Berichte 29.09.2017 | 11:08von Colin McGourty

Isle of Man, Runde 4-6: Der alte Carlsen

Magnus Carlsen präsentiert sich beim Chess.com Isle of Man International Open in Topform und liegt nach einem Schwarzsieg gegen Pavel Eljanov in nur 29 Zügen mit 5,5 aus 6 allein in Führung. Direkt dahinter folgt der Inder Vidit, und erst dann kommt eine 18-köpfige Verfolgergruppe mit Caruana, Nakamura und Anand. Derweil hat Vladimir Kramnik weiter Probleme, doch dafür bekommt Hou Yifan endlich männliche Gegner und der 12-jährige Praggnanandhaa hätte nach seinem Sieg gegen David Howell auch noch um ein Haar Nils Grandelius geschlagen.    

Julio Granda warf mit einem Minusbauern schon im 28.Zug das Handtuch | Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

Mit einem Mausklick auf die Partie bzw. die Runde könnt ihr alle Partien des Opens auf der Isle of Man nachspielen:

Schauen wir uns die wichtigsten Ereignisse seit unserem letzten Bericht an:

1. Carlsen ganz der Alte

Magnus Carlsen hat seit 14 Monaten kein Turnier mehr gewonnen, aber hier führt er seit der ersten Runde und scheint den Bann endlich brechen zu wollen. Selbst gegen starke Gegner zockt er und strebt unorthodoxe Stellungen an, in denen er sich mehr zutraut als jedem anderen Spieler auf diesem Planeten.


Sein einziger “Fehler” war bisher vielleicht, dass er wegen eines allzu ausgiebigen Spaziergangs mit seiner Freundin zu spät zur Partie gegen Rustam Kasimdzhanov erschien, doch dann…

"Ich bin zu spät! Hatte eine wichtige Verabredung! Magnus Carlsen ist zu schnell für meine Kamera, als er mit fünf Minuten Verspätung in den Turniersaal stürmt."

…setzte er sich ans Brett und beantwortete 1.e4 mit 1…Sc6. Rustam nahm es gelassen, verbrauchte aber eine Stunde für seine ersten zehn Züge. Im Mittelspiel hätte ein gut getimter Durchbruch (25.e5!?) Weiß in Vorteil gebracht, aber so war es Schwarz, der sukzessive die Kontrolle übernahm und Druck ausübte. Im 72.Zug endete die Partie aber dennoch remis.

Beide hatten ihren Spaß! | Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

In der nächsten Runde musste Carlsen gegen die peruanische Schachlegende Julio Granda ran, dessen Eröffnungswahl Peter Svidler sichtlich enttäuschte:

Als ich gesehen habe, dass Granda Russisch spielt, fühlte ich mich total verraten. Ich weiß nicht, was ich sagen soll - das ist nicht Julios Stil.

Russisch wird oft als Remiseröffnung betrachtet, und tatsächlich hatte Granda bei den zwei Vorgängerpartien, in der er sie anwandte, gegen Nils Grandelius und Mickey Adams ein Unentschieden erreicht. Dieses Mal ging es mit dem Schwarzen aber spätestens nach 20…Dc7? (20…Lc7!) schnell bergab:


21.Sg6+! fxg6 22.Txe6 Sxh7 23.Txe8+ Txe8 24.Txe8+ Kxe8 25.Dxg6+ Kd8 26.Dxh7 gewann einfach einen Bauern, aber es kam dennoch überraschend, dass Granda nach 26…De7 27.g3 Kc7 28.Dg6 direkt aufgab. Es hat eben seine Vorteile, einen Ruf als glänzender Techniker zu haben!

"Gegen jeden anderen hätte er vermutlich weitergespielt, aber gegen Magnus Carlsen entschloss sich Julio Granda Zuniga mit Minusbauer zur Aufgabe."

In Runde 5 war Pavel Eljanov der einzige Spieler, der wie der Weltmeister 4,5/5 auf dem Konto hatte. Bisher hatte er alle fünf Partien gegen Carlsen verloren, doch der Weltmeister sah nicht zwingend ein psychologisches Problem:

Vielleicht, aber er spielt mit Weiß immer sehr ambitioniert. Er will kein Remis, und das ist vermutlich der Grund, warum ich so viele Partien gegen ihn gewonnen habe. Außerdem stand ich zum Teil durchaus kritisch.

Magnus beantwortete 1.Sf3 mit 1…b6, worauf Pavel sechseinhalb Minuten nachdachte und schnell schlechter stand: 

"In Magnus' Händen sieht es so aus, als wäre Owen's die beste Eröffnung der Welt. Vorteil mit Schwarz nach 17 Zügen und auch noch ein riesiger Zeitvorteil!"

Schon nach 29 Zügen gab Eljanov auf, und auch aus Magnus' Sicht kam diese Entscheidung nicht zu früh: 

Seine Stellung ist schon sehr, sehr traurig, daher entschloss er sich zur Aufgabe.

Hier Carlsens Kommentar zu dieser Partie:


In der nächsten Runde muss Magnus gegen Vidit ran, der nach seiner harten Auftaktrunde gegen Rasmus Svane nur schwächere Gegner bekommen hat!

