Berichte 25.09.2017 | 11:03von Colin McGourty

Isle of Man, Runde 1: Kramniks Albtraum-Start

Vladimir Kramniks Hoffnungen auf die Qualifikation für das Kandidatenturnier 2018 zerplatzten erneut. Infolge der kontroversen Entscheidung, die Paarungen der 1. Runde beim Chess.com Isle of Man International zufällig zu ermitteln, verlor er gegen Fabiano Caruana, für den dieses Turnier ebenfalls von höchster Bedeutung ist. Ansonsten gab es fast keine Überraschungen: Weltmeister Magnus Carlsen schlug erwartungsgemäß einen 663 ELO-Punkte schwächeren Gegner, dieweil auch andere Stars wie Vishy Anand und Hikaru Nakamura einen erfolgreichen Auftakt erwischten.

Nach seinem Traumstart ist Fabiano Caruana der größte Favorit für die Qualifikation zum Kandidatenturnier 2018. | Foto: John Saunders

Alle Partien des Chess.com Isle of Man International können mit Hilfe der Auswahlliste unten nachgespielt werden – haltet einfach den Mauszeiger über das Resultat, um die Schlussstellung zu sehen, und klickt, um die gesamte Partie mit Computer-Analyse zu öffnen.

Die Auslosung der ersten Runde

Mit fünf Spielern aus den Top 10 könnte das Turnier auf der Isle of Man sicherlich den Anspruch erheben, das stärkstbesetzte Open aller Zeiten zu sein. Zur historischen Berühmtheit dürfte es aber wohl eher werden, weil die Nummern 3 und 5 der Welt in der ersten Runde eines Opens aufeinandertrafen. Normalerweise funktionieren solche Veranstaltungen so, dass die Spitzenspieler in der ersten Runde gegen schwache Gegner gepaart werden. Sollten sie wie erwartet gewinnen, spielen sie dann gegen die schwächsten Spieler, die ebenfalls in der ersten Runde siegreich waren. Und so geht es weiter, bis die allerbesten Akteure erwartungsgemäß nach ein paar Runden an der Tabellenspitze aufeinanderprallen (in welcher Runde genau, hängt von der Anzahl der Teilnehmer ab). Das Prinzip ist ähnlich wie bei dem K.-o.-System, das beim Tennis und natürlich bei dem Schach-Weltcup angewandt wird: Die Spieler werden gesetzt und die Auslosung so vorgenommen, dass die Nummern 1 und 2 nur im Finale aufeinandertreffen können. Dies hat den Nutzen, die besten Chancen auf das „beste“ Finale zu garantieren. Wobei es freilich gewisse „Nebenwirkungen“ gibt, die man durchaus in Frage stellen könnte, z. B. mühelos errungene Siege in den ersten Runden, so dass Magnus Carlsen oder Rafael Nadal den leichtesten Weg ins Endspiel haben.

"Die Anspannung wird zur Belustigung, als Vlad Kramnik begreift, dass er sich Fabiano Caruana in der ersten Runde  des Turniers zugelost hat."

Zum Hauptproblem bei Schach-Opens äußert sich John Saunders in seinem Bericht über die Paarungen auf der offiziellen Webseite. Er „outet“ sich dort selbst als derjenige, der als Erster auf die Idee mit den zufälligen Paarungen kam:

„Er fand die erste Runde bei Turnieren im traditionellen Schweizer System wegen der langen Listen ungleicher Paarungen besonders langweilig, denn es gäbe viel zu selten berichtenswerte Erfolge zwischen David gegen Goliath. Warum, fragte er rhetorisch, ist es unumstößlich, dass die Spitzenspieler erst im späteren Turnierverlauf aufeinandertreffen sollen?“

Hier sollte vielleicht angemerkt werden, dass die erste Runde der letztjährigen Ausgabe gar nicht so langweilig war: Im Gegensatz zu einigen riesigen Opens ist das Isle of Man Masters relativ klein und die Anzahl schwacher Spieler nicht sehr hoch. Dadurch kam es durchaus zu aufregenden Paarungen zwischen bekannten Größen und rigorosen Kontrahenten wie z.B. der Begegnung zwischen Fabiano Caruana und der mehrfachen Britischen Meisterin Jovanka Houska. In Runde 2 trafen die Spitzenspieler auf starke Gegner mit 2500 und mehr ELO-Punkten, sodass Drei der ersten fünf Begegnungen Remis ausgingen, wie die Partie So – Harika. In Runde 3 gab es bereits Kämpfe wie Caruana – Grandelius, die auch in Superturnieren stattfinden könnten.

