Interviews 08.09.2015 | 15:15von Flo Hahn

Jan-Christian Schröder im Interview (Teil 1)

Wir loggen uns nach dem Zug 30.f5 in die Partie Jan-Christian Schröder - Dariusz Swiercz (2617) aus der 9. Runde beim RTU Open in Riga ein:


Jan-Christian hat seinem Gegner soeben seinen f-Bauern zum Fraß angeboten. Sein Gegenüber roch hier allerdings den Braten und nahm richtigerweise Abstand davon, mit 30...Lxf5? beherzt zuzugreifen, da Schwarz sich nach 31.Sxf7! doch eingestehen müsste, sich an dem Köder mächtig verschluckt zu haben (z.B. 31...Txe2 32.Sxd8+ (Zwischenschach!) nebst 33.Txe2+-). Sein Gegner griff hier stattdessen zu 30...Lxe5 und bot an, vorzeitig die Friedenspfeife zu rauchen. Normalerweise spielt Jan-Christian zwar bis zur letzten Patrone, hier willigte er aber überglücklich in das friedliche Shakehands ein. Denn mit diesem entscheidenden halben Punkt konnte er sich seine dritte und finale GM-Norm und damit auch den lang ersehnten Großmeistertitel sichern. 


Jan-Christian Schröder (DWZ: 2553/ELO: 2513) ist 17 Jahre alt, besucht ein Gymnasium in Limburg und steht ein Jahr vor seinem Abitur. Seine Schachkarriere im Verein startete er mit 7 Jahren. Seitdem verbuchte er mit dem dreimaligen Gewinn der Deutschen Jugendeinzelmeisterschaft, mehreren Teilnahmen an der Jugend-Weltmeisterschaft, dem Gewinn der Deutschen Ländermeisterschaft mit Hessen 2012 und dem Europameistertitel bei der Europäischen Jugend-Mannschaftsmeisterschaft in Karpacz 2015 bereits jede Menge Erfolge.

Jan-Christian bei der Europäischen Jugend Mannschaftsmeisterschaft in Karpacz. Mit 5,5/7 und einer Performance von knapp 2600 kam er hier für seine kommenden Turniere auf Betriebstemperatur  | Foto: David Czerwonski (http://eytcc2015.eu)















Seine erste GM-Norm gelang ihm im vergangenen Jahr mit 7,5/10 Punkten beim Politiken Cup in Kopenhagen. In diesem Jahr nahm er sich für die Sommerferien ein ambitioniertes Programm an Schachturnieren vor, um dem Großmeistertitel ein Stück näher zu kommen. Neben der bereits erwähnten Europäischen Mannschaftsmeisterschaft im polnischen Karpacz standen der Politiken Cup in Kopenhagen, das RTU-Open in Riga, das Sants Open in Barcelona und der Colossus Chess Cup in Rhodos auf seiner Terminliste. Am Ende lief alles besser als geplant und bereits nach zwei Turnieren konnte er auf der ELO-Leiter über die 2500 klettern, zwei weitere GM-Normen auf seinem Konto verbuchen und den Großmeistertitel sicher nach Hause fahren. 

Nun hat er sich exklusiv für chess24 einmal die Zeit genommen, in einem ausführlichen Interview Rede und Antwort zu stehen. Er spricht über seinen Endspurt auf dem Weg zum Großmeistertitel sowie den Weg zur Verbesserung im Schach, lüftet das ein oder andere Geheimnis seines Erfolgs und teilt uns seine Pläne für die Zukunft mit. 

Aber lest selbst!


Florian Hahn: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu deinen großartigen Ergebnissen bei deinen Turnieren diesen Sommer und letztlich natürlich den beiden finalen Großmeisternormen sowie dem Titel. Wie fühlt man sich als frisch gebackener Großmeister? 

Jan-Christian Schröder: Nach der letzten Partie in Riga war ich natürlich total fröhlich, auch die Tage danach war es ein sehr schönes Gefühl. Inzwischen habe ich mich ein bisschend dran gewöhnt. Immer wenn ich daran denke, freue ich mich aber natürlich noch. Seitdem ich angefangen habe, Schach zu spielen, war der Großmeistertitel immer mein großes Ziel und nun habe ich das erreicht, was ich immer wollte. 

Bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft in Karpacz holte das deutsche Team in der Aufstellung Matthias Blübaum, Jan-Christian Schröder, Thore Perske und Vincent Keymer die Goldmedaille.  | Foto: David Czerwonski (http://eytcc2015.eu)


Diesen Sommer hast du dir mit fünf großen Turnieren in Karpacz, Kopenhagen, Riga, Barcelona und Rhodos ein hartes Schachprogramm mit dem klaren Ziel, Großmeister zu werden, auferlegt. Wie hast du davor speziell auf deine anstehenden Turniere hingearbeitet? Worauf hast du dich beim Training fokussiert? Konntest du besondere Fehler in deinem Spiel ausmerzen? Wo hast du dich besonders verbessert?

Hauptsächlich habe ich an meinen Eröffnungen gearbeitet, weil ich hier insbesondere gegen stärkere Gegner oft große Probleme hatte. Die meisten Großmeister sind ziemlich gut vorbereitet und man muss aufpassen, nicht direkt in der Eröffnung überspielt zu werden. Das Eröffnungstraining zahlt sich oftmals schnell aus. Beispielsweise hatte ich in Karpacz in einer Partie mit Schwarz im Philidor mächtig Eröffnungsprobleme. Vor dem Politiken Cup habe ich meine Variante zu Hause dann in die Werkstatt gebracht, noch einmal tief analysiert und in Kopenhagen erfolgreich gegen die Schachlegende Jan Timman in der 5.Runde eingesetzt. In der Partie kam ich problemlos mit Ausgleich aus der Eröffnung. Außerdem habe ich natürlich viel Taktiktraining gemacht, das ist immer wichtig. Speziell habe ich mir hier Tag und Nacht den Taktiktrainer von chess24 das Buch Calculation von Jacob Aagaard vorgeknöpft.

Einmal exemplarisch zum Politiken Cup in Kopenhagen... Hier hast du deine zweite GM-Norm erreicht. Wenn ich richtig liege, warst du mit deinem Trainer IM Erik Zude vor Ort. Wie sah dein Tagesablauf bei einem solchen Turnier, bei dem man voll und ganz auf ein Ziel fokussiert ist, aus?

In Kopenhagen beginnen die Runden um 13 Uhr. Das war für mich perfekt. Ich habe immer das Frühstück verschlafen, bin zwischen 11 und 12 Uhr aufgestanden, zum Essen gegangen und habe mich nochmals 15 Minuten durch meine Varianten geklickt. Um 13 Uhr begann immer die Partie. Danach habe ich mich meistens kurz ausgeruht und mir die Partie angeschaut. Abends bin ich mit meinem Trainer und meist ein paar anderen Bekannten essen gegangen und anschließend stand wieder die Vorbereitung auf den nächsten Gegner an. Ab und zu bin ich abends auch Fußball spielen oder einfach eine Runde Joggen gegangen. Danach ging es schlafen und wieder von vorne los. Alles in allem habe ich also eigentlich nur drei Dinge gemacht- Schlafen, Schach und Essen. Zum Glück haben wir Schachspieler ja aber so ein gutes Image in der Welt, dass wir uns das leisten können (lacht).

Beim Politiken Cup 2015 schlug Jan-Christian die französische Nummer 2, Laurent Fressinet, sowie den bekannten Buchautor, Großmeister Mihail Marin, und landete schließlich auf einem starken elften Platz in der Endtabelle. Indem ihr in der unten stehenden Grafik mit der Maus über seinen Namen fahrt, könnt ihr seine Einzelergebnisse sehen:

Hast du vor der Partie psychologische Tricks, um dich in Kampfstimmung zu versetzen? Fünf Turniere in solch kurzen Abständen gehen konditionell vermutlich an die Substanz. Wie bereitest du dich generell in Sachen Fitness und Ernährung vor?

