Berichte 27.11.2017 | 11:56von Colin McGourty

Junioren-WM: Tari & Abdumalik holen den Titel

Der 18-jährige Norweger Aryan Tari ist neuer Junioren-Weltmeister. In einer spannenden Schlussrunde behielt er gegen den Topgesetzten Jorden van Foreest die Nerven und errang dank eines Remis den Titel. Das indische Wunderkind Praggnanandhaa kam gegen den besten Deutschen Rasmus Svane als Schwarzer nicht über ein Remis hinaus, belegte aber einen exzellenten vierten Platz. Die weiteren Medaillen gingen an Manuel Petrosyan und Aravindh, die am Ende gewaltig aufdrehten. Bei den Frauen gewann die Kasachin Zhansaya Abdumalik mit einem vollen Punkt Vorsprung und fügte der bisher errungenen Silber- und Bronzemedaille nun endlich die goldene zu.

Aryan Tari & Zhansaya Abdumalik sind die neuen Junioren-Weltmeister | Fotos: Romualdo Vitale, Offizielle Facebook-Seite

Alle Partien der Junioren-WM 2017 könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Ein wahrer Champion: Aryan Tari

In unserem letzten Bericht hatten wir vermeldet, dass sich Aryan Tari in einem absoluten Rausch befand. Er hatte sechs seiner letzten sieben Partien gewonnen und lag bei einer Elo-Leistung von 2825 einen halben Punkt vor dem Feld. Danach ging er vom Gas und spielte dreimal remis, aber das reichte für den Titel. Sein vermutlich wichtigstes Remis erzielte er gegen das indische Wunderkind Praggnanandhaa, der die zweitbeste Turnierleistung erzielte.

Nachdem schon das komplizierte Mittelspiel mit Chancen für beide Seiten viel Spannung geboten hatte, entwickelte sich die Partie am Ende dank der Zeiteinteilung des jungen Inders zu einem wahren Thriller – die letzten zwölf Züge zehrte er nur noch von seiner jeweils 30-sekündigen Zeitgutschrift.   


Im 29.Zug gab es eigentlich keinen Grund, warum Praggnanandhaa den Bauern d4 nicht schlagen sollte, doch nach 29…Lb6?! endete die Partie im 39.Zug mit einem Remis.

In Runde 10 legte Tari ein ereignisloses, 30-zügiges Remis gegen den Chinesen Xu Xiangyu ein, ehe er in der letzten Runde das undankbarste Los überhaupt bekam – er musste mit Schwarz gegen den Turnierfavoriten Jorden van Foreest ran. Der Niederländer hatte sich mit fünf Siegen in Folge von seinen beiden Niederlagen in  Runde 4 und 5 glänzend erholt und hätte mit einem Sieg in der letzten Runde das Turnier noch gewinnen können.

Die Entscheidung fiel in einem Springerendspiel, in dem Schwarz noch gewisse Probleme zu lösen hatte, weil der weiße König schneller im Zentrum war:


Es sieht so aus, als könnte van Foreest seinen Gegner hier mit Bauernzügen quälen, um ihn womöglich in Zugzwang zu bringen, doch stattdessen folgte 41.Sd5 Sc4 42.Sf4+ Kd6 43.b3 Sd2+ 44.Kd3 g5 45.Kxd2 gxf4, wonach das Bauernendspiel schlicht remis war. Die Glückwünsche kamen von höchster Stelle!

"Aryan Tari ist neuer Junioren-Weltmeister. In der letzten Runde behielt er in einer schwierigen Stellung kühlen Kopf und zeigte, dass er ein wahrer Champion ist."

Praggnanandhaa schreibt fast Geschichte

Bevor wir uns den beiden anderen Medaillengewinnern zuwenden, blicken wir aus gutem Grund auf den Spieler, der auf Rang 4 landete. Obwohl er über sechs Jahre jünger ist als die Spieler, die vor ihm rangieren, erzielte er die zweitbeste Elo-Leistung von 2688 und hätte mit einem durchaus möglichen Turniersieg um ein Haar Sergey Karjakin als jüngster GM aller Zeiten abgelöst.

Schon in Runde 9 hatte er, wie gesehen, seine Chancen gegen Aryan Tari, wobei der Schuss angesichts seiner Zeiteinteilung auch hätte nach hinten losgehen können. Die größten Chancen vergab er aber in Runde 7, als er in fast gewonnener Stellung das Remisangebot von Kirill Alekseenko annahm, und in Runde 10, als er sogar in klar gewonnener Stellung die Friedenspfeife rauchte. Sein Gegner war der 15-jährige Semen Lomasov, der 2016 den U14-Weltmeistertitel errungen hatte.

