Berichte 22.01.2020 | 15:39von Colin McGourty

Ju Wenjun dreht das WM-Match

Die amtierende Frauen-Weltmeisterin Ju Wenjun ist nur noch einen Sieg oder zwei Remis davon entfernt, ihren Titel zu behalten, nachdem sie das Match gegen Aleksandra Goryachkina mit Siegen in den Partien 9 und 10 auf den Kopf gestellt hat. In der ersten Partie hatte Ju Wenjun gepokert und es hätte so oder so ausgehen können, aber in Partie 10 beging Goryachkina eine Art schachlichen Selbstmord, als sie die zu feste gegnerische Verteidigungsstellung überrennen wollte.

Ju Wenjuns solide Verteidigungsleistung hat sich in Partie 10 besser ausbezahlt, als sie wohl je gedacht hätte | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite 

Alle Partien der Weltmeisterschaft kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir den Live-Kommentar von Hou Yifan und Nigel Short zu den Partien 9 und 10 noch einmal anhören:

Partie 9: Ju Wenjun schlägt zurück

Nachdem Aleksandra Goryachkina Partie 8 in großem Stil gewonnen hatte, sah es so aus, als ob alles gegen Ju Wenjun laufen würde. Innerhalb von 4 Partien hatte sie zum zweiten Mal verloren. Und das, obwohl sie zuvor im Match in Führung gegangen war und in Vladivostok nur noch vier Partien zu spielen waren.

"Was auch immer!" fasste die Eröffnungsphase von Partie 9 ganz gut zusammen | Foto: Michael Friedman, Turnierseite 

Die chinesische Spielerin wusste, dass sie etwas tun musste, also entschied sie sich gegen 1.e4 und 1.d4 und für das seltene 1.Sf3 d5 2.b3. Danach verbrauchte Goryachkina erst einmal fünf Minuten, bevor sie 2...c5 spielte. Ju Wenjun nahm sich danach einige  Freiheiten heraus und stand bald ziemlich schlecht, aber es wurde klar, dass es für beide Spieler kein lockerer Tag am Brett werden würde:


Goryachkina sollte später anmerken, dass sie 12...d4?! als schwachen Zug empfand. Aber obwohl Weiß plötzlich wieder besser stand, sollte sich Ju Wenjun mit einem eigenen, seltsamen Plan dafür revanchieren:


Aus Angst vor einer Konsolidierung ihres Gegners versuchte sie, die Dinge mit dem hochriskanten 21.a4!? in Gang zu bringen, der das Feld c4 gewann, aber ihren eigenen König bloßstellte. Nach 21...bxa4 22.bxa4 Dc8 23.Lc4+ Kh8 24.e6 Sf6 25.Txd4!? (ein gewagtes Qualitätsopfer!) 25...Lxd4 26.Lxd4 Db7+ 27.Ka2 stand Goryachkina kurz davor, einen großen Schritt in Richtung des Weltmeistertitels zu machen:


27...Db4! mit der unsubtilen Drohung, a4 einzusammeln, scheint objektiv für Schwarz zu gewinnen, während nach 27...Td8!? 28.Lb2 Tb8?! 29.Lb3 Dg2?! Weiß wiederum Chancen auf den vollen Punkt bekam:

Nun kann Weiß den Springer auf f1 opfern, um mit der Dame gewinnbringend einzudringen! Was für eine verrückte Partie

30.Dc4! Dxf1 31.Dc7! Te8 32.Dd7! und Weiß sollte gewinnen, aber es war schwer, dem Zug zu widerstehen, den Ju Wenjun wählte - 30.De5!, der sowohl den Turm auf b8 angriff als auch 31.Dxf6! exf6 32.Lxf6+ Kg8 33.e7+! mit einem schnellen Matt drohte. Die einzige Antwort bestand in 30...Txb3! 31.cxb3 Dc6!, aber Weiß hatte immer noch Vorteil und Ju Wenjun machte im Rest der Partie keine Fehler mehr. Vielleicht war der berühmt-berüchtigte 40. Zug der entscheidende Moment:


40...Nd6! hätte Schwarz faire Überlebenschancen gegeben, aber nach Goryachkinas 40...Ke8 41.Ka5! kam der Zug 41...Sd6 zu spät, um die Stellung  zusammenzuhalten - ein fantastischer Kampf, der das Match ausglich.   

Nach wilder Partie feiert Ju Wenjun ein Comeback und schlägt Aleksandra Goryachkina zum Ausgleich m Match mit nun 4,5:4,5 bei noch drei ausstehenden Partien in Vladivostok!

Das war ein großer Rückschlag für Goryachkina, die später Sergey Shipov bei der russischen Übertragung zugab, nicht ganz freiwillig Rede und Antwort zu stehen:

Um ehrlich zu sein, bin ich nicht bereit, die Partie zu kommentieren, denn es ist das erste Mal, dass ich nach einer Niederlage komme, um eine Partie zu kommentieren - ich halte es einfach für barbarisch.