Was mir persönlich auf jeden Fall hilft, ist Musik vor der Partie. Um richtig in Kampfstimmung zu kommen, höre ich mir meist KIZ an. Manchmal aber auch Oasis oder Paul Simon, also eher älteres Zeug. Bei der Ernährung muss ich gestehen, dass meine Ernährung sicherlich keine Sportlerernährung ist. Während der Partie trinke ich meistens Wasser und esse bei längeren Partien noch eine Banane und KitKat. Um fit zu bleiben, gehe ich mindestens fünf Mal die Woche joggen, spiele recht viel Basketball und mache generell relativ viel Sport.

Was war das bei der dritten und letzten GM-Norm in Riga für ein Gefühl, zwei Runden vor Schluss festzustellen, dass ein Punkt aus zwei Partien gegen Gegner mit jeweils über 2600 ausreicht, um den Titel nach Hause zu fahren? Wie nervös und angespannt warst du vor den Partien?

Zwei Runden vor Schluss war ich noch gar nicht so übertrieben nervös. Bei dem Turnier habe ich in den Runden zuvor verdammt viel Glück gehabt und ich hatte mir ab Runde 4 das Ziel gesetzt, einfach nur keine ELO zu verlieren, da ich mit 3/4 gegen ausschließlich schwächere Gegner auch nicht ganz perfekt gestartet bin. Plötzlich lief das Turnier dann auf einmal gut und ich konnte noch gar nicht richtig glauben, dass ich die Norm schaffen könnte. Erst vor der letzten Runde habe ich die Sachlage richtig registriert und ab da ging es auch mit der Nervosität schlagartig nach oben. Ich konnte wirklich kaum schlafen, das hatte ich bisher noch nie. Normalerweise ist man bei Spielen um eine Norm immer ein wenig aufgeregt, aber vor der Partie war das schon richtig hart. Normalerweise muss ich vor einer Partie mindestens neun Stunden schlafen und da waren es bestenfalls sechs Stunden. 

Jan-Christian bei der Siegerehrung des RTU-Opens in Riga mit dem Zertifikat für die finale GM-Norm


Es wird immer wieder die sehr allgemeine Frage von vielen Schachspielern gestellt, wie man sich im Schach verbessern kann. Was wäre deine Antwort in wenigen Sätzen oder hältst du die Frage für zu oberflächlich und nicht besonders clever?

Prinzipiell denke ich, dass man sich im Schach verbessert, wenn man sich damit beschäftigt- egal was man genau macht. Die entscheidende Frage ist nur, wie man sich am effizientesten verbessert, da man immer nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung hat. Hier empfehle ich im Grunde zwei Dinge. Einerseits ist das eine gute Eröffnungsvorbereitung. Hier ist es vor allem wichtig, dass man seine Eröffnungen tief analysiert und wirklich versucht, ein Experte in seinen Varianten zu werden. Einen großen Fehler, den ich bei vielen Spielern immer wieder sehe, ist ein häufiges Wechseln zwischen Eröffnungen. Auf dem Schachmarkt findet heutzutage sehr viel Werbung für die verschiedensten Eröffnungsbücher oder DVDs statt. Das macht es natürlich verlockend, sich in der Eröffnung sehr breit aufzustellen. In meinen Augen ist das jedoch ein Fehler, da es wirklich von großer Bedeutung ist, dass man seine Systeme versteht. Das schafft man normalerweise nicht, wenn man drei oder vier verschiedene Systeme spielt. Andererseits sollte man immer an seinen taktischen Fähigkeiten arbeiten und das bedeutet Aufgaben lösen, Aufgaben lösen und nochmals Aufgaben lösen. 

In der heutigen Zeit ist es sehr leicht, falsch zu trainieren. Es ist verlockend, sich von Schachvideos berieseln zu lassen, den Kopf aus und den Computer anzuschalten. Wie sieht eine Session bei dir aus? Was zählt für dich wirklich als Training? 

