Berichte 09.11.2019 | 07:03von Colin McGourty

Hamburg GP, R1 Tiebreaks: Armageddon vermieden

Alexander Grischuk, David Navara, Yu Yangyi und Daniil Dubov haben es ins Achtelfinale des Hamburger FIDE Grand Prix geschafft. Die ersten drei Spieler brauchten lediglich zwei Schnellschachpartien, um Radek Wojtaszek, Nikita Vitiugov und Dmitry Jakovenko nach Hause zu schicken, während im letzten Match es so aussah, als ob Teimour Radjabov womöglich seine brillante Form in KO-Turnieren fortsetzen könnte, da er in der zweiten Partie eine Gewinnstellung hatte. Doch Dubov rettete sich und das Match hätte sogar bis zum Armageddon gehen können, hätte Teimour nicht in der letzten Blitzpartie spät fehlgegriffen.

Daniil Dubov besiegt Teimour Radjabov in einem Match, das fast die Armageddon-Partie benötigt hätte | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Alle Partien des Hamburger Grand Prix kannst du hier nachspielen:

Die Highlights der diesjährigen Grand Prix Serie sind sicherlich Alexander Grischuks Interviews. Und auch dieses Mal enttäuschte er uns nicht. Er erklärte seinen Ansatz für das Stechen gegen Radek Wojtaszek:

Es war ein verdammt hartes Match. In den ersten beiden Partien hat Radek meine Eröffnungen total neutralisiert und dann entschied ich im Schnellschach, einfach irgendeinen Quatsch zu spielen, um seiner Vorbereitung zu entgehen!

Grischuk beschrieb die erste Partie als "mehr oder weniger normal", aber die zweite sollte es ähnlich wie die erste klassische Partie in sich haben. Grischuk spielte den Königsindischen Angriff und wies auf einen psychologischen Unterschied zum Spielen der Königsindischen Verteidigung hin:

Das fühlt sich ganz anders an, wenn du die Stellung mit Weiß spielst. Mit Schwarz denkst du, "ich habe eine fantastische Stellung, einen fantastischen Königsinder", aber mit Weiß fühlt sich das komplett anders an - es fühlt sich irgendwie gefährlich an.

Und diese Gefahr war real, wie Radek im Anschluss anmerkte. "Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas aktiveres hätte tun sollen." Seine größte Chance kam nach 24.Dxe3:


Es ist schwer, sich in einer Alles-oder-Nichts dafür zu entscheiden, aber 24...Txg2!!! war der richtige Zug. Nach 25.Kxg2 Sd4! droht Schwarz ...Sxc2, und man kann diesen Punkt nicht einfach verteidigen - 26.Tc1? läuft in 26...Lg5! da der e4-Springer nun gefesselt ist, während 26.Tf2 auf 26...Lh4 trifft. Schwarz droht natürlich auch, seinen anderen Turm auf die g-Linie zu bringen.

Grischuk-Wojtaszek, ein Kampf der Schwergewichte | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

In der Partie konnte sich Grischuk nach 24...Sxe5 25.Sf5 Tg6 26.Te2 allmählich konsolidieren, und als die Damen abgetauscht wurden, gewann er reibungslos. Damit führt Grischuk mit bisher 11 Punkten nun die "Live"-Grand-Prix-Wertung an, aber da es sein letztes Turnier ist, muss er Navara im Viertelfinale zumindest schlagen, um eine gute Chance auf eine Qualifikation für das Kandidatenturnier zu haben.

Yusra Mardini, syrischer Flüchtling und olympische Schwimmerin, machte den ersten Zug in der Partie Vitiugov-Navara | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

David Navara meinte zu seinen Erwartungen vor dem Match gegen Nikita Vitiugov:

Ich dachte, im klassischen Schach müsste er der Favorit sein. Aber im Schnellschach kann alles passieren.

So erwies es sich auch. In der ersten Schnellschachpartie entbrannte ein komplizierter, zweischneidiger Kampf. Navara, der Schwarz hatte, enthüllte danach, dass die Aufgabe des a5-Bauern ein Opfer war (Vitiugov war sich nicht sicher, ob es sich um einen Einsteller handelte), er dann aber ein Loch in der geplanten Variante fand. Beide Spieler waren der Meinung, dass Nikitas Griff nach einem zweiten Bauern auf h5 riskant war - denn das öffnete die h-Linie und die Stellung von Schwarz war plötzlich einfacher zu spielen - obwohl Weißt auch seine Chancen hatte:


Nikita verwies darauf, dass sein Springer auf b5 außer Spiel ist, aber mit 28.c5! hätte er ihm das Feld d6 erobern können, mit der Drohung einer Gabel auf f5 - gegen die gleiche Fortsetzung wie in der Partie kommt der weiße Springer gerade noch rechtzeitig, um die Pläne von Schwarz zu vereiteln. Stattdessen stellte sich nach 28.e4?! Teh8! 29.Df5? Dxf5 30.exf5 Txh2 heraus, dass die Damen, die das Brett verließen, nichts getan hatten, um die Paarungsdrohungen gegen den weißen König zu stoppen. Nikita konnte nur noch 7 weitere Züge abwarten, bis er kurz vor Verlust eines Turms aufgab.

