Berichte 03.04.2018 | 11:57von Colin McGourty

GRENKE Classic, R3: Siege für MVL & Fabi, Sensation durch Keymer

Mit einem Sieg gegen Hou Yifan hat Maxime Vachier-Lagrave bei den GRENKE Chess Classic nach drei Runden zum Führenden Nikita Vitiugov aufgeschlossen. Außerdem gewann Fabiano Caruana seine Partie gegen Georg Meier und liegt nun mit Magnus Carlsen und Levon Aronian auf dem geteilten zweiten Platz. Die Sensation des Tages gelang aber dem 13-jährigen Vincent Keymer. Das große deutsche Talent, das von Peter Leko trainiert wird, ging als Nummer 99 der Setzliste in das GRENKE Chess Open und holte dank eines Schlussrundensiegs gegen Richard Rapport 8 aus 9. Damit konnte Keymer nicht nur als alleiniger Erster die Siegprämie von €15.000 in Empfang nehmen, er qualifizierte sich auch für die GRENKE Chess Classic im kommenden Jahr.

Dem 13-jährigen Vincent Keymer gelang eines der besten Ergebnisse, das je ein Spieler in seinem Alter erzielt hat | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Beginnen wir aus gegebenem Anlass mit dem GRENKE Chess Open, das am Ostermontag in Karlsruhe entschieden wurde:

Mit fast 1500 Spielern war es eines der größten Open, das je abgehalten wurde, und das A-Turnier mit 800 Spielern wurde tatsächlich vom 13-jährigen Vincent Keymer gewonnen. Er holte 8 aus 9, blieb ungeschlagen, erspielte eine Elo-Leistung von 2800 und landete einen halben Punkt vor Anton Korobov, Dmitry Gordievsky und Alexei Shirov:


Alle Partien des Open könnt ihr hier nachspielen:

Die entscheidende Partie war faszinierend. Richard Rapport brauchte einen Sieg, um selbst eine Chance auf den Turniersieg zu haben, und opferte für einen optisch gefährlichen Angriff eine Figur:


25…Te7! ist ein typisches Beispiel, wie cool Vincent mit der Sitution umging und dem König einen Fluchtweg verschaffte. Er zeigte obendrein, dass er nicht nur mit dem Medienrummel gut zurecht kam, sondern auch, dass er perfekt Englisch spricht: 

Im Interview mit Georgios Souleidis zeigte er sich allerdings unsicher, ob er die Einladung zu den  GRENKE Chess Classic im kommenden Jahr tatsächlich annehmen soll:

Obwohl er in puncto Elo vielen Altersgenossen voraus ist und nun auch seine erste Großmeisternorm erzielt hat, hätte ihm vermutlich niemand ein solch einzigartiges Ergebnis zugetraut. Mit Peter Leko als Trainer scheint er nun auch die optimale Unterstützung gefunden zu haben:

"Das ganze Turnier ist eine einzige Werbeveranstaltung für Peter Leko! Großartiger Kommentar und nun auch noch das. Das hat er sich verdient!"

Die beiden arbeiten seit einem halben Jahr zusammen, wobei Vincent im Interview einschränkend erwähnte, dass Leko als Sekundant beim Kandidatenturnier war (aber nicht verriet, für wen) und die gemeinsame Zeit deshalb begrenzt war. Am Ende seiner Tageszusammenfassung schilderte Leko die Eindrücke, die er von seinem Schützling gewonnen hat:  

Unter anderem sagte er:

Ich freue mich für ihn und bin extrem stolz. Das ist ein sensationelles Ergebnis. Er hat Geschichte geschrieben. Es war phänomenal, mit welchem Selbstvertrauen er gespielt hat… Unter diesem Druck gegen Richard all diese Komplikationen zu durchblicken, war wirklich Weltklasse. Wir arbeiten seit einem halben Jahr zusammen, und ich habe von Anfang erkannt, welch außergewöhnliches Talent und welch toller Junge er ist. Diese Kombination ist einfach wunderbar, und ich hoffe, dass er so ein toller und netter Bursche bleibt. Er liebt Schach, er ist bereit zu kämpfen und jede Situation zu bestehen, kurzum ich glaube, ihm steht eine großartige Zukunft bevor. 

