Interviews 15.12.2017 | 13:47von Colin McGourty

Ian Nepomniachtchi über London, Carlsen & AlphaZero

Nach einem eher unerfreulichen Jahr erreichte Ian Nepomniachtchi bei den London Chess Classic den geteilten ersten Platz, ehe er Fabiano Caruana im anschließenden Stichkampf unterlag. Nach dem Turnier gab er ein Interview, in dem er über seinen Turnierverlauf sprach und erklärte, warum Magnus Carlsen nicht mehr so dominant ist wie früher und warum AlphaZero ihn weniger beeindruckt hat als viele seiner Kollegen.

Ian Nepomniachtchi nach seinem vierten Sieg in einer Turnierpartie gegen Magnus Carlsen | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Das Interview auf sports.ru beginnt mit der Schlussrunde der London Chess Classic 2017, während der Nepomniachtchi nach seinem Kurzremis gegen Maxime Vachier-Lagrave ein Nickerchen machen wollte:



Ian Nepomniachtchi: Ich habe mich wirklich hingelegt, doch ich konnte nicht schlafen. Also habe ich mir auf meinem Handy die Partie Caruana-Adams angesehen. Weiß stand besser, aber dann wiederholte er die Züge und ich war zufrieden, denn ein Remis hätte mir natürlich gefallen. Aus unerfindlichen Gründen wich Adams aber der Zugwiederholung aus und spielte weiter.

Wir haben erlebt, was dann passierte. Caruana schlug Adams und gewann den Stichkampf im Blitz. Ein zweiter Platz bei einem so starken Feld ist dennoch ein Erfolg.

Natürlich. Als ich vor dem Turnier meine Chancen beurteilte, wollte ich gut spielen, aber ich konnte mir, vorsichtig ausgedrückt, nicht sicher sein, dass ich um den ersten Platz konkurrieren könnte. Im Hinblick auf das Ergebnis lief es natürlich sehr gut, obwohl man immer mehr will. Außerdem habe ich eine positive Bilanz im Blitzen gegen Caruana.

Du sagst, du hast mit dem ersten Platz nicht gerechnet, aber bis zum Ende der Partie Caruana-Adams hast du ihn belegt. Wie war das möglich?

Zu Beginn gab es unendlich viele Remis, und nur Caruana konnte zunächst überhaupt Partien gewinnen. Dann hatte ich ein wenig Glück gegen Adams, als ich ein ziemlich remisliches Endspiel gewinnen konnte. Letztlich hatte aber auch Caruana Glück gegen Adams.

Lassen wir Adams außer Acht. In London war er eine Art Punktelieferant, aber du hast auch Anand und Carlsen geschlagen.

Die Partie gegen Anand war unterm Strich gut. Gegen Carlsen wollte ich nach zwei Siegen nicht verlieren, wenn man die Partie analysiert, stellt man aber fest, dass beide Spieler viele Fehler gemacht haben. Am Ende hat er den letzten Fehler gemacht. Man muss aber fairerweise sagen, dass Magnus in der zweiten Turnierhälfte schwer erkältet war und daher nicht in bester Form war.

Wann war dir in dieser Partie klar, dass du ihm entwischt bist?


Als ich den Zug 36…Da4 sah und mir klar wurde, dass ich eine Figur gewinne. Davor dachte ich, es käme ein Endspiel mit vier gegen drei Bauern an einem Flügel aufs Brett. 

Es sieht so aus, als wäre er nicht mehr so dominant wie vor einigen Jahren. Stimmt das?

Vor ein paar Jahren spielte er, als wäre er nicht von dieser Welt, vor allem als er noch nicht Weltmeister war. Mittlerweile kommen die anderen Spieler aber besser mit ihm zurecht, und wenn man alles erreicht hat und mehrere Jahre besser als die anderen war, ist es schwerer, sich zu motivieren. Das gilt nicht nur beim Sport, sondern auch in anderen Disziplinen. Magnus interessiert sich noch für viele andere Dinge, aber selbst in seinen relativ erfolglosen Phasen schneidet er noch besser ab als die meisten Konkurrenten. Obwohl es sicher nicht das Turnier seines Lebens war, schlug er am Ende mit Schwarz Aronian und belegte einen recht guten dritten Platz. 

Das Foto mit Magnus Carlsen nach seiner Niederlage gegen Nepomniachtchi und einem kleinen Superman war vermutlich das schönste des gesamten Turniers | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Du hast im Turnierschach eine positive Bilanz gegen Carlsen, aber er hat fast 100 Elo-Punkte mehr auf dem Konto. Bedeutet das, dass die aktuellen Ratingzahlen nicht die wahre Stärke der Spieler widerspiegeln?

Insgesamt schon, doch wenn man sich die Top 20 anschaut, kann jeder gegen jeden mithalten. Das Niveau dieser Spieler ist sehr ausgeglichen. Vor 20 Jahren gab es Spieler wie Kasparov, Kramnik, Anand und ein paar mehr, deren Vorbereitung im Vergleich zum Rest überlegen war, doch wenn man sich Magnus und dessen Varianten anschaut, bin ich nicht sicher, ob der Weltmeister in puncto Eröffnungsvorbereitung positiv abschneidet. Alle haben die gleichen Computer, alle die gleichen Programme und Datenbanken. Der Unterschied ist nur, wer wie hart arbeitet.

