Berichte 18.11.2019 | 13:27von Colin McGourty

Grischuk gewinnt den GP in Hamburg und steht mit einem Bein im Kandidatenfinale

Alexander Grischuk hat durch einen Stichkampfsieg gegen Jan-Krzysztof Duda den FIDE Grand Prix in Hamburg gewonnen und steht fast sicher im Kandidatenfinale 2020, bei dem der nächste Herausforderer von Magnus Carlsen ermittelt wird. Der Russe bezeichnete das Match gegen Duda als „unglaublich“, nachdem der Pole zunächst in Führung ging, dann aber zwei Niederlagen in Folge hinnehmen musste.

Siegesfreude bei der Abschlussfeier! | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Alle Partien des FIDE Grand Prix Hamburg könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Live-Bilder mit den Kommentaren von Christof Sielecki und Kamil Plichta…

…sowie Evgeny Miroshnichenko:

Fritz siegt zum Auftakt

Jan-Krzysztof Duda hat seinen guten Ruf weiter untermauert, allerdings nicht, was Eröffnungen betrifft! | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Der 21-jährige Pole Jan-Krzysztof Duda hatte im Finale des Hamburger Grand Prix bei beiden Turnierpartien in der Eröffnung Probleme, spielte danach aber fast fehlerfrei. Ein tief beeindruckter Alexander Grischuk meinte nach dem Match:

Zunächst möchte ich Jan-Krzysztof für dieses unglaubliche Match danken. Ich habe jeden Moment an diesen drei Tagen genossen. Alle Partien waren sehr spannend, und es war ein großer Kampf ohne kurze Remis. Ich hatte das Gefühl, dass Jan ein wenig so spielt wie ein alter Computer, nicht wie Stockfish, sondern wie Fritz ohne Eröffnungsbuch, da er in jeder Partie, ob Weiß oder Schwarz, immer ein wenig „Scheiße“ spielt, dann aber unglaublich zulegt. Als ich jung war, waren die Computer nicht so stark und man konnte versuchen, mit ihnen mitzuhalten, aber am Ende gewannen sie trotzdem. Das gleiche Gefühl hatte ich heute, aber dann war mein Vorteil einfach zu groß, als dass Fritz oder Jan die Partie noch retten konnten.  

In der ersten 25-Minuten-Partie am Schlusstag verlief die Eröffnung zum ersten Mal in Dudas Sinne. Er spielte eine seltsame alte Englisch-Variante, die in den 1970er-Jahren häufig zur Debatte gestanden hatte. Mit 12.f3!? provozierte er Grischuk dann spätestens zu ungewöhnlichen Manövern:


Statt des natürlichen 12…exf3, das Iossif Dorfman bei der UdSSR-Meisterschaft 1975 gegen Efim Geller gespielt hatte, opferte Grischuk mit 12…Se5?! einen Bauern. Obwohl Schwarz diesen wenig später zurückgewann, büßte er dabei die Koordination seiner Figuren ein, sodass Duda bereits der Zugwiederholung ausweichen und auf Sieg spielen konnte. Nach 22.d4! war spätestens klar, dass Weiß als Sieger aus der Eröffnungsdebatte hervorgegangen war:


Der Bauernraub auf b7, für den sich Duda nach 22…La4 entschied, war vielleicht ein wenig materialistisch, aber für einen sicheren Sieg reichte es in der Folge dennoch.

Grischuk schlägt zurück

Alexander Grischuk schlug zurück | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Damit musste Grischuk die nächste Partie auf jeden Fall gewinnen, doch die Eröffnungsprobleme seines Gegners blieben. Duda meinte hinterher:

Vor allem mit Schwarz haben meine Eröffnungen nicht funktioniert. Die zweite Partie war grausam, weil ich in der Eröffnung einfach einen Bauern eingestellt habe.

Duda ging durchaus ein bisschen hart mit sich ins Gericht, denn sein Gegner hatte nach 11 Zügen eine (Fast-)Neuerung gebracht und ihm diese tückische Stellung beschert:


Nach 14…Tb8!? 15.axb3 kostete Duda die Öffnung der a-Linie einen Bauern, doch nach Alternativen wie 14…Tc8 15.Lb7 Txc3!? mit folgendem b2 oder sofort 14…b2 wäre die Sache keineswegs klar gewesen. Grischuk musste seinen Vorteil unbedingt verwerten, um im Match zu bleiben, doch er machte keinen Fehler und beendete die Partie stilvoll:


32.Dxe8 ist gut, aber Schwarz bleibt nach 32…De7 in der Partie, während 32.Sd7! die Lichter ausmacht. Der Springer auf e8 kann nicht wegziehen.

Danach ging es mit den 10-Minuten-Partien weiter, und Grischuk hatte zunächst wieder Weiß. Dieses Mal griff Duda bereits nach 8 Zügen fehl, und das nicht ganz unerwartet, da er 8…dxc4?! bereits vor sechs Jahren bei der U18-Mannschafts-EM gespielt und damals gewonnen hatte. Dieses Mal war sein Gegner aber bedeutend stärker, und Grischuk erlangte Vorteil, indem er das Zentrum öffnete. Duda versuchte seinen König mit der langen Rochade aus der Schusslinie zu bringen, kam damit aber vom Regen in die Traufe:


23.Lc6! war ein hübscher Nadelstich! 23…Lxc6 verliert wegen 24.Da7+ Kc8 25.Dxc7#, während 23.Dxc6 mit dem noch schöneren 24.Da7+ Kc8 25.Se7# widerlegt wird. 23…Lxh2+! war ein verzweifelter und ressourcenreicher Versuch, dem König ein Fluchtfeld zu verschaffen, aber obwohl Duda mit einem Turm weniger über 60 Züge lang fantastischen Widerstand leistete, war die Niederlage nicht mehr zu verhindern.

Der letzte Schritt war zu groß für Duda | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

In der nächsten Partie musste Duda unbedingt gewinnen und erzielte mit dem Vierspringerspiel auch einen hübschen Eröffnungsvorteil:


15.e5! erzwang 15…Lxe5 16.fxe5 Sd7 und Weiß war am Drücker, aber nicht lang. Grischuk brachte den Springer über c5 nach e6 und konnte seine Stellung stabilisieren. Duda gab alles, um einen Angriff am Königsflügel vom Zaun zu brechen, doch am Ende hatte Schwarz alles unter Kontrolle und nahm in Gewinnstellung dankend ein Remisangebot an, mit dem Duda immerhin die Niederlage verhinderte. Damit hatte Grischuk das Match gewonnen, und wie sehr er sich darüber freute, zeigt seine Reaktion! 

Die ersten Glückwünsche kamen von seinen Kollegen:

"Herzlichen Glückwunsch an Alexnader Grischuk zu seinem Sieg beim FIDE Grand Prix in Hamburg, der ihm fast sicher auch den Platz im Kandidatenfinale einbringt. Duda gab sein Bestes, und das Finale war toll, aber aufgrund der besseren Eröffnungsvorbereitung war Grischuks Sieg hochverdient!"

Trotz der Enttäuschung zum Schluss spielte Jan-Krzysztof Duda, der Ian Nepomniachtchi, Yu Yangyi und Daniil Dubov auf dem Weg ins Finale besiegt hatte, ein ausgezeichnetes Turnier. Sein Kommentar:

Ich habe hier sehr gut gespielt. Den Finaleinzug hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht einmal damit gerechnet, in die dritte Runde einzuziehen, da Nepomniachtchi und Yu Yangyi die vermutlich unangenehmsten Gegner für mich waren. Gegen beide habe ich noch nie eine Turnierpartie gewonnen, aber dieses Mal hatte ich das Glück, dass beide einzügig eine Partie einstellten.

Silbermedaille für Duda | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Grischuk dagegen brachte der Sieg 10 Grand-Prix-Punkte ein, durch die er mit einem Bein im Kandidatenturnier 2020 steht. Am letzten Grand Prix, der vom 11. bis 23. Dezember in Jerusalem stattfindet, nimmt er zwar nicht teil, er müsste aber schon viel Pech haben, um nicht unter den ersten zwei zu landen:

PlayerFEDRatingMoscowRigaHamburgJerusalemTotal
1Alexander Grischuk2766731020
2Maxime Vachier-Lagrave27758513
3Shakhriyar Mamedyarov277201010
4Ian Nepomniachtchi2773909
5Jan-Krzysztof Duda27480178
6Daniil Dubov26762035
Radoslaw Wojtaszek2728505
8Peter Svidler27372024
Wesley So2760134
10Hikaru Nakamura27413003
Veselin Topalov2736123
12Yu Yangyi2753112
Wei Yi2724202
14Sergey Karjakin2754011
David Navara2703011
16Levon Aronian2772000
Nikita Vitiugov27510000
Teimour Radjabov2767000
Pentala Harikrishna2731000
Anish Giri2776000
Dmitry Jakovenko2711000
Boris Gelfand2676

Die Maximalpunktzahl, die man bei einem Grand Prix gewinnen kann, ist 12 (8 für Platz 1 und 4 Bonuspunkte für vier Matchsiege ohne notwendig gewordenen Stichkampf), daher können ihn nur MVL, Mamedyarov oder Nepomniachtchi einholen. Da ihn aber zwei Spieler einholen müssten, hieße das, dass MVL Zweiter werden und alle Duelle bis zum Finale ohne Stichkampf gewinnen müsste (das brächte ihm acht Punkte ein).

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Grischuk neben Fabiano Caruana, Teimour Radjabov, Ding Liren, Wang Hao und Anish Giri beim Kandidatenturnier dabei sein wird, doch weiß er vor dem letzten GP-Turnier auf jeden Fall, dass er alles dafür getan hat. Sein Kommentar:

Jetzt ist es für mich sehr angenehm, beim letzten Turnier zuzuschauen. Natürlich wünsche ich allen Spielern Glück, die sich noch qualifizieren können, also Shakh Mamedyarov, Nepomniachtchi und Maxime. Maxime wünsche ich aber nicht zu viel Glück, da ich nicht überholt werden möchte! Ich kann nicht gegen mich für jemand anderen Daumen drücken.

Der Beginn einer Karriere als Stand-up-Comedian? | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Die interessantere Frage lautet, wer Grischuk ins Kandidatenturnier folgt – selbst Sergey Karjakin und David Navara sind mathematisch noch möglich, da sie mit vier Matchsiegen ohne Stichkampf 13 Punkte holen und MVL überholen könnten.

So weit die Berichterstattung vom Grand Prix in Hamburg. Das nächste große Turnier ist das Tata Steel Chess India Rapid & Blitz im Rahmen der Grand Chess Tour, das am Freitag mit Magnus Carlsen, Ding Liren, Vishy Anand, Anish Giri, Hikaru Nakamura, Levon Aronian, Wesley So, Ian Nepomniachtchi, Vidit Gujrathi und Pentala Harikrishna in Kolkata beginnt. Natürlich könnt ihr alle Partien des Tata Steel Rapid & Blitz live auf chess24 verfolgen.

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