Berichte 27.10.2018 | 12:45von Colin McGourty

Isle of Man, R7: Spiderman schlägt Superman

Mit einem Sieg gegen Abhijeet Gupta in Runde 7 hat Mickey Adams beim Chess.com Isle of Man International Open zur Spitzengruppe aufgeschlossen. Zwei Runden vor Schluss hat der Brite nun wie die sechs anderen Spitzenreiter 5,5 aus 7 auf dem Konto. Sämtliche Partien an den sechs vorderen Brettern endeten trotz teils hartem Kampf remis, aber Anish Giri, Levon Aronian, Alexander Grischuk und Alexei Shirov konnten Siege einfahren und zum Verfolgerfeld mit Sergey Karjakin, Vishy Anand und Vladimir Kramnik aufschließen.  

Spiderman Mickey Adams spann sein Netz um Superman Abhijeet Gupta | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alle Partien könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde nachspielen:

Kampfremis

Schwierige Entscheidung für Maxime Vachier-Lagrave | Foto: John Saunders, Turnierseite

Zunächst sah es in der 7.Runde so aus, als würde Maxime Vachier-Lagrave den Takt vorgeben, denn nach 17.c4! stand Arkadij Naiditsch in einem Anti-Berlin-Spanier bereits mit dem Rücken zur Wand:


Die schwarze Stellung steht kurz vor dem Zusammenbruch, doch nach 42-minütigem Nachdenken entschied sich Naiditsch für die Flucht nach vorn und brachte das aussichtsreiche Figurenopfer 17…Sxe5!? 18.cxd5 Sxf2 19.Kxf2 Sg4+ 20.Kf1 Txe1+:


Nun tauchte MVL ab und überlegte 21 Minuten lang, wie er zurückschlagen sollte. Schwarz hat wegen des exponierten weißen Königs gewisse Kompensation, doch 21.Kxe1 wäre dennoch der beste Zug gewesen. MVL spielte aber 21.Dxe1 und akzeptierte das Remis durch Zugwiederholung mit 21…Dxd5 22.De4 (nach z.B. 22.h3 hätte die Partie weitergehen können, aber die weiße Verteidigung wäre keinesfalls leicht gewesen) 22…Dd1+ 23.De1 Dd5.

Entwickelt sich zwischen diesen beiden ein weiteres großes US-amerikanisches Duell der Zukunft? | Foto: John Saunders, Turnierseite

Das überraschende Ende dieser Partie war zumindest für die vorderen Bretter, die allesamt nach hartem Kampf remis ausgingen, symptomatisch für die gesamte Runde. Bei Nakamura-Xiong wurde mit leichten Vorteilen für den 17-jährigen Jeffery Xiong erbittert gekämpft, und hinterher meinte der amerikanische Nachwuchsstar, dass Hikaru Nakamura mit seinem Hinweis auf seine “leichte Gegnerschaft” nicht ihn geärgert, “sondern eher seine Kontrahenten beleidigt” habe.

Wie dieses amerikanische Duell endete auch die russische Variante des Kampfs zwischen Lehrmeister und Schüler remis. Vladimir Kramnik gelang es zwar gegen Vladislav Artemiev einen gefährlichen Freibauern zu bilden und damit großen Vorteil zu erlangen, er kam aber danach vom richtigen Weg ab, verlor den Freibauern und fand sich in einer Stellung mit einem Minusbauer wieder. Gegen Artemiev, der seinen Aufstieg in die Elite vor allem dem Ausnutzen kleinster Vorteile zu verdanken hat, ist ein solches Bauernminus oft tödlich, doch in diesem Fall gelang es Vlad gegen Vladislav nach 64 Zügen remis zu halten.

"Was denkt Big Vlad über seine Partie gegen Artemiev. Hm, er scheint nicht gerade begeistert - oder hat er einfach Existenzängste?"

Das aber war gar nichts gegen Gawain Jones, der nach den 113 Zügen, die er in Runde 5 gegen Mikhail Antipov brauchte, um das Remis zu retten, dieses Mal 102 Züge kämpfen musste, ehe er mit Minusfigur gegen Richard Rapport das Unentschieden erreicht hatte:

„Obwohl ich keine offizielle Befugnis habe, erkläre ich Gawain Jones zum britischen (Schach-)Verteidigungsminister!“

Große Namen rücken vor 

Profiteur der “Remisseuche” an den vorderen Brettern war der britische GM Mickey Adams, der Abhijeet Gupta nach hartem Kampf niederringen und zur Spitzengruppe aufschließen konnte. Spiderman hatte Superman bezwungen!

„Keiner der sechs Spitzenreiter konnte heute gewinnen, wodurch Mickey Adams zu ihnen aufschließen konnte.“

Weiter hinten feierten einige andere Spieler wichtige Siege und konnten vor dem abschließenden Wochenende bis auf einen halben Punkt an die Spitze heranrücken. Anish Giri besiegte Mikhail Antipov überzeugend als Schwarzer in einem 3.Lb5-Sizilianer, und Levon Aronian beendete den guten Lauf von Nigel Short:

"Vier Monstern hielt Nigel Short stand, aber das vierte erwischte ihn."

