Berichte 06.04.2018 | 12:24von Colin McGourty

GRENKE Classic, R5: Meier verpasst Sieg gegen Carlsen

In Runde 5 des GRENKE Chess Classic stand Georg Meier ein oder zwei Züge vor einem sensationellen Sieg gegen Weltmeister Magnus Carlsen, aber mit tickender Uhr und noch weniger als 20 Sekunden fand er den Schlüsselzug nicht und begnügte sich mit Remis. Arkadij Naiditsch hatte keine Zeitnot-Ausrede dafür, daß er Matthias Bluebaum entwischen liess. Übereifrig opferte er einen Turm für eine Stellung, die "Matt sein muss" aber nicht war. Am Ende fünf Remisen, trotz faszinierender Partien an allen Brettern.

Georg Meier sicherte sich beinahe den begehrtesten Skalp im Schach | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Ein kurzes Video zu dieser Runde:

Du kannst alle Partien des GRENKE Classic im Viewer unten nachspielen - ein Klick auf eine Partie öffnet diese mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt seine/ihre Paarungen und bisherigen Ergebnisse:

Der (englische) Livekommentar von Jan und Peter zu Runde 5 mit einem unterhaltsamen Gastauftritt von Fabiano Caruanas Trainer Rustam Kasimdzhanov:

Meier-Carlsen 1/2: Ein Schritt von ewigem Ruhm entfernt

Wieviel Risiko ist akzeptabel? | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Am Donnerstag in Baden-Baden war die Nummer 133 der Weltrangliste Georg Meier unglaublich nahe an einem Sieg gegen den Weltranglistenersten Magnus Carlsen. Nach Experimenten mit 1.e4 gegen Aronian und Caruana begann er mit dem ihm vertrauten 1.d4 und stand aus der Eröffnung heraus etwas besser. Magnus gab zu, daß die von ihm gewählte Variante "nicht sehr gut ist" und sagte zu seinen Gewinnversuchen: "Ich wollte wohl zuviel in einer Stellung, die das nicht hergab".

Lebendig wurde es, nachdem der Weltmeister 26…g5?! entkorkte, danach hatte er noch 29 Minuten bei 18 für seinen Gegner:


Magnus' Kommentar:

Natürlich ist 26…g5 eine Art kompletter Bluff, das ganze Konzept, aber vor allem mit wenig Bedenkzeit ist es sehr, sehr schwer zu beurteilen. Solange man keinen forcierten Weg zu klarem weissem Vorteil berechnen kann ist es nicht so einfach.

Es gab hier das sehr starke 27.f4!!: die scheinbare Widerlegung 27…Dh3? scheitert an 28.Tf2!, und 27…gxh4 28.g4! ist für Schwarz strategisch nahezu verloren. Meiers 27.hxg5 war dabei auch gut, und über weite Strecken der Partie spielte er auf sehr hohem Niveau. Am deutlichsten war dies nach 31…Ba6!?


Das könnte in Zeitnot (Georg hatte nun noch 10 Minuten) ein Schock für Weiß sein, da Schwarz nach  32.Lxa6?? Df3+ mattsetzt, während 32.b5 cxb5 33.axb5? Lxb5! einen Bauern verliert. Zunächst scheint es, als ob Weiß mit z.B. 32.Dd2 ums Remis kämpfen muss, und es ist nachvollziehbar, daß Magnus diese verlockende Möglichkeit wählte. Er beichtete allerdings hinterher: "Ich sah eigentlich, daß 31…La6 nicht funktioniert, und spielte es dann trotzdem!” 

Meier zeigte die Widerlegung 32.b5 cxb5 33.Th5! und angesichts des weissen Plans, Dame und Turm auf der fünften Reihe zu koordinieren, grübelte nun Magnus 10 Minuten. Nach 33…Df7 34.De5! war er sich der Tatsache bewusst, daß er objektiv wohl 34…bxc5 35.Dxd5 mit schlechtem aber haltbarem Endspiel wählen sollte, aber in seinen Worten: “das ist sehr, sehr traurig... dann muss ich leiden".

‌Meier-Carlsen in vier Bildern

In der Partie ignorierte Magnus seine Instinkte und wählte eine Fortsetzung mit Bauerngewinn, obwohl "ich wusste, daß es ziemlich selbstmörderisch ist". 38.Bg4! hatte er nicht gesehen...

‌38.Lg4! und Georg Meier gewinnt gegen Weltmeister Magnus Carlsen - er muss nur noch zwei Züge bis zur Zeitkontrolle finden!

…und dann der kritische Moment der gesamten Partie nach 38…Kh8:


Dieser Screenshot stammt vom norwegiscen Supercomputer Sesse, der nach 39.Th5 bis zum Matt rechnet. Dabei gewinnen auch mindestens vier andere Züge, darunter das von Magnus in der anschliessenden Pressekonferenz erwähnte 39.Tb1.