Leko äußerte sich auch zum Stil seines Schützlings:

Er hat dieses Besondere, das man nicht lernen kann, entweder man hat es oder man hat es nicht. Dieses Gefühl für feine Nuancen, bei ihm ist es ganz natürlich vorhanden… Es geht dabei nicht nur um Taktik, darin ist er sehr gut, er kann sehr gut rechnen, am meisten beeindruckt hat mich aber sein Gefühl für die feinen Nuancen, das normalerweise Weltklassespieler haben. Für mich ist es ein pures Vergnügen, mit ihm zu arbeiten.

Man sollte Vincent ermöglichen, sich ohne allzu großen Medienhype weiterzuentwickeln, doch lässt sich sicher sagen, dass die derzeit 12-, 13- und 14-jährigen Nachwuchshoffnungen vermutlich in den nächsten fünf bis zehn Jahren in die Weltspitze vordringen können.

Kommen wir nun aber zu den GRENKE Chess Classic, die bei ihrem Abschied aus Karlsruhe noch einmal Kampfschach pur boten:

Hier die gesamte Live-Übertragung der 3.Runde mit Jan Gustafsson und Peter Leko:

Hou Yifan 0-1 MVL

Maxime Vachier-Lagrave zeigte vor dem Ruhetag seine Klasse | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Bis zum 10.Zug folgten die Spieler der Schnellschachpartie Aronian 1-0 MVL vom letztjährigen Grand Chess Tour-Turnier in Leuven:


Maxime meinte, er habe während der damaligen Partie schon gesehen, dass 10…Tc8 11.Td1 Dc7 den Zug 12.De1 zulässt und daher nicht gut ist, daher spielte er dieses Mal 10…Dc7 11.Td1 Tad8, wonach das sofortige 12.De1 an 12…d5! scheitert. Damit brachte er Hou Yifan zum Nachdenken, doch schließlich stellte sie ihre Dame doch noch nach e1 und es war unklar, wer im Mittelspiel besser stand. Nach 22.Se3! statt 22.e4!? hätte Weiß gut gestanden, doch 25.De3?! war zu ambitioniert und 31.Sxa5? gewagt. 32…La6! war eine kalte Dusche für die Chinesin:


Plötzlich hat die Weiße große Probleme, und ihre beste Option wäre gewesen, mit 33.Lf3 oder 33.Sc4 zu klammern, denn nach 33.Lf1? Lxf1 34.Kxf1 Da8!, mit Doppelangriff auf den Springer auf a5 und den Bauern auf e4, war die Partie vorbei. Maxime wickelte in ein Bauernendspiel ab, in dem er zwei Bauern mehr hatte, als Hou Yifan aufgab.

Damit hat MVL zwei Siege in Folge errungen und war natürlich entsprechend zufrieden:

Ich kann nicht klagen. Letztes Jahr hatte ich weniger Grund zur Freude, denn ich verlor in den ersten drei Runden zweimal. Bisher spiele ich auch gut.

Hou Yifan konnte ihre 2,5 aus 3, die sie letztes Jahr  in Karlsruhe erzielt hatte, nicht wiederholen | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Hou Yifan hat derweil zweimal in Folge verloren, aber Partien gegen die Nummer 1 und 4 der Welt sind auch kein Zuckerschlecken. Und jetzt geht es gegen Aronian!

Hier die Analyse mit MVL:

Meier 0-1 Caruana

Erster Sieg für Caruana nach dem Kandidatenturnier | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

In Runde 3 hatte Schwarz an allen Brettern die höhere Elo, doch Fabiano Caruana war der einzige andere Spieler, der seine Partie gewinnen konnte. Georg Meier spielte die Spanische Abtauschvariante und erreichte folgende Stellung:


Bisher hatte diese Stellung als Weißer nur Arkadij Naiditsch im Jahr 2013 auf dem Brett, und hinterher gab Caruana preis, dass er seine spektakuläre Neuerung 10…g5! vier Jahre zuvor für Naiditsch vorbereitet hatte. Fabiano erinnerte sich offenbar nicht mehr an alle Details und verbrauchte wie sein Gegner für die beiden nächsten Züge eine halbe Stunde, doch nach 11.Sf3 Tg8 12.h4 Dg6 hatte Schwarz schon starken Angriff.

