Berichte 07.04.2018 | 12:58von Colin McGourty

GRENKE Classic, R6: Bluebaum besiegt Anand

Matthias Bluebaum sorgte mit einem Sieg gegen Vishy Anand für die Sensation der sechsten Runde des GRENKE Chess Classic. Es war eine merkwürdige Partie, in der der ehemalige Weltmeister auch in verlorener Stellung schnell und ruhig-selbsbewusst spielte. Die besten Partien des Tages waren Carlsen-Aronian, ein faszinierendes Eröffnungsduell, und Caruana-Hou Yifan: in einem 7-stündigen Thriller mit 98 Zügen war die Damen-Weltranglistenerste nahe am Sieg gegen den WM-Herausforderer. Die andere Entscheidung des Tages war Naiditsch-Meier 1-0, da Schwarz in Zeitnot patzte.

Matthias Bluebaum schickte Vishy Anand vom Regen in die Traufe| Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Es war nicht wirklich Schachwetter in Baden-Baden - endlich Sonne!

Dennoch sorgten die Spieler für die bisher längste Runde:

Jan Gustafsson and Peter Leko kommentierten bis zum Ende, Magnus Carlsens Trainer Peter Heine Nielsen war zu Gast in der Show:

Bluebaum-Anand 1-0

Ein harter Arbeitstag für den 15. Weltmeister | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Matthias Bluebaum gelang, was sein Landsmann Georg Meier tags zuvor nicht schaffte: ein Sieg gegen einen Weltmeister. Dabei war er nach der Partie offensichtlich immer noch schockiert und meinte "Er hat wohl irgendwo gepatzt". Ein Remis schien sich abzuzeichnen, und dann Anands 19. Zug:


19…Ld5? nannte Bluebaum "sehr riskant", er nahm den angebotenen Bauern mit 20.Txc8 Txc8 21.Lxa6 Ta8 22.Lf1!. Vishy bekam den Bauern mit 22…Txa5 zurück, aber das erlaubte 23.Sb5!


Man muss davon ausgehen, daß Vishy dies übersehen hatte, da die Drohung Sxd6 nebst Lxb4+ (oder auf 23...Lb8 sofort 24.Lxb4+) vernichtend ist. Oder vielleicht erwartete Vishy statt ‌22.Lf1 22.Le2, wonach Schwarz das rettende 23...Lc4! hätte.

Vishy hatte das bei 22…Rxa5 offensichtlich gesehen, da er für seine vier nächsten Züge (und für fast alle Züge bis zum Partieende) weniger als eine Minute brauchte. Er gab mit 23…Lc5 24.Tc1 Ta2!? 25.Txc5 Txb2 eine Figur, Bluebaums Kommentar:

Er wirkte bei 24…Ra2 sehr selbstsicher. Ich war etwas verwirrt, da ich dachte, das kann für ihn nicht funktionieren, aber es war nicht so einfach. Ich musste 26.e4 finden, aber ich dachte, daß ich mit Mehrfigur besser stehen sollte.

Das war quasi das Gegenteil von Peter Heine Nielsens Bemerkungen in der Liveshow zu Carlsens Körpersprache:

‌Peter Heine Nielsen über Carlsens fehlendes Pokerface: "Das sagten sie auch über Kasparov - man sah, wie er sich während der Partie fühlte, aber musste mit seinen Zügen zurecht kommen! Das ist das Hauptproblem bei Magnus - er spielt ziemlich gute Züge"

Deshalb spiele ich nie Poker!

Vishy behielt ein Pokerface, und mehrfach hatte sein Gegner weniger als 30 Sekunden auf der Uhr. Aber die Partie war quasi entschieden, nachdem Bluebaum im 26. Zug einen guten Plan fand:


26.e4! Txd2 27.exd5 exd5 klärte die Stellung auf Kosten eines Bauerns, und auch wenn Vishy vielleicht mehr Widerstand leisten konnte (Bluebaums Vorschlag war 33…Kd6! statt 33…Kf6) bekam die Partie das logische Ergebnis:

‌Meier schaffte gestern keinen Sieg gegen den Weltmeister, aber heute besiegte Matthias Bluebaum Ex-Weltmeister Vishy Anand!