Georg Meier hatte noch 1 Minute und 28 Sekunden, wie Magnus untersuchte er vor allem das ebenfalls siegbringende 39.Th1. Carlsen meinte schockiert “Das gewann auch?” - beide hatten die Sequenz 39…De7 40.Txh7+ Kxh7 41.Th5+ Kg6 gesehen und danach 39.Th1 verworfen. Schwarz stünde tatsächlich total gewonnen, außer nach dem Zug den beide nicht gesehen hatten:


42.Th6+!!, die Pointe ist vor allem das simple 42…Kxh6 43.Dh5# mit Matt. Georg Meier sah es mit einem sauren Lächeln als Erster in der Pressekonferenz. Er fasste zusammen, was schief ging:

Es war grundsätzlich Th6. Wenn ich das finde, gewinne ich, und wenn nicht, spiele ich irgend etwas da ich andere Varianten nicht berechnet hatte.

Peter Leko sprach über eine "einmal im Leben" Chance, den Weltmeister zu besiegen, Georg blieb nüchtern:

Wenn ich es mit 10 Minuten nicht gesehen hätte, OK, dann wäre ich sehr enttäuscht, aber derlei Dinge passieren.

Im späteren Interview mit Fiona Steil-Antoni ging er ins Detail:

Ehrlich gesagt, wollte Peter mir mehr Enttäuschung einreden als tatsächlich der Fall ist - sekundenschnell genau rechnen ist nicht meine Stärke. Ich war eigentlich sehr nahe daran, die siegbringende Variante zu finden, aber ich verpasste ein wichtiges Detail, Magnus sah das auch nicht. Dann hatte ich noch 20 Sekunden und beschloss, mit Ta1 Remis zu forcieren - wenn man keinen Gewinn sieht, spielt man nicht mit Minusbauer weiter.

39.Ra1 spielte Georg mit noch 5 Sekunden auf der Uhr, und es war sofort ausgeglichen. 39…De7 40.Dxg7+ vereinfachte zum Remisendspiel, Carlsen akzeptierte Meiers Remisangebot nach 43 Zügen.

Magnus hatte vielleicht die Grenzen des akzeptablen Risikos überschritten, aber wenn Meier weniger präzise gespielt hätte könnte man eventuell sagen "gezockt und gewonnen". Leko fragte Carlsen, ob er angesichts der Tatsache, daß er entwischte, erleichtert ist:

Yeah. Ich bin immer noch im Turnier, das ist klar. Es war bisher nicht brilliant, aber es ist nie zu spät um gut zu spielen, hoffentlich beginne ich morgen damit!

Peter Leko erklärt die Endphase von Meier-Carlsen und fasst auch das Geschehen an den anderen Brettern zusammen:

Vor der anderen großen verpassten Chance des Tages zu den drei ruhigeren Remispartien:

Nach der Partie teilt Vitiugov weiterhin den ersten, und Hou Yifan den letzten Platz | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Hou Yifan-Vitiugov führte dazu, daß Nikita Vitiugov weiterhin geteilt in Führung liegt, in der spanischen Zaitsev-Variante konnte er problemlos ausgleichen. Vitiugov arbeitete viel mit Peter Svidler, bis zum 16. Zug folgte er Svidlers Partie gegen Maxime Vachier-Lagrave vom Sinquefield Cup 2016. Hou Yifan überlegte 30 Minuten, aber ihr 17.Sg3 war wohl keine Verbesserung von MVLs 17.Df3. Kurz danach entschied sich die Damen-Weltranglistenerste klug für Vereinfachungen und Remis, statt wie in Runde 3 gegen Maxime langsam in einer schlechteren und dann verlorenen Stellung zu landen:

Vishy hat die Lage unter Kontrolle | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Die letzten vier Partien mit klassischer Bedenkzeit zwischen Vishy Anand und Fabiano Caruana hatten Sieger und Verlierer, und diese Serie konnte in Baden-Baden durchaus weitergehen. Fabiano wählte eine interessante Idee im Caro-Kann und verzögerte den Rückgewinn eines Bauern. Es war nicht klar, ob das häusliche Vorbereitung war oder nicht, da beide Spieler früh viel Bedenkzeit verbrauchten. Der Moment der Wahrheit nach 20…e5:


Prinzipiell wäre, wenn Vishy hier versucht hätte, mit z.B. 21.Lb5 seinen zentralen Freibauern zu behalten, dann sieht 21…Txb7 22.Lc6 gut aus für Weiß. Aber vielleicht gefiel ihm das Gegenspiel nach 21…e3 22.fxe3 Db6! nicht, stattdessen spielte er 21.d6 Sxd6 22.Ld5 Sxb7 23.Txe4, die Spannung in der Stellung war aufgelöst und wenig später Remis.

