Berichte 24.05.2016 | 01:08von Colin McGourty

Inarkiev triumphiert, Baadur & Igor holen Medaillen

Ernesto Inarkiev wurde nach Che Guevara benannt, und der Revolutionär wäre auf die Art und Weise stolz gewesen, wie er die Einzel-EM 2016 gewonnen hat: am Ende des Turniers mit ungeschlagenen 9 aus 11 ungeteilter Erster zu sein. Igor Kovalenko beendete die EM auf brillante Weise, schlug Fressinet und Goganov und holte sich ungeteilt Silber, während Baadur Jobava die Zweitwertung um die Bronzemedaille nach einem Sieg über seinen "Stammkunden" Radek Wojtaszek noch für sich entschied. Ponomariov, Grandelius, Ragger und Howell gehören zu denjenigen, die die Weltcup-Qualifikationsplätze verpassten.

Für die Fans von Ernesto Inarkiev war es der bislang schönste Tag! | Foto: Ekaterina Sekenova

Der Kampf um die Medaillen

Es hätte noch viel gebraucht, um Inarkiev noch aufzuhalten, der mit einem ganzen Punkt Vorsprung in die letzten beiden Runden in Gjakova gegangen war, aber es muss gesagt werden, dass Kacper Piorun im letzten Durchgang noch alles versuchte. Der polnische mehrfache Weltmeister im Lösen von Schachproblemen, der in weniger als zwei Jahren beinahe 200 Punkte zugelegt hat nun die Nummer Zwei Polens ist, scheute eine messerscharfe Stellung in der schottischen Eröffnung nicht. Inarkiev teilte gleichermaßen kräftig aus und verdiente sich damit das Remis, welches ihm die Goldmedaille sicherte, ohne Zweitwertungen bemühen zu müssen. Ihr könnt diese und alle anderen Partien dieser Veranstaltung mittels des Selektors unterhalb nachspielen: 

Für seine vielen Fans bedeutete das großartige Nachrichten:

Das nächste Mal, wenn wir InEr_Chess sehen, nehmen wir ein Foto mit denselben T-Shirts auf, ok?

Ernestos größte Unterstützung sind seine wunderbare Frau Anna und ihr absolut unglaublicher Sohn Robert!<3

Andernorts verliefen die Dinge eng. Igor Kovalenko lag zwei Runden vor Schluss an achter Stelle, doch während an neun der vordersten zehn Bretter remis gespielt wurde, gelang es ihm in der zehnten Runde, niemand geringeren als Laurent Fressinet zu schlagen:


Die Dinge waren nicht wunschgemäß verlaufen, nachdem sich der Franzose mit 23. ... c5?! für einen Bauerndurchbruch entschieden hatte, und hier wurde nach 35. Lxc5! die Pointe sichtbar - und beendete gleichsam die Partie. Die Drohung des Grundreihenmatts bedeutet, dass Le7 nebst Schlagen des gefesselten Springers nicht verhindert werden kann.

In der Schlussrunde erarbeitete sich Igor in einem anscheinend sterilen Endspiel einen 80-zügigen Sieg gegen Aleksey Goganov und verdarb seinem Gegner noch ein wenig dessen gutes Turnier. Durch diesen Sieg gelangte Kovalenko noch auf 8,5 aus 11 und holte mit nur einem halben Punkt Rückstand auf Inarkiev Silber - eine spektakuläre Rückkehr zur alten Form für einen Spieler, der spät im Vorjahr die 2700-Marke überschritten hatte und dann auf 2644 Elo zurückgefallen war. Der 27-jährige Kovalenko, der in der Ukraine zur Welt kam, aber unter lettischer Flagge spielt, ist einer der bodenständigsten und einnehmendsten Großmeister - er hatte früher in diesem Jahr ein neun Minuten langes Video (auf Russisch) veröffentlicht, in dem er jedem dankte, der ihm in seiner Karriere bisher geholfen hat.   

