Berichte 21.04.2017 | 13:20von Colin McGourty

GRENKE Classic, R5: Magnus gewinnt, Levon führt

Magnus Carlsen konnte beim GRENKE Chess Classic 2017 endlich eine Partie gewinnen, indem er einen frühen Fehler Georg Meiers im fünften Zug voll ausnutzte. Damit ist Magnus wieder im Rennen um den ersten Platz, seine Aussichten wurden jedoch etwas getrübt, als Levon Aronian ein schwieriges Endspiel gegen Arkadij Naiditsch verwerten konnte. Fabiano Caruana duellierte sich mit Maxime Vachier-Lagrave im Najdorf und hat nun wie Magnus einen Punkt Rückstand. Hou Yifan hat gleich viele Punkte gesammelt und könnte das Turnier wieder völlig offen gestalten, wenn es ihr gelingt, in der sechsten Runde Levon Aronian zu schlagen.

Endlich ein Sieg für den neu gestylten Magnus! | Foto: Offizielle Turnierseite

Bei nur noch drei zu spielenden Runden ging es für Magnus am Donnerstag bereits um alles, und er nutzte seine Chance. Ihr könnt alle Partien mit Computeranalyse nachspielen, indem ihr auf ein Ergebnis klickt:

Die Veranstalter liefern mit exzellenten Videos Eindrücke vom Tagesgeschehen:

Und für eine Zusammenfassung der Runde gibt es keinen Besseren als unseren Kommentator Peter Leko:

Ihr könnt euch natürlich auch die ganze Sendung zur fünften Runde mit Peter und Jan Gustafsson ansehen:

Höhepunkte der fünfstündigen Sendung waren, als Leko Großmeister im Spielsaal mit Jean-Claude van Dammes Training mit Augenbinde im Film Bloodsport verglich... und er sprach auch über jemanden, mit dem er oft verglichen wird:

Leko: Ich denke, dass Anish Giri in der Eröffnung extrem gut ist. Er ist auch sehr flexibel, er spielt alles Mögliche. Ich muss sagen, dass ich nicht glücklich darüber bin, dass er als Spieler mit Remistendenzen bezeichnet wird, da es für mich als Spitzenspieler sehr interessant ist, Anishs Partien zu verfolgen. Er hat immer interessante Ideen, daher freue ich mich wirklich auf jede Partie von Anish. Die Leute mögen darüber scherzen, dass es natürlich Anish ist, der meinen Platz bei Spitzenturnieren eingenommen hat, indem er zwar Ideen hat, aber in vielen Partien remis spielt. Ich hoffe wirklich, dass Anish diese schwierige Phase übersteht, da ich weiß, dass es dich beeinflusst, wenn Leute nur noch darüber sprechen, wie Leko nur noch remis spielt, wie Anish jetzt nur remis spielt. Du bekommst wirklich das Gefühl, dass du der ganzen Welt beweisen musst, dass du doch kämpfst, dass du doch willst. Ich denke, dass das tatsächlich der Grund war, warum Anish im letzten Jahr mit Schwarz fast ausschließlich auf Najdorf umgestiegen ist, und dann haben diese ganzen sogenannten Remisserien begonnen. Es hat nichts mit seinen Ambitionen zu tun. Er ist ehrgeizig, er will gut Schach spielen, aber irgendwie scheint das Verwerten einer guten Stellung das zu sein, was er noch perfektionieren muss; und dann ist nach vielen Remisen noch der zusätzliche Druck da, wenn du eine bessere Stellung hast, da du spürst, dass du gewinnen musst; andernfalls werden alle wieder Witze machen, daher ist da wirklich zusätzlicher Druck. Ich fühle in diesem Sinne mit Anish, da ich genau weiß, wie schwer es ist, mit dieser Situation umzugehen.

Vielleicht sind offene Turniere die Lösung? Giri hat im Reykjavik Open nun 3 aus 3, ein extracooler Baadur Jobava schaut zu | Foto: Lennart Ootes 

Gustafsson: Ich habe viel darüber gesprochen. Ich bin ein großer Fan von Anish Giri und ich denke, dass es heute sogar noch schlimmer ist als zu unserer Zeit, da die sozialen Medien so viel mächtiger sind. Ich bin mir sicher, dass es bereits jetzt auf Twitter hundert Witze über Leko und Giri gibt: Leko sagt, Giri sei sein Junge. Und auch wenn ich glaube, dass Anish mental stark ist und er sagt, dass ihn das nicht beeinflusst, bemerkt man diese Dinge doch, und dann denkt man, dass man es der ganzen Welt beweisen muss; das ändert seine Spielweise etwas, und ich denke, dass das vielleicht ein Grund dafür ist, dass seine Wertungszahl etwas zurückgegangen ist. Er ist natürlich noch immer oben, aber er ist von 2800 auf 2700 gefallen.