Aronian behandelte die Eröffnung extrem provokativ und erlaubte Short so – zu Recht! – mit seinen Figuren nach vorne zu preschen. Dann aber übertrieb er es:


15…g4!? war ein riskanter Zug, da Schwarz zwar das Feld f3 kontrolliert, aber dafür Weiß das Feld f4 überlässt. Danach war das weiße 25.g4! schon partieentscheidend:


25…Lxg4 verliert wegen 26.Tg6+ einfach eine Figur, doch nach 25…Lh7!? ließ Aronian das Qualitätsopfer 26.Txh7! Kxh7 27.Dxe4+ Kg7 28.Dxf3 folgen und verwertete seinen Vorteil trotz komplizierter Lage sicher.

Aronian-Short war eine der unterhaltsamsten Partien des Tages | Foto: John Saunders, Turnierseite

40.Lg5+! war ein schöner letzter Zug vor der Zeitkontrolle, denn nach 40…Lxg5 41.fxg5+ Kh5 42.Dc7! war das Matt nicht mehr zu verhindern.


40.Lg5+! war ein schöner letzter Zug vor der Zeitkontrolle, denn nach 40…Lxg5 41.fxg5+ Kh5 42.Dc7! war das Matt nicht mehr zu verhindern.

Auch Grischuk hat noch alle Chancen | Foto: John Saunders, Turnierseite

Alexei Shirov hat seine Partie gegen Hikaru Nakamura zwar nach einem inkorrekten Qualitätsopfer verloren, doch davor und danach gewann er zwei Partien in Folge und steht nun ebenfalls bei 5 aus 7. Wieder brachte er ein Qualitätsopfer, aber der Höhepunkt der Partie war sicher GM Le Quang Liems Rochade im 36.Zug! 

„Grundsätzlich ist die Rochade viel eher ein Verteidigungs- als ein Angriffszug. Nur schlechte Spieler machen es sich zur Regel, schon nach etwa sechs Zügen unter allen Umständen zu rochieren.“

Allerdings hätte der Vietnamese seinen Enkeln eine deutlich schönere Geschichte erzählen können, wenn er nach 37.Sxe5! nicht direkt auf Verlust gestanden hätte. Schwarz kann auf e5 nicht schlagen, da Weiß sonst beginnend mit 38.Dg3+! mattsetzen kann. Le Quang Liem spielte stattdessen 37…Kh8, was die Gabel 38.Sd7 zuließ, und versuchte mit dem spektakulären 38…Txb3 Verwirrung zu stiften, doch auch das funktionierte nicht. Die Aufgabe erfolgte zwar erst nach 56 Zügen, im höheren Sinne war die Partie aber deutlich früher beendet.

Weitere spannende Partien

Der englische GM Simon Williams ist für seine Vorliebe bekannt, Harry, den h-Bauern nach vorne zu treiben, und in Runde 7 ging sein Traum mit zwei Bauern auf h3 und h4 gleich doppelt in Erfüllung::

„Und wie heißt Harrys Bruder?“

Hier bot sich ihm die große Chance, zu den Spielern mit 5 aus 7 aufzuschließen, doch dafür hätte er den zweiten h-Bauern mit 29…hxg2+! “opfern” müssen. Stattdessen hatte sich das Blatt aber nach 29…Ld3?! 30.Txf8+ Txf8 31.gxh3 Tf2 32.Lg1! gewendet. Und ach 32…Dg3 hätte Zoltan Almasi selbst einen schönen Gewinnzug gehabt:


33.Te8+! Kh7 34.Dxd3+! Dxd3 35.Le4+ hätte zu einer Stellung mit drei weißen Mehrbauern geführt, doch nach 33.Lxf2 endete die Partie nach hartem Kampf mit einem gerechten Remis.

Praggnanandhaa besiegte seinen Landsmann Ravi in einer schönen Partie. Trotz seiner Niederlage gegen Vidit hätte er bereits eine GM-Norm - doch die braucht er nicht mehr! | Foto: John Saunders, Turnierseite

Der mittlerweile 13-jährige Inder Praggnanandhaa schaffte es nicht ganz an eines der 32 Live-Bretter, womit allen Zuschauern seine brillante Angriffspartie zumindest vorläufig vorenthalten wurde.


15.Txf7! war nur einer von mehreren Zügen, bei denen es “Bumm!” machte. Die ganze Partie könnt ihr hier mit Computeranalyse und der Möglichkeit, einige Züge auszuprobieren, nachspielen.

Pragga's opponent in Round 8 is Sam Sevian, who had Wesley So on the ropes in Round 7 before their game ended in a draw | photo: John Saunders, official website

Rasmus Svane und Dennis Wagner sind nach Remis gegen Peter Leko bzw. Vladimir Kovalev weiterhin die besten Deutschen, Daniel Fridman schloss mit einem Sieg zu beiden auf und hat ebenfalls 4,5 aus 7. Mit vier Punkten folgen Vincent Keymer (Schwarzremis gegen Erwin L'Ami), Elisabeth Pähtz, Alexander Donchenko, Georg Meier und Ilja Schneider. 

In den letzten beiden Runden steht uns damit ein spannendes Ringen bevor, wenngleich die ganz großen Favoriten vorläufig noch nicht aufeinandertreffen (letztes Jahr trafen in Runde 8 Caruana und Carlsen aufeinander!):

Wie die Ergebnisse auch lauten werden - eine spannende Schlussrunde steht uns auf jeden Fall bevor! Alle Partien könnt ihr auch heute ab 15:30 Uhr live auf chess24 verfolgen!

Weitere Links:


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