Ehrlich gesagt, kann man sich Stellung fast nicht ansehen. Die schwarze Stellung ist ein zusammengewürfelter Haufen unkoordinierter Figuren.

Jan: Springer am Rand bringt Schand.

Peter: Und du hast zwei davon. Noch mehr Schande."

Der Computer hat in der Folge einige Verbesserungen für Schwarz parat, doch Ding Liren trug seinen Angriff stark vor und fand die brillanten Züge 25.Lg6! und 26.Lb6! Der Chinese hatte dabei schon im Voraus die Gewinnvariante nach der besten schwarzen Antworten berechnet, bei der er die schwache gegnerische Grundlinie ausnutzt: Auf 26...Lxg5 folgt 27.Lxd8 Lxd8 28.Dxe6 Dxe6 29.Txe6 Le7 30.Sxd5 Lxd5 31.Txd7 Sf7 32.Td7 Sc5 33.Texe7 Sxd7 34.Txd7 und Schwarz ist hilflos:


All das kam aber nicht aufs Brett, da Grischuk mit zwei Sekunden auf der Uhr 26…Tc8 spielte. Laut Grischuk kam der zug der Aufgabe gleich, doch stattdessen rettete er ihn vermutlich. Ding Liren, der noch sechs Minuten hatte, war “völlig überrascht” und fand die viel einfachere Kombination, die die Schwäche der Grundreihe ausgenutzt hätte, nicht.

Erst folgte noch das korrekte 27.Sxe6+ Kg8, doch dann übersah er den tödlichen Schlag:


Nach 28.Sd8! wäre die Partie direkt vorbeigewesen, da die Drohung 29.De8+ Dxe8 30.Txe8# nicht mehr vernünftig zu parieren ist. 28.Sxd5 verdarb nichts, aber das Auftauchen des Läufers mit 28…Lxd5 erschwert den Gewinn nach 29.Sd8! zumindest ein wenig.

Nach 29.Sf4?! stand Weiß immer noch auf Gewinn, doch Grischuks Laune wurde besser:

Ich war schon froh, als Sd8 nicht aufs Brett kam. Danach verliert Schwarz nicht nur, sondern in großem Stil!

Der Russe überlegte aufzugeben, ehe er 29…Nc1! fand, wonach Schwarz bei mittlerweile fast identischer Bedenkzeit wieder Gegenspiel erlangt. 

Ding Liren spielt 31.Sxd5 und büßt nach 31...Sf7 und 32.De2 den Großteil seines Vorteils ein | Foto: Niki Riga

Bis zur Zeitkontrolle ging es mit wechselseitigen Fehlern weiter, und Grischuk meinte nach 38…Sxh3+ (er spielte so, weil er übersehen hatte, dass Weiß nach 39.Kh2 Dxe4 auch mit dem Läufer nehmen kann) sogar, er stünde besser. Mit 38…Sed3 hätte er dagegen alle Probleme lösen können:

Grischuk schaffte mit 40...Txc6 die Zeitkontrolle, doch zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als würde er die Partie verlieren | Foto: Niki Riga

Bis zum 42.Zug stand dann wieder Weiß auf Gewinn:


Grischuks Kommentar:

Ich stehe wieder auf Verlust. Nach 42.Lc3 gibt es keine Hoffnung mehr, da Weiß langsam, aber sicher gewinnt. 

Stattdessen spielte Ding aber 42.Lxe5?! Sxe5 und erlaubte Grischuk damit, seine Figuren zu aktivieren und die Verteidigung zu organisieren:

Etwas Besseres als das, was in der Partie aufs Brett kam, war für Schwarz nicht mehr drin.

Schließlich erzwang Schwarz mit der Umwandlung des b-Bauern ein Remisendspiel, und Grischuk erklärte nach der Partie, warum er 75…Sc3 spielte (und nicht Svidlers Vorschlag 75…Sd2 folgte, was seinem Läufer mehr als fünf Felder gegeben hätte)


Einfache Mathematik – Turm und König können jeweils zwei Felder kontrollieren, und damit bleibt eins übrig!

Nach dieser außergewöhnlichen Rettung hat von den beiden nur noch Grischuk realistische Chancen auf einen WM-Kampf gegen Magnus Carlsen. 

Ding Liren bräuchte für den Turniersieg ein Wunder, er zeigt aber, dass er auf diesem Niveau mithalten kann | Foto: Niki Riga

Liren kann damit weiterhin sämtliche 14 Partien remisieren. Als Grischuk in der Pressekonferenz gefragt wurde, ob er vor der Partie daran gedacht hätte, dementierte er dies mit den Worten: “Es gibt nur einen Giri auf der Welt!”

Hier die ganze Pressekonferenz:

Drei Runden vor Schluss sieht die Tabelle damit so aus:


Und hier die Gegner der vier realistischen Sieganwärter:

FABIANO CARUANA (7/11)


 SHAKHRIYAR MAMEDYAROV (6.5/11)


SERGEY KARJAKIN (6/11)


ALEXANDER GRISCHUK (6/11)


Weiter geht es schon am heutigen Samstag, live auf chess24!

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