Allgemein 22.05.2020 | 13:50von FM Andrey Terekhov

Grischuk: "Prokrastination ist definitiv der Hauptgrund"

Trotz eines Sieges in der letzten Runde und Punktgleichheit mit Aronian und Dubov ist Alexander Grischuk bei der Lindores Abbey Rapid Challenge bereits ausgeschieden, doch wenn der überaus beliebte Russe sich im weiteren Turnierverlauf zu den Kommentatoren gesellt, hat sein Aus auf jeden Fall etwas Gutes. FM Andrey Terekhov hat sich die Karriere der aktuellen Nummer 6 der Welt und des dreifachen Blitz-Weltmeisters genauer angeschaut und beleuchtet auch dessen Ansichten zum Kandidatenturnier. Viel Spaß mit unserem vierten Beitrag der Aktion #HeritageChess, die von der Lindores Abbey Heritage Society unterstützt wird.


‌Die Anfänge

Alexander Grischuk wurde am 31. Oktober 1983 in Moskau geboren. Mit 36 Jahren ist er der zweitälteste Teilnehmer des Turniers und wie Levon Aronian und Hikaru Nakamura ein Vertreter der Generation der 1980er-Jahre.

Grischuk erlernte das Schachspiel im Alter von vier Jahren von seinem Vater. Sein erster Trainer war Mikhail Godvinsky, ehe er zwischen seinem 7. und 10. Lebensjahr von Maxim Blokh trainiert wurde, den sicher viele Schachspieler als Autor eines bekannten Taktiklehrbuchs kennen. Maxim Blokh war zudem Fernschachgroßmeister.

Im Alter von zehn Jahren begann Grischuk mit IM Anatoly Bykhovsky zu trainieren. Laut Grischuk war Bykhovsky derjenige, der ihn am stärksten beeinflusste und ihn als Spieler formte. Die beiden arbeiteten noch ein weiteres Jahrzehnt zusammen, genau bis zu dem Moment, an dem Grischuk unter die Top 10 der Welt vorstieß.  

Grischuk machte schnell Fortschritte und nahm schon als kleiner Junge an russischen Turnieren teil. Sein Rekord bei Jugendmeister-schaften, bei denen er die U10, U12, U14 und die U16 gewann, ist unübertroffen. Außerdem wurde er geteilter Erster und Zweiter bei der U10-WM und musste sich nur wegen der schlechteren Wertung hinter Luke McShane mit der Silbermedaille begnügen.

Mit 15 nahm Grischuk zum ersten Mal an der Russischen Meisterschaft (im Schweizer System) teil und holte 5 aus 11.

Grischuks erster Durchbruch kam im November 1999, als er mit 7 aus 9 das Chigorin Memorial in St. Petersburg gewann. Ich hatte das Glück, dies persönlich mitzuerleben, da ich ebenfalls bei diesem riesigen Open mitspielte. Unter den 140 Teilnehmern waren viele GM und gute IM, und das Feld war insgesamt sehr stark. Grischuk hinterließ mit seinem Sieg, den er kurz nach seinem 16. Geburtstag errang, einen bleibenden Eindruck.

Zwei Wochen nach dem Chigorin Memorial spielte Grischuk bei der Mannschafts-EM seine ersten Partien für die Nationalmannschaft und holte als Ersatzmann +3 =6.

2000 nahm Grischuk für Russland an der Schach-Olympiade in Istanbul teil und holte als zweiter Ersatzspieler starke +5 =5. Obwohl Kasparov, Karpov und Kramnik fehlten, holten die Russen Gold.

Zwei Wochen nach der Olympiade reiste Grischuk zur K.O.-WM nach New Delhi. Mit 16 Jahren kam Grischuk sensationell bis ins Halbfinale, wo er gegen Alexei Shirov verlor. Es war das erste Turnier, in dem Grischuk seine extremen Fähigkeiten bei kurzer Bedenkzeit demonstrierte und vier seiner fünf Matches im Stechen gewann.

2001 wurde Grischuk zum ersten Mal nach Linares zum berühmten Super-GM-Turnier eingeladen. Das Turnier endete mit einem ungewöhnlichen Resultat: Während Kasparov als Erster +5 erzielte, holten alle anderen Spieler -1.

