Berichte 14.11.2019 | 09:00von Colin McGourty

Grischuk & Duda stehen in Hamburg im GP-Finale

Alexander Grischuk kann sich die Qualifikation für das Kandidatenturnier 2020 sichern, wenn er beim FIDE Grand Prix in Hamburg das Finale gegen Jan-Krzysztof Duda gewinnt. Im Halbfinale schlug der Russe in der zweiten Turnierpartie Maxime Vachier-Lagrave, während Duda ins Stechen musste und gegen Daniil Dubov schon wie der sichere Verlierer aussah. Mit einem verzweifelten Versuch in der zweiten 10-Minuten-Partie konnte der Pole das Blatt aber noch wenden und trifft nun ab Freitag auf Grischuk.  

Im Halbfinale saßen Jan-Krzysztof Duda und Alexander Grischuk Rücken an Rücken, aber im Finale werden sie sich gegenübersitzen | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Alle Partien des FIDE Grand Prix Hamburg könnt ihr hier nachspielen:

Grischuk 1,5:0,5 MVL

In diesem Halbfinale ging es um sehr viel. Während weder Jan-Krzysztof Duda oder Daniil Dubov eine Chance haben, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, können Alexander Grischuk und Maxime Vachier-Lagrave sich über den Grand Prix einen Platz sichern. Für den Franzosen wurde der Druck noch größer, da er während des Duells erfuhr, dass der Ausrichterfreiplatz an einen Russen gehen wird. Eine Überraschung ist das nicht, da das Kandidatenturnier vom 15. März bis 5. April in Yekaterinburg stattfindet und vom Präsidenten des Sverdlovsker Schachverbands Andrey Simanovsky ausgerichtet wird.      

Der 12. Weltmeister Anatoly Karpov, der Präsident des Russischen Schachverbandes Andrey Filatov, FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich und der Präsident des Sverdlovsker Schachverands Andrey Simanovsky unterzeichnen die Verträge für das Kandidatenturnier in Yekaterinburg | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Es ist ungewöhnlich, dass ein regionaler Schachverband das Geld für ein solches Turnier auftreibt, aber Andrey Simanovsky ist ein außergewöhnlicher Typ. Neben seiner Liebe zu Gold besteht er auch darauf, dass die Angestellten in seinem Bezirk jeden Morgen die russische Nationalhymne singen. Natürlich ist das Entscheidende bei einem Ausrichterfreiplatz, dass man ihn an (fast) jeden vergeben kann, was ein Anreiz ist, ein solches Turnier auszurichten. Wie FIDE-Generalsekretär Emil Sutovsky erklärte, gab es keinen weiteren Interessenten.

Nicht nur das Wetter in Hamburg hatte sich gegen Maxime Vachier-Lagrave verschworen | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Für Grischuk bedeutet dies, dass er zwei Möglichkeiten hat, einen Platz im Kandidatenturnier zu erhalten. Entweder qualifiziert er sich via Grand Prix oder er erhält den Freiplatz. Dagegen muss sich MVL voll auf den Grand Prix konzentrieren, und daher war es auch keine Überraschung, dass die erste Partie nach wenigen Aufregungen in 27 Zügen remis endete.

In der zweiten Partie wurde das Match dann bereits entschieden. MVL forderte das Schicksal heraus, indem er dieselbe Variante wählte, mit der er gegen Teimour Radjabov im Halbfinale des Weltcups verloren hatte, aber mit 5…e6 wich er vom damals gespielten 5…Sxc3 ab. Grischuk meinte später zu seinem angeblich ersten Sieg in einer Turnierpartie gegen den Franzosen:

Zunächst war das mein zweiter Sieg gegen Maxime. Die ersten ungefähr zehn Partien endeten remis, aber seitdem gibt es nur noch Siege. Erst gewann ich, dann gewann Maxime in Riga und nun habe ich wieder gewonnen. Es ist interessant, dass Maxime wieder eine große Lücke in seinem Repertoire gegen mich geschlossen hat. Erst war es h6 im Najdorf und nun hat er auch Sxc3 verbessert, doch genau diese beiden Partien habe ich gewonnen. Das ist seltsam.

MVL bekam nicht direkt taktische Probleme wie gegen Radjabov, aber die Entwicklung gefiel ihm dennoch nicht:

Ich habe die Stellung nach der Eröffnung unterschätzt. Ich dachte, ich hätte gute Gegenchancen, doch plötzlich gefiel mir meine Stellung am Brett überhaupt nicht mehr. 

15…b5!? wurde von Grischuk “als sehr prinzipieller Zug” und von MVL als “sehr zweifelhaft” bezeichnet:


Grischuk meinte, nach 16.Lxb5 Lxe4 17.dxc5 hätte MVL 17…Lxc5!? ziehen sollen, denn nach 17…Lxf3?! stand Weiß bereits klar besser, auch wenn Grischuk einräumte, dass er danach nicht mit der Präzision eines Computers gespielt habe. 

Die entscheidende Partie aus der Vogelperspektive | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Grischuk kam in die übliche Zeitnot, so dass es zunächst besser für MVL aussah, aber:

Ich verteidigte mich zunächst gut, doch gerade als alles nach einem Remis aussah, traf ich einige zweifelhafte Entscheidungen.

Eine davon war vermutlich der Damentausch, aber zu diesem Zeitpunkt gab es vermutlich nichts Besseres mehr, nachdem MVL zuvor nichts Besseres gefunden hatte, als den weißen Freibauern mit seinem Springer auf a5 zu blockieren: 


In dieser Stellung nach dem Damentausch hofft Schwarz darauf, seinen d-Bauern mit dem König unterstützen zu können, doch Grischuk brachte seinen König nach h5 und zwang den schwarzen König damit, h6 zu verteidigen. Anschließend stellte er seinen Läufer nach g5 und griff d5 an. Der Bauer musste vorrücken und wurde schließlich ein Angriffsziel für den weißen König. Grischuk musste nur noch die letzte Falle umschiffen und auf das Schlagen auf d2 verzichten, worauf Sb3+ gekommen wäre, doch 63.Le2! machte alles klar:

Ein eindrucksvolle Demonstration guter Endspieltechnik!

Damit hat Grischuk nach dem Grand Prix in Hamburg mindestens 17 Punkte auf dem Konto, während Maxime Vachier-Lagrave bei 13 steht. Damit würde er sich aktuell einen der beiden Plätze im Kandidatenturnier sichern, aber alles hängt vom Grand Prix in Jerusalem ab. MVL liegt vor Mamedyarov (10 Punkte), Nepomniachtchi (9) und anderen Spielern, aber bei einem schlechten Abschneiden kann er noch überholt werden.

Grischuk dagegen würde sich mit einem Sieg im Finale in den Turnierpartien sicher qualifizieren, und auch ein Sieg im Stechen würde vermutlich reichen. Selbst bei einer Niederlage hat er mit seinen 17 Punkten sehr gute Chancen, unter den ersten zwei zu landen, obwohl er in Jerusalem nicht mehr eingreifen kann.

Schauen wir uns nun seinen Gegner an:

Duda 3,5:2,5 Dubov

Das zweite Halbfinale umfasste sechs Partien:


Die beiden Turnierpartien endeten nach 29 und 33 Zügen remis, womit Dubov alle sechs klassischen Partien remisierte, doch das ist nicht die gesamte Geschichte. 

Der dritte Stichkampf endete für Daniil Dubov unglücklich | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

In der ersten Turnierpartie dachte er etwa 34 Minuten über seinen 11.Zug nach, weil er eine “brillante Variante“ mit 13.Sxd5! cxd5 14.Dxd5 Lxf2+ 15.Txf2 Dxb2 für Duda gesehen hatte:


Schwarz hätte nach 16.Taf1 Le6! mehr als gut gestanden, aber Weiß hat 16.Txf7!. Schwarz kann wegen Tf1+ nicht auf a1 nehmen, aber nach 16…Txf7 gibt es einen Zug, den Duda übersehen hatte. Nach 17.Tf1! hat Weiß zwar aktuell einen Turm weniger, aber großen Druck.

Daniil Dubov meinte, “Ich habe wie ein Verrückter nachgedacht”, während Duda nur 10 Sekunden nachdachte und 13.Tc1 spielte! Der Pole meinte nur, “Du musst einen Turm geben, um einen Bauern zu gewinnen, und wenn die Variante ein Loch hat, stehst du auf Verlust”.

In der zweiten Turnierpartie versuchte Dubov, seinen Gegner niederzuringen, als Dudas Figuren auf der Grundreihe festhingen. Plötzlich änderte sich aber alles:


28…Se6! und wie Dubov hinter konstatierte, “Ein aktiver Zug und ich muss sofort das Remis forcieren!“ Der Springer kam bis f2, ehe die Spieler fünf Züge später Remis vereinbarten.

Dubov hatte in Hamburg bereits zwei Stichkämpfe gewonnen, und alles sah nach einem dritten Sieg aus, als er Duda zunächst in einem Sizilianer im Endspiel überspielte.

Zum Gewinnen gezwungen, entschied sich Duda für die Moderne Verteidigung, doch im Mittelspiel sah es danach aus, als würde Dubov die Partie sogar gewinnen. Er verzichtete aber auf einen Bauerngewinn und gab lieber selbst einen!

Ein ungewöhnlicher Ansatz in einer Partie, in der er nur ein Remis brauchte, der auch fast schief gegangen wäre, doch dann wickelte Duda in ein remisliches Turmendspiel ab. Dieses bot aber noch viele Möglichkeiten, und der Pole fand schließlich einen brillanten Weg, die Partie am Laufen zu halten:


66…Kf5!? 67.Txd5+ Ke4. Schwarz opfert einen Bauern, um mit dem König einzudringen, und es hätten nach Txh5 (vermutlich der einzige Remisweg für Weiß) sogar zwei sein können. Nach 68.Te5+? Kd3! stand Schwarz plötzlich auf Gewinn, wie Duda eindrucksvoll nachwies.

Die erste 10-Minuten-Partie verlief merkwürdig, denn nach einer wilden Eröffnung bot Dubov nach 16 Zügen plötzlich Remis an, obwohl er offensichtlich gut stand.

Holt Jan-Krzysztof Duda seinen bisher größten Erfolg? | Foto: Valeria Gordienko, Turnierseite

Offenbar wollte er die Entscheidung beim Blitzen suchen, denn er bot in der zweiten 10-Minuten-Partie nach 30 Zügen Zugwiederholung an, doch Duda lehnte ab. Wenig später schnappte sich der Pole einen Bauern und wickelte ins Turmendspiel ab:


Wieder zeigte er gute Technik und fuhr nach 60 Zügen den vollen Punkt ein.

Erneut hat Daniil Dubov beim FIDE Grand Prix als Wildcard überzeugt, doch Jan-Krzysztof Duda steht Alexander Grischuk im Finale gegenüber. Dieses beginnt nach einem Ruhetag heute am Freitag.

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