Berichte 06.05.2018 | 21:57von Colin McGourty

Ju Wenjun führt klar im WM-Match

Die Damen-Weltranlistenzweite Ju Wenjun führt nun im WM-Match der Damen in Shanghai 2,5:0,5, nach Siegen in der zweiten und dritten Partie. In der zweiten Partie wurde Tan Zhongyi in der Eröffnung überrascht, griff im Mittelspiel fehl und bekam dann eine zweite Chance, die sie allerdings in Zeitnot nicht nutzte. In der dritten Partie kam sie dann vom Regen in die Traufe, bereits nach 14 Zügen stand sie praktisch verloren. Nun besteht die Gefahr, dass das Match vor der zweiten Hälfte in Tan Zhongyis Heimatstadt Chongqing bereits fast entschieden ist.

Ju Wenjun nähert sich bereits den 5,5 Punkten, die sie für einen ersten Damen-WM-Titel braucht | Foto: Gu Xiaobing, Turnierseite

Du kannst alle Partie der Damen-WM 2018 mit einem Klick auf das Ergebnis unten nachspielen:

2. Partie: Wer hat wen überrascht?

Tan Zhongyi hatte Ju Wenjun in der ersten Partie im zweiten Zug überrascht, in der zweiten Partie versuchte sie es ebenfalls und spielte statt wie bei ihr üblich 1.d4 1.c4. Ihre Gegnerin war aber natürlich bereit dafür, sie wich mit 1…e5 2.Nc3 Bb4 von (mit einer Ausnahme) allen ihrer bisherigen Partien ab. Tan machte hinterher das schockierende Geständnis, dass sie bereits auf sich alleine gestellt war. Keine ideale Situation für ein WM-Match!

Tan Zhongyi wurde trotz der weißen Figuren auf dem falschen Fuss erwischt | Foto: Gu Xiaobing, Turnierseite

Fehlende Kenntnis der Stellung zeigte sich in ihrem zögerlichen Spiel. Dann überkompensierte sie dies vielleicht, selbstsicher wählte sie eine Zugfolge ab 20.Tfd1 und bemerkte zu spät, dass sie am Rand des Abgrunds balancierte:


Tan Zhongyi spielte schnell das geplante 22.Tf1? (22.Tb2! oder 22.Db2 war absolut notwendig und im Remissinne wohl ausreichend) und bemerkte erst nach 22…Taf8 23.c5 Kh7!, dass sie Material über Bord werfen musste, um nicht sofort zu verlieren. Nach 24.Dd1 Dxa2 schien es, als ob Ju Wenjun den freien Mehrbauern am Damenflügel problemlos verwerten würde. Aber in Zeitnot spielte die Nummer 2 der Damen-Weltrangliste ungenau und warf ihrer Gegnerin einen Rettungsanker zu:


39.Tc6! und mit genauem Spiel sollte Weiß sich halten - Schwarz kann ihre Freibauern kaum weiter mobilisieren, ohne dass die weissen Türme den schwarzen König angreifen. Stattdessen war nach 39.f5? gxf5 40.exf5 d3! die Zeitkontrolle erreicht, und Weiß konnte durchaus bereits aufgeben. Früh gibt man in einem WM-Match allerdings nicht auf, und zumindest hatte Zhongyi noch einen amüsanten letzten Trick nach 52.Kf3:


52…Txd1?? ist nur Remis wegen Dauerschach mit 53.Tg6+ Kh4 54.Th6+ Kg5, aber 52…Rg8 vermied diese Falle und Ju Wenjun erzielte danach einen wichtigen Schwarzsieg.

Tan Zhongyi war nach der Partie nicht allzu deprimiert | Foto: Gu Xiaobing, Turnierseite

Das Verhalten der Spielerinnen in der anschliessenden Pressekonferenz überraschte einen Beobachter (hier ist Ian Rogers' Reportage für den US-Schachverband):

‌Seltsame Pressekonferenz nach Ju Wenjuns Sieg über Tan Zhongyi in der zweiten Partie der Damen-WM in Shanghai. Ju wirkte sehr deprimiert, da sie ihre Freundin besiegt hatte. Tan konnte dagegen lächeln und sogar lachen.