Leko: Ich bin mir ziemlich sicher, dass er wieder zurückkommt. Das ist nur vorübergehend. Ich bin mit dir einer Meinung, da er in Moskau ein sehr gutes Kandidatenturnier gespielt hat. Ich denke, dass es allein hinsichtlich der Qualität seiner Schachpartien so aussah, als ob er dort mitunter das beste Schach zeigte. Am Schluss gab es jedoch 14 Remisen und jede Menge Witze, und dann begann er im nächsten Turnier in Stavanger plötzlich, mit Weiß Najdorf mit Lg5 zu spielen, Najdorf mit Schwarz und allem. Er wollte der Welt wirklich beweisen, dass er gewinnen möchte.

Jan: Das hat nicht so gut funktioniert - er erzielte minus 1 oder minus 2.

Leko: Ganz genau. Ich spürte wirklich, dass er der Welt etwas beweisen wollte. Ich denke, wenn er irgendwann zur Ruhe kommt und wieder Schach für sich selbst spielt, werden auch die Ergebnisse wieder automatisch kommen.

Jan: Er hat auch vor kurzem Nachwuchs bekommen, daher hat er vermutlich nicht so viel Schlaf und Najdorf-Zeit wie üblich bekommen. Er wird zurückkommen, aber ich bin mir sicher, dass er von unserer Unterstützung entzückt ist! (lacht)

Unsere Kommentatoren sprachen danach über weitere Eröffnungsspezialisten wie Vladimir Kramnik, der in letzter Zeit eine Verwandlung durchgemacht hat, und noch viele andere Themen. Wenn ihr Sendungen bei chess24 mit Spielern wie Leko unterstützen möchtet, könnt ihr eine Premium-Mitgliedschaft für nur €9,99 pro Monat in Betracht ziehen - wer weiß, vielleicht können wir Peter ja genug bezahlen, damit er sich sein erstes Mobiltelefon leisten kann!

Kommen wir nun jedoch zu den Partien der fünften Runde:

Die Runde nach dem Ruhetag

Arkadij Naiditsch und Georg Meier hatten in Runde 4 sechs Stunden lang gegeneinander gekämpft, und nach den Geschehnissen in der fünften Runde könnte man behaupten, dass sich beide noch nicht ganz davon erholt haben. Es ist aber andererseits auch einfach, gegen Spieler wie Magnus Carlsen und Levon Aronian schlechte Figur zu machen.

Meier wusste, dass es schwer werden würde, aber er hätte es nicht so schnell so schwer machen müssen... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Magnus wusste, dass er die Partie gegen Meier auch mit Schwarz gewinnen musste, um weiterhin reelle Chancen auf die Titelverteidigung beim GRENKE Chess Classic (er gewann die letzte Ausgabe 2015) zu haben. Er zeigte sich mit der Grünfeld-Indischen Verteidigung kämpferisch und wurde dafür bereits im fünften Zug belohnt, als Meier 5. g3?! spielte:


Georg hatte Probleme, seine Wahl zu erklären:

Es ist irgendwie eine Schande zuzugeben, dass ich am Brett einfach beschloss, g3 zu spielen, obwohl ich wissen sollte, dass das schlecht ist; und als ich später bemerkte, wie schlecht es ist, versuchte ich, wenigstens etwas Interessantes zu versuchen, aber das hat einfach nicht funktioniert.

Magnus sagte, er wisse nicht viel, doch er wusste genug:

In diesen Stellungen nimmt Schwarz üblicherweise auf c4... das ist immer gut für Schwarz. Ich hatte aber nicht gedacht, dass es so gut laufen würde.

