Berichte 08.04.2018 | 15:20von Colin McGourty

GRENKE Classic, R7: Caruana und Carlsen gewinnen

Nach einem Schwarzsieg gegen Maxime Vachier-Lagrave liegt WM-Herausforderer beim GRENKE Chess Classic zwei Runden vor Schluss alleine vorne. Magnus Carlsens Kommentar zu seinem Sieg gegen Arkadij Naiditsch war "schlechte Partie, guter Punkt!", dadurch hat er nun wie Nikita Vitiugov einen halben Punkt Rückstand auf Caruana. Der Russe hat großen Einfluss auf den Endstand: in den verbleibenden Runden hat er Schwarz gegen Carlsen und dann Weiß gegen Caruana.

Fabiano Caruanas Lauf aus dem Kandidatenturnier geht weiter| Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite 

Weitere Eindrücke aus Baden-Baden:

Zwischenzeitlich schien es ein noch besserer Tag für die Schwarzspieler, aber am Ende "nur" zwei Siege - für die Nummer 1 und 3 der Weltrangliste:

Du kannst die siebte Runde nochmals im (englischen) Livekommentar von Jan Gustafsson and Peter Leko erleben, einschliesslich Spielerkommentare zu den Partien: 

MVL-Caruana 0-1

Das war das Duell zwischen zwei im Turnier führenden Spielern. Vorab konnte man damit rechnen, daß Maxime Vachier-Lagrave mit Weiß vielleicht einen Schritt Richtung Turniersieg machen würde. Stattdessen war es eine erstaunlich einseitige Partie - in einer englischen Eröffnung mit ‌1.c4 e5 spielte Fabiano Caruana zum ersten Mal in seiner Schachkarriere 4…Bb4 und erwischte den Franzosen damit offenbar auf dem falschen Fuss.

‌Die heutige versteckte Motivation: Fabiano zeigt MVL, was er im Kandidatenturnier verpasste

Maxime brauchte für seine beiden nächsten Züge 10 Minuten, Fabianos Kommentar nach der Partie:

Ich habe ihn wohl in der Eröffnung überrascht, normalerweise spiele ich nicht 4…Bb4. Er kannte das offensichtlich nicht, und nach 9.Qc2 waren wir wohl beide aus dem Buch.


Witzig ist dabei: der Schwarzspieler mit der höchsten Elo, der 9.Dc2 vorgesetzt bekam, ist (laut chess24 Datenbank) … Maxime Vachier-Lagrave, vor 10 Jahren in der französischen Mannschaftsmeisterschaft gegen Loek van Wely.

Schnell war klar, daß sich Maxime an der anderen Seite des Bretts wohler fühlen würde | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Sie folgten dieser Partie, bis Maxime mit 12.Lf4 von Loeks 12.Tb1 abwich, und danach stand Weiß erstaunlich schnell klar schlechter. 17.Lf1 schien bereits Verzweiflung, 18.a4!? überraschte Fabiano, vor allem in Kombination mit 19.Tac1?!, wonach dieser Bauer ungedeckt ist. 19…g5! war der Beginn eines gefährlichen Angriffs - wie gefährlich zeigte sich nach 20.Ld2 Df5 21.f3 Dc5+:


Fabiano zeigte hinterher, daß das naheliegende 22.Kg2?? nach 22…Lxf3+! sofort verliert: 23.exf3 ist Matt in vier nach 23…Te2+!, der "beste" Zug 23.Kxf3 ist Matt in zehn nach 23…Dg1! Auch nach dem Partiezug 22.Kh1 war 22…Lxf3+! 23.exf3 Df2! stark, Caruanas 22…Ld5! dabei vielleicht noch besser.

Caruana hatte den Eindruck, daß er im weiteren Partieverlauf einiges nicht sah (das wurde ein Leitmotiv der Siegerinterviews), aber Maxime erreichte nicht einmal die Zeitkontrolle.

‌Carlsen wird Naiditsch besiegen, aber nach seinem Sieg mit Schwarz gegen MVL wird Caruana zwei Runden vor Ende im GRENKE Chess Classic alleine führen!

Peter Lekos Rückblick auf Runde 7, Schwerpunkt diese Partie:

Nach diesem Sieg fehlt WM-Herausforderer Fabiano Caruana noch ein Elopunkt für Platz zwei in der Weltrangliste, keinesfalls ein Kater nach dem Kandidatenturnier:

Caruana öffnete auch eine Lücke von 20 Punkten auf MVL | Quelle: 2700chess

Fiona Steil-Antoni fragte ihn, woher er seine Energie holt:

Ich kann nicht behaupten, daß ich im Turnier viel Energie hatte. Ich fühlte mich etwas erschöpft, aber setzte mich selbst nicht unter Druck. Es funktioniert wohl, natürlich hatte ich in einigen Partien Glück, vor allem gegen Magnus. Es war großes Glück, daß ich überlebte, und auch gegen Hou Yifan. Meine Siege waren auch ein bisschen Zufallsprodukte, aber ich habe wohl meine Chancen genutzt!

Naiditsch-Carlsen 0-1

Diesmal nicht, Naiditsch! | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Magnus Carlsen musste gewinnen, um den Rückstand auf einen halben Punkt zu begrenzen, und hatte den idealen Gegner in dieser Situation. Nicht daß Arkadij leicht zu besiegen war - schliesslich hat er aus den letzten drei Partien mit klassischer Bedenkzeit gegen Magnus 2.5/3 - aber er wollte mindestens genauso wie Magnus auf Gewinn spielen.

Naiditsch spielte gegen Carlsens Najdorf-Sizilianer 6.g3 und traf dann eine Reihe provokativer Entscheidungen: 13.f3, dann 16.f4 und 17.Kh1:


Magnus zögerte und schlug dann nicht auf f4. Nach stattdessen 17…Lf8, was er selbst als suboptimal einschätzte, spielte Arkadij ‌18.f5. Die nächste große Provokation war 25.Sd1!?


Das war zu viel für Magnus, der sagte "so merkwürdig, ich wollte ihn dafür einfach bestrafen", wobei sein 25…e4!? zumindest zweischneidig war. Es schien allerdings zu funktionieren, unsere Kommentatoren lobten die schwarze Stellung:

‌Leko: "Arkadij hat in dieser Stellung noch 10 Minuten für 10 Züge. Selbst mit 10 Wochen statt 10 Minuten ist es nicht einfach, hier einen guten Zug zu finden"

Die Situation auf der Uhr erwies sich als Sargnagel für Naiditsch. Mit sehr wenig Zeit fand er mehrere beste Züge und scheiterte dann kurz vor der Zeitkontrolle: 


38.Qd1! war die letzte Chance für Weiß, da er nach Damentausch sehr gute Remischancen hat. Stattdessen erlaubte 38.Kg2?! die Fesslung 38…Tc3!. Nun war 39.Qg4+ wohl die beste Chance, wobei Weiß auch dann kaum überleben sollte (der Bauer auf d5 wird ebenfalls fallen). Es kam 39.Rd1 h5!, was das Damenschach verhindert und die Aktivierung des schwarzen Läufers vorbereitet, nach ein paar Verzweiflungszügen gab Arkadij auf.

Danach fragte Jan Magnus, wie sich nur ein halber Punkt Rückstand auf Fabiano anfühlt.

Es ist ja kaum anders als gestern oder heute morgen... . Ein gutes Gefühl, eine Partie zu gewinnen, wobei die Partie selbst nicht allzu gut war. Ich habe es nicht in eigener Hand, aber ich habe eine Chance. Wenn man nur eine der ersten sechs Partien gewinnt, kann man nicht mehr verlangen!

Fiona hatte es noch schwerer, aber die Zusammenfassung "schlechte Partie, guter Punkt" war Lohn für ihre Bemühungen!

Die drei anderen Partien endeten Remis. Levon Aronian konnte mit Magnus nicht mithalten, da Nikita Vitiugov seine englische Eröffnung sehr professionell neutralisierte. 

Hou Yifan quälte Caruana tags zuvor, nun musste sie sich verteidigen | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Hou Yifan stand gegen Matthias Bluebaum aus der Eröffnung heraus leicht besser, aber nach 19.Qb2?! landete sie in der Defensive:


Weiß beäugt den Bauern auf g7, aber nach 19…Df5! war die Drohung Tc2, Dxf2 nebst Matt konkreter. Die Damen-Weltranglistenerste entscheid sich für das miserable 20.De2 Tc2 21.Df3 Dxf3 22.gxf3 aber konnte dieses Endspiel dann recht locker Remis halten.

Vishy Anand mit spekulativem Spiel gegen Georg Meier, aber im diesjährigen GRENKE Chess Classic weiterhin sieglos | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Das dramatischste Remis des Tages war Anand-Meier, ein Duell zweier Spieler die tags zuvor verloren hatten. Anfangs schien es, als ob sie mit einem ruhigen Remis ihre Wunden lecken würden, dann aber Anands 29. Zug:


Vishy meinte hinterher "der Dreh- und Angelpunkt der schwarzen Stellung ist dieser Springer auf d5". Sein erster Instinkt war, mit 29.Raa7 auf Remis zu spielen, aber dann entschied er sich für das Qualitätsopfer 29.Txd5!?

Er sagte "Ich dachte, danach habe ich sehr gute Gewinnchancen", aber nach wenigen weiteren Zügen war der Spass für ihn vorbei:


Vishy sagte, daß er hier 33.h3! mit voller Kompensation spielen musste. Nach dem Partiezug 33.f4?! konnte Schwarz sein Gegenspiel durch Ra2-d2-d3 und h4 mit Tempogewinn aufbauen. Anand beschrieb seine Gefühle mit “vor zwei Zügen kämpfte ich um Vorteil, und nun stehe ich schlechter", wobei nicht klar ist, ob Georg danach etwas verpasste. "Irgendwie entwischte ich", so Vishy. Der Ex-Weltmeister hat ein interessantes Restprogramm: Schwarz gegen Naiditsch und dann Weiß gegen Carlsen.

Runde 7 wirbelte den Tabellenstand zwei Runden vor Turnierende durcheinander, nun führt Fabiano Caruana alleine:


Wie wir bereits erwähnten, kann Nikita Vitiugov aus eigener Kraft Turniersieger werden, da er in den letzten beiden Runden gegen Carlsen und dann Caruana spielt. In Runde 8 trifft Caruana auf Levon Aronian, den er in Berlin zweimal besiegt hatte. Maxime Vachier-Lagrave erlitt einen Rückschlag, aber Schwarz gegen Bluebaum und Weiß gegen Meier ist ein (nominell) relativ leichtes Restprogramm. Wenn zwei oder mehr Spieler am Ende Platz eins teilen, gibt es beim GRENKE Chess Classic einen Schnellschach-Stichkampf um den Turniersieg.

Verfolge den (englischen) Livekommentar mit Jan Gustafsson und Peter Leko hier auf chess24 ab 15:00 MESZ!

Siehe auch:


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