Das war Vishys zweite Niederlage im Turnier - nun hat er enttäuschende -2, während Matthias Bluebaum sich mit dem Sieg auf 50% verbesserte:

For Bluebaum war dies eine weitere gute Nachricht, nachdem er tags zuvor erstaunlicherweise entwischte - er gab zu, daß er gegen Arkadij Naiditsch "einfach furchtbar spielte". Naiditsch selbst meinte, “gestern war wohl eine der schlechtesten Partien in meinem Schachleben", und sagte, wie schmerzhaft es war, nicht zu gewinnen obwohl Bluebaum “alles tat, was er konnte, um diese Partie zu verlieren". Auch für Arkadij war Runde 6 ein besserer Tag!

Meier-Naiditsch 0-1

Arkadij Naiditsch erholte sich von der Enttäuschung tags zuvor mit seinem ersten Sieg beim diesjährigen GRENKE Chess Classic | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Georg Meier hatte vielleicht noch einen Kater vom vorigen Tag, an dem er so nahe an einem Sieg gegen den Weltmeister war. Mit Weiß gegen Naiditsch überzeugte seine Eröffnung nicht, er landete in Zeitnot, konnte nicht davon profitieren, daß der Gegner einen Angriff ungenau spielte, und dann brach er mit  33.cxb6?? zusammen:


33.Sb4, 33.c6 oder 33.Td1 - alles hätte die einzige und dabei sehr starke Drohung in der Stellung pariert, Schwarz kann dann nicht die lange Diagonale a8-h1 kontrollieren. Nach dem Partiezug kam 33…Db7! und Matt oder großer Materialverlust ist unvermeidlich, da der weiße König den schwarzen Figuren schutzlos ausgeliefert ist. Georg gab sofort auf und ist nun alleine Letzter, während Naiditsch sich auf Platz 7 verbesserte. Naiditsch sprach danach über seine beiden letzten Partien:

Die drei anderen Partien waren hart umkämpft und endeten Remis.

Caruana-Hou Yifan 1/2

Dieser siebenstündige Marathon begann psychologisch interessant. Hou Yifan spielte gegen Fabiano Caruana Russisch, Caruana wurde unter anderem mit dieser scheinbar harmlosen "Waffe" Carlsens WM-Herausforderer. Würde Fabi zeigen, wie man gegen Russisch spielt?

Hou Yifan war nahe daran, ihren Vorjahressieg gegen Fabiano Caruana beim GRENKE Classic zu wiederholen | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Die kurze Antwort angesichts des Partieverlaufs ist "nein". Wie in einigen Schwarzpartien Caruanas stand Schwarz erstaunlich schnell besser, und das dann auch noch tief im Endspiel. Offenbar machten beide Spieler ihre Sache sehr gut, und nur an einer Stelle gab es einen forcierten Gewinn - allerdings ein sehr hübscher studienartiger, in der siebten Stunde am Brett schwer zu finden: 


64…Kd2!! gewann, aber nur dank 65.Lxa6 Sd3+!!, wenn Weiß dann mit 66.cxd3 das Opfer annimmt ist 66…d4!! der Schlüsselzug. Schwarz bekommt einen c-Freibauern, der unaufhaltsam zur Dame läuft.

Peter Leko, der zuvor Endspielstudien als beste Methode zur Verbesserung von Rechenkünsten empfohlen hatte, analysiert diese Partie:

In der Partie folgte 64…a5 65.Kc1 Se2+ (65…Ke2! gewinnt vielleicht immer noch) 66.Kb2 Kd2 (66…Sf4!) 67.Lxd5 Sxc3 und Schwarz hatte das Gröbste überstanden.

‌Caruana hat ein weiteres seiner Leben verbraucht, aber nach 7 Stunden und 98 Zügen hält er Remis gegen Hou Yifan!

Caruana konnte nach Runde 1 gegen Carlsen wieder ein schwieriges bis verlorenes Endspiel Remis halten und liegt so mit ungeschlagenen +2 weiterhin auf dem geteilten ersten Platz im Turnier.