Vitiugov spielte in der nächsten Partie Holländisch und schaffte es, Chaos auf dem Brett zu erzeugen, aber objektiv gesehen stand Weiß immer besser und David gewann auch noch die zweite Partie. Danach zeigte Nikita mehr von seinem inzwischen markanten philosophischen Ansatz bei Niederlagen und schrieb seine Erfolge beim Word Cup, beim Grand Swiss und der Mannschafts-Europameisterschaft zum Teil der Tatsache zu, dass er in seinen drei Grand-Prix-Turnieren (er verlor gegen Svidler in Moskau und Grischuk in Riga) keine Partie und kein Match gewonnen hatte:

Trotz der Tatsache, dass ich beim Grand Prix drei mal in der ersten Runde rausflog, glaube ich wirklich, dass es eine wichtige Erfahrung für mich ist, die mir half, dass zu erreichen, was ich zuletzt erreicht habe. Unglücklicherweise helfen nur Niederlagen Sterblichen weiter, besser zu werden.

Yu Yangyi hat nur einen einzigen Grand-Prix-Punkt, aber mit diesem Turnier und Jerusalem noch vor der Tür ist er ein potenzieller Überraschungsqualifikant für das Kandidatenturnier - und dann hätten wir ganze drei chinesische Spieler im 8er-Feld! Es ist noch ein langer Weg, bis das zu einer realistischen Perspektive wird, aber Yu Yangyi konnte es verkraften, am Tag zuvor einen Sieg im klassischen Schach zu verpassen, weil er die erste Schnellschachpartie gegen Dmitry Jakovenko gewann. Er verwies dabei auf seine Vorbereitung, als er einen kühnen und verlockenden Springerzug seines Gegners als "einen kleinen Fehler" bezeichnete. Bald war ein Schwerfigurenendspiel erreicht, bei dem Weiß die volle Kontrolle über die siebte Reihe gewann und dieses Mal machte Yangyi keinen Fehler.

Dmitry Jakovenko wurde langsam von Yu Yangyi überspielt | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

In der zweiten Partie hätte Dmitry das Match beinahe ausgleichen können:


54.Le5! mit der Drohung De7+ und Lf4+ ist ein ruhiger Gewinnzug, aber nach 54.Tc5?! Te6! (verhindert jedwedes Le5) hatte Yu Yangyi das Schlimmste überstanden und muss nun im Viertelfinale gegen Jan-Krzysztof Duda antreten.

Dubov bekam für den Grand Prix eine Wild Card und hat sie sich mehr als verdient | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Damit bleibt und nur noch Dubov-Radjabov, das nach Remisen im klassischen Schach nach 12 und 18 Zügen auch ein Remis nach 15 Zügen in der ersten Schnellpartie sah. Doch es gab keinen Grund zur Sorge, denn die nächste Partie war ein 74-zügiger Krimi. Teimour Radjabov schien den Platz in der nächsten Runde bereits gebucht zu haben, nachdem er einen simplen Trick fand:


20.Lxd6! gewinnt nicht nur einen wichtigen Bauern, sondern droht auch noch Lc7, da 20...Txd6? wegen 21.Te8+ Lf8 22.Dh6 Sd7 23.Sg5 verliert, da Schwarz die Dame aufgeben müsste, um nicht mattgesetzt zu werden. Doch Dubov wehrte sich mit Händen und Füßen und auch weil Radjabov einen einzügigen Gewinn mit Zug 46 verpasste, schaffte Schwarz es sogar, später aus einer Position der Stärke Remis zu machen.

Die letzten Mannen am Werk! | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Radjabov versäumte es erneut, eine gute Stellung in der ersten 10-Minuten Partie zu verwerten und nach einer ruhigeren zweiten Partie standen 5-Minuten-Blitzpartien an. Dubov spielte in der ersten Partie mit Schwarz die Moderne Verteidigung und konnte mit einem verheerenden Angriff am Königsflügel und im Zentrum gewinnen.

Dubov schnappt sich den ersten Sieg und nun muss Radjabov mit Schwarz gewinnen, um das Armageddon zu erzwingen!

Teimour musste also zwingend die nächste Partie gewinnen und warf seine gesamte Erfahrung aus dem World Cup in die Waagschale, was es ihm erlaubte, Dubov einen großen Raumvorteil zu gestatten, nur um dann einen Gegenschlag auszuführen. Selbst ein spektakuläres Damenopfer Dubovs konnte den Verlauf der Partie nicht mehr stoppen. Schlussendlich endete die Partie mit einem dramatischen Moment:


57…e2! 58.Kd2 b3! und Zeit fürs Armageddon, aber nach 57…b3? war der Sieg dahin. Daniil spielte sofort 58.Lxe3!, und remisierte damit auf der Stelle! (58…Sxe3 59.Kc3 und der Bauer geht verloren)

Während den Blitzpartien im Stechen griff Teimour Radjabov fehl (57...b3??) in einer Situation, in der er hätte gewinnen müssen. So wurde er von Dubov aus dem Hamburger FIDE Grand Prix geworfen.

Damit war Dubov weiter und muss jetzt gegen Peter Svidler im Viertelfinale antreten. Das einzige Viertelfinale, das war noch nicht erwähnt haben, ist MVL-Topalov, aber diese beiden Spieler gewannen bereits ihre Matches im klassischen Schach.

Vier Tische können nun entfernt werden, dann es geht mit nur noch 8 Spielern weiter! | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Vor dem Viertelfinale gibt es keinen Ruhetag, daher geht es gleich weiter. Die Partien des Viertelfinales kannst du dir hier auf chess24 ansehen!    

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