Berichte 29.10.2018 | 13:11von Colin McGourty

Isle of Man, R9: Wojtaszek und Kashlinskaya triumphieren

Radek Wojtaszek und seine Frau Alina Kashlinskaya sind die großen Sieger des Chess.com Isle of Man International Open. Nach einem Remis in der Schlussrunde gegen Arkadij Naiditsch gewann der Pole den Stichkampf um den Turniersieg und kassierte  £38.000 Preisgeld. Derweil besiegte seine Ehefrau an ihrem 25.Geburtstag Sam Sevian und sicherte sich damit neben ihrer ersten GM-Norm auch noch den mit £7.000 Pfund dotierten Damenpreis. Weniger Geld erhielten die sieben Spieler, die am Ende den geteilten dritten Platz belegten – darunter auch Alexander Grischuk, der erstmals MVL besiegen konnte.

Alina Kashlinskaya unterstützte ihren Mann Radek Wojtaszek während des Stichkampfes | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien von der Isle of Man könnt ihr hier nachspielen:

Wojtaszek gewinnt Stichkampf gegen Naiditsch

Vor der Schlussrunde war die Verlockung für Radek Wojtaszek und Arkadij Naiditsch groß, sich schnell auf ein Remis zu einigen. Nach ihren Siegen gegen Mickey Adams und Hikaru Nakamura in der Vorschlussrunde hatten die beiden einen Vorsprung von einem halben Punkt auf das vierköpfige Verfolgerfeld und wussten, dass sie bei einer Punkteteilung maximal zu ünft das Preisgeld teilen mussten. Angesichts der Preisgelder von £50.000 für Platz 1, £25.000 für Platz 2, £12.500 für Platz 3, £7.500 für Platz 4 und £6.250 für Platz 5 garantierte ein Remis beiden mindestens £20.250 Preisgeld, während sie im Optimalfall – der dann auch eintrat – sogar jeder £37.500 erhielten.

Wie viel Risiko sollten sie eingehen? | Foto: John Saunders, Turnierseite

Aufs Brett kam ein klassischer Spanier, in dem Wojtaszek nach eigenen Angaben solide spielen und gegen Naiditsch nicht denselben Fehler wie Nakamura am Vortag machen wollte. Nach 15 Zügen hätte die Partie bereits mit Zugwiederholung enden können, doch Naiditsch befand, dass er risikolos weiterspielen konnte. Schließlich führte das zu einer spannenden Partie mit einem Opfer im 22.Zug:


22.Sxd4! exd4 (22…Db7 war ebenfalls spielbar) 23.Lxd4 Lf6 24.Lxf6 gxf6:


Naiditsch dachte hier 29 Minuten darüber nach, ob er seine Stellung entscheidend verstärken konnte (objektiv ist die Stellung remis), forcierte dann aber das Remis mit 25.Dxf6 Tfe8 26.Dg5+ Kf8 27.Dh6+ und so weiter.

Radek Wojtaszek durfte hinterher die Siegerrede halten | Foto: John Saunders, Turnierseite

Für beide Spieler stand damit fest, dass es ein guter Tag für sie werden würde, doch je mehr Stunden vergingen, desto besser wurde er vor allem für Wojtaszek. Hätte einer der Verfolger seine Partie gewonnen, wäre dieser in den Stichkampf eingezogen, doch so hatte Wojtaszek nicht nur £37.500 sicher, sondern konnte in den Kampf um den Siegerpokal und weitere £500 Preisgeld eingreifen.

Gespielt wurden Blitzpartien, die von Anfang an chaotisch verliefen, was Wojtaszek hinterher so kommentierte:

Ein Stichkampf hat nichts mit Können zu tun, jedenfalls hoffe ich das, denn das Niveau war eine Katastrophe! Ich habe mich förmlich für mein Spiel geschämt…

Offenbar hatten die Spieler nach neun Tagen Turnierschach Probleme mit der verkürzten Bedenkzeit, denn in der ersten Partie stellte Wojtaszek mit Weiß einen Bauern ein. Lange Zeit sah es so aus, als könnte Naiditsch seinen Vorteil sicher verwerten, doch dann wurde seine Königsstellung freigelegt und es wurde unübersichtlich. Das Geschehen wogte hin und her, ehe Wojtaszek nach 48…Kg4? die Oberhand behielt:


49.Td4! drehte den Spieß um, doch Schwarz hätte nach 49…Te2! immer noch Remis halten können. Stattdessen folgte 49…Kf3, worauf Wojtaszek die Dame schlug und wenige Züge später gewann.

