Berichte 15.04.2019 | 10:39von Colin McGourty

Jan Gustafsson gewinnt zum zweiten Mal das Bangkok Open

Jan Gustafsson von chess24 hat nach 2011 zum zweiten Mal das Bangkok Chess Club Open gewonnen. Bei der 19.Austragung besiegte der Inder GM Deep Sengupta in der Vorschlussrunde die Nummer 1 des Turniers Nigel Short und kam am Ende wie Gustafsson auf 7,5 aus 9, musste sich dem deutschen GM aber wegen schlechterer Wertung geschlagen geben. Dieser wiederum reist nach seinem “Thai Break” wieder nach Deutschland, um ab Samstag bei den GRENKE Chess Classic mit Carlsen, Caruana und Co. live zu kommentieren!

Bis zu seinem Sieg in Bangkok musste Jan einiges über sich ergehen lassen! | Foto: Bangkok Chess Club

Das Bangkok Chess Club Open wird mal in Bangkok und mal an der Küste ausgetragen, aber dieses Jahr war der Austragungsort das Centara Grand Hotel in der thailändischen Hauptstadt. Alle Partien könnt ihr hier nachspielen:

Klare Favoriten bei diesem Turnier waren Jan Gustafsson und der ehemalige WM-Herausforderer Nigel Short, und bis auf einige Stolperer wurden die beiden ihrer Rolle im Turnierverlauf auch gerecht. Vor allem Short zeigte zum Teil sehr unterhaltsames Schach und brachte dabei taktische Schläge aufs Brett, die jeder gern ausführt:

“Daniel King: So billig wie Chips, aber auch genauso lecker.”

„Welchen schönen Gewinnzug hat Nigel hier? In der Partie entschied sich sein Gegner, prosaischer zu verlieren.“

Auf 29.Txe6! folgte nicht das spektakuläre 29…Kxe6 30.Dxd5! Kxd5 31.Lc4#, aber nach 29…Sb8 überlebte Schwarz auch nicht viel länger.

In der nächsten Runde hätte die Nummer 1 der Setzliste aber um ein Haar gegen den Thailänder Poompong Wiwatanadate mit einer Elo von 2025 verloren:


„Hatte Glück, dass ich mich gegen meinen Gegner, der 600 Elo weniger hat, noch retten konnte. Bei meiner ersten verpassten Chance hatte ich den korrekten Zug (26.Lg5!) zwar gesehen, vergaß ihn dann aber. Mein zweiter Fehler (den Springer nicht zu schlagen) war jedoch sehr ernst, denn danach ist meine Gewinnstellung weg und mir stehen schwere Zeiten bevor. Oje.“ 

Dies ist die Stellung mit der erwähnten zweiten Chance, wo Nigel mit zwei Minuten auf der Uhr 39…Dxd2! finden musste, und nach 40.Dxc7 Kg6! 41.Te1 ist der klarste Gewinnzug 41…Sxf3! Stattdessen stand Weiß nach 39…Tf7? 40.Se4! auf Gewinn, konnte den vollen Punkt aber nicht einfahren.

Danach spielte Nigel gegen einen Spieler mit einem legendären Namen…

Die Reinkarnation von Aljechin | Foto: Bangkok Chess Club

„Ich muss gestehen, dass ich nicht einmal in meinen wildesten Träumen gedacht hätte, Aljechin schlagen zu können, aber heute ist es mir in der dritten Runde des Bangkok Open gelungen. Manchmal passieren im Leben seltsame Dinge…” 

… und zeigte dann bei seinen vier Siegen in Folge unterhaltsames Schach. Zum Beispiel hier:

„Ich habe das Morra Gambit – das mir unglücklicherweise von meinem Trainer aufgezwungen worden war – nach einer Niederlage in einem Uhren-Simultan gegen Karpov 1977 aus meinem Repertoire gestrichen. Ich konnte nie nachvollziehen, welches Verbrechen Schwarz begangen haben soll, damit Weiß ihm einfach kostenlos einen wertvollen Bauern hinterher wirft.“

Derweil konnte sich Jan Gustafsson mit fünf Siegen in den ersten fünf Runden an die Spitze setzen, doch auch da lief nicht alles glatt. Wie er im chess24-Chat einräumte, “hatte er in den Runden 3 und 5 ein wenig Glück, spielte danach aber besser”.