Praggnanandhaa ist sicher ein heißer Anwärter auf die großen Titel | Fotos: Romualdo Vitale, Offizielle Facebook-Seite

Die Partie glich einer Achterbahnfahrt, in der Lomasov erst mit Vorteil aus den taktischen Verwicklungen herauskam, ehe er mit 28…Txa5? (28…Sxa5!) einen gegnerischen Einschlag übersah:


29.Sxe4! gewann schlicht einen Bauern, da 29…dxe4 wegen der hängenden Dame auf b7 an 30.Txc4 scheitert. Noch war die Stellung ausgeglichen, doch im Schwerfigurenendspiel behielt Praggnanandhaa die Oberhand. Der erste kritische Moment folgte auf 49…De8:


Schwarz will den Doppelangriff Dc2+ mit De4 beantworten, doch nach 50.Tb7! könnte er die verschiedenen Angriffe auf Turm und König nicht mehr bedienen. Der junge Inder verbrauchte seine gesamte Bedenkzeit von 3 Minuten und 22 Sekunden, spielte dann aber 50.e3?, und Schwarz hatte nach 50…Tc4 wieder alle Chancen.

Bald stand der Weiße aber wieder auf Gewinn, und nach 55.Df8 Df6 56.Dg8+ Dg7 kam der Moment der Wahrheit:


Für die richtige Idee 57.Da8!, gefolgt von Ta7 war es noch nicht zu spät, doch stattdessen spielte Praggnanandhaa 57.De6+ und willigte nach 57…Df6 mit 58.Qg8+ in die Zugwiederholung ein.

In der letzten Runde hätte Praggnanandhaa mit einem Schwarzsieg gegen den besten deutschen Vertreter Rasmus Svane immer noch alles klarmachen können. Der 20-jährige Hamburger überraschte seinen Gegner in der Eröffnung, aber Praggnanandhaa konnte ausgleichen und fehlerlos in ein Endspiel abwickeln, das nach 32 Zügen im Dauerschach mündete.

Praggnanandhaa spielte dennoch ein großartiges Turnier und holte seine erste GM-Norm, verpasste aber die direkte Verleihung des Titels, die ihm der Turniersieg beschert hätte. Schon ab dem 2.Dezember startet er beim Lidums Australian Young Masters in Adelaide den nächsten Angriff auf Sergey Karjakins Rekord als jüngster GM aller Zeiten. Unter den Gegnern sind die notwendigen drei Großmeister, und die Spieler kommen aus ausreichend vielen verschiedenen Nationen.


Aravindh und Petrosyan holen die Medaillen

Nach einem schlechten Start, der an das berühmte “Schweizer Gambit” erinnerte, kamen der Inder Aravindh und der Armenier Manuel Petrosyan noch zu Medaillenehren. Aravindh verlor in der 1.Runde gegen den Serben FM Pavle Dimic (Elo 2357), während Petrosian in Runde 3 eine Niederlage einstecken musste, doch am Ende stürmten sie mit drei Siegen in Serie noch an die Spitze.   

Aravindh musste in Runde 2 an Brett 45 spielen, doch am Ende landete er auf dem Siegertreppchen | Foto: Ruggero Percivaldi, Offizielle Turnierseite

Beide Medaillengewinner gewannen in der Schlussrunde mit den schwarzen Steinen. Aravindh fügte dem Chinesen Xu Xiangyu dessen erste Niederlage zu:


37…Tc1+! 38.Lxc1 Txc1+ war das hübsche Schlussspiel.

Manuel Petrosyan siegte gegen Kirill Alekseenko, der lange an der Spitze lag, aber am Ende einbrach:


Mit dem glänzenden 27…bxc4! opferte Schwarz den Springer auf a4, denn der Freibauer auf der d-Linie erwies sich nach 28.Dxa4 Dxa4 29.Txa4 cxd3 als zu stark. Nach 30.Ld2 Tc2 31.Sc4 Lf7 musste Weiß die Figur zurückgeben, wonach die Partie abrupt endete: 32.Sxe5 fxe5 33.Le3 Lh5! Weiß gab auf

Obwohl die beiden Helden der Schlussrunde wie Tari auf 8,5/11 kamen, mussten sie sich wegen der schlechteren Wertung mit Platz 2 (Petrosyan) und Platz 3 Aravindh begnügen. Hier der Endstand an der Spitze (die beiden anderen deutschen Teilnehmer Alexander Donchenko und Vincent Keymer landeten auf Platz 25 bzw. 62):