Zum Thema Computer. Die künstliche Intelligenz AlphaZero schlug den stärksten Schachcomputer Stockfish 28:0, wenn man nur die Siege zählt. Was sagst du dazu?

Zunächst war ich auch begeistert, aber dann wurde mir klar, dass aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird. Ja, es ist beeindruckend, dass AlphaZero sich das alles selbst beigebracht hat und keine Datenbanken hochgeladen wurden, sprich die Züge von ganz allein gefunden hat, indem er Erfahrungen gesammelt hat. Letztlich war es aber ein Duell zwischen einem sehr starken Computer und einer ganzen Rechnerhorde. Wäre mit derselben Hardware gespielt worden und das Ergebnis dasselbe gewesen, wäre ich beeindruckt.

Viele meinten aber, AlphaZero würde “menschliche” Züge machen.

Wenn man ein positionelles Figurenopfer als menschlichen Zug bezeichnet, stimmt das. In der Tat unterscheiden sich die Partien deutlich von normalen Computerpartien, in denen in der Regel 150 bis 170 Züge herummanövriert wird. AlphaZero spielte mutiger, aber wie es aussieht, hat sich DeepMind bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz höhere Ziele gesteckt, als den stärksten Schachcomputer zu besiegen. Schach ist nur Werbung – seht her, was wir können! 

Pepe Cuenca machte dieses Video über AlphaZero und auch Jan Gustafsson hat einen Blick auf die Partien geworfen!

Beim Thema Werbung und Schach komme ich nicht umhin, nach deinem Landsmann Sergey Karjakin zu fragen. Ich war kürzlich in Moskau, und Sergey war buchstäblich überall – er war auf den Wänden in der U-Bahn zu sehen, auf den Titelseiten der Zeitschriften, auf Werbetafeln. Ist das gut für das Schach?

Es ist gut für das Schach, dass es ein Gesicht bekommen hat. Im Westen ist es Magnus, bei uns Sergey. Was seinen Einfluss auf die Entwicklung des Schachs in Russland betrifft, kann man in fünf bis sechs Jahren mehr sagen, wenn die Kinder, die wegen Sergeys Konterfei auf den Werbetafeln in die Schachschule gegangen sind, ihre ersten Ergebnisse erzielen. 

Ihr hattet nach der Mannschafts-EM Streit. Habt ihr ihn beigelegt?

Der Vorfall wurde völlig übertrieben ausgeschlachtet. In London sind Sergey und ich mehrmals zusammen Abendessen gegangen.

Und nicht nur das...


Wir haben dieses Wortgefecht auf Twitter in einem unserer Rundenberichte zur London Chess Classic behandelt,  und auch Daniil Dubov sprach Sergey Karjakins enorme Medienpräsenz in einem Interview mit Oleg Barantsev von sports.ru an:

Meine Meinung zu Karjakin ist extrem leicht zu beschreiben: es gibt die normale Person Sergey Karjakin – ein netter Gesprächspartner, der nicht arrogant und freundlich ist. Diesen Karjakin erlebt man im Trainingslager, und mit ihm diskutiert man auch Schachpartien. Und natürlich sind wir keineswegs verfeindet.

Dann gibt es auch noch die Medienfigur Karjakin: mit Werbesprüchen, absolut identischen Interview, die für ihn geschrieben wurden, und extrem widersprüchlichen Äußerungen über das Leben, Schach, Politik und andere Themen. Diese Seite von ihm mag ich nicht.

Nur damit das klar ist: Ich glaube, ich habe das Wort “Krim” in einem persönlichen Gespäch noch nie von Karjakin gehört.

Was die PR betrifft, stört mich nicht, dass Sergey stärker dargestellt wird, als er ist – damit habe ich kein Problem – sondern, dass sonst niemand zu sehen ist. Bei der Blitz- und Schnellschach-WM in Katar konnte man das gut beobachten: Nachdem Karjakin das Blitzturnier gewann, zeigte das Fernsehen sofort viele Berichte, in denen auch ich vorkam, weil ich ebenfalls auf dem Siegertreppchen stand. Gut! Doch einen Tag vorher verlief die Schnellschach-WM äußerst dramatisch, und ein Russe (Ian Nepomniachtchi) führte lange, während ein anderer (Alexander Grischuk) Zweiter wurde. Davon war nichts zu sehen, und normale Leute würden nicht einmal vermuten, dass es Damenturniere gibt, obwohl Russland hier viele Medaillen abräumt. Die normalen Leute bekommen lediglich erzählt, dass Russland momentan einen starken Spieler hat, obwohl es auch noch den 14.Schachweltmeister Vladimir Kramnik, den dreimaligen (!) Blitz-Weltmeister Alexander Grischuk und viele andere starke Spieler gibt.


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