Interviews 06.05.2017 | 08:51von Colin McGourty

Ivanchuk: “Ich hätte gern gegen Bobby Fischer gespielt!”

Vassily Ivanchuk ist amtierender Schnellschachweltmeister und er gewann kürzlich einen Zweikampf gegen Hou Yifan, präsentiert sich also vor seiner Teilnahme am Capablanca Memorial Ende des Monats in sehr guter Form. In einem Interview mit dem ukrainischen Sport-Express sprach er über seinen Sieg in Doha, seine Leidenschaft für das Damespiel, seine Probleme mit Zeitüberschreitungen und den Weltmeister, gegen den er liebend gern gespielt hätte.


Der 48-jährige Ivanchuk ist laut Alexander Morozevich "der talentiertere Spieler als Carlsen”, und auch Boris Gelfand äußerte sich vor fünf Jahren in ähnlicher Form:

Wer spielt in guter Form besser, Ivanchuk oder Carlsen? Aus meiner Sicht Ivanchuk.

Vlad Tkachiev schrieb einen Artikel zu dem Thema “Ist Ivanchuk ein Genie?” und unabhängig von der Antwort auf diese Frage, kann es keinen Zweifel über Vassilys außerordentliche Fähigkeiten geben, die er zuletzt bei den Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaften in Doha demonstrierte. Sie waren der Ausgangspunkt des Ivanchuk-Interviews mit dem Sport-Express, in dem Alexey Ryzhkov auf Ivanchuks Siege gegen Carlsen eingeht und fragt, worin sich die schnellen Disziplinen vom Turnierschach unterscheiden:



Hier spielte Ivanchuk das coole 20.Lf3!! und Schwarz kann die Springergabel auf c6 nicht mehr vernünftig abwehren

Ivanchuk: Natürlich unterscheiden sich Schnellschach und Blitz vom normalen Turnierschach. Das bedeutet aber in keiner Weise, dass die schnellen Disziplinen uninteressant wären und keine Ideen enthielten. In beiden Partien gegen Carlsen erwischte ich ihn in bestimmter Weise schon in der Eröffnung.

In der ersten Partie konnte ich direkt die Initiative übernehmen, und in der zweiten erhielt ich nach einer Neuerung eine ziemlich gute Stellung. Plötzlich vergab ich meinen Vorteil jedoch, und er ging auf meinen Gegner über, aber Magnus spielte das Endspiel schlecht und ich konnte gewinnen. Das Besondere an diesen Turnieren ist, dass es sehr schwer ist, das gesamte Turnier hindurch auf demselben Niveau zu spielen. Jeder gewinnt und verliert mal. Mentale Stärke ist dabei von nicht unerheblicher Bedeutung. Nach einer Niederlage muss man so schnell wie möglich darüber hinwegkommen und sich mit maximaler Konzentration auf die nächste Partie vorbereiten. 

Ryzkov: Die meisten Schachfans haben vermutlich die Abschlussfeier gesehen, in der du um ein Haar deine eigene Siegerehrung wegen einer Partie Dame verpasst hättest. Ist Dame eine echte Leidenschaft von Dir oder einfach nur ein Hobby, mit dem du dich vom Schachstress ablenken kannst? 

Das kann ich momentan schwer sagen. Ich habe schon an Dameturnieren teilgenommen und werde das auch in Zukunft tun, aber ich weiß nicht, wie erfolgreich ich sein kann. Ich würde allerdings gern Fortschritte machen und Meister werden. Wenn ich zu Dameturnieren reise, bereite ich mich ernsthaft vor. Man könnte es so sagen: Das Spiel interessiert mich wirklich!

"Der Schnellschachweltmeister spielt Dame"

"Mit kindlicher Freude."

Du hast vergangenes Jahr nicht bei der Schach-Olympiade in Baku mitgespielt. Werden wir dich demnächst wieder im ukrainischen Team erleben?

Natürlich, ich werde weiter für die Ukraine bei den großen Turnieren antreten.

Kannst du unter den vielen Turnieren ein Lieblingsturnier nennen?

Eines meiner Lieblingsturniere ist das Capablanca Memorial in Kuba. Ich mag aber auch das friesische Dameturnier im holländischen Franeker. Dort wird auf einem Schiff gespielt, und die letzte Runde wird in einer alten Stadthalle ausgetragen, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde.

Zu Beginn des Jahres ist dir beim Gibraltar Masters in der 2.Runde ein Missgeschick passiert: in ausgezeichneter Stellung hast du vor der Zeitkontrolle einen Zug zu wenig gemacht und dadurch die Partie verloren.

Das Ganze war ziemlich mysteriös! In der ersten Runde gegen die Ungarin Petra Papp übersprang ich versehentlich eine Zeile auf dem Partieformular. Meine Gegnerin bemerkte dies, sagte aber nichts, weil es ihr peinlich gewesen wäre. In dieser Partie kam ich nicht in Zeitnot, und daher hatte mein Versehen keinen Einfluss auf den Ausgang. Aber in der nächsten Runde gegen den Israeli Kobo Ori passierte mir dasselbe! Ich kann nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. Im entscheidenden Moment ging ich davon aus, schon 40 Züge gemacht zu haben, und dachte in aller Ruhe über meinen nächsten Zug nach. Bei diesem Turnier wurden andere Uhren als sonst verwendet. 