Reality-TV-Held Igor Kovalenko | Foto: vk.com

Nach seinem jüngsten Triumph teilte er ein Foto auf seiner VK-Seite mit der Beschreibung:

Danke an alle für eure Unterstützung. Ich wurde bei der Europameisterschaft Zweiter! Ich fühlte mich nicht wie ein Schachspieler, nicht wie ein Sportler, sondern wie der Held einer Reality-TV-Sendung! Mein über ein halbes Jahr andauernder Absturz ist zu Ende und es ist an der Zeit, verlorenen Boden wieder gut zu machen!

Der letzte Platz auf dem Podium ging an einen weiteren Spieler, dessen Wertungszahl mindestens 50 Zähler von dem entfernt ist, wo sie sein müsste - der unzähmbare Baadur Jobava. Die einzige Niederlage des Georgiers im Turnier stammte aus einer Partie, in der er von David Navara in einem harmlos aussehenden Endspiel brillant überspielt wurde. Daher war es auch passend, dass er am Ende des Turniers auf der anderen Seite des Brettes saß und den polnischen GM Radek Wojtaszek (2722) aus dieser Stellung - in der das einzige offensichtliche schwarze Problem aus einer Bauerninsel mehr besteht - heraus noch bezwingen konnte:


Wir sollten auch auf die Hintergrundgeschichte hinweisen, denn das war nur die letzte Misere, in die Wojtaszek durch Jobava gebracht worden war. Sein einziger Sieg in einer langen Partie stammt von der EM 2005, seither hat er fünfmal verloren, unter anderem beim Weltcup 2011, zweimal in Wijk aan Zee und in einem Match über acht Partien. Es scheint, als ob stets das gleiche Muster eingehalten würde, bei dem Jobava seinen Gegner mit schnellem und oft sprunghaftem Spiel verunsichert. Radek kommentierte auf Facebook:  

Schlechter Ausklang beim #EICC. Es war heute einfach eine furchtbare Partie. Vielen Dank an euch alle, die mich während des ganzen Turniers unterstützt haben.

Von den Glücklosen konnte aber bislang keiner allzu enttäuscht sein, da Fressinet, Wojtaszek und Goganov allesamt sicher das Hauptziel erreichten - die Qualifikation für den Weltcup 2017. Dasselbe konnte von Arman Pashikian und Alexander Donchenko nicht behauptet werden, die das Pech hatten, in der letzten Runde Schwarz gegen David Navara und Paco Vallejo zugelost zu bekommen. Beide Stars setzten sich durch, erreichten 8 aus 11, verloren aber die Zweitwertung an Jobava - es ist vielleicht wert darauf hinzuweisen, dass das erste Kriterium die "direkte Begegnung" war, doch das kam nur zur Anwendung, sofern alle Spieler mit einer bestimmten Punktezahl gegen einander gespielt hatten. Dieser Fall trat bei keinem einzigen Gleichstand im Turnier ein, daher war es bedeutungslos, dass Navara die Partie gegen Jobava gewonnen hatte.

Weltcup-Qualifikation

Zumindest die ersten 23 Spieler würden sich für den Weltcup 2017 qualifizieren, daher ging es für sehr viele Spieler noch um sehr viel. Diejenigen mit sieben Punkten wussten, dass ihnen ein Remis sehr gute Qualifikationschancen einräumen würde, daher gehörten der 20-jährige Daniil Dubov und der 16-jährige Aryan Tari zu denen, die mit schnellen Remisen die Sicherheits-Variante wählten. Tari hatte tags zuvor gute Arbeit geleistet, als er gegen Ivan Saric - dessen Turnier nach der Halbzeitführung noch gehörig daneben ging - Matt erreichte.