Danach gab es einen Ruhetag zur Erholung, Tan Zhongyis Kommentar: "Ich glaube, niemand freut sich über eine Niederlage, aber ich kann gut mit Druck umgehen."

3. Partie: Eröffnungskatastrophe

Ju Wenjun hatte auch nach der Partie allen Grund für gute Laune | Foto: Gu Xiaobing, Turnierseite

In der dritten Partie spielte Tan Zhongyi das ihr vertraute abgelehnte Damengambit, und bis zum 12. Zug sollte sie sich zu Hause fühlen:


Sie hatte diese Stellung nämlich bereits 2013 gegen Ju Wenjun, damals spielte sie den hier üblichen Zug - 12…Dc8. Das sieht seltsam aus, aber es entfernt die Dame aus der vom weißen Turm besetzten d-Linie (nun droht eventuell Sxe5) und deckt den Tb7. Warum Letzteres wichtig ist, sahen wir sofort: Nach 7 Minuten spielte Tan die Neuerung 12…Le7!?, worauf 13.De4! den Turm angriff. 13…Dc8 14.Dg4 führte zur kritischen Stellung der Partie:


Hier erlitten Tan Zhongyis Hoffnungen, ihren WM-Titel zu verteidigen, einen herben und vielleicht bereits fatalen Dämpfer. Alle Kandidatenzüge sind seltsam, aber nach 14…Lf8, 14…Tg8 oder 14…g6 (damit rechnete Ju Wenjun) wäre die Stellung jeweils annähernd ausgeglichen. 15.Lh6 nach dem letzten Zug sieht aus schwarzer Sicht sehr hässlich aus, aber in der Partie kam es viel schlimmer. Tan überlegte 18 Minuten und spielte dann das fatale 14…g5?? Nach 15.Lxg5 Tg8 ist Schwarz vielleicht nicht chancenlos, aber zunächst 15.Dh5! war praktisch bereits der Gewinnzug. Schwarz muss eine Ruine verwalten. 

Zhongyi konnte kaum erklären, was sie angerichtet hatte: 

Ich kannte diese Variante, aber irgendwie konnte ich mich während der Partie nicht an Details erinnern, und diese Struktur kenne ich eher nicht. Leute machen Fehler in Dingen, die sie nicht beherrschen. Einen groben Fehler wie  14…g5? sollte ich nicht machen. Ich missachtete einen einfachen Plan wie 15.Dh5 und Se4 für Weiß, aus technischen und mentalen Gründen.

Nach 15…Sc5 16.Lxg5 betrachtete Ju ihre Stellung bereits als gewonnen. Eigentlich war nur noch die Frage, wie lange Tan das Ende hinauszögern konnte.

19.Dh4+ von Ju Wenjun und Tan Zhongyi weiss, dass es böse enden wird | Foto: Gu Xiaobing, Turnierseite

Es schien, als ob sie eine Miniatur vermeiden könnte, aber dann erlaubte 26…Kd7 ein hübsches Partieende:


27.Dd4+! und Schwarz gab auf, wobei Tan Zhongyi in einer anderen Situation vielleicht zugelassen hätte, dass 27…Kxc6 28.Dd6# auf dem Brett erscheint.

Nun hat sie zwei Punkte Rückstand und muss schwer kämpfen. Sonst ist das auf 10 Partien angesetzte Match vielleicht bereits fast entschieden, bevor es nach der 5. Partie in ihrer Heimatstadt Chongqing fortgesetzt wird:


Comebacks waren allerdings Tan Zhongyis Spezialität bei der für sie siegreichen KO-Weltmeisterschaft, Ju Wenjun kann sich daher noch nicht entspannen! Tan Zhongyi hat nun Weiß sowohl in der vierten Partie am Montag als auch in der fünften Partie am Mittwoch (kein Farbwechsel nach der vierten Partie soll den Vorteil von Weiß in der ersten Partie reduzieren). Liveübertragung hier auf chess24 ab 09:30 MESZ.

Siehe auch:


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