Gewissermaßen war es also die Lösung eines nicht vorhandenen Problems, aber die Spieler können nicht behaupten, sie wären nicht gewarnt worden – auch wenn öfters gesagt wird, dass Spieler Verträge oder Turnierregularien offenbar nicht näher abchecken!


Das Zufallsprinzip in dem Paarungssystem führt im Durchschnitt bei der Hälfte der Begegnungen zu weniger interessanten Paarungen als bei der gängigen Herangehensweise:

"Birkisson ist der Spieler mit dem schlechtesten Rating, der Carlsen in den letzten 11 Jahren in einer Partie mit klassischer Bedenkzeit gegenübersaß."

Auf der anderen Seite lässt sich nicht bestreiten, dass die "härteren" Paarungen diesen Umstand, was das Zuschauerinteresse anbelangt, wieder wettmachen. In diesem Fall gab es sogar regelrecht eine Sensation:

"Erste Runde beim IoM gegen Kramnik! Man kann sich nicht über langweilige Paarungen beschweren."

Die beiden Spieler, die in diesem Turnier bei weitem das meiste zu gewinnen oder zu verlieren hatten, wurden in Runde 1 gegeneinander gepaart. Vladimir Kramnik, der mehr aufholen muss, bekam die schwarzen Steine. Wir beziehen uns damit natürlich auf das Rennen um die beiden nach Rating zu vergebenden Startplätze beim Kandidatenturnier 2018, in dem der nächste Herausforderer von Magnus Carlsen bestimmt wird. Ausschlaggebend dafür ist das durchschnittliche Rating aller 12 Listen von Januar bis Dezember dieses Jahres. Und es war eng (und ist es immer noch)!

"Das Rennen um die Teilnahme am FIDE-Kandidatenturnier 2018 nach den jüngsten Erfolgen von So: Caruana 2807, So 2806, Kramnik 2805."

"Kramnik müsste von 2794 auf 2802 Ratingpunkte kommen, um So zu überholen."

Wie man sehen kann, hatte Kramnik also nur eine minimale Chance, Fabiano Caruana abzufangen. Einholbar ist hingegen Wesley So, der momentan wahrscheinlich keine relevanten gewerteten Partien mehr spielen wird. Vladimir sollte also ein bedachtes Turnier auf der Isle of Man spielen. Er sollte versuchen, die schwächere Konkurrenz effizient zu schlagen und solide gegen Top-Gegner zu agieren. Schlagartig zerfallen alle seine sorgsam ausgetüftelten Pläne.

Caruana war bisher ein unangenehmer Gegner für Kramnik, in Partien mit klassischer Bedenkzeit liegt er mit 4 zu 2 Siegen vorn. Und erneut gab es einen erbitterten Kampf, in dem Vladimir nach Fabios 26.h4! das extrem scharfe 26...Sc7! spielte.


Wie Fabio nach der Partie anmerkte, plant dieser Zug, 27.g5?! mit dem Figurenopfer 27...Sxb5! 28.axb5 Txb5! 29.gxf6 Dxf6 zu erwidern, und plötzlich muss Weiß drastische Maßnahmen ergreifen, um nicht ernsthaft schlechter zu stehen, da sein Bauer b2 von der gesamten schwarzen Armee unter Beschuss zu geraten droht.


Caruana erkannte dies jedoch und spürte nach 27.Dxc5!, dass er auf zwei Ergebnisse spielte. Trotz schwerer Zeitnot schien Kramnik dem kompletten Ausgleich sehr nahe zu kommen, aber Caruana hält den 42. Zug für den Punkt, an dem sich das Turmendspiel zu seinen Gunsten wendete:


Hier meinte er, dass 42...Tc5 bessere Chancen bietet, während nach 42...Tb5 der norwegische Sesse Computer bald riesigen Vorteil für Weiß sieht und schließlich sogar schon Matt ankündigt. Caruana spielte gut genug, um diese Einschätzung zu rechtfertigen,und es hätte kein schlechterer Start für Vladimir sein können, der nicht nur verlor, sondern eine lange und schmerzhafte Partie verlor, nachdem er schließlich im 67. Zug aufgab:

"Caruana schlägt Kramnik und versetzt damit dessen Chancen, sich fürs Kandidatenturnier zu qualifizieren, einen riesigen Schlag!"