Thai-Mode... | Foto: Bangkok Chess Club

In Runde 3 stand Jan gegen den Inder IM Anup Desmukh kurz vor der Niederlage, doch mit weniger als einer Minute für fünf Züge bis zur Zeitkontrolle griff Weiß fehl und stellte die Partie mit 40.Se2? sogar komplett ein: 


Mit 40…Ld8! fängt Schwarz den Turm und gewinnt auf der Stelle die Partie! Auf 41.Ta7 folgt 41…Sc6.

In Runde 5 verlor der indische GM Karthik Venkataraman sein Gespür für Gefahren, als er 23.Tf2?? (23.Sd4 oder 23.Ld4 und Weiß steht gut) zog:

“Nach 23...Dxf2+!! (24.Kxf2 Le6+!) steht @GMJanGustafsson beim Bangkok Chess Club Open bei 5 aus 5!“

Erwähnt werden sollte noch, dass Weiß nach 23.Dxf2+! 24.Kxf2 Le6+ nur vermeintlich 25.Df3 rettet, da nach 25…Txc2+! auch noch der Springer auf b3 verloren geht.

Sein erstes Remis gab Jan in Runde 6 gegen die Nummer 3 des Turniers Lalith Babu ab, worauf es in Runde 7 zum von allen Zuschauern erwarteten Duell gegen Nigel Short kam. Die beiden Kontrahenten hatten schon zusammen zu Abend gegessen…

…und wurden dann in thaliändische Neujahrsfeierlichkeiten verwickelt…

…aber ihre Partie nahm einen interessanten Verlauf.

Drinnen wurde es dann ernst! | Foto: Bangkok Chess Club

Jan blieb seinem Schwarz-Repertoire gegen 1.d4 bis 13.g3 treu (diesen Zug hatten auch schon Vladimir Kramnik und Magnus Carlsen gegen Alexander Morozevich gespielt):


An dieser Stelle empfielt Jan 13…0-0, aber in der Partie dachte er 15 Minuten nach und probierte dann einen anderen Zug aus. Im Chat meinte er später, “Ich wusste, dass 0-0 anstatt von Ke7 gut ist, wollte mein Glück aber am Brett versuchen“.

Danach wurde es spektakulär, denn nach 13…Ke7 14.Kg2 Td8 überraschte Nigel Jan mit 15.Sf5+!? (der hatte 15.Te1 erwartet):


In der Partie ging es weiter mit 15…exf5 16.Dh5! Tf8 17.The1 (17.Lxf7! war spielbar, da 17…Txf7? an 18.Txc8 scheitert) 17…Sc6 18.exf5+ Kd6 19.Dh6 Ld7 20.Df4+ Se5 21.Dd4+ Ke7 22.Ld5! (Jan hoffte auf 22.f4, wonach er vermutlich Vorteil bekommt) 22…Tfd8:


Nun stünde Weiß auf Verlust, wenn er nicht 23.Txe5+! fxe5 24.Dxe5+ Kf8 25.Dh8+ mit Dauerschach spielen könnte.

Jan und Nigel wurden in dieser Runde vom Vietnamesen IM The Anh Duong eingeholt, der trotz seiner Elo von 2302 hintereinander zwei GMs mit einer Elo von 2500+ besiegen konnte. Der Australier GM Zong-Yuan Zhao stellte die Partie in Runde 7 mit dem groben Fehler 44…Sd7? ein:


45.Sc4+! bxc4 46.Txa5 und die Partie war gelaufen.

