Berichte 20.04.2017 | 12:55von Colin McGourty

GRENKE Classic, R4: Aronian übernimmt die Führung

Mit seinem zweiten Sieg in Folge hat Levon Aronian drei Runden vor Schluss die Führung bei den GRENKE Chess Classic 2017 übernommen. Sein jüngstes Opfer war der 19-jährige Matthias Blübaum, der nach einem Fehler in der Eröffnung zu einer schwierigen Verteidigung verdammt war. Nicht viel besser erging es Hou Yifan, die sich am Ende MVL beugen musste. Zum vierten Mal remis spielte Magnus Carlsen gegen Fabiano Caruana, während Arkadij Naiditsch in einer sechsstündigen Achterbahnfahrt den Gewinn gegen Georg Meier ausließ.

Kasimdzhanov zitierte Kasparovs Worte, dass "die Schachwelt ein besserer Ort sei, wenn Aronian in Form ist".  | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Nach dem Umzug von Karlsruhe nach Baden-Baden machten die Spieler da weiter, wo sie aufgehört hatten, und boten in allen vier Partien begeisterndes Kampfschach.

Den kompletten Live-Kommentar (auf Englisch) mit dem aus Thailand zurückgekehrten Jan Gustafsson, Peter Leko und dem Caruana-Sekundanten Rustam Kasimdzhanov könnt ihr euch hier noch einmal anschauen:

Die gestrigen Ereignisse zeigten wieder einmal, dass Schach ein sehr schwieriges Spiel ist, falls es dieser Bestätigung überhaupt bedurfte. Mehr als einmal erwiesen sich die entstandenen Positionen als zu schwierig, um bis zum Ende durchzublicken – für die besten Spieler der Welt und für die Kommentatoren. Die Computer zeigten ihre Bewertungen an und lagen dabei sicher richtig, doch die Gründe zu erkennen, ist noch einmal eine ganz andere Sache.

Führungswechsel

Beginnen wir mit der vermutlich übersichtlichsten Partie, Blübaum-Aronian. 

Blübaums Feuertaufe verläuft bisher wenig erfolgreich| Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Nach zwei Niederlagen in Folge konnte die 19-jährige deutsche Nachwuchshoffnung alles gebrauchen, nur keinen schlechten Zug in einer bekannten Stellung:


In Gibraltar spielte Fabiano Caruana Anfang des Jahres 11.Tfd1, um den d-Bauern zu stützen, und erst zwei Züge später 13.h3. Blübaum dagegen spielte sofort 11.h3?, worauf sich nach 11…dxc4 12.bxc4 c5 zeigte, dass 13.d5 wegen der mangelnden Unterstützung des d-Bauern nicht gut ist. Dieser Zug wäre aber besser gewesen als Blübaums 13.Qe2, worauf ihm Aronian einen isolierten Bauern verpasste, der bereits im 23.Zug fiel. Weiß hatte Remischancen, aber mit wenig Zeit war diese Stellung wahrlich kein Zuckerschlecken gegen einen von seinem hübschen Sieg gegen MVL frisch gestärkten Aronian. Am Ende erzwang Levon mit Mattdrohungen den Damentausch und gewann leicht.  

Aronian ist damit weiter ungeschlagen und durch seinen zweiten Sieg in Folge übernahm er sogar die alleinige Führung, da Hou Yifans Traumstart ein jähes Ende fand. Die Nummer 1 der Damen konnte ihre bisherige Bilanz von 0 aus 3 gegen den Weltmeister am Vortag aufpolieren, aber aus den 0,5 aus 5 gegen MVL wurden 0,5 aus 6. 

Maxime wartet bei den diesjährigen GRENKE Chess Classic immer noch auf sein erstes Remis | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

In einer Anti-Berliner-Variante war Hou Yifan gut auf Maxime vorbereitet, der hinterher darauf hinwies, dass 11…Dd6 und nicht das von seiner Gegnerin gespielte 11…Te8 die Hauptvariante sei. Wenig später wurden die Damen getauscht, und es war klar, dass der Nummer 1 der Damen ein harter Arbeitstag bevorstand, da sie einen schwachen Isolani auf c7 hatte und mit dem Springer die schlechtere Leichtfigur hatte.


Maxime kommentierte, “Ich bekam ein sehr angenehmes, vorteilhaftes Endspiel, in dem ich endlos Druck ausüben kann“, während Jan Gustafsson sogar noch weiter ging: „Mit Weiß würde ich hier auf jeden Fall Remis ablehnen!“

Erster Rückschlag für Hou Yifan, die heute mit Weiß gegen Blübaum aber direkt zurückschlagen kann | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Hou Yifan ist bei diesem Turnier in guter Form und sie kam dem Remis ziemlich nahe. Maximes 53.b3  war objektiv vermutlich ein Fehler – 53.Ld8+! Kg7 54.Le7! ist der Beginn der Zugfolge, die der Computer vorschlägt und die die 10.000 Elo-Punkte, die zusammen am Brett und in der Kommentatorenkabine saßen, übersahen – aber die Falle zahlte sich aus:


53…Sc5! hätte die Partie wohl gerettet – nach 54.bxa4 schlägt der Springer nicht, sondern blockiert später auf a6 den Bauern. Stattdessen spielte Hou Yifan in dieser Stellung 53…Kg5, doch nach 54.Lb4! war der Springer aus dem Spiel und Weiß gewann. Die Pointe ist, dass 53.Lb4 einen Zug vorher wegen 53…c5 54.Le1 und jetzt 54…c4 nicht funktioniert hätte.