"Ich bin mir sicher, dass ich bei einer blinden Wette auf ein Kakerlakenrennen in Chinatown bessere Gewinnchancen hätte, als wenn ich darauf setzen würde, dass Georg Meier nicht matt wird."

Das war aber noch nichts gegen die Stellung acht Züge später, in der Georg sich zu drastischen Maßnahmen entschloss:


21.b4?! war objektiv kein toller Zug, funktionierte aber zumindest zeitweilig! Meier bekam seinen schwarzfeldrigen Läufer auf der Diagonale a1-h8 wieder ins Spiel, und Caruana fand nicht die beste Angriffsfortsetzung (wobei die Computervarianten nach 24…Sh2! zugegebenermaßen irre sind!). Am Ende waren die richtigen weißen Verteidigungszüge in Zeitnot aber zu schwer zu finden, so dass die Partie nach 33…Th3! 34.Txe6 abrupt zu Ende ging:


34…Txg3+! 35.fxg3 Dxe3+ 36.Kh2 Df2+ 37.Dh1+ hatte Meier im Voraus berechnet, dabei aber übersehen, dass nach 37…Df1+, dem letzten Zug der Partie, der Läufer tödlich eingreift: 38.Kh2 Dh3+ 39.Kg1 Lc5#

Wie schon beim Kandidatenturnier zeigte sich, dass kein Caruana nicht der Spieler ist, mit dem man seine Rechenkünste in einer wilden Stellung messen sollte. Hier die Meinung der Spieler zu dieser Partie:

Durch diesen Sieg schloss Caruana auf Platz 2 zu Magnus Carlsen auf, der Matthias Blübaum trotz dessen 50-minütigem Nachdenken über den 15.Zug in einem Königsinder nicht besiegen konnte. 

Magnus Carlsen genießt das Rampenlicht | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Die von ihm berechnete Remisvariante hatte kein Loch, aber er war sichtlich erschrocken, als Magnus den Zwischenzug 29…Sg4 auspackte:


Es handelte sich um ein merkwürdiges Déjà vu, denn wie schon in Runde 1 gegen Nikita Vitiugov, wo ebenfalls viel abgetauscht worden war und ein Remis das wahrscheinlichste Ergebnis war, befand sich Blübaum nach einem überraschenden Springerzug auf einmal in Verlustgefahr. Und auch dieses Mal drohte die schwarze Dame, Unheil auf den schwarzen Feldern anzurichten, doch wie sich zeigte, konnte Weiß beginnend mit 30.Dg3! mit einer Serie von einzigen Zügen ins Remis entwischen. Das entstehende Endspiel hielt Blübaum sicher remis.

Vishy Anand gab vor seinem Remis gegen Levon Aronian fleißig Autogramme | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

In den beiden anderen Remispartien war nie wirklich etwas los. Bei Anand-Aronian kam ein Anti-Berlin-Spanier aufs Brett, den Leko als “theoretisch sehr bedeutungsvoll” einstufte, weil Aronian mit dem Verzicht auf h6 ein Tempo einsparen wollte. Vishy griff aber nicht fehl, so dass im 31.Zug der Remisschluss folgte. 

Nikita Vitiugov liegt auch am Ruhetag in Führung| Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Bei Naiditsch-Vitiugov kam ein Spanier aufs Brett, bei dem beide Spieler lang rochierten und langwierige Manöver starteten, die aber ebenfalls im Remis mündeten. 

Damit führen nach drei Runden der GRENKE Chess Classic MVL und Vitiugov mit einem halben Punkt Vorsprung:


Am Dienstag ist Ruhetag, und danach werden in Baden-Baden ohne 1400 andere Spieler die restlichen sechs Runden absolviert! 

Am Montag durfte Vincent Keymer auf der großen Bühne gegen Richard Rapport ran | Foto: Georgios Souleidis, Turnierseite

Fiona Steil-Antoni hat sich in Karlsruhe hinter den Kulissen umgesehen:

Am Mittwoch treffen in Runde 4 Carlsen und MVL aufeinander, außerdem versprechen die Paarungen Aronian-Hou Yifan, Vitiugov-Anand und Caruana-Naiditsch viel Spannung.

Verpasst nicht ab 15 Uhr den Live-Kommentar von Jan Gustafsson und Peter Leko auf chess24!

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