Ivanchuk schreibt zu Beginn seiner Partie gegen Ori Kobo noch sorgfältig seine Züge auf... | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival


Die Stellung nach 39…Tch6, in der Ivanchuk auf Zeit verlor

Bis die Zeit abgelaufen ist, spielt es keine Rolle, wie viele Züge du gemacht hast – die Zeitgutschrift wird nicht angezeigt. Das habe ich irgendwie verpasst. In der Partie hatte ich klaren Vorteil. Ich war nicht ganz sicher, ob sie gewonnen war, und ich konnte mit dem Turm Schach geben oder einen ruhigen Zug machen. Ich habe überlegt, was besser ist. Nach der Ausführung des Zuges bekam ich frische Bedenkzeit (während man bei einer Zeitüberschreitung sonst Nullen auf der Uhr sieht) und machte mir keine Gedanken. Dann aber rief Ori Kobo den Schiedsrichter und wies auf meinen Fehler hin. Ich war verblüfft. Wie konnte ich auf Zeit verloren haben, wenn meine frische Bedenkzeit angezeigt wurde? Dann erklärte man mir, dass dies eine Eigenart dieser Uhren sei. Letztlich wurde die Partie für mich als verloren erklärt. 

Und dein Gegner hat sich wie ein Sieger gefühlt – er schlug Ivanchuk!

Ori Kobo hat sich den Regeln entsprechend verhalten, daher kann man ihn nicht kritisieren. 

Ich erinnere mich an das Kandidatenturnier, bei dem du gleich mehrere Partien auf Zeit verloren hast.

Dort konnte ich mich nicht richtig auf die Verhältnisse einstellen. Bis zum 40.Zug gab es keine Zeitgutschriften, und das stellte sich als Problem für mich heraus. Als Profi hätte ich vor Turnierbeginn darauf achten müssen. Als ich während des Turniers damit konfrontiert wurde, habe ich es irgendwie vergessen. Aus professioneller Sicht mögen solche Erklärungen ziemlich überraschend klingen, aber während der Partien war ich so von der Suche nach den besten Ideen und Zügen abgelenkt, dass der Zeitfaktor – vermeintlich sekundär, aber aus sportlicher Sicht natürlich extrem wichtig – in den Hintergrund rückte. Und das kostete mich einige Punkte. Daraus folgt, dass man die Uhr berücksichtigen sollte. Diesen Rat möchte ich allen Schachspielern geben (lächelt).  

Ivanchuk verlor in London fünfmal auf Zeit, aber er schlug sowohl Magnus Carlsen als auch dessen schärfsten Verfolger Vladimir Kramnik | Foto: Anastasia Karlovich, Kandidatenturnier London

Gegen welche früheren Weltmeister würdest du gern antreten?

Ich respektiere alle, die den höchsten Schachtitel innehatten, und würde gegen alle gern antreten. Müsste ich mich für einen entscheiden, wäre dies aber Bobby Fischer. Es wäre interessant für mich, die Rivalität mit diesem Mann am Schachbrett zu spüren und sich mit seinem ganz speziellen Stil zu messen.

Wie viele Fremdsprachen beherrschst du?

Natürlich spreche ich Russisch, Ukrainisch und Englisch. Ich kann recht gut Spanisch, und ganz passabel Türkisch. In Polnisch und Deutsch habe ich einige Kenntnisse. Das ist beim Schachtraining und auf Reisen recht hilfreich. Selbst kleine Kenntnisse können bei der Kommunikation helfen. (…)

Wie würdest du die aktuelle Popularität des Schachspiels einschätzen?

Ivanchuk bei seinem Match gegen Hou Yifan, dass er jüngst in China 3:1 gewann | Foto: cca.imsa.cn

Das Internet vergrößert die Popularität des Schachspiels. Man kann sehr bequem online Turniere und Wettkämpfe verfolgen. Zudem findet man die notwendigen Informationen und kann sich mit bestimmten Programmen verbessern. In den 1980ern war Schach ebenfalls sehr populär in der UdSSR, in Ungarn und in Island. Ich würde nicht sagen, dass das Schach derzeit weniger gefördert wird als vor 30 Jahren, die Popularität kommt einfach ein wenig anders zum Ausdruck. Die Wahrnehmung hat sich verändert. Früher musste man die Meinung einer Schachautorität einholen, um eine Stellung einzuschätzen, während heute der Computer direkt seine Bewertung ausspuckt. Man könnte sagen, dass die moderne Schachautorität das Computerprogramm Houdini ist.

Mikhail Botvinnik war Doktor der Physik und Mathematik. Hilft es einem Schachspieler, wenn er außerschachlich ausgebildet wird und akademische Grade erreicht? 

Zumindest schadet es nicht. Der niederländische Weltmeister und langjährige FIDE-Präsident Max Euwe war Professor für Mathematik, Fedir Bohatyrchuk war Radiologe und Medizinprofessor, der deutsche Großmeister Robert Hübner ist ein bekannter Papyrologe, der etliche alte Sprachen beherrscht. Der Brite John Nunn ist Doktor der Mathematik und studierte bereits mit 15 Jahren an der Oxford University – er war damit der jüngste Student Großbritanniens seit 400 Jahren!

John Nunn neben Nigel Short bei der Schlussfeier der Senioren-Mannschafts-WM...

Alexander Alekhine war Doktor der Rechtswissenschaften. Natürlich ist Bildung im Allgemeinen gut für einen Schachspieler. 

Bei welchen Turnieren können wir dir demnächst die Daumen drücken?

Ende Mai werde ich definitiv am Capablanca Memorial im kubanischen Varadero teilnehmen. Im September werde ich beim Weltcup in Tiflis dabei sein, aber es kann auch sein, dass ich vorher noch bei einigen Turnieren mitspiele. Ich versuche meinen Kalender so zu planen, dass ich nicht nur Schach-, sondern auch Dameturniere mitspielen kann.  


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