Berichte 26.03.2020 | 07:21von Colin McGourty

Kandidaten 2020, 5: Nepo übernimmt die Führung

Ian Nepomniachtchi erzielte in Runde 5 einen Sieg gegen Wang Hao und war damit der erste Spieler, der im Kandidatenturnier 2020 die alleinige Führung übernahm. Die anderen Partien wurden Remis gespielt, aber nicht ohne echten Kampf. Alekseenko-MVL war ein spektakuläres Najdorf, in dem sich Kirills 48 Minuten Kalkulation im Mittelspiel als gut investierte Zeit erwies, während Anish Giri eine große Chance verpasste, Fabiano Caruana zu schlagen. Ding Liren-Grischuk war leiser als die Pressekonferenz nach der Partie, bei der Alexander forderte, das Turnier wegen der Coronavirus-Situation abzubrechen.

Magnus Carlsen hielt Wang Haos Aufgabe für verfrüht, aber sie gab Ian Nepomniachtchi, dem Spieler mit der besten Punktzahl gegen Magnus, die alleinige Führung im Rennen um den Titelkampf! | Foto: Maria Emelianova, Offizielle Website

Du kannst alle Partien des FIDE-Kandidatenturniers 2020 in Jekaterinburg mit der folgenden Auswahl nachspielen - klicke auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse zu öffnen:

Der 15-jährige indische Star Nihal Sarin hat sich in Runde 5 dem regulären Team von Jan, Lawrence und einem gewissen Magnus Carlsen angeschlossen. Du kannst die Show hier erneut ansehen:

Und hier eine Zusammenfassung vom zweifachen kanadischen Schachmeister Pascal Charbonneau:

Schach im Schatten des Virus’

Ding Liren wechselte das Hotel, um mehr frische Luft zu bekommen | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Website

Am Brett 5 war es ein wichtiger Tag. Ian Nepomniachtchi ging als erster Spieler alleine in Führung, und mit 9 verbleibenden Runden – der Länge eines normalen Superturniers – könnte das entscheidend sein. Bisher haben diejenigen, die nach Runde 5 führten, diese 14 Runden langen Kandidatenturniere gewonnen!

Ein Sieg in der Partie Giri-Caruana wäre ein Ein- oder Durchbruch für die Spieler gewesen, aber in den Interviews nach der Partie wurde deutlich, dass deren Gedanken nicht nur beim Schach waren. Es kommt einem lange her vor, dass Teimour Radjabov vom Turnier zurückgetreten ist, aber es sind tatsächlich nur 17 Tage, und hätten wir da gewusst, wie die Welt heute aussieht, dann wäre etwas anderes als die von ihm geforderte Vertagung des Turniers kaum vorstellbar.

Anna Burtasova hat die Spieler gefragt, ob sie Nachrichten und Social Media während des Turniers vermeiden. Fabi erklärte, das würde zu viel Disziplin kosten, und Giri unterbrach:

Vielleicht muss man sogar, denn irgendwann kommt vielleicht eine Nachricht: "Du musst zu diesem Ort gehen, oder wir werden alle sterben", also muss man wirklich dranbleiben, denn wenn man es nicht tut, könnte das richtig, richtig schlimm sein. Ich denke, wenn so viel auf dem Spiel steht, ist es wichtiger, den Nachrichten zu folgen, als sich auf das Event zu konzentrieren.

Eine Frage zum schwierigen Leben eines ständig reisenden Schachspielers provozierte Nostalgie:

Ich glaube, die nächsten Monate werden hinsichtlich des Reisens einfacher. Allgemein gesagt, waren das gute Zeiten. Wir sind herumgereist und haben unterschiedliche Orte gesehen. Es war gut. Man konnte das Haus verlassen. Es war schön. Ich habe es genossen.

Reisen beschäftigten auch Fabi:

In meiner Situation bin ich normalerweise drei Monate weg von zuhause, aber jetzt bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich irgendwohin zurückgehen kann, wenn das Turnier vorbei ist. Ich könnte irgendwo festsitzen, und ich bin mir nicht sicher wo, denn das US State Department hat gesagt, amerikanische Bürger müssten zurückkommen in die USA, oder sie könnten nicht zurück, wenn sie nicht sofort kommen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke jetzt nicht wirklich darüber nach, wohin ich gehen muss nach dem Ende des Turniers.  

