Interviews 07.04.2015 | 10:08von Colin McGourty

John Nunn über Mathematik, Schach, Computer und Lasker


Magnus Carlsen behauptete einst, John Nunn sei zu schlau, um Weltmeister zu werden. Der englische Großmeister war zu Beginn seines Mathestudiums mit 15 Jahren der jüngste Undergraduate, der seit etwa 400 Jahren an der Oxford University akzeptiert wurde. Letztlich gab er seine Dozentenstelle auf, um ein Vollzeit-Schachprofi zu werden. In einem Interview mit Tim Harford für BBC Radio sprach er über die Beziehung zwischen Mathematik und Schach, den Einfluss des Computers und darüber, wie Emanuel Lasker 27 Jahre lang Weltmeister bleiben konnte.

Der ehemalige Top-10-Spieler John Nunn sprach für die BBC Radiosendung More or Less mit Tim Harford. Harford wollte dabei wissen, ob die Tatsache, dass Weltmeister Emanuel Lasker – der Modellspieler in dem Buch John Nunn’s Chess Course – ebenfalls ein Mathematiker war, ein Beweis für die enge Verbindung zwischen Schach und Mathematik ist.

Ihr könnt euch die Show auf der Webseite der BBC anschauen, weiter unten präsentieren wir euch eine fast vollständige Abschrift des Gesprächs. Wir haben nur die Einführung und ein paar Kommentare über die Schachpartie ausgelassen, die sie während ihres Gesprächs spielten (als weiteres Beispiel für diese Spezialität der BBC gibt es außerdem Dominic Lawsons brillantes Interview mit Magnus Carlsen).


Tim Harford: Kann man Mathematik verwenden, um am Schachbrett zu siegen?

John Nunn: Ich denke nicht, dass man das kann. Ich denke, es gibt eine leichte Ähnlichkeit zwischen Mathematik und Schach, nämlich dass sich dieselbe Art von Leuten für beide Themen interessieren – Leute, die Probleme lösen wollen -, aber ich denke nicht, dass es zwischen Mathematik und Schach selbst als reinen Fachgebieten eine enge Verbindung gibt, und ich glaube nicht, dass das Studieren des einen Bereiches einem zwangsläufig dabei helfen wird, in dem anderen Bereich eine bessere Leistung zu zeigen.

Es ist also eine Korrelation, nicht eine Kausalität: gute Mathematiker sind Leute, die vermutlich gerne Schach spielen, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass Mathematik am Schachbrett helfen kann?

Ich denke, dass Schach es wert ist, um seiner selbst willen erlernt zu werden, besonders von Schulkindern. Man lernt alles Mögliche beim Schachspielen: keine hastigen Entscheidungen zu treffen, nicht impulsiv zu sein und über die Konsequenzen seiner Taten nachzudenken, aber ich denke nicht, dass es eine besondere Verbindung zur Mathematik gibt.

Es gibt gewisse Disziplinen, die Wunderkinder hervorzubringen scheinen - das sehen wir in der Musik, in der Mathematik, im Schach. Was ist der Grund dafür?

Ich denke, der Grund dafür ist, dass diese Gebiete in sich so abgeschlossen sind, dass sie nicht mit anderen Gebieten der realen Welt in Verbindung stehen. Man würde zum Beispiel keinen bemerkenswerten Schriftsteller im Kindesalter erwarten, da man viel Wissen über die Menschen und über die Funktionsweise der Welt benötigt, um in einem Roman glaubwürdige und interessante Charaktere beschreiben zu können. In der Mathematik und im Schach dagegen haben die Gebiete ihre eigenen internen Regeln, die nicht mit Regeln aus anderen Wissensbereichen zusammenhängen. Da es also eigenständige, formelle Systeme sind, kann man in einem davon Experte werden, ohne die Lebenserfahrung zu haben, die man als Experte in anderen Disziplinen braucht.

Jetzt muss ich Sie mit diesem Interview konfrontieren, das Weltmeister Magnus Carlsen vor fünf Jahren Dem Spiegel gab und in dem er sagte, "Ich bin überzeugt davon, dass der Engländer John Nunn nie Weltmeister wurde, weil er zu schlau dafür ist". Was meinte er damit?