Carlsen meinte, die Stellung sei einfach verloren, nachdem er mit 17. ... c5 seinen Vorteil einzementiert hatte ("Ich sehe nicht, wie man den Verlust von mindestens einem Bauern mit schlechter Stellung vermeiden kann"); Meier verriet, es sei eine "kalte Dusche" gewesen, als er bemerkte, dass sein beabsichtigtes 16. Sa4? Txb7 17. Dxc4 auf 17. ... Tb4! stößt, wonach das Schlagen des Turmes natürlich mit 18. ... Sc2+ und Doppelangriff auf König und Dame beantwortet wird.


Georg gab erst im 41. Zug auf, aber Magnus unterliefen bei der Verwertung seines Vorteils keine Fehler mehr. Die Brille hat ihren ersten Sieg errungen:

Carlsen gab später noch ein weiteres Interview:

Leko meinte: "Wenn er zu gewinnen beginnt, ist er üblicherweise schwer aufzuhalten." Allerdings könnten auch zwei Siege in den letzten Runden nicht reichen, da Levon Aronian im Moment +3 hat.

Beim ersten Superturnier seit dem letzten GRENKE Chess Classic vor zwei Jahren kann Naiditsch kaum hinsehen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Bei Arkadij Naiditsch war es ähnlich. Er wurde durch eine Zugumstellung in der Katalanischen Eröffnung von Levon überrascht und dann von seiner üblichen prinzipiellen Herangehensweise in die Irre geführt. Er wählte einen ehrgeizigen Aufbau mit 7. ... Sd5 und 8. ... b5, doch Aronian spürte, dass der nächste Zug beinahe der entscheidende Fehler war:


9. ... Lb7?! war nach dem Aufzug des b-Bauern der natürlichste Zug, allerdings empfahlen sowohl die Spieler als auch die Kommentatoren stattdessen 9. ... Sb4. In der Partie konnte Levon sofort mit 10. Sxd5 Lxd5 11. e4 Lb7 12. d4 im Zentrum durchbrechen. Arkadij bezeichnete sein 12. ... cxd4 als "einen fürchterlichen Zug", aber es ist nicht klar, ob es etwas Besseres gab, selbst wenn es nicht der "einzige Zug" gewesen wäre, wie es Levon ausdrückte.

Levon hat zwei Runden vor Schluss einen ganzen Punkt Vorsprung und hat nun den ersten Platz beim GRENKE Chess Classic vor Augen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Aronian schien bald eine überwältigende Stellung zu haben, doch Naiditsch konnte die unmittelbare Katastrophe abwenden, befand sich jedoch einfach auf der falschen Seite einer wunderschönen Schachpartie. Leko fand, dass Aronians 29. b4! die Art ästhetischen, dominanten Zuges war, die man heutzutage im modernen Schach so selten spielen kann:


Nichtsdestotrotz führte es schlussendlich zu einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern, in dem Levon einen einzelnen Mehrbauern hatte. Magnus Carlsens Bauchgefühl war, dass Naiditsch die Stellung halten können sollte, und gab eine Variante an, in der eine Festung dafür sorgt. Er könnte damit Recht gehabt haben, aber in der Partie gab es keine Festung. 45. ... Kd5 könnte als Schritt in die falsche Richtung gesehen werden:


Nach 46. Le4+! Kc4 47. Lc6 gehen die schwarzen Bauern am Damenflügel nirgendwo hin und es scheint, als ob die weiße Bauernphalanx nicht mehr aufzuhalten wäre. Levon konnte seine restlichen Züge im Blitztempo ausführen, ehe Naiditsch im 58. Zug aufgab.

Schlagabtausch im Najdorf

Beide Spieler bleiben stur bei Najdorf | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Es gab das starke Gerücht, dass scharfe Abspiele in der Sizilianischen Verteidigung durch Rechenfortschritte unspielbar geworden wären, allerdings haben wir im letzten Jahr einige spektakuläre Theorieduelle auf allerhöchstem Schachniveau zu sehen bekommen. In der fünften Runde des GRENKE Chess Classic spielte Fabiano Caruana Najdorf mit 6. Lg5, Maxime wich mit 13. ... Lb7 von 13. ... g5 ab, mit dem Hikaru Nakamura gegen Fabiano bei den London Chess Classic 2016 unterging. Falls Fabiano dann 14. Lg2 gespielt hätte, wäre er Hikarus Gewinnpartie gegen Maxime im selben Turnier gefolgt. Er spielte stattdessen eine Neuerung, oder zumindest einen Zug, den er laut eigener Aussage erst einmal in einer Fernschachpartie gesehen hatte: 14. h2-h4!?