Als Anna versuchte, den Spieler zu versichern, dass sie nach Hause kommen, war Giris Antwort tatsächlich kein Witz:

Ich vertraue auf den privaten Jet der FIDE, dass er alle Spieler zu ihrem Haus fliegen wird. Das ist meine einzige Hoffnung!

Private Transporte arrangiert vom FIDE-Präsidenten Arkady Dvorkovich oder den Organisatoren des Turniers könnten durchaus die beste Option für viele Spieler sein, obwohl es Reisebeschränkungen überall gibt.

Der dramatischste Einwurf hinsichtlich des Virus’ kam jedoch von Alexander Grischuk, der immer frei heraus redet:

Als er zu seiner Form gefragt wurde:

Meine Form ist furchtbar. Ich will überhaupt nicht spielen, wegen dieser Situation. Am Anfang hatte ich noch keine klare Meinung, aber seit einigen Tagen habe ich die sehr klare Meinung, dass es gestoppt werden sollte, dieses Turnier. Die ganze Atmosphäre ist sehr bedrohlich. Alle mit Masken, die Security und so weiter. Für mich ist das sehr schwierig, ich will einfach nicht spielen, ich will nicht hier sein, und wenn man das bedenkt, bin ich sehr glücklich mit meinen Ergebnissen, aber insgesamt ist es kein Zufall, dass alles andere gestoppt wurde. Wir sind die einzigen die noch spielen, das einzige große Sportereignis, und ich denke, es sollte gestoppt und vertagt werden.

Er stellte klar:

Ich meine nicht mich, ich meine es natürlich allgemein. Ich sage nicht es sollte gestoppt werden, weil ich nicht spielen will.

Es gibt Blumen, um die Atmosphäre aufzuhellen, aber keine Zuschauer. | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Website




Ding Liren hat mehr gelitten als die meisten anderen, erst in der Ausgangssperre in China, dann in der 14-tägigen Quarantäne nahe Moskaus, bevor er nach Jekaterinenburg reiste. Verständlich, dass er sein Hotelfenster öffnen können möchte!

Meine Form ist besser, verglichen mit den beiden ersten Tagen. Seit ich ein neues Hotel umgezogen bin, bekomme ich frische Luft, und das Leben ist danach schöner geworden.

Für viele Schachfans auf der Welt, die gerade unter einer Ausgangssperre leben, ist das Kandidatenturnier ein Glücksfall:

Kommen wir zu den Partien:

Giri ½-½ Caruana

Anish Giri gegen Fabiano Caruana | Foto: Maria Emelianova, Offizielle Website

Fabiano wiederholte die Slawische Verteidigung, die er schon gegen Ding Liren gespielt hatte, und Giri war vorbereitet. Caruana gab zu, dass er von 10.Dc2 überrascht war und dann improvisieren musste. Giri nach der Partie: "Ich glaube, Fabiano wollte clever sein mit 13…Db8, aber nach 14.h4 hatte das keinen Sinn."

Giri erspielte sich eine gute Position, aber nach ein paar Ungenauigkeiten (25.f5 wäre stark gewesen!), gab er mit 33.Te2?! den letzten Vorteil weg.


Fabiano fand das starke 33…d4!, mit der Drohung Sd5-c3+. Nach 34.Te5 war Schwarz gerade rechtzeitig mit 34…Sg4! Anish dachte, er könne noch gewinnen, aber nach 35.Tc5 Se3 36.Tc8+ Txc8 37.Dxc8+ Ke7 38.Tc1


… droht Weiß zwar Tc7+, was die Partie tatsächlich gewänne. Caruana fand jedoch einen Zug, den Giri übersehen hatte: 38…Sd5! Danach gab es nichts Besseres als das Remis per 39.Te1+ Se3 40.Tc1 Sd5 und Zugwiederholung. Fabiano gab zu, dass das ein Glücksfall war.

Alekseenko ½-½ MVL

Maxime Vachier-Lagrave hatte viel Zeit, herumzulaufen und über das Leben zu grübeln | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Website

Eine spektakuläre Najdorf, mit einem déjà vu: Die gleiche Position hatten Carlsen und MVL im Dezember letzten Jahres.


Da hat MVL Lf8 gespielt, und bald bemerkt, dass Lg5! Dc7 und Th4 gewinnt. Carlsen sah den Zug jedoch nicht und verlor die Partie. Der Grund, warum MVL Lf8 statt g6 gespielt hatte, war dass Txg6 fxg6 Sxe6 gewinnt. Aber so einfach ist es nicht, denn es gibt hier für Schwarz einen Zug, der die Stellung hält. Und den sahen wir dann auch: 16…g6! 17.Txg6 Txc3!