Vitiugov-MVL 1/2

Vitiugov und MVL weiterhin in Führung | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Dies war ein gehaltvolles Duell der beiden anderen im Turnier führenden Spieler. Nikita Vitiugov vermied mit ‌1.d4 Najdorf-Sizilianisch und landete dennoch in scharfer gegnerischer Eröffungsvorbereitung:


Zuvor spielte Schwarz (auch MVL in einigen Partien) in dieser Stellung immer 6…Nxd5. Diesmal opferte er stattdessen mit ‌6...0-0!? einen Bauern für schnelle Entwicklung, Nikita akzeptierte nach nur 2 1/2 Minuten das gegnerische Opfer. Maxime sagte hinterher selbstkritisch, daß er im Mittelspiel etwas zu schnell spielte (er gab zu, daß er 16.Nb3! übersehen hatte) und sich so eine lange Verteidigung aufbürdete. Am Ende hatte Weiß 4 gegen 3 Bauern am Königsflügel, aber die französische Nummer 1 erzielte ein relativ ungefährdetes Remis in 68 Zügen.

Das vielleicht beste zum Schluss…

Carlsen-Aronian 1/2

GRENKE CEO Antje Leminsky hilft Magnus Carlsen bei seinem ersten Zug | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Wiederum ein unterhaltsames und provokatives Gefecht zwischen Magnus Carlsen und Levon Aronian, Levon dazu nach der Partie:

Ich denke, daß Magnus mich viel mehr provoziert! Er bekommt viel dubiosere Stellungen als ich, aber ich übersehe viel öfter simple Fallen. Deshalb ist das Gesamtergebnis so, wie es ist.

Magnus hat 14 Siege und 7 Niederlagen gegen Aronian, aber zu Beginn schien es "Vorteil Aronian". Levon spielte die Neuerung 9…c4 und zog in einer extrem scharfen Stellung flott, während sein Gegner Bedenkzeit investierte. Es gab zwei Interviews mit Levon nach der Partie, aber es blieb unklar in wieweit er bluffte (alles, was er sagte, war, daß er diese Variante vor allem aus weisser Sicht analysiert hatte). Jedenfalls tauchte er im 19. Zug plötzlich 40 Minuten ab, obwohl Carlsens 19.Rc1 eindeutig der erste Enginezug war:


Ohne lange Analysesn kann man diese Stellung kaum einschätzen, aber Schwarz kann den Rückgewinn der Qualität noch verzögern. Aber Levon klärte die Lage mit 19…Lxe2, und nach 20.Dxe2 Lxc1 21.Txc1 Da3! hatte Schwarz keine Probleme. Magnus hätte vielleicht 20.Txe2! spielen sollen, das war jedenfalls die Empfehlung des Engine-Orakels.

Die Partie blieb unklar, ein typischer Moment war vielleicht nach 30.Qxa3:


Aronian investierte hier 20 Minuten, Magnus erwähnte hinterher gut gelaunt, daß er sah, wie frustriert sein Gegner war als er bemerkte, daß das geplante 30…a5? nicht funktioniert. Die Pointe dieses Zuges wäre auf 31.Dxa5 die Gabel 31…Sc6?, aber nach 32.Dxd5 Sxb4 hat Weiß das sehr starke 33.Dxc4!


Wegen der Drohung e7+ kann Schwarz seine Mehrfigur nicht behalten und steht schlicht und ergreifend auf Verlust. Levon entschied sich dann für sofort 30…Sc6, die restlichen Züge beiderseits im Blitztempo - Schwarz konnte ein Endspiel mit Minusbauer problemlos Remis halten. 

Nach dieser Partie kann man noch mehr bedauern, daß es (noch) kein WM-Match Carlsen-Aronian gab... | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Es gab Verschiebungen in der unteren Tabellenhälfte, aber vorne hat das Trio MVL, Vitiugov und Caruana weiterhin einen halben Punkt Vorsprung auf Carlsen und Aronian:


In Runde 7 wird Naiditsch-Carlsen sehr wahrscheinlich ein interessantes Duell. Arkadij besiegte den Weltmeister mit klassischer Bedenkzeit zweimal 2014 und 2015 und remisierte beim 2017 GRENKE Classic. Man kann davon ausgehen, daß er mit Weiß auf Gewinn spielt - damit kann auch Carlsen Chancen bekommen, seinen Rückstand vor den letzten beiden Runden endlich aufzuholen. MVL-Caruana ist die Spitzenpaarung, bei Anand-Meier and Aronian-Vitiugov wollen die Weisspieler wohl ihre Turniersituation verbessern.

Verfolge den (englischen) Livekommentar mit Jan Gustafsson und Peter Leko hier auf chess24 ab 15:00 MESZ!

See also:


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