Als Jan Gustafsson nach dieser Begegnung mit den Spielern sprach und meinte, die Partie sei friedlich zu Ende gegangen, antwortete Maxime: "An dieser Partie war nichts friedlich!" Die Spieler fuhren mit typischem Spiel auf entgegengesetzten Flügeln des Brettes fort, bis Caruana 19. f5 zog:


Maxime - derzeit der weltweit führende Najdorf-Experte - fühlte, dass das "definitiv nicht der richtige Weg ist". Schwarz gleicht nach 19. ... Sxe5 20. fxe6 0-0 21. Dg1 zumindest aus, doch Fabiano meinte, sich daran zu erinnern, dass 19. f5 der richtige Zug sei - möglicherweise ist 21. g5! die Verbesserung, die er vergessen hat.

Die Partie verlief bald unklar. Schwarz konnte sich stabilisieren, und unsere Kommentatoren wiesen darauf hin, dass das oft bedeutet, dass Schwarz im Najdorf besser steht. Das schien auch hier der Fall zu sein, doch nach dem Abtausch der Damen war es nur noch Caruana, der auf Sieg spielen konnte. Maxime sagte:

Ich war bereit zuzugeben, dass ich nicht besser stand, aber nicht, dass ich ein Remis forcierten musste!

Die Partie verdient natürlich eine tiefere Analyse, als bei einem schnellen Überblick möglich wäre, aber das Ergebnis lautete nach 43 Zügen Remis.

Eine sehr frühe Überraschung von Hou Yifan, die für gewöhnlich 1. e4 spielt | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Die andere unentschiedene Begegnung in dieser Runde war Hou Yifan - Blübaum. Beide Spieler hatten in der vorangegangen Runde verloren (Blübaum sogar drei Mal in Folge), daher könnte man annehmen, es sei eine Partie, in der jeder mit einem Remis zufrieden ist. Gegen wen sollte man jedoch in einem Superturnier auf Sieg spielen, wenn nicht gegen Spieler, die ungefähr gleich stark sind? Diese Unsicherheit zeigte sich womöglich in der Partie

Blübaum wurde durch Hou Yifans 1. d4 überrascht, übernahm aber einen Plan, den Leko voriges Jahr in der Ragosin-Variante wählte und damit eine gute Stellung erreichte. Doch gerade als Hou Yifan eine Gelegenheit zur Rochade hatte - womit all ihre Probleme gelöst wären - spielte sie das aggressive 20. h4!?


Sie beschrieb es später so:

Etwas zu aggressiv. Vielleicht nicht der beste Zug, aber in einer geeigneten Partie beschloss ich, etwas Interessanteres zu versuchen.

Es gab Momente (z. B. 24. ... g4!), in denen Matthias mehr erreichen hätte können, allerdings hatte auch Hou Yifan in Zeitnot ihre Chancen (die Alternative 39. Txf6 statt 39. Sxf6 sieht interessant aus). Das Remis nach 48 Zügen scheint insgesamt ein faires Ergebnis zu sein; damit hat Matthias gegen die beste Frau der Welt remis gespielt, während Hou Yifan weiterhin auf dem geteilten zweiten Platz liegt.

Sie gab nach der Partie ein Interview:

Zwei Runden vor Schluss sieht die Tabelle wie folgt aus:


Aronian trifft nun mit Weiß auf Hou Yifan und könnte einen riesigen Schritt Richtung Turniersieg machen, sollte er diese Partie gewinnen. Andererseits könnte selbst in diesem Fall Caruana mit einem Schwarzsieg über Blübaum ein Playoff erzwingen, sofern er in der letzten Runde mit Weiß gegen Aronian gewinnt. Und falls Hou Yifan gegen Aronian gewinnt, ist natürlich alles möglich!

Und da ist natürlich noch der Faktor Carlsen. Er spielt nun mit Schwarz gegen Naiditsch, und obwohl er früher schon einige Niederlagen gegen Arkadij einstecken musste, wird er sich zweifellos darüber freuen, auf einen Gegner zu treffen, der nicht unbedingt auf Remis spielt. In der letzten Runde hat Magnus Weiß gegen MVL.

Peter Leko und Jan Gustafsson berichten wieder ab 14:50 live vom Turnier. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:   

         

Weitere Links:


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