John Nunn, der diesen Monat 60 Jahre alt wird, beim Super Rapidplay Turnier des 2014 London Chess Classic | Foto: Ray Morris-Hill

Ich denke, was er damit meinte und was er auch im weiteren Verlauf des Interviews erklärte, war, dass ich mich für zu viele verschiedene Sachen interessierte und mich nicht genügend aufs Schach konzentrierte, um das zu erreichen, was er anscheinend für mein maximales Potential hält. Ich muss dazu aber sagen, dass ich einmal in den Top 10 der Welt war, was eigentlich nicht schlecht ist.

Aber denken Sie, die Situation hat sich verändert, weil Computer die Beziehung zwischen der menschlichen Analyse und dem Können im Schach ja verändert haben müssen?

Ich denke, Computer hatten einen enormen Einfluss auf das Spiel, besonders auf dem höchsten Niveau. Vor einigen Jahrzehnten, als ich meinen Höhepunkt erreicht hatte, waren Computer lächerlich schwach und absolut keine Hilfe, wenn es darum ging, Eröffnungen zu analysieren oder die eigenen Züge zu überprüfen, aber das ist ja jetzt alles ganz anders. Sogar die Software, die man jetzt auf Mobiltelefonen findet, ist stärker als der menschliche Weltmeister, man hat also ein Orakel, das einem sagen kann, ob ein spezieller Zug gut oder schlecht ist - nicht in jedem Einzelfall, aber im Großteil der Fälle. Alle Topspieler arbeiten also sehr viel mit Computern und überprüfen alle Züge, die sie vorhaben, mit dem Computer, um zu sehen, ob es darauf Gegenzüge gibt. Magnus Carlsen, der aktuelle Weltmeister, erzählte mir tatsächlich, dass er zuhause gar kein Schachspiel hat. Er macht alles am Computerbildschirm.

Denken Sie, dass Computer das Ganze etwas verdorben haben?

Sie haben die Situation enorm verändert, aber verdorben? Das würde ich nicht wirklich sagen. Sicherlich sieht die Schachwelt dank des Computers jetzt anders aus, und eine wirklich negative Konsequenz war die Möglichkeit, beim Schach zu betrügen. Die Spieler können ins Badezimmer gehen und die Stellung auf ihrem Handy analysieren, also müssen Maßnahmen ergriffen werden, um so etwas zu verhindern. Aber ansonsten ist es einfach nur eine Veränderung. In gewissem Sinne hilft es auch, weil die Leute nun zum Beispiel Partien von allen Turnieren in der ganzen Welt live im Internet ansehen können und mithilfe des Computers eine Auswertung der Stellung sehen, sodass sie wissen, was gerade passiert. Es ist wie ein laufender Kommentar zur Partie - von einem Experten. Aus der Sicht der Bekanntheit des Schachspiels und des allgemeinen Schachpublikums haben Computer also tatsächlich sehr geholfen.

Was war dann mit Lasker? Habe ich das einfach falsch verstanden, dass er seine Logik verwendete, um Schachstellungen zu verstehen? War das damals anders?

Emanuel Lasker nach seinen Jahren als Weltmeister | Foto: Bundesarchiv / Wikipedia

Es war damals anders, aber es war dasselbe Spiel, dasselbe Schach, das wir heute spielen. Ich denke Laskers große Stärke und das, was ihn von den anderen Spielern seiner Generation unterschied, war seine exzellente Psychologie. Er wusste genau, welche Züge seinem Gegner Unannehmlichkeiten bereiten würden, und er schuf ohne exzessive Risiken seinerseits Situationen auf dem Brett, in denen seine Gegner wahrscheinlich einen Fehler machen würden. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er absichtlich schleche Züge machte, sondern er wusste, wie man Fehler herbeiführt.

Er konnte also von zwei guten Zügen denjenigen auswählen, der seinem Gegner die meisten Probleme bereiten würde?

Ja, beide Züge waren vielleicht objektiv gleich stark und wenn man sie mit dem Computer analysieren würde, bekämen sie die gleiche Bewertung, aber einer würde mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem Fehler des Gegners führen, und er entschied sich immer für diese Chance.

Es geht also viel mehr um Psychologie als um Mathematik?

Das stimmt. Er war zwar ein guter Mathematiker, aber ich denke nicht, dass ihm das sehr geholfen hat, Weltmeister zu werden. Ich denke, es war sein Wissen. Er hatte viel Schachwissen und insbesondere die Fähigkeit, auf dem Brett irreführende Stellungen zu schaffen - zum Beispiel welche, in denen sein Gegner einen Vorteil zu haben schien, den er tatsächlich nicht besaß.

Siehe auch:                                                             


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