Das löste eine hitzige Debatte aus, bei der Shipov Goryachkina unterstützte, während FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky sich entschieden dagegen aussprach.

Aleksandra Goryachkina sollte bei der Pressekonferenz zur 10. Partie noch viel weniger Spaß haben als bei der Pressekonferenz zu Partie 9 | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite 

Das ist ein bekanntes Thema. Emil argumentierte, dass Schach, um es für Sponsoren attraktiv zu machen, mehr wie andere Sportarten sein muss, bei denen die unterlegenen Spieler unabhängig vom Ergebnis mit der Presse in Kontakt treten, zumal es sich um eine vertragliche Verpflichtung handelt. Klingt überzeugend, aber es gibt auch Gegenargumente:

  1. Verlierer werden nicht in allen Sportarten befragt 
  2. Die Befragung eines Spielers nach einer Partie in einem Match ist wie die Befragung eines Tennisspielers zwischen den Sätzen, bevor das Endergebnis bekannt ist. 
  3. Es ist unklar, ob es wirklich einen Zusammenhang zwischen der Befragung von unterlegenen Spielern (oder Dresscode, schnellere Zeitkontrollen und andere Details, über die solche Argumente vorgebracht werden) und dem Sponsoring gibt. 
  4. Demotivierte Spieler, die nach einer Niederlage Antworten murmeln, während die Sieger angehalten werden, nicht zu übertreiben, um den Schmerz der Niederlage des anderen nicht noch unnötig zu vergrößern, machen es für das Fernsehen vielleicht auch nicht sonderlich attraktiver.

Goryachkina hat dann aber doch noch etwas ausführlicher durch die Partie geführt!    

Partie 10: Verteidigen ist der bessere Angriff

In die richtige Stimmung vor der Partie kommen... | Foto: Michael Friedman, Turnierseite 

Der Verlauf von Partie 10 lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass Goryachkina sich bis zum nächsten Tag erholen könnte. Aber sie hatte vielleicht auch das Pech, auf eine neue Idee zu stoßen, die 11.000 km  entfernt in Wijk aan Zee gespielt und dann nach Vladivostok innerhalb nur eines Tages importiert wurde!

Gestern in Wijk, heute in Vladivostok!

Erwin l'Amis 17...h5 beim Tata Steel Challengers sieht spektakulär hässlich aus und macht den Läufer auf g6 wahrlich zum Großbauern. Aber es erwies sich als eine Festung, die Ganguly nicht stürmen konnte, obwohl die Stockfish-Bewertung weit über +1 blieb, bis im 49. Zug ein Remis vereinbart wurde.

Erwin ist Teil von Team Giri und Anish meinte, dass das Verlegen des Matchs von China, wo Twitter verboten oder zumindest schwer zugänglich ist, nach Russland den Verlauf der Schachgeschichte der Frauen beeinflusst haben könnte:

Stolz auf die Jungs

Nun, wo das Match von China nach Vladivostok weitergezogen ist, kann Ju Wenjun mein Twitterprofil für ihre Vorbereitung nutzen!

Auf der anderen Seite verbrauchte Ju Wenjun 18 Minuten an 18...h5 (unter ganz leicht veränderten Umständen), und Goryachkina konnte vernünftigerweise hoffen, ohne Risiko so lange auf Sieg zu spielen, wie sie wollte.

Der intensive Kampf biegt auf die Zielgerade ein | Foto: Eteri Kublashvili, Turnierseite 

Im Anschluss an die Partie sagte sie, sie hatte das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Doch dann übersah sie das starke 42…Le6!:


Nach Abtausch der Läufer ist das Turmendspiel ein wenig unangenehm. Im 53. Zug hätte Aleksandra immer noch mit einem Remis davonkommen können:


53.Kb2! und Weiß sollte sich noch halten können, aber 53.Kb4?? war ein Zug, der außer durch die Matchsituation schwer zu erklären war. Nach 53...Tb3+ 54.Ka4 wurde der weiße König abgeschnitten und der c-Bauer war nicht mehr zu stoppen. Ju Wenjun zeigte erneut eine fehlerfreie Technik, als sie ihren Vorteil in einen enorm wichtigen Punkt verwandelte:

Und es ist vorbei - Ju Wenjun schnappt sich die Führung bei nur noch zwei ausstehenden Partien, nachdem Goryachkina überzog! Gestern nannte sie es "barbarisch", dass man nach einer Niederlage Interviews geben muss - schauen wir mal, was heute passiert

Damit hat das Pendel wieder zu Ju Wenjuns Gunsten ausgeschlagen. Gewinn die Chinesin auch noch Partie 11, wäre das Match sofort vorbei. 


Andererseits haben beide Spieler gezeigt, dass sie Comebacks feiern können. Und wer weiß, vielleicht wendet sich das Blatt ein weiteres Mal? Ab Mittwoch geht es um 6:30 Uhr live auf chess24 weiter.

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