Selbst der Sieger, Fabiano Caruana, war nicht angetan vom System der zufälligen Paarungen und äußerte sich dazu bei Fiona Steil-Antoni:

Es ist sehr schwer, sich darauf einzustellen, weil man irgendwie zumindest einen etwas leichteren Start erwartet. Es ist nie leicht in einem Open. Ich habe in der ersten Runde oft Remis gespielt oder hatte schwierige Partien, aber ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, gegen die Nummer 2 in der Welt zu spielen.

Dann ging er mehr ins Detail:

Es bringt einen riesigen Glücksfaktor hinein. Offensichtlich ist es überhaupt nicht ideal, in der ersten Runde einen Top-Gegner zu bekommen. Selbst wenn man gewinnt, glaube ich nicht, dass es einem im Turnier von Nutzen ist. Ich habe Kramnik geschlagen, aber ich sehe nicht, wie ich jetzt vor, sagen wir einmal, Carlsen sein soll, der einen 2100er geschlagen hat. Ich glaube noch nicht einmal, dass es Tiebreaks im Turnier gibt... Ich glaube nicht, dass mein Sieg irgendeinen Nutzen hat außer, dass er ungeheuer zufriedenstellend ist. Es gibt da also einen Glücksfaktor. Andererseits macht es das interessant für die Zuschauer, und es ermöglicht Spielern, die normalerweise nicht die Chance dazu bekommen, gegen Top-Leute antreten zu können. Ich bin glücklich, weil ich Kramnik geschlagen habe, aber es ist ziemliches Pech, Kramnik in der ersten Runde zu bekommen!

Anhänger dieses Experimentes wie z.B. Greg Shahade halten richtigerweise dagegen, dass sich das Glück auf lange Sicht ausgleicht, aber damit dies geschehen kann, wären eine Menge ähnlicher Turniere nötig, und Vladimir Kramnik hat nun einmal keine zweite Karriere. Sein Landsmann Peter Svidler äußerte sich verständnisvoll und empfand die Paarung als unfair für beide Spieler:

Er nahm Stellung, während die Partie noch lief:

Ich glaube nicht, dass dies eine großartige Idee ist, besonders jetzt nicht. Ich verstehe, dass sich die Organisatoren von Isle of Man nicht darum kümmern müssen, aber diese Jungs sind gerade in direktem Wettbewerb um die Startplätze beim Kandidatenturnier, die nach Rating vergeben werden. Falls diese Partie nicht Remis endet, verliert der Verlierer nicht nur die doppelte Punktzahl, weil er fünf Punkte verliert und der andere fünf Punkte dazugewinnt. Sondern er bekommt durch das Schweizer System auch in den nächsten fünf Runden die deutlich schwächeren Gegner. Fünf ist vielleicht übertrieben, aber definitiv in den nächsten drei Runden wird er gegen Leute aus den unteren Klassen spielen. Dadurch werdendie Auswirkungen dieser Partie riesengroß sein, besonders, wenn sie nicht Remis ausgeht. Ich bin kein großer Fan dieser Idee. Ich kann mir durchaus zufällige Paarungen vorstellen, aber ich denke, die Namen der Top 5 sollten sich nicht in der Lostrommel befinden. Und wenn sie schon drin sind, sollte es nicht möglich sein, dass sie gegeneinander gelost werden. Ich denke,dies verzerrt alles so sehr, und selbst wenn es eine Paarung, sagen wir einmal Kramnik – Carlsen oder Carlsen – Anand wäre, in der sich keiner um den Konkurrenzkampf ums Kandidatenturnier kümmern müsste, gibt es doch allen anderen einen Vorsprung im Turnier. Dasselbe könnte überhaupt nicht passieren, und Magnus spielt heute gegen einen 2100er und diese Jungs spielen gegeneinander, deshalb ist ihre Turniersituation sofort deutlich schlechter als seine. Also, ich bin kein Fan davon!