Damit musste Naiditsch die nächste Partie gewinnen, um ins Armageddon zu kommen. Erneut sah es nach einem starken Zug in Eröffnung gut für ihn aus:

Zeitweilig war Weiß mit +7 im Vorteil, doch der Pole gab nie auf. Hinterher meinte er:

Im Stichkampf geht es darum, wer den Sieg mehr will, und das war offenbar ich!

IFür die zweite Blitzpartie reichte das aber noch nicht, denn am Ende landete er in einem Mattnetz:

Damit bekamen die Zuschauer das, was sich sicher viele gewünscht hatten – Armageddon! Wojtaszek bekam als Weißer 5 Minuten, doch wenn Naiditsch als Schwarzer mit seinen 4 Minuten Remis gehalten hätte, wäre er zum Turniersieger erklärt worden. Dieses Mal aber ließ Wojzaszek nichts anbrennen und brach mit seinen Bauern durch…


…und stand einen Zug vor dem Matt als Sieger fest:

Damit stand fest, dass Wojtaszek neben seinem Sieg 2017 in Dortmund den größten Erfolg seiner Karriere erzielt hatte. Mit seiner neuen Live-Elo von 2749,4 liegt er zudem nur knapp hinter seiner bisherigen Bestleistung und hat als 16. der Weltrangliste Hikaru Nakamura überholt.

Beide Turniersieger nahmen in der Mitte des Turniers ein "bye" und "verschenkten" so einen halben Punkt!

Außer seinem persönlichen Triumph hatte er aber noch mehr Grund zur Freude…

Alina Kashlinskayas unvergesslicher Geburtstag

Wojtaszek und seine Frau Alina haben nicht zum ersten Mal gemeinsam ein Turnier gewonnen, sondern 2011 schon einmal dasselbe erlebt!

Gemeinsamer Sieg beim György Marx Memorial 2011 | Foto: Alina Kashlinskayas Facebook-Seite

Vier Jahre später haben die beiden geheiratet und nun als Ehepaar auf der Isle of Man einen Doppelsieg gelandet. Dabei ging es aber um mehr als Geld, denn Alina hatte am Schlusstag nicht nur Geburtstag, sondern wusste, dass sie auf jeden Fall ihre erste GM-Norm erringen würde: 

My first GM norm :) #iomchess

A post shared by Alina Kashlinskaya (@kashlinskaya_alina) on

Doch es kam sogar noch besser:

Ich weiß, dass Schachspielen am Geburtstag riskant ist…  Es war nicht einfach, aber meine Züge waren allesamt natürlich und ich wollte angreifen!  

Sie bekam die Gelegenheit, gegen den US-Jungstar Sam Sevian 16.Sd5!! aufs Brett zu zaubern:


Weiß steht bereits besser, und im weiteren Partieverlauf sah es so aus, als würde Alina widerstandslos gewinnen. Schwarz hätte bereits 15 Züge früher aufgeben können, als er sich in der Partie dazu hinreißen konnte:

Mit diesem Sieg erspielte Kashlinskaya eine Elo-Leistung von 2705 und holte den Damenpreis von £7.000 (und damit mehr als die sieben Drittplatzierten, die “nur”  £5.607 bekamen). 

Sam Sevian konnte wie Anish Giri und Vladimir Kramnik die Dame des Turniers nicht besiegen! | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alexandra Kosteniuk gewann mit 5,5 aus 9 die £3.500 für den zweiten Damenpreis, nachdem sie den Inder GM Sundararajan in einem komplizierten Endspiel nach 98 Zügen niederringen konnte. 