2002 wurde Grischuk Zweiter in Wijk aan Zee (hinter Bareev), belegte dann den geteilten 1./2. Platz beim Aeroflot Open und holte ein weiteres Mal Olympiagold mit dem russischen Team – dieses Mal aber an Brett 2 direkt hinter Kasparov. Seitdem hat das russische Team nicht mehr gewonnen...

Diese Vielzahl von guten Resultaten hievten Grischuk im Januar 2003 erstmals unter die Top 10 der Weltrangliste. 2014 war er zeitweilig die Nummer 3, genauso wie 2015, als er seine bisher beste Elo von 2810 errungen hatte. Aktuell ist Grischuk mit einer Elo von 2777 auf Platz 6 in der Weltrangliste platziert.

Der König des Blitzschachs ... und der Zeitnot

Grischuk ist für seine horrende Zeitnot berühmt und er erinnert dabei an Spieler wie Sammy Reshevsky oder Vitaly Tseshkovsky. Grischuk verbraucht in der Regel den Großteil seiner Bedenkzeit in der Eröffnung oder im frühen Mittelspiel und hat dann für die letzten 15 bis 20 Züge vor der Zeitkontrolle nur noch wenige Minuten übrig. Viele Jahre versuchte er, diesem Problem Herr zu werden, doch offenbar gibt es dafür kein Gegenmittel.

Wie viele andere Interviewer fragte auch ich, was Grischuk dazu bringt, 30 bis 60 Minuten für einen Zug nachzudenken. Seine Antwort war genauso lakonisch wie eindeutig:

Prokrastination ist definitiv der Hauptgrund.

Der einzige Vorteil dabei ist, dass Grischuk selbst in Zeitnot noch sehr stark spielt.

Diese Fähigkeit wirkt sich auch in Turnieren mit kürzerer Bedenkzeit aus. Grischuk hat das Glück, dass er seine Karriere startete, als Schnellschach- und Blitzturniere immer mehr in Mode kamen. Schon 2002 Grischuk erreichte er durch Siege gegen Morozevich, Radjabov, Bacrot und Shirov das Finale des Grand Prix in Dubai und verlor erst dort gegen Peter Leko. Dabei hatte er großes Pech, denn in Zeitnot warf Grischuk eine Figur um und verlor auf Zeit, als er sie wieder aufstellen wollte.

Grischuk gewann 2015 in Berlin seine dritte Blitz-WM, als er Carlsen schlug und nur gegen Radjabov verlor | Foto: Nailya Bikmurzina, Turnierseite

Im Blitzen ist Grischuk sogar noch stärker. Er holte dreimal die Blitz-WM (2006, 2012 und 2015) und ist damit der einzige Spieler neben Magnus Carlsen, der diesen Titel öfter als einmal gewonnen hat. Grischuk hatte zudem die höchste je erzielte Elo auf ICC (dem Internet Chess Club) und gewann zwei Samoware beim traditionellen Blitzturnier von Moskau.

Ich habe Grischuk gefragt, wo er sich am wohlsten fühlt, beim klassischen Schach, beim Schnellschach oder beim Blitz. Seine Antwort:

Meines Erachtens lügen die Elo-Zahlen nicht, daher nehme ich an, dass Blitzen meine schwächste Disziplin ist. Mir macht sie aber immer noch am meisten Spaß.

Der Unterschied von Grischuks Elo-Zahlen ist aber so gering, dass die Antwort sicher ein wenig ironisch gemeint ist. Auf der aktuellen FIDE-Elo-Liste rangiert Grischuk im klassischen Schach bei 2777, im Schnellschach bei 2784 und im Blitzen bei 2765.

Die besten Ergebnisse von Alexander Grischuk

Grischuk zählt seit rund zwanzig Jahren zur Weltspitze, daher ist es sehr schwer, seine wichtigsten Ergebnisse in einem kurzen Artikel zusammenzufassen. Aus diesem Grund werde ich nur einige der größten Erfolge und bittersten Niederlagen zusammenfassen:

·         2004 – geteilter Erster beim Poikovsky-Turnier (mit Sergey Rublevsky); zweiter Platz bei der Russischen Meisterschaft (hinter Kasparov)

·         2005 – Halbfinale bei der FIDE-WM, einem KO-Turnier mit 128 Spielern (Aus gegen Ruslan Ponomariov)

·         2007 – Siege in den Kandidatenwettkämpfen gegen Malakhov und Rublevsky, und dadurch für die WM in Mexiko qualifiziert. Beim Höhepunkt enttäuschte Grischuk dann aber als Letzter mit 5½ aus 14.