Rk.SNo NameFEDRtgPts. TB2  TB3  TB4  TB5 Rprtg+/-
15GMTari AryanNOR25818,572,078,056,0271819,2
216GMPetrosyan ManuelARM25548,567,072,567,0267015,9
37GMAravindh Chithambaram Vr.IND25728,566,070,557,0264510,9
426IMPraggnanandhaa RIND25098,072,577,565,0268825,9
51GMVan Foreest JordenNED26168,071,077,057,026312,2
632FMSorokin AlekseyRUS24838,069,575,067,0267327,6
76GMKarthikeyan MuraliIND25788,067,072,057,0265410,3
830IMLomasov SemenRUS24907,574,579,554,0263021,4
911GMAlekseenko KirillRUS25637,574,079,557,026289,9
1021IMXu XiangyuCHN25437,572,076,555,025978,5
1156FMLiu YanCHN24227,571,575,065,0263432,5
1217GMBai JinshiCHN25537,566,572,056,025875,4
1328IMTriapishko AlexandrRUS25087,565,070,065,025729,9
1422GMTran Tuan MinhVIE25387,564,569,066,025776,3
1520GMSarana AlexeyRUS25437,564,069,566,025572,7
1612GMMartirosyan Haik M.ARM25617,563,568,565,025995,7
173GMSvane RasmusGER25877,563,568,056,02546-4,1

Abdumalik holt Gold

Die Kasachin Zhansaya Abdumalik ist zwar erst 17 Jahre alt, hat bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2013 und 2015 aber bereits Silber und Bronze gewonnen. Und dieses Mal reichte es dank drei Siegen in den letzten drei Runden zum ganz großen Wurf! 

Erst gewann sie mit Weiß ein kompliziertes Damenendspiel, musste dann aber in den beiden Schlussrunden zweimal mit Schwarz ran. Die Griechin Stavroula Tsolakidou war den taktischen Verwicklungen nach 25…Nxf3 nicht gewachsen:


Weiß hat als einzigen Zug nur 26.Lxf3! zur Verfügung, wonach es zum Massenabtausch und einem Endspiel kommt, in dem Weiß gute Remischancen hat. Stattdessen folgte jedoch 26.Dd3? Sde5!, wonach die taktischen Verwicklungen nebst dem immensen Zeitvorteil eindeutig zugunsten von Schwarz sprachen.

Das bedeutete, dass Abdumalik mit einem halben Vorsprung auf die Amerikanerin Jennifer Yu in die letzte Runde ging. Im direkten Duell hatte Jennifer Weiß und konnte sich mit einem Sieg den Titel sichern.

In einer scharfen Partie präsentierte sich Abdumalik in absoluter Topform und hatte nach Erreichen der Zeitkontrolle eine total gewonnene Stellung auf dem Brett:


Jennifer Yu dachte hier 23 Minuten nach, musste aber feststellen, dass nichts mehr ging. Schwarz hat einfach zu viele Drohungen – Sa4-b2 oder c3, Txc1, Tc2, Txd3, Sxd3 und Da7+, wenn der weiße König nach e3 geht. Kurz vor dem Matt gab sie keine zehn Züge später auf.

Damit hat Zhansaya Abdumalik erstmals die WM der Juniorinnen gewonnen und ihre Landsfrau Dinara Saduakassova als Titelträgerin abgelöst. 

Jennifer Yu gewann trotz der Niederlage Bronze, während die Russin Anastasya Paramzina nicht nur 103 Elo-Punkte, sondern überlegen Silber gewann:

Rk.SNo NameFEDRtgPts. TB2  TB3  TB4  TB5 Krtg+/-
11IMAbdumalik ZhansayaKAZ24289,571,577,069,01020,5
244WGMParamzina AnastasyaRUS21238,570,571,057,020103,0
313FMYu JenniferUSA23218,069,074,556,02034,4
411WGMTsolakidou StavroulaGRE23408,066,070,557,02034,0
516WGMTokhirjonova GulrukhbegimUZB23068,065,069,056,02022,8
610IMOsmak IulijaUKR23457,574,580,065,0109,5
75WIMShuvalova PolinaRUS23867,568,573,556,010-1,0
822WIMInjac TeodoraSRB22447,560,565,566,02028,0
943WFMKanakova NatalieCZE21347,560,063,566,040116,8

Damit ist die Junioren-WM 2017 Geschichte und man darf gespannt sein, wie sich die jungen Talente weiter entwickeln!

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