Berichte 18.04.2017 | 11:03von Colin McGourty

GRENKE Classic, R3: Magnus rettet sich

„In einer solchen Stellung geht es darum, Zug um Zug zu überleben“, meinte Weltmeister Magnus Carlsen, nachdem er gerade so eben die Niederlage gegen die beste Frau der Welt, Hou Yifan, abgewendet hatte. Erneut gab es für ihn nur ein Remis, während Levon Aronian gegen Maxime Vachier-Lagrave mit erstaunlicher Leichtigkeit gewann, Fabiano Caruana gegen Georg Meier einen hübschen Sieg errang und Arkadij Naiditsch gegen Matthias Blübaum zum zweiten Mal mit Schwarz erfolgreich war.

Ein falscher Zug von Magnus, und er hätte vermutlich verloren | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Zum letzten Mal traten die Spieler Karlsruhe an und gaben dabei erneut alles:

Hier einige Turnierimpressionen:

Peter Leko hat außerdem die Geschehnisse des Tages zusammengefasst (ebenfalls auf Englisch):

Magnus Carlsen ging mit einem vollen Punkt Rückstand in sein Duell mit Hou Yifan, und natürlich konnte man angesichts der bisherigen Bilanz von 3 aus 3 davon ausgehen, dass der Weltmeister auf Sieg spielen würde. Er entschied sich für einen Najdorf-Sizilianer, aber Peter Leko fand, dass Hou Yifan mit 6.a4 und einer Variante, in der Magnus recht wenig Erfahrung hat, „sehr clever“ reagierte. In der Folge löste der Weltmeister zwar sämtliche Eröffnungsprobleme, aber die Stellung war stark vereinfacht. In seinem Kommentar nach der Partie steckte durchaus ein wenig Frust: „Bekommt man eine gute Stellung wie diese und hat keinerlei Probleme, sollte man nicht unglücklich sein.“

Magnus fing bald an, sich selbst Probleme zu bereiten| Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Um zu gewinnen, musste er ein Ungleichgewicht schaffen, und das war vermutlich die Ursache für den Plan mit 22…b5?, den er hinterher schlicht als "Desaster“ bezeichnete, da 24.Td5! ihn mehr oder weniger direkt aus den Angeln hob!


Die schwarze Schwäche auf d6 ist festgelegt, und Weiß hat den einfachen Plan Sf3-d2-c4, um sie anzugreifen. Magnus bestätigte, dass er nach einer Variante suchte, mit er sich befreien konnte, und dass es in einer solchen Stellung nur darum gehe, Zug um Zug zu überstehen. Am schlimmsten aber war vermutlich, dass er hinterher zugab, dass er sogar gegen Lawrence Trent ein Remisangebot angenommen hätte…

Allerdings zeigte Magnus auch seine enorme Qualität und fