Berichte 09.04.2018 | 10:47von Colin McGourty

GRENKE Classic, R8: Vitiugov stoppt Carlsen

Nikita Vitiugov kann die GRENKE Chess Classic bei seinem Debüt weiter gewinnen. Der Russe schaffte bei seinem ersten Aufeinandertreffen mit Weltmeister Magnus Carlsen ein Remis und hat nun in der Schlussrunde bei einem halben Punkt Rückstand Weiß gegen den Führenden Fabiano Caruana. Der Weltmeister muss derweil mit Schwarz gegen Vishy Anand gewinnen, um noch eine Chance auf den ersten Platz zu haben. In der Vorschlussrunde endeten alle Partien remis, doch dank Peter Svidler, der zeitweilig mitkommentierte, und Peter Leko, der über die anderthalb Jahre plauderte, in denen Bobby Fischer bei ihm zuhause wohnte, verlief sie dennoch unterhaltsam.

Carlsen-Vitiugov war nicht nur die wichtigste, sondern auch die unterhaltsamste Partie des Tages | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Es war der bisher heißeste Tag in Baden-Baden…

…aber nicht auf dem Schachbrett!

Hier noch einmal die gesamte Live-Show:

Außer in der Partie Carlsen-Vitiugov passierte in der 8.Runde recht wenig, doch mit dem Kurzauftritt von Peter Svidler in der englischen Live-Übertragung und einigen faszinierenden Geschichten von Peter Leko war trotz allem einiges geboten. Der Ungar sorgte dabei für den Höhepunkt, als er nach dem besten Schachspieler aller Zeiten gefragt wurde, und erst von seiner Kindheitsliebe Tigran Petrosian berichtete und dann enthüllte, dass Bobby Fischer zwischen 1998 und 1999 insgesamt anderthalb Jahre bei ihm in Szeged gewohnt habe:

Peter sprach über dessen Spielstärke:

Das war ein reines Vergnügen. Damals war ich auf dem Sprung in die Top Ten und als Nachwuchsstar voller Energie und Selbstvertrauen. Wir haben viel diskutiert damals, aber nicht nur das. Es gab auch tolle Erlebnisse, etwa als ich auf dem Schachbrett mit dem Computer daneben analysierte und Bobby mir gegenüber saß und einschlief – es war Sommer, unglaublich heiß, ohne Klimaanlage, und dann schläft er ein. Ich arbeitete stundenlang an der Stellung, und gelegentlich wachte er auf, schaute eine Sekunde auf die Stellung, war wie aus dem Nichts völlig bei der Sache, haute den besten Zug aufs Brett und wusste dabei genau, was kommen würde. Ich war damals 19 Jahre alt, auf dem Sprung in die Top Ten, und dachte nur „Wow“, das ist pure Magie. Danach begriff ich, wie stark er zu seinen besten Zeiten gewesen sein muss. Ich bin so froh, dass ich das Privileg hatte, das zu erleben, denn es war einfach fantastisch.

Hier das gesamte Video, in dem Leko auch einige Verschwörungstheorien von Fischer kommentiert: 

Vier ruhige Remis

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die vier Partien, in denen wenig passierte. Bei Caruana-Aronian spielte Levon Aronian die Berliner Verteidigung, und angesichts seines halben Vorsprungs im Turnierklassement entschied sich Fabiano Caruana für die sichere Variante mit 5.Te1. Beide Spieler zeigten ein paar neue Ideen, doch das Remis nach 32 Zügen war die logische Konsequenz.

Caruana konnte sich vor der Schlussrundenpartie gegen Vitiugov erholen | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Bei Naiditsch-Anand kam Italienisch aufs Brett, und die beiden Kontrahenten folgten bis zum 12.Zug einer scharfen Variante, die letztes Jahr beim Sinquefield Cup bei Svidler-So zur Diskussion gestanden hatte. Vishy versank an dieser Stelle in 14-minütiges Nachdenken, ehe er seinen Läufer gegen Naiditschs Springer abtauschte und den Damenabtausch anstrebte. Die Position blieb zweischneidig, doch Vishy schaffte es, dank häuslicher Vorbereitung oder am Brett, die Partie völlig auszugleichen und in eine komplette Remisstellung abzuwickeln.

Bisher lief es nicht füf Anand, aber in der Schlussrunde kann er Carlsen immerhin die Suppe versalzen | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Schlusslicht Georg Meier räumte nach der Partie ein, dass er nicht in der Stimmung war, gegen Hou Yifan allzu ambitioniert vorzugehen:

Vermutlich liegt es am bisherigen Turnierverlauf, dass ich jegliche Abenteuer vermied.  

Trotzdem bekam er einige Chancen (“Ich war, zumindest aus menschlicher Perspektive, optimistisch, was meine Stellung betrifft")... 

...bis die Nummer 1 der Damen durch genaues Spiel für ein Remis nach 33 Zügen sorgte.

Wurde Georg Meier wie alle anderen von Hou Yifans Oberteil überrascht? | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Blübaum-MVL war aus eröffnungstheoretischer Sicht vermutlich die interessanteste Partie des Tages. 

Blübaum spielt mit 50% ein gutes Turnier und wird Elo dazu gewinnen, doch wegen seines enttäuschenden Abschneidens beim Aeroflot Open kann er Jan Gustafssons Position als deutsche Nummer 2 momentan nicht gefährden! | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Peter Svidler erzählte, dass im Anti-Grünfeld mittlerweile "alle und jeder" wie Blübaum 6.dxc3 spielen:


Bald zeigte sich, dass die Stellung nach dem Damentausch im 6.Zug bei weitem nicht so remislich ist, wie sie aussieht, was auch Svidler wusste, nachdem er im Vorjahr beim Grand Prix in Genf nach 31 Zügen gegen Teimour Radjabov verloren hatte. Und auch Magnus Carlsen überspielte Maxime Vachier-Lagrave beim Sinquefield Cup 2017 in dieser Variante, verlor dann aber auf dramatische Art und Weise. Damit aber nicht genug, denn bei der Mannschafts-EM bezwang Viktor Erdös mit dieser Variante Ian Nepomniachtchi und sorgte mit Peter Leko am Spitzenbrett für den 2,5 zu 1,5-Sieg gegen Russland. Leko erzählte, dass er Erdös vor der Partie gefragt habe, was er spielen wolle, wenn Nepo mit 6…Dc7 dem Damentauch ausweichen würde, und dieser darauf geantwortet habe, dass die Damen nach 7.e4 Sc6 8.Dd2!? auf jeden Fall vom Brett verschwinden würden. Nepomniachtchi tauschte direkt, doch Erdös gab in einem Artikel für die Zeitschrift Schach die geplante Neuerung preis.

Insofern ist es vielleicht keine Überraschung, dass mit Matthias Blübaum ein deutscher Spieler diesen Zug erstmals gegen Aryan Tari beim Tata Steel Challengers aufs Brett brachte. Weiter ging es mit 8…e6 9.Dg5:


Hier spielte Tari 9…h6!? und überlebte eine schwierige Stellung, während sich Maxime Vachier-Lagrave in Baden-Baden für die Hauptvariante mit 9…f6 10.Dh5+ Df7 11.Dxf7+ Kxf7 entschied und dabei feststellen musste, dass das Endspiel für Schwarz überraschend unangenehm ist. Peter Svidler fasste es zusammen: “Jetzt tauschen sie sogar nach 6…Dc7 die Damen, das bricht mir das Herz!” Hier die gesamten 40 Minuten, in denen er gemeinsam mit Peter und Jan über die Partien plauderte:

Obwohl erst Blübaum und dann MVL besser stand, endete die Partie stilgerecht für diese Runde remis.  42.Tc3 war ein hübscher Schlusszug:


Schwarz kann die Qualität gewinnen, doch danach hat Weiß eine Festung. Wenige Züge später wurde Remis vereinbart.

Carlsen ½-½ Vitiugov: So besser nicht gegen Magnus

Magnus setzte im Mittelspiel zu seinen typischen Qualen an, doch Vitiugov hielt eiskalt remis | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Dies war das erste Aufeinandertreffen von Nikita Vitiugov und Magnus Carlsen, und zunächst machte der Russe alles richtig. Er erreichte mit Schwarz in einem Spanier Ausgleich, war über den weiteren Partieverlauf aber wenig begeistert:

Eine schreckliche Partie. Ich bin mit meinem Spiel von Zug 20 bis zur ersten Zeitkontrolle sehr unzufrieden. Ich habe es geschafft, eine völlig ausgeglichene Stellung zwar nicht in eine Verluststellung, vor allem gegen Magnus aber in eine extrem unangenehme Stellung zu verwandeln. Ich habe ihm alles gegeben, irgendwie aber doch Remis gehalten. 

Nikita erlaubte Magnus erst, seine Königsflügelbauern mit dem Vormarsch des h-Bauern zu schwächen und ließ dann auch noch einen isolierten Doppelbauern am Damenflügel zu, um die Damen zu tauschen. Nach 35…h5 war seine Lage kritisch:


Der Sesse-Computer gibt Magnus mit +1.17 klaren (aber nicht siegbringenden) Vorteil nach 36.Ta5 nebst g3 und f4, doch dieses eine Mal ließen Magnus seine magischen Kräfte im Stich. Er spielte 36.Kf1, und als nach der Zeitkontrolle diese Manöver nicht mehr möglich waren, pendelte sich die Stellungsbeurteilung bei 0.00 ein. So blieb es bis zum Ende der Partie, wiewohl die Stellung für den Schwarzen weiterhin kein Zuckerschlecken war. Vitiugov fand allerdings einige virtuose Verteidigungszüge, etwa im 59.Zug, als er ein Bauernopfer anbot, um mit dem Turm in die weiße Stellung einzudringen. Und auch im 61.Zug zeigte sich, dass er alles unter Kontrolle hatte:


Ohne Computerunterstützung dachten unsere Kommentatoren hier, dass Vitiugov große Probleme hätte, da das natürliche 61…Kf6? an 62.Txg5! Kxg5 63.Le7+ scheitert, doch der Russe Nikita spielte zügig 61…Td2+! 62.Kc1 Lf6! mit der hübschen Pointe, dass der weiße Turm auf der g-Linie gefangen wird, wenn er auf g4 schlägt. Nach acht Minuten musste ein enttäuschter Carlsen einsehen, dass es nichts Besseres als 63.Kxd2 mit anschließendem Remis gab.

Jan Gustafsson hat sich diese Partie und den gesamten Tag noch einmal angesehen:

Nach fünf Remis hat sich an der Turniersituation nichts geändert:


Damit können nur noch Caruana, Carlsen oder Vitiugov die GRENKE Chess Classic 2018 gewinnen. Die entscheidenden Schlussrundenpartien sind:

  • Vitiugov-Caruana
  • Anand-Carlsen

Wie beim Kandidatenturnier ist Caruana Turniersieger, wenn er mit Schwarz gewinnt. Gelingt ihm das nicht, kann Carlsen mit einem Schwarzsieg gegen Anand ein Stechen erzwingen. Dann würden bis zu fünf Partien gespielt:  2 x 10+2, 2 x 5+2 und eventuell ein Armageddon mit 6 Minuten für Weiß gegen 5 Minuten von Schwarz.

Falls jedoch Vitiugov gegen Caruana gewinnt (und sein Freund Peter Svidler meinte, "Ich habe das Gefühl, dass er ziemlich scharf auf Gewinn spielen wird") und Carlsen nicht gegen Anand gewinnt, wäre der Russe ohne Stichkampf Turniersieger. 

Die letzte Runde könnt ihr ab 15 Uhr wieder mit dem Live-Kommentar von Jan Gustafsson und Peter Leko auf chess24 verfolgen!

Siehe auch:


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