Bei mir hat sich das im Laufe der Zeit natürlich gewandelt. Inzwischen mache ich wie bereits gesagt sehr viel Eröffnungsvorbereitung, löse Taktikaufgaben und lese ab und zu auch noch mal ein Schachbuch. Bei den Taktikaufgaben und auch generell bin ich noch ein Anhänger der klassischen Schule und ziehe es immer vor, Stellungen auf dem Brett aufzubauen als auf ein Diagramm im Buch oder auf dem Computer zu gucken. Bei schwierigen Aufgaben stelle ich mir meist auch eine Schachuhr neben das Brett und gebe mir eine bestimmte Zeit für die Aufgabe. Wenn ich die Aufgabe dann nicht gelöst habe, vergleiche ich meine Gedanken mit der Lösung. In der Partie kann ich ja auch nicht stundenlang an einem Zug rechnen. Außerdem verfolge ich natürlich aktuelle Partien. Wenn beispielsweise wie kürzlich der Sinquefield Cup läuft, schaue ich zu, gucke ob meine Eröffnungen gespielt werden und ich mir da den ein oder anderen Kniff bei den großen Jungs abschauen kann. Zu guter Letzt ist es natürlich auf jedem schachlichen Level ganz entscheidend, seine Partien zu analysieren. Hier sollte man sich in meinen Augen ausreichend Zeit nehmen. Wenn man seine Partien ohne Trainer analysiert, muss man sich zunächst selbst Gedanken machen, die Partie alleine nachspielen, optimalerweise seine Ideen aufschreiben und anschließend kann man sie mit dem Computer abgleichen und diesen hier gewissermaßen als Trainer nutzen, also dem Computer Fragen stellen. Wenn man seine Partie nur oberflächlich mit dem Computer prüft, bringt das eher weniger.

Aktuell spielt Jan-Christian gerade beim Colossus Chess Cup in Rhodos mit. Nach sieben von neun absolvierten Runden liegt er hier mit 5,5/7 punktgleich mit fünf anderen Spielern auf dem ersten Platz. | Foto: David Czerwonski (http://eytcc2015.eu)


Wie hältst du es mit Schachliteratur? Gibt es gute Bücher, die dich weit nach vorne gebracht haben und die du motivierten Spielerinnen und Spielern ans Herz legen kannst?

Mittlerweile lese ich eigentlich kaum noch Schachbücher. Früher war das anders. Was ich zumindest sehr empfehlen kann, sind die Bücher von Gulko „Lessons with a Grandmaster“, insbesondere das erste Buch. Gulko gibt hier sehr gute Ratschläge- gerade auch in psychologischer Hinsicht- und stellt clevere Aufgaben. 

Was hat dich an dem Buch besonders beeindruckt?

Gulko versucht im Laufe des Buches einen der wichtigsten Ratschläge überhaupt zu vermitteln, nämlich dass Schach ein sehr konkretes Spiel ist, allgemeine Konzepte zwar helfen, aber niemals genaue Berechnungen ersetzen können. Das ist in meinen Augen ein sehr typisches Problem bei vielen Spielern. Viele Spieler denken oft viel zu sehr in allgemeinen Kategorien. Ich denke, dass Schach umso konkreter wird, umso besser man wird. Genau diese Botschaft vermittelt Gulko exzellent.

Ansonsten hat mir in letzter Zeit übrigens das Buch „Chess Structures“ von Mauricio Flores Rios, der in dem Buch sehr viele essentielle und häufig auftretende Strukturen unter die Lupe nimmt, ganz gut gefallen.

Hier endet auch schon Teil 1 unseres Interviews mit Jan-Christian. Im zweiten Teil erfahrt ihr, was er über Naiditschs Aussagen im Interview über Schach in Deutschland hält, ob er sich vorstellen könnte, Schachprofi zu werden, seine schachlichen Vorbilder und vieles mehr. Außerdem hat er für uns seine Gewinnpartie gegen die französische Nummer 2, Laurent Fressinet (2707), beim Politiken Cup analysiert. 



Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 8

Guest
Guest 5869010986
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.