Und hier versank Alekseenko für 48 Minuten ins Nachdenken. Das zahlte sich aus, denn er fand die schöne Kombination 18.Sxe6! Dc8 19.Sg7+! Kf8 20.Th6! Txh6 21.Lxh6 Txc2! 22.Sf5+ Ke8 23.Sxe7 Kxe7 24.Dh4+ f6 25.Lf4:


25…Txb2+! 26.Kxb2 Sa4+ 27.Kb1 Sc3+ 28.Ka1 Sxd1


Hier hatte Alekseenko nur noch 7 Minuten übrig, MVL jedoch mehr als eine Stunde. Daher entschied er sich für ein Remis per Dauerschach mit 29.Dh7+.

Alexander Grischuk nannte sein Remis gegen Ding Liren in Runde 5 eine "sehr gute Partie, aber keine sehr interessante". Liren wich ab von seiner Anti-Marschall-Variante, mit der er in Runde 2 gegen MVL verloren hatte und spielte  9…d5 statt 9…d6. Dennoch war Grischuk gut vorbereitet, und Liren musste einige sehr genaue Züge finden, um die Partie zu halten.

Das bringt uns zur einzigen Partie des Tages mit einer Entscheidung:

Nepomniachtchi 1-0 Wang Hao

Nepo fühlt sich sehr zuhause in Jekaterinenburg | Foto: Lennart Ootes, Offizielle Website

Ian Nepomniachtchi nahm sich eine lange Auszeit vom Schach nach seinem engen Zeitplan letztes Jahr, und das hat sich ausgezahlt: In Runde 5 spielte er eine Neuerung gegen Wang Hao: 13.h4:


Wang Haos Antwort, 13…Sc7 14.Sg5 Lxg5!? bezeichnete Nepo als Fehler (14…g6! sieht besser aus), denn Weiß erreichte einen dauerhaften Vorteil in der vereinfachten Position, die darauf folgte.


Die Position sieht recht ruhig aus, aber das täuscht: nach 29…Sxc4?? 30.Sxc4 Dxc4 etwa gewinnt Dh2! dank der Mattdrohung.

The players after the game | photo: Lennart Ootes, official website

Nach 29…Kg8 30.Dh2 war es schwer den Einfall der Dame aufzuhalten, obwohl es eine Chance auf Ausgleich gegeben hätte nach 30…Kf7 31.c5 Sb5 32.Db8:


32…Sxd4! wäre dieser Zug gewesen, denn nach Dxb7+ De7 34.Dxa6 De4! kann Weiß das Dauerschach nicht verhindern.

Wang Hao allerdings spielte 32…Dd7? 33.Dh8 Ke6 34.f4 Sxd4 35.Dg8+ Df7 36.Dc8+ Dd7 37.Dg8+ Df7 und wurde hier von einem Zug überrascht, den er übersehen hatte: 38.Dd8!


38…Sb5 kann beantwortet werden mit 39.a4, daher gibt es nichts Besseres als ein Figurenopfer: 38…Dd7 39.f5+! gxf5 40.gxf5+ Sxf5 41.Dxd7+ Kxd7 42.Sxf5. Es war immer noch nicht einfach, aber nach 42…Ke6 43.Se3 warf Wang Hao das Handtuch:

Schwarz hat eine Menge Bauern und einen aktiven König; also gab es vielleicht noch eine Chance? Für GMs ist der Sieg oft offensichtlich, aber in diesem Fall war sich selbst der Weltmeister Magnus Carlsen nicht so sicher! "Wir nehmen an, dass es eine Lösung gibt, aber die Aufgabe sieht etwas voreilig aus".

Dieser Sieg über den Mitführenden sicherte Nepomniachtchi die alleinige Führung mit 3,5/5, während MVL jetzt der alleinige Zweite ist mit 3/5:


In Runde 6 spielt Nepomniachtchi mit Weiß gegen Ding Liren und MVL mit Schwarz gegen Wang Hao.

Unser englischsprachiges Kommentarteam wird erneut von Nihal Sarin ergänzt, und die schwedische Nummer 1 Nils Grandelius wird uns zum ersten Mal begleiten.

Folge allen Partien mit Live-Kommentierung ab 12 Uhr!


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