Was sonst noch geschah

Lange Zeit stellte sich am Schlusstag die Frage, ob einer der Spieler mit 6 aus 8 seine Partie gewinnen und zu Wojtaszek und Naiditsch an der Spitze aufschließen würde. Jeffery Xiong und Wang Hao übten gegen Gawain Jones und Vishy Anand zwar eine Menge Druck aus, kamen aber letztlich nicht entscheidend weiter. Der einzige Top-15-Spieler, der noch eine Siegchance hatte, war Maxime Vachier-Lagrave, doc her traf mit Schwarz auf Alexander Grischuk. 

Alexander Grischuk behielt in einer hochklassigen Partie die Oberhand | Foto: John Saunders, Turnierseite

Wie Grischuk hinterher feststellte, war dies das einzige Top-15-Duell des gesamten Turniers, und er leitete daraus ab, dass in einem derart starken Turnier neun Runden einfach nicht ausreichen, um die Spreu vom Weizen zu trennen:

Die Dauer entspricht 100m Radfahren oder 1km bei der Formel 1!

Unabhängig davon lieferten sich die beiden eine faszinierende Partie, in der beide dem Turnierstand gemäß auf Sieg spielten. Ein Najdorf-Sizilianer verlief lange Zeit ausgeglichen, bis laut Grischuk der „erste erkennbare Fehler der Partie“ 38…Te6?! aufs Brett kam:


Grischuk meinte, “das erlaubte mir, meinen e-Bauern gegen seinen sehr gefährlichen h-Bauern abzutauschen”, was mit 39.Sf4! Txe4 40.Sxh5+ prompt geschach. MVL verteidigte sich weiter gut, verlor dann aber studienartig:

Grischuk erklärte hinterher, dass dies die erste Partie zwischen ihm und MVL mit einem Gewinner war, und durfte sich über den geteilten dritten Platz freuen. Die gleiche Platzierung erreichten Vladimir Kramnik mit einem Sieg gegen Alexei Shirov, Hikaru Nakamura mit einem Sieg gegen Pavel Eljanov, Adhiban mit einem Sieg gegen Mickey Adams und Wang Hao, Gawain Jones und Jeffery Xiong, die remis spielten.

Vladimir Kramnik besiegte in der Schlussrunde Alexei Shirov, während Pavel Eljanov gegen Hikaru Nakamura unterlag! | Foto: John Saunders, Turnierseite

Und hier der Endstand:

Rk.SNoNamesexFEDRtgTB1 
110GMWojtaszek RadoslawPOL27277,0
13GMNaiditsch ArkadijAZE27217,0
34GMKramnik VladimirRUS27796,5
7GMGrischuk AlexanderRUS27696,5
8GMNakamura HikaruUSA27636,5
12GMWang HaoCHN27226,5
24GMJones Gawain C BENG26776,5
26GMAdhiban B.IND26686,5
29GMXiong JefferyUSA26566,5
102GMGiri AnishNED27806,0
3GMVachier-Lagrave MaximeFRA27806,0
6GMAnand ViswanathanIND27716,0
9GMKarjakin SergeyRUS27606,0
11GMRapport RichardHUN27256,0
14GMLe Quang LiemVIE27156,0
16GMVidit Santosh GujrathiIND27116,0
17GMArtemiev VladislavRUS27066,0
19GMAlmasi ZoltanHUN27026,0
22GMLeko PeterHUN26906,0
23GMHowell David W LENG26896,0
25GMSethuraman S.P.IND26736,0
27GMKovalev VladislavBLR26646,0
28GMMelkumyan HrantARM26606,0
35GMSutovsky EmilISR26336,0
36GMParligras Mircea-EmilianROU26236,0
37GMGanguly Surya ShekharIND26226,0
41GMFridman DanielGER26006,0
84IMKashlinskaya AlinawRUS24476,0
291GMAronian LevonARM27805,5
5GMSo WesleyUSA27765,5
15GMAdams MichaelENG27125,5
18GMEljanov PavelUKR27035,5
21GMNabaty TamirISR26925,5
31GML'ami ErwinNED26395,5
33GMShirov AlexeiESP26365,5
39GMDonchenko AlexanderGER26105,5
43GMSvane RasmusGER25955,5
44GMDeac Bogdan-DanielROU25945,5
46GMHuschenbeth NiclasGER25895,5
49GMHess RobertUSA25745,5
50GMNihal SarinIND25725,5
52GMKosteniuk AlexandrawRUS25515,5
54GMPuranik AbhimanyuIND25475,5
55GMMekhitarian Krikor SevagBRA25465,5
58IMLomasov SemenRUS25405,5
66GMVishnu Prasanna. VIND25045,5
79IMPrithu GuptaIND24585,5
82IMBellaiche AnthonyFRA24535,5
87IMKrishna C R GIND24455,5

Schach ist gnadenlos

Natürlich passierte auch auf der Isle of Man in der Schlussrunde so viel, dass man sie kaum vollständig zusammenfassen kann. Leider jedoch verpasste Vincent Keymer seine letzte GM-Norm, da er gegen Emil Sutovsky nicht das nötige Remis schaffte. Bester Deutscher war Daniel Fridman mit 6 aus 9, Alexander Donchenko, Rasmus Svane und Niclas Huschenbeth erzielten 5,5 aus 9. Auch andere Wunderkinder verloren, wie Praggnanandhaa, der gegen Le Quang Liem nach 15 Zügen unterlag, oder Gukesh, der gegen Zoltan Almasi aufgeben musste. Dagegen gelang Nihal Sarin in einer nervenaufreibenden Zeitnotschlacht ein Remis gegen Wesley So.

Wie die drei Inder saßen auch die beiden Briten Nigel Short und Simon Williams nebeneinander. Short klagte:

"Schach ist gnadenlos."

Eine schwierige Partie gegen Vishnu Prasanna kulminierte in einem schönen Schlusszug:

35.Txf7!, und Short gab auf, da 35…Txf7 36.Txf7 Dxf7 wegen 37.Dxg5+! und Verlust des Turms auf d8 verliert.

Erwin l'Ami und Simon Williams schufen eine erstaunliche Schlussrundenpartie| Foto: John Saunders, Turnierseite

Williams dagegen blieb seinem Stil treu und bewies einmal mehr, dass Schach auch Kunst ist. So sah seine Stellung nach 22…e6 aus:


Allerdings stand Weiß nach 23.fxe5! exd5 24.exd6 auf Gewinn und Erwin l’Ami fuhr anschließend den ganzen Punkt ein:

Nach 37 Zügen war die Partie schließlich vorbei.

Einer der Stars des Turniers, Abhijeet “Superman” Gupta, besiegte erst zwei 2700er in Folge, ehe er drei seiner letzten vier Partien verlor. Die richtige Einstellung hatte er aber allemal!

„Es geht nicht darum, wie hart du zuschlagen kannst. Es geht darum, wie hart du getroffen werden kannst und dennoch vorwärts kommst. Und darum, wie viel du einstecken kannst und dennoch vorwärts kommst.“

Damit ist das Chess.com Isle of Man International beendet! Schon in elf Tagen geht es aber mit dem WM-Match Carlsen-Caruana weiter, und wir werden dafür das beste Kommentatorenteam aller Zeiten aufbieten. Apropos, was braut sich da bei Carlsens letztem Herausforderer zusammen?

„Dieses Bild schreit förmlich nach einem Wettbewerb um die beste Bildunterschrift. Zeigt uns, was ihr habt! Schlauerweise werde ich bis nach der WM warten.“

Außerdem finden aber noch weitere Top-Turniere statt. Am 3. November beginnt in Khanty-Mansiysk die 64-köpfige Damen-WM, und dort trifft Alina Kashlinskaya in der ersten Runde auf die 19-jährige WGM Gulrukhbegim Tokhirjonova aus Usbekistan. Dieses Turnier wurde etwas aufgewertet, da nicht nur die Weltmeisterin ermittelt wird, sondern sich die Halbfinalistinnen für das Kandidatenturnier der Damen qualifizieren.

Schon einen Tag später sitzt Radek Wojtaszek in China am Brett, wo er beim zweiten Shenzhen Masters auf Ding Liren, Maxime Vachier-Lagrave, Anish Giri, Yu Yangyi und Nikita Vitiugov trifft. Natürlich könnt ihr beide Turniere auf chess24 live verfolgen!

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