Auftakt zu einer Kurzpartie! | Foto: Bangkok Chess Club

Duong musste anschließend mit Schwarz gegen Jan antreten, setzte dann aber die Eröffnung komplett in den Sand. Nach 5 Zügen war Jan “aus dem Buch”, aber in einer Stellung, die gut für ihn sein musste. Und nach 10 Zügen warf der Computer als Schwarzer bereits das Handtuch:

Jan spürte am Brett, dass er kurz vor dem Sieg stand, und obwohl er nicht der Computerempfehlung folgte (er spielte 11.0-0 statt 11.Sb3), leistete er sich in der Folge nur einen fragwürdigen Zug – hätte Schwarz auf 13.Sxe6!? mit 13…Sxe6! reagiert, hätte er “nur” deutlich schlechter gestanden. So aber konnte Jan mit 17.Sxd5!! eine Kurzpartie gewinnen:

Nach 17…Dxb5 18.Sf6+! Sxf6 19.Dxf6 hatte Schwarz zeitweilig eine Figur mehr, konnte aber großen Materialverlust nicht mehr vermeiden. In der Partie folgte 19…Th7 20.Dxe6+ Se7 21.Lxe7 Txe7 22.Dxc8+ und Jan gewann nach 25 Zügen.

Deep Sengupta beendete Nigel Shorts Hoffnungen auf den Turniersieg| Foto: Bangkok Chess Club

In der selben Runde musste Nigel Short mit Schwarz gegen Deep Sengupta antreten und konnte mit dem Partieverlauf wenig zufrieden sein:


Nach normalen schwarzen Zügen kann Weiß die schwarze Königsstellung mit 34.Nxh5! aufreißen. Darauf hätte sich Schwarz aber einlassen müssen (nach 33…Lf8! 34.Sxh5! dürfte ein Remis bei bestem Spiel das wahrscheinlichste Ergebnis sein), denn nach 33…Se5? 34.Lxe5 Dxe5 35.fxg7 hatte Schwarz einfach eine Figur weniger. Nigel Shorts Kommentar:

„Habe meine Partie in der achten Runde des Bangkok Open ohne guten Grund verloren. Auf der Habenseite steht, dass ich kein Komiker bin, der bei einem Witz auf der Bühne starb. Und ich bin auch nicht der britische Premierminister.“

Dadurch ging Jan mit einem halben Punkt Vorsprung in die Schlussrunde und hatte als Schwarzer nichts gegen ein elfzügiges Remis gegen den Inder GM Dhopade Swapnil einzuwenden. 


Das Remis hätte für den alleinigen Turniersieg reichen können, doch Sengupta stand gegen den Filipino IM Haridas Pascua schnell besser und gewann nach 54 Zügen. Damit musste die Buchholz-Wertung über den Turniersieg entscheiden, der schließlich an Jan Gustafsson ging.

Jan mit dem Siegerpokal des Bangkok Chess Club Open 2019| Foto: Bangkok Chess Club

Nigel Short musste sich nach einem Remis in der Schlussrunde mit Platz 8 begnügen:

Rk.SNo NameFEDRtgPts. TB2  TB3 
12GMGustafsson JanGER26337,554,044,00
24GMSengupta DeepIND25517,552,543,25
37GMKarthik VenkataramanIND25057,056,042,00
45GMZhao Zong-YuanAUS25297,053,540,50
59GMSwapnil S. DhopadeIND24887,051,039,00
66GMStella AndreaITA25127,050,538,00
724IMDuong The AnhVIE23026,555,037,25
81GMShort Nigel DENG26366,554,037,25
93GMLalith Babu M RIND25776,552,536,25
108GMLy MoulthunAUS24906,552,036,25
1118GMSriram JhaIND23816,552,036,25
1212IMLou YipingCHN24826,551,036,00
1320IMVijayalakshmi SubbaramanIND23456,550,534,25
1425FMSusilodinata AndreanINA22966,548,533,50
1514IMPascua HaridasPHI24266,548,533,25
1630FMSauravh KhherdekarIND22476,548,531,50
1710GMVasquez Schroeder RodrigoCHI24876,548,034,25
18112Razali Muhd SyukurMAS17926,547,532,00
1922FMMenkinoski RisteMKD23066,546,531,25

Herzlichen Glückwunsch an Jan, der damit zum zweiten Mal sein Lieblingsturnier gewonnen hat! Schon bald wird er aber wieder in Deutschland sein, denn ab Samstag kommentiert er gemeinsam mit Peter Leko aus Karlsruhe und Baden-Baden die GRENKE Chess Classic.

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