Aryan Taris Erfolg kam Norwegen sehr gelegen, da Jon Ludvig Hammer nur 82. wurde | Foto: Gjakova 2016

Den Spielern mit 6,5 Punkten half hingegen nur noch ein Sieg weiter, woraus sich einige großartige Schlachten entwickelten, in denen die Favoriten oft unter starken Druck gerieten. Ruslan Ponomariov ist ein Spezialist für Weltcup-Turniere im KO-Modus, die ihn mit 18 zum jüngsten Weltmeister aller Zeiten werden ließen; dieses Mal schaffte er die Qualifikation nicht, da sein Siegeswille zu einer Niederlage gegen den Rumänen Constantin Lupulescu führte.  

David Howell erlebte einen brutalen Angriff durch den Russen Anton Demchenko. Der englische Großmeister verbrauchte über eine Stunde für die Züge 13 und 14, doch die investierte Zeit führte nur zu einem Debakel - hier ist die Schlussstellung nach 25. Lxf7:


Markus Ragger verlor mit Schwarz ebenfalls, gegen den Spanier Ivan Salgado - für die spanischen Vertreter war das ein großartiges Ergebnis, da sich Paco Vallejo, David Anton und Salgado für den Weltcup qualifiziert haben.

Der Endstand sieht also so aus (alle Spieler mit 7,5 Punkten oder mehr sind aufgelistet):

Rk.SNo NameRtgPts. TB1  TB3  TB4 n
112GMInarkiev ErnestoRUS26869,072,577,5288225,9
237GMKovalenko IgorLAT26448,567,071,5278721,2
326GMJobava BaadurGEO26618,073,578,0279119,4
41GMNavara DavidCZE27358,072,578,527968,6
55GMVallejo Pons FranciscoESP27008,071,077,0277710,6
62GMWojtaszek RadoslawPOL27227,576,082,027636,7
716GMPiorun KacperPOL26817,569,074,527085,4
88GMFressinet LaurentFRA26927,568,573,527346,6
960GMGoganov AlekseyRUS26007,568,571,0273419,6
1036GMDubov DaniilRUS26447,568,073,0272811,4
113GMVitiugov NikitaRUS27217,567,072,527322,1
1213GMCheparinov IvanBUL26857,567,072,026912,0
15GMNajer EvgeniyRUS26817,567,072,026931,5
1443GMHovhannisyan RobertARM26327,566,570,526828,9
1533GMZhigalko SergeiBLR26477,566,071,026917,8
72GMPalac MladenCRO25777,566,071,0267116,0
1750GMSalgado Lopez IvanESP26187,566,069,5268611,9
1824GMDreev AlekseyRUS26627,565,570,526631,6
1951GMAnton Guijarro DavidESP26167,565,569,5267110,5
2094GMStupak KirillBLR25357,565,568,5267220,2
2119GMNisipeanu Liviu-DieterGER26697,565,070,526884,2
2285GMTari AryanNOR25587,564,569,5267017,0
2369GMDemchenko AntonRUS25897,564,568,0272521,9
2459GMTer-Sahakyan SamvelARM26017,564,067,5268815,7
2548GMLupulescu ConstantinROU26207,563,067,026627,7
2683GMBortnyk OlexandrUKR25657,562,067,0264913,7

Für diejenigen, die knapp am 23. Platz vorbeigeschrammt sind, besteht noch immer die Möglichkeit, doch noch am Weltcup teilnehmen zu können, falls jemand von den Qualifikanten nicht spielen möchte; der Rest kann sich damit trösten, dass im nächsten Jahr bei der EM 2017 - die vor dem Weltcup, der später im gleichen Jahr stattfindet -, erneut 23 Plätze ausgespielt werden.

Siegerehrung in Gjakova

Nun wird es auch langsam Zeit, die Aufmerksamkeit auf ein neues Turnier zu richten: das Gashimov-Gedenkturnier findet ab Donnerstag in Shamkir statt. Nachdem Magnus nicht vor Ort sein wird, um seinen Titel zu verteidigen, ist das eine großartige Gelegenheit für Spieler wie Fabiano Caruana, Anish Giri oder natürlich Carlsens Herausforderer Sergey Karjakin, sich diesen Titel zu holen. Ihr werdet das Geschehen bei chess24 mit verfolgen können!

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