Jan & Peter nannten die Partie "Kampf der Bärte", aber da steht MVL klar besser | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

MVL-Aronian war ein Anti-Marshall, der im 19. Zug lebendig wurde:


19.Sxe6! Sxe6 20.Dd5! Dxd5 21.exd5 war ein hübscher taktischer Trick, mit Bauerngewinn aufgrund der beiden ungedeckten schwarzen Figuren auf der e-Linie. Hatte Levon das nicht gesehen?

Sagen wir, ich habe es unterschätzt! Ich dachte, daß ich dann 21…Se5 22.Sxe5 Sd4 habe. Ich dachte, daß ich danach sehr gut stehe, aber die Idee 23.Nd3 hatte ich nicht gesehen. Dann 23…Sc2 24.Txe7 Sxa1 25.Lf4 und Weiß hat hier sehr, sehr gefährliches Spiel. Nun, aber auch ich habe eine Idee, und ich denke es sollte reichen um die Stellung zu halten - die Idee -g5. 


Es ist nachvollziehbar, warum Levon besorgt war - Weiß bekommt demnächst starke Freibauern - aber objektiv ist wohl auch das OK für Schwarz. Es spielte dabei keine Rolle, da Aronian Recht hatte und Plan B ebenfalls funktionierte. Aronian über diese Partie, den Umzug von Karlsruhe nach Baden-Baden und Vincent Keymer:

Das Leben war entspannter für einen anderen Teilnehmer des Kandidatenturniers:

Naiditsch-Bluebaum 1/2

Arkadij Naiditsch "zerstörte" Matthias Bluebaum - fast | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Arkadij Naiditschs Absichten für diese Partie wurden klar, nachdem er mit 9.g4 einen Angriff startete. Unsere Kommentatoren bezweifelten zwar, ob die Faustregel "Flankenangriff im Zentrum kontern" hier zutraf, aber Bluebaums 9…e5 war die erste Wahl von Engines. Zunächst hielt Schwarz offenbar das Gleichgewicht. Dann aber wollte Matthias einen Bauern gewinnen…


19…Lxd3? 20.Lxd3 Txf3 - Ziel erreicht, aber zu einem hohen Preis: mit Tempogewinn konnte Weiß seine Dame zum Königsflügel überführen: 21.De2! Tf8 22.Dh5! Se7:


Naiditsch hatte noch 51 Minuten, Bluebaum noch 7. Aber nach nur 4 Minuten beschloss Arkadij, "stilvoll" mit 23.Txg7?! Kxg7 24.0-0-0!? gewinnen. Erst nach 24…Tf7! grübelte er 28 Minuten und musste entdecken, daß es keinen forcierten Gewinn gibt.

Stattdessen war 23.f4! in der obigen Stellung einfach und vernichtend. 23…exf4 ist natürlich wegen 24.Dxh6+ nebst Matt unmöglich, aber ansonsten ist das simple fxe5 eine sehr starke Drohung - Weiß behielte sehr starken Angriff ohne weitere Opfer. Das war in der Partie noch nicht alles aus Sicht von Arkadij. Er konnte sich zusammenreissen und an die neue Situation anpassen, mit genauem Spiel erreichte er ein scheinbar leicht gewonnenes Endspiel:


Schach ist allerdings hart, und obwohl Naiditsch keine offensichtlichen Ungenauigkeiten unterliefen war sein Vorteil bald komplett dahin. Bluebaums Beitrag war, daß er perfekt spielte, sobald seine Stellung total verloren war. Am Ende spielte gar Matthias "auf Gewinn", allerdings ohne ernsthafte Gewinnchancen mit Turm gegen Springer. Der spanische GM Pepe Cuenca schaffte es allerdings, mit "fake news" selbst in diesem Endspiel Aufregung zu erzeugen - dieses Videofragment ist auch ohne jegliche Spanischkenntnisse unterhaltsam!

Trotz aller Aufregungen also der erste Tag mit nur Remisen, damit ist auch der Tabellenstand (bis auf ein halber Punkt mehr für alle zehn) unverändert:


Magnus versprach, ab der nächsten Runde gut zu spielen - Weiß gegen Levon Aronian wäre ein guter Moment. Bei Vitiugov-MVL und Caruana-Hou Yifan könnte eine Vorentscheidung fallen, wer das 2018 GRENKE Chess Classic gewinnt.

Wiederum (englischer) Livekommentar mit Jan Gustafsson und Peter Leko hier auf chess24 ab 15:00 MESZ!

Siehe auch:


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