Der Springer kam nun nicht mehr zur Blockade nach a6 und musste sich auf dem Feld a8 auf die Hinterbeine stellen. Weiß hatte zwar den falschen Läufer, um die Umwandlung auf a8 zur erzwingen, brachte Schwarz aber dennoch in Zugzwang.


Maxime Vachier-Lagrave sprach hinterher über seine Gewinnpartie:

Zwei sehr unterschiedliche Remis

Magnus saß zu Beginn der Runde allein auf der Bühne| Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Zeit für Meditation... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Carlsen hat bei den GRENKE Chess Classic eine schwierige Auslosung, denn gegen seine härtesten Rivalen hat er Weiß und in den restlichen Partien viermal Schwarz. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er in der 1.Runde seinen riesigen Stellungs- und Zeitvorteil gegen Matthias Blübaum ausgenutzt hätte, doch nun stehen nach seiner Partie gegen Fabiano Caruana vier Remis zu Buche.

Der Amerikaner spielte etwas überraschend Russisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6), aber natürlich hatte Magnus darauf etwas parat und ging in die Französische Abtauschvariante über. Fabiano probierte einen neuen Zug aus, womit er Magnus zu einem Bauerndurchbruch im Zentrum provozierte, ehe dieser seine Gewinnchancen mit 15.Sb5!? auslotete: 


Nach 20 Minuten erkannte Fabiano, dass er die direkte Drohung ignorieren und einfach 15…Sbd7! spielen konnte, wonach er in allen Varianten gut steht. Magnus ging vielleicht ein wenig zu hart mit sich und seinem Zug ins Gericht:

15.Sb5 ist ein Fehler. Ich bin nicht sicher, ob Weiß überhaupt besser steht, aber der Grund, warum ich 15.Sb5 gespielt habe, ist, dass ich seine Idee komplett übersehen habe.

In der Partie folgte 16.Te1 Lc5 17.Lb3 Tac8 18.Lf4 Lxf3 19.gxf3 a6 20.Sxc7 Sh5 21.Se6! mit einem weißen Mehrbauern, aber nach Massenabtausch entstand ein Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern, das klar remis war.

Caruana liegt drei Runden vor Schluss einen halben Punkt vor Carlsen| Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

Dramatisch ging es in der letzten Partie zwischen Arkadij Naiditsch und Georg Meier zu. Arkadijs Königsflügelangriff wurde von Meier zunächst souverän pariert, aber in der kritischen Stellung griff er fehl:


Jan und Peter vermuteten im Kommentatorenraum, Meier hätte wohl übersehen, dass auf 26…Kd7 das starke 27.Dc1! folgt, wonach die Stellung aber vermutlich verteidigungsfähig bleibt. Meier selbst meinte, er habe übersehen, dass 26…Lf8! mit 27.Da4 beantwortet wird, aber nach 27…Db5 sieht es wieder so aus, als könne Schwarz sich halten. 28.Da3 wird dann mit dem hässlichen aber ausreichenden 28…Se7 beantwortet.

Georg Meier schien völlig verloren... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite 

In der Partie sorgte das Eindringen des weißen Turms nach 26…Ke7? 27.Txb8 (27.Dc1 ist vermutlich noch stärker) 27...Txc2 28.Tb7+ für große schwarze Probleme. Naiditsch hätte die Partie auf mehrere Arten beenden können, am einfachsten vermutlich nach 33…Kxf7:


34.Ke1! Tc2 35.Lh5+! g6 (35…Kf8 36.Td8#) 36.Lxg6+ und der Rest ist Formsache. Naiditsch hätte seinen dritten Sieg gefeiert und wäre gleichauf mit Aronian an der Spitze gestanden.

Stattdessen spielte Naiditsch 34.Ta7 Tc2 35.Ke1 und nach 35…Txc3 gewinnt Weiß auf einmal nicht mehr so leicht das Turmendspiel wie in den vorherigen Varianten. Es kam fast noch schlimmer, denn nachdem Naiditsch dem Remis durch Zugwiederholung ausgeschlagen hatte, landete er in einer Stellung, die nur noch Meier gewinnen konnte.

"Alle überlegen, was er überlegt"

Peter Leko spekulierte, was Naiditsch nach einer Niederlage getan hätte:

Verlierst du eine solche Partie, erklärst du normalerweise direkt deinen Rücktritt… und kommst am nächsten Tag wieder ans Brett.

Am Ende ging die Partie aber remis aus, und Naiditsch liegt damit gemeinsam mit Hou Yifan und Caruana auf dem zweiten Platz:


Drei Runden vor Schluss geht es allmählich um die Wurst, und am heutigen Donnerstag ist sicher Caruana-MVL die Partie der Runde. Carlsen muss mit Schwarz gegen Meier ran, und Hou Yifan wird die Scharte von gestern mit Weiß gegen Blübaum auszuwetzen versuchen.

Hoffen wir, dass es Rustam Kasimdzhanov als Sekundant seines Schützlings wieder langweilig wird... | Foto: Georgios Souleidis

Auch heute kommentieren wieder Peter Leko und Jan Gustafsson live ab 14:50 Uhr auf chess24 das Geschehen. Natürlich könnt ihr die Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:        

         

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