Vidit darf sich auf eine Partie mit den schwarzen Steinen gegen den Weltmeister freuen| Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

2. Kramniks Leiden gehen weiter

Von Magnus stammt die Bemerkung “Du kannst ein Turnier nicht in sechs Runden gewinnen, aber verlieren!“, doch Vladimir Kramnik brauchte sogar nur drei. Damit ruinierte er auch seine Chancen auf die direkte Qualifikation zum Kandidatenturnier, und zu allem Überdruss wurde es in den nächsten Runden nicht wesentlich besser: 


Mit Weiß hat er seine Partien gegen schwächere Gegner allesamt gewonnen, doch mit Schwarz gelang ihm bisher gerade ein Remis!

Auch gegen den Mann im Hoodie, Lawrence Trent, reichte es nicht zum Sieg | Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

Auch gegen Schachautor und -kommentator Lawrence Trent reichte es nicht zum Sieg. Der Brite zeigte sich mit einer cleveren Eröffnungswahl blendend auf den Ex-Weltmeister vorbereitet und war auch bei der Analyse noch blendend gelaunt: 


Diese Partie kostete Kramnik weitere 4,1 Elo-Punkte, womit Fabiano Caruana und Wesley So die Qualifikationsplätze wohl kaum noch zu nehmen sind. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar noch gestiegen, denn Kramnik fehlt im russischen Team bei der kommenden Mannschafts-EM: 

1GMGrischuk Alexander2788
2GMNepomniachtchi Ian2741
3GMFedoseev Vladimir2731
4GMMatlakov Maxim2728
5GMVitiugov Nikita2728

Damit hat Kramnik nur noch drei Runden auf der Isle of Man und maximal sieben Runden beim Europa-Cup, um das Blatt noch zu wenden, doch ist nicht einmal klar, ob ihm 10 aus 10 helfen würden.   

Ivan Sokolov machte es gegen Lawrence Trent besser| Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

3.Hou Yifan spielt auch gegen Männer...

Anna Zatonskih und Nino Batsiashvili sind derzeit mit 4,5 aus 6 in der besten Ausgangsposition für den Gewinn des Damenpreises, aber Hou Yifan ist ihnen mit 4 aus 6 auf den Fersen. 

Hou Yifan mit ihrer vierten Gegnerin in Folge,  Yuliya Shvayger | Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

Die Chinesin bekam bis Runde 4 nur Frauen zugelost und setzte dann eine Runde aus. Zwar wurde spekuliert, sie habe wieder das Turnier abgebrochen, doch nahm sie wie viele Spieler ein sogenanntes Bye, um einen Ruhetag zu bekommen. Und offenbar half das, denn in Runde 6 durfte sie tatsächlich gegen einen Mann antreten!


4.Das Praggmonster

Schafft er es ganz nach oben? | Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

Der 12-jährige Praggnanandhaa hat bisher noch keine einzige der drei GM-Normen geholt, die er braucht, um im März der jüngste Großmeister aller Zeiten zu werden, aber er ist schon ein extrem starker Spieler. Die für den Titel notwendige Elo von 2500 hat er auf dem Konto und auf der Isle of Man schlug er nun auch den ersten Spieler mit 2700!


Der englische Super-GM David Howell wandte den beliebten Plan an, seinen jungen Gegner ins Endspiel zu locken, doch ging der Schuss nach hinten los. In einem Turmendspiel kannte der junge Inder nach einem Fehler des Briten keine Gnade: 


53…Tb6, 53…Tb7 oder 53…Tb8 hätten laut Tablebase zum Remis geführt, aber Howell versuchte in Zeitnot, mit 53…f4 schnell zum gewünschten Abtausch zu kommen. Pech für ihn, dass Weiß nach 54.g4!, auf Gewinn stand und Praggnanandhaa den f-Bauern einfach abholte.

Nils Grandelius war als Nächster an der Reihe…

Der schwedische Großmeister stand schon nach 17 Zügen schlecht und musste sich dann auch noch einige taktische Tricks gefallen lassen. Beispiele gefällig?


20…Sf3+! 21.gxf3 Dg5+ 22.Kh1 Dxf4 23.De3 Df6 24.e5 (versucht Schlimmeres auf der a-Linie zu verhindern) 24…dxe5 25.Lb3 Txa1 26.Txa1 e4!


Mit diesem letzten Nadelstich sicherte sich Praggnanandhaa einen Mehrbauern, doch der erfahrene Großmeister rettete sich im 88.Zug ins Dauerschach.

Damit ist der talentierte Inder auf dem Weg zu einer GM-Norm, doch mit Varuzhan Akobian wartet in der nächsten Runde erneut ein schwerer Brocken auf ihn.

Magnus Carlsen schätzt ihn so ein:

Für einen 12-Jährigen spielt er sehr gut. Ich habe seine Partie gegen Adams gesehen und war nicht sonderlich beeindruckt, aber seitdem hat er hervorragend gespielt. Vermutlich habe ich in ein paar Jahren das Vergnügen, gegen ihn antreten zu dürfen!

Carlsens aktuelles Problem heißt Vidit in Runde 7, während Caruana, Anand und Nakamura mit +3 auf einen Ausrutscher des Weltmeisters hoffen. 

Fabiano Caruana ist ein guter Rechner, und das ganz ohne unerlaubte Hilfe! | Foto: John Saunders, Offizielle Turnierseite

Weiter geht es ab 14:30 live hier auf chess24. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

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