Als Caruana viel besser zu stehen schien, ergänzte Svidler:

Und das wäre – es ist etwas albern, dies nach Runde 1 zu sagen – aber falls er am Ende verliert, wars das vielleicht mit dem Kandidatenturnier für ihn, und das ist extrem brutal. Sollte nicht wirklich passieren, fühle ich, aber es ist schon passiert und was kann man tun? Aber aus meiner Sicht nicht wirklich toll.

Selbstverständlich ist Kramnik nicht jetzt schon aus dem Rennen, nach Isle of Man folgt schließlich der European Club Cup. Aber vor ihm liegt eine mühselige Aufgabe, besondersda die nächsten Paarungen, wie Svidler vorhersagte, zwar Vladimirs Turniersituation verbessern können, ihm aber nicht die verlorenen Rating-Punkte zurückbringen werden. Weiß gegen Vilmos Balint (ELO 2281) in Runde 2 wird Kramnik bei einem Sieg weniger als 1 ELO-Punkt einbringen, während ein Remis oder gar eine Niederlage verhängnisvoll wären.

Währenddessen machten die anderen Spieler jedoch einen guten Job und ließen es wie eine normale erste Runde eines Open-Turniers aussehen.

"Ein Spieler betritt heute den #IoMChess Spielsaal. Der Schiedsrichter: „Willst du dich anmelden?“ „Ja.“ „Wo kommst du her?“ „Norwegen.“ Ja, genau der."

Carlsen härtester Test bisher war es erkannt zu werden!

Für Magnus Carlsen war es ein Spaziergang, während Vishy Anand einen Spieler schlug, gegen den er in Gibraltar remisiert hatte, Marc Esserman. Und Hikaru Nakamura gelang es, gegen den indischen GM Neelotpal Das einen Mattangriff aus dem Nichts aufs Brett zuzaubern. Alina l'Amis Sieg über den Weltcup-Kommentator Ivan Sokolov an Brett 32 war die erste richtige Überraschung, worauf das Kommentatoren-Team verriet, dass sie vom holländischen GM eine SMS bekommen hatten, in der er um Tipps für eine gute Bar bat, inder er seine Sorgen ertränken könne!

IoMChess Runde 1: Ein guter alter gegen einen guten jungen – Jan Timman (65) vsRichard Rapport (21)

Trotz 44 Jahren Altersunterschied hielt Timman gegen Rapport Remis


Die Partie, die zur Sensation der ersten Runde hätte werden können, fand zwischen dem Engländer Zaki Harari (ELO 2027) und dem 668 Punkte mehr aufweisenden Maxim Rodshtein statt.


Der Underdog hatte Weiß und gab sich hier mit Zugwiederholung zufrieden (durch Schachgebote auf h8 und h6), doch Ld5!, was dem Schwarzen das Feld g8 wegnimmt, führt zu einem klaren Sieg!

Ab Runde 2 werden die Paarungen wieder normal ermittelt, mit einem Vladimir Kramnik, der praktisch einen Punkt hinter seinen Konkurrenten zurückliegt. Eine wichtige Partie, auf die man achten sollte, ist Praggnanandhaa – Adams.

"Praggnanandhaa, jüngster IM der Welt, gegen Dieter Kolbus, Deutscher mit Wohnsitz auf der IoM"

Am gleichen Schauplatz verlor der damals 11-Jährige voriges Jahr gegen Hou Yifan, die als Nummer 1 der Frauen gerade selbst einige „Déjà vu“-Paarungen erlebt: Nachdem sie sich beim Gibraltar Masters ungerecht behandelt fühlte, weil sie gegen eine große Anzahl Frauen gepaart wurde, saß sie auch auf der Isle of Man dieses Jahr in den ersten beiden Runden zwei Frauen gegenüber. Zuerst spielte sie gegen die frühere Weltmeisterin Alexandra Kosteniuk Remis, jetzt wartet Elisabeth Pähtz in Runde 2.   

"Alexandra Kosteniuk und Hou Yifan liegen gleichauf in Runde 1"

Verpasst nicht die gesamte Action jeden Tag live ab 14:30 Uhr MESZ hier auf chess24. Ihr könnt die Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

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