·         2008 – Geteilter Erster bis Dritter beim Grand Prix in Elista (mit Radjabov und Jakovenko)

·         2009 – Sieg in Linares (geteilter Erster mit Ivanchuk, aber mit besserer Wertung); außerdem Sieg bei der Russischen Meisterschaft

·         2011 – Teilnahme am Kandidatenturnier, nachdem Magnus Carlsen im letzten Moment seine Teilnahme abgesagt hatte. Grischuk bezwang Aronian und Kramnik, ehe er im Finale Boris Gelfand denkbar knapp mit 2½:3½ unterlag. So nah kam Grischuk einem WM-Match nie wieder.

·         2013 – Erneute Teilnahme am Kandidatenturnier, dieses Mal vollrundig. Grischuk wurde mit 6½ aus 14 geteilter Fünfter und Sechster.

·         2014 – Sieg beim Petrosian Memorial in Moskau mit 5½ auf 7 (durch diesen Sieg überschritt er die Marke von 2800 Elo)

·         2017 – Sieg beim Grand Prix in Sharjah

·         2018 – Teilnahme am Kandidatenturnier. Wie bei seiner letzten Teilnahme wurde er mit 6½ aus 14 geteilter Fünfter und Sechster.

·         2019 – Sieger des Grand Prix und dadurch qualifiziert für das Kandidatenturnier 2020

2020 remisierte Grischuk in allen sieben Partien, ehe das Turnier abgebrochen wurde. Er war sehr unzufrieden damit, dass das Turnier während der Corona-Pandemie stattfand, und verlieh seiner Meinung deutlich Ausdruck:

Ich habe Grischuk gefragt, wie seine Meinung nun zwei Monate nach dem Abbruch aussieht:

Was ist deine Meinung zum Kandidatenturnier 2020?

Es ist schwer für mich, dies zu kommentieren, da für mich klar ist, dass die FIDE einige unausgeprochene Gründe hatte, das Turnier um jeden Preis auszutragen. Fast alles, was ich sagen könnte, wäre deshalb spekulativ.

Hätte es angesichts der Coronavirus-Pandemie überhaupt stattfinden sollen?

In einem Punkt habe ich eine ganz klare Meinung: Es ist VIEL besser, ein Turnier gar nicht erst zu beginnen, als es zu starten und dann abzubrechen.

Ich habe Aussagen von anderen Leuten gehört [darunter Magnus Carlsen], die meinten, “Immerhin wurde die Hälfte absolviert“ oder „Besser als nichts“ etc.  Da bin ich völlig anderer Meinung.

Kannst Du Dich an ein Schachturnier erinnern, dessen zwei Hälften im Abstand von mehreren Monaten ausgetragen wurden?

Nein, zumindest keins von dieser Größenordnung.

Was wäre deiner Meinung nach die beste Lösung? Das Turnier zu Ende zu spielen? Ein neues zu beginnen? Mit Radjabov? Den ganzen Zyklus zu annulieren?

Aus meiner Sicht ist die einzig mehr oder weniger faire Lösung, das Turnier zu Ende zu spielen. Alles andere wäre den Führenden gegenüber extrem unfair.

Das Problem mit Radjabov ist außerdem meines Erachtens vollständig der Fehler der FIDE gewesen. Warum haben sie ihm auf seinen Brief nicht geantwortet: „Wir brechen das Turnier zwar nicht jetzt ab, dies kann aber situationsbedingt jederzeit geschehen.“

Bei Halbzeit liegt Alexander Grischuk beim Kandidatenturnier in Schlagdistanz zu den Führenden (Maxime Vachier-Lagrave und Ian Nepomniachtchi). Noch ist aber unklar, wann das Turnier fortgesetzt wird.

