Interviews 03.05.2014 | 10:07von IM Georgios Souleidis

Grischuk: "Der Typ spielt einfach gut Schach."

Grischuk und seine Tochter Masha bei der Preisverleihung des Aeroflot Opens 2013 | Foto: Russischer Schachverband

Klammheimlich hat sich Alexander Grischuk durch seine starke Leistung bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft auf Platz drei der Weltrangliste vorgeschoben. In einem kürzlich erschienenen Interview erläuterte er, was ihm das bedeutet (oder auch nicht), warum man nicht mehr in jeder Stellung nach dem objektiv besten Zug sucht und warum Magnus Carlsen die Schachszene dominiert.


Der 30-jährige Grischuk hat hinter seinen russischen Kollegen häufig die zweite Geige gespielt in der Vergangenheit, aber seine Elo-Zahl ist momentan die beste aller Spieler aus seiner Heimat, inklusive der vier Teilnehmer beim Kandidatenturnier. Wir pickten einige Highlights aus dem Interview mit Oleg Bogatov für R. Sport für euch heraus.


Über seine Elo-Zahl

Was bedeutet ihnen der dritte Platz in der Weltrangliste?

Alexander Grischuk: Ich kann nicht sagen, dass es mir sehr wichtig ist. In letzter Zeit näherten sich viele Spieler der Marke 2800, bremsten dann aber ab. Dementsprechend gibt es momentan nicht viel darüber zu erzählen.

Aber wird ihnen nicht warm ums Herz, weil sie die höchste Elo-Zahl aller russischen Spieler haben?

Ich hatte schon mal die höchste Elo-Zahl aller russischen Spieler. Natürlich ist es schöner, reich und gesund statt arm und krank zu sein und dementsprechend ist es besser, so wie es ist, aber es ist nichts besonderes. Ich sehe keinen Grund diesbezüglich einen ausführlichen Kommentar abzugeben.

Über die Tatsache nur spielen zu wollen, wenn viel auf dem Spiel steht

Manchmal ist das Startgeld für die eingeladenen Spieler deutlich höher als der Preisfonds. Was für ein Interesse besteht dann, gut zu spielen?

Das passiert, aber in letzter Zeit ändert es sich in Richtung hoher Preisfonds, was mir gefällt. Alles hängt aber auch vom Turnier ab. In Wijk aan Zee gab es immer hohe Startgelder und fast kein Preisfonds. In Dortmund läuft es ähnlich. In Linares oder in Stavanger dagegen gibt es kein Startgeld und einen hohen Preisfonds.

Über das Kandidatenturnier

Vor kurzem ging das Kandidatenturnier in Khanty-Mansiysk zu Ende. Würden sie das Resultat als fair bezeichnen?

Ich denke, dass es absolut logisch ist - insbesondere da Viswanathan Anand überzeugend gewann und schon eine Runde vor Schluss als Sieger feststand.

Welche Gründe sehen sie für das schlechte Abschneiden ihres Freundes Peter Svidler und von Vladimir Kramnik?

Svidler und Grischuk bei der letzten russischen Mannschaftsmeisterschaft | Foto: Vladimir Barsky

Kramnik hatte völlig unerwartet Probleme in der Eröffnung, obwohl das immer seine stärkste Seite war. Außerdem war er zum Ende des Turniers ausgelaugt, was aber zusammenhängt. Wenn die Dinge in der Eröffnung gut laufen, dann spult man seine Vorbereitung einfach nur runter, ohne viel Energie zu verlieren. Aber Vladimir musste zu häufig während der Eröffnungsphasen viel Energie verbrauchen und war am Ende müde. Was Svidler betrifft - mir gefiel sein Kampfeswille, aber er scheint einfach in schlechter Form gewesen zu sein, was zu vielen Fehlern führte.

Als sie die Partien verfolgten, dachten sie daran, dass sie eigentlich hätten dabei sein müssen?

Überhaupt nicht. Ich hatte die Möglichkeit mich zu qualifizieren und habe es über den Weltcup oder den Grand Prix nicht geschafft. Ich belegte Platz vier oder fünf. Dementsprechend muss ich mir den Schuh anziehen - ich habe einfach nicht gut genug gespielt.

Über Perfektionismus und Zeitnot

Viele Experten sagen "Alexander möchte in jeder Stellung den besten Zug finden". Arbeitet dieser Ansatz gegen sie?

In gewisser Hinsicht hat sich dieser Ansatz vielleicht erledigt. Als ich Schach spielen lernte, galt die Auffassung, dass es in jeder Stellung einen besten Zug gibt. Mit Aufkommen der Computer ist klar geworden, dass es in vielen Stellungen mehrere gleichwertige Züge gibt. Egal wie viel Zeit man am Brett oder hinterher überlegt, häufig findet man überhaupt keinen besten Zug.

Sie kommen häufig in Zeitnot, wonach die Schönheit am Brett stirbt und es nur noch stümperhaft zugeht. Quält sie nicht der Gedanke, dass dann die Qualität derart leidet?

Ich bereue nichts, was meine Partien betrifft, da ich ehrlich gesagt nicht narzisstisch bin bezüglich meines Spiels. Bezüglich des Resultats ist es allerdings manchmal nervig, aber es ist schwierig die goldene Mitte zwischen schnell spielen und guten Zügen zu finden. Manchmal ziehen Spieler sehr schnell - bang, bang, bang - haben sehr viel Zeit, können aber direkt aufgeben.

Über Schach und Poker

In den letzten Jahren haben viele Schachspieler auch eine erfolgreiche Pokerkarriere begonnen. Was steckt aus ihrer Sicht dahinter?

Schach und Poker haben vieles gemeinsam. Man braucht Ausdauer, Aufmerksamkeit, die Fähigkeit sich zu konzentrieren und verschiedene Optioinen durchzugehen, Logik und gute Rechenfähigkeiten. Auf der anderen Seite braucht man für jedes Spiel eine bestimmte angeborene Gabe. Z.B. begann Michael Jordan nach seiner traumhaften Basketball-Karriere Baseball zu spielen, aber er kam nicht weit. Obwohl es den Anschein hat, dass für beide Tätigkeiten die gleichen Fähigkeiten vonnöten sind, war er vielleicht der größte Basketball-Spieler aller Zeiten und im Baseball höchstens Durchschnitt. Trotzdem haben es einige Schachspieler geschafft, Poker zu ihrem Beruf zu machen.

Gibt es Qualitäten beim Poker, die nützlich im Schach sein können?

All diejenigen, die ich genannt habe, gelten für beide Seiten. Einst galt ja sogar, dass einige Spieler Fußball und Eishockey gleichgut beherrschen können, z.B. Vsevolod Bobrov. Als ich mit Poker anfing, brauchte man noch nicht so viel Wissen, um erfolgreich zu sein. Und damals war es für mich als Schachspieler einfacher.

Über seine WM-Ambitionen

Vor vier Jahren sagten sie, dass sie kein Kandidat für die Weltmeisterschaft sind. Hat sich ihre Meinung inzwischen geändert?

Ich verstehe den Grund der Frage nicht wirklich. Es ist nicht wichtig, ob man ein Kandidat ist oder nicht. Ich verstehe auch häufig nicht die Frage "Wer ist für sie der Turnierfavorit?" - insbesondere nicht, wenn man selbst teilnimmt. Es ist nicht wichtig, wer der Favorit ist, sondern wer gewinnt. Hier gilt das gleiche - es ist nicht wichtig, wer der Kandidat ist, es ist wichtig, wer Weltmeister ist.

Aber setzen sie sich dieses Ziel?

Es als Ziel zu bezeichnen, würde zu weit gehen.

Grischuk-Carlsen in der 11. Runde des Kandidatenturniers 2013 in London, wo Grischuk wegen ständiger Zeitnot seine Chancen vergab | Foto: Anastasiya Karlovich  


Dann frage ich etwas anderes – haben sie es sich als Ziel gesetzt, sich für das nächste Kandidatenturnier zu qualifizieren?

Ich verstehe nicht – wenn man sich so etwas als Ziel setzt, macht es das dann einfacher? Jede Person, die an diesem Prozess beteiligt ist, denkt darüber nach und versucht zu gewinnen. Ich verstand nie die Worte "Ich setze mir dieses und jenes Ziel." Natürlich hängt das auch vom jeweiligen Charakter einer Person ab. Es gibt Leute, die sich das Ziel setzen mit dem Rauchen aufzuhören. Ich weiß, dass es für mich nicht funktionieren würde. Ich werde nicht damit aufhören, außer ich möchte es irgendwann mal. Da ich aber nicht will, was nützt es mir, mir dieses Ziel zu setzen?

Rauchen sie schon lange?

Ich rauche schon recht lange, ungefähr zwölf Jahre.

Über Magnus Carlsen

Dank welcher Qualitäten dominiert Carlsen die Schachwelt und ist Weltmeister geworden?

Der Typ spielt einfach gut Schach. Ich verstehe, dass die Leute in solchen Fällen nach übernatürlichen Erklärungen suchen, aber die einfachste Erklärung ist auch die passendste: Der Typ spielt einfach gut Schach. 

Wie groß ist die Gruppe der Spieler, die es in den nächsten Jahren mit ihm aufnehmen kann?

Das ist schwierig zu sagen, da seine Resultate in letzter Zeit einfach beeindruckend sind. Die Geschichte zeigt aber, dass sehr selten nur eine Person über eine längere Zeit die Schachwelt dominierte. Die Gruppe seiner Gegner ist gar nicht so klein - acht bis zehn Spieler.


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