Grischuks beste Partien

In einem Interview im vergangenen Jahr nannte Alexander Grischuk diese drei Partien, als er nach seinen besten Leistungen gefragt wurde :

Ihr könnt die Partien hier nachspielen:

Bei den drei Partien hat mir dieser Königsmarsch am besten gefallen:

Gashimov – Grischuk
Mannschafts-WM, Bursa 2010


Falls Ihr die Partie nicht kennt, könnt ihr ja einmal raten, wo der schwarze König in 15 Zügen stehen wird: 

23...Lb4+ 24.c3 Sxc3 25.Ld2 Dd5 26.Tf7+ Kc6 27.Tc1 Kb6 28.Le3+ Ka5 29.a3 Ka4! 30.axb4 Dxd3 31.Da5+ Kb3 32.Txc3+ Dxc3+ 33.Ld2 b6 34.Dxb6 De5+ 35.Kd1 Lb7 36.Dxb7 Thd8 37.Tf3+ Ka2 38.Tf2 Kb1

Diese Stellung verdient ein weiteres Diagramm:


Der schwarze König hat auf der anderen Seite des Bretts einen sicheren Unterschlupf gefunden. Stattdessen schwebt der weiße König in großer Gefahr.

39.Df3 Tac8 40.Db3+ Db2 41.Dxb2+ Kxb2 Weiß gab auf.

Diese Glanzpartie ist ein interessantes Gegenstück zu Daniil Dubovs Sieg gegen Rasmus Svane, wo der schwarze König erlegt wurde!

König der Zitate

Alexander Grischuk ist eine einzigartige Persönlichkeit, und dies zeigt sich am deutlichsten in Interviews nach seinen Partien. Grischuk hat nicht die Absicht, die anderen zu amüsieren, aber dennoch bringen seine Antworten andere regelmäßig zum Lachen. Darin ähnelt er dem berühmten NBA-Coach Gregg Popovich, der einst die San Antonio Spurs trainierte. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Grischuk über Schach und nicht Basketball spricht und er einen starken russischen Akzent hat.

Grischuks knappe, nüchterne Antworten haben das Zeug zum Klassiker. An das Kandidatenturnier 2018 erinnert man sich weniger wegen Caruanas Sieg, sondern eher wegen Grischuks legendären Pressekonferenzen. Auf YouTube könnt ihr eine Zusammenfassung unter dem Titel “Grischuk Thug Life” anschauen. Hier einige Höhepunkte daraus:

InterviewerEine perfekte Partie ist also eine Partie ohne Fehler?
GrischukNein, die Partie, in der nur der Gegner Fehler macht, ist sogar noch besser.

Grischuk: Weißt Du, ich versuche während eines Turniers immer, mir die Übertragungen mit Svidler nicht anzuschauen, weil er für mich zu gut ist und ich mich immer schlecht fühle.

Interviewer: Wie lange haben Sie sich auf diese Partie vorbereitet?
Grischuk: Nun ja... mein ganzes Leben!

Es ist sicher keine Überraschung, dass es auch einen Zusammenschnitt mit den besten Szenen vom Kandidatenturnier 2020 gibt. Diese fünf Minuten sind pure Unterhaltung:

In Kombination mit Grischuk kann sogar ein simples Möbelstück der Ausgangspunkt einer guten Geschichte sein. Beim WM-Kampf 2018 zwischen Carlsen-Caruana kam auf einmal eine schnöde Lampe ins Spiel. Ich erinnere mich nicht mehr an den Grund, aber diese Lampe schaffte es sogar auf Twitter!

"Eilmeldung: Grischuks Lampe ist kaputt. Zeit für eine Gedenkminute!"

Jede Pressekonferenz und jeder Partiekommentar mit Grischuk lohnt das Zuschauen, auch wenn es sich um das Endspiel der Berliner Mauer handelt. Hoffen wir, dass Grischuk seine einzigartigen, Zen-artigen Weisheiten auch während der Lindores Abbey Rapid Challenge mit den Zuschauern teilt. 


FM Andrey Terekhov

Andrey Terekhov (@ddtru) ist in Russland aufgewachsen, hat in vielen Ländern gelebt und lebt derzeit in Singapur. Seine besten Ergebnisse am Brett sind Siege beim Münchner Open (2008), beim Nabokov Memorial in Kiew (2012) und der geteilte 2. Platz bei den Washington Open (2018). Er ist der Autor des Two Knights Defense-Kurses auf Chessable. In den letzten Jahren hat Andrey an einem Buch über Wassili Smyslow gearbeitet, dessen Veröffentlichung für Ende 2020 geplant ist.


Wie bist du zum Schach gekommen? Teile deine Erfahrungen hier in den Kommentaren oder unter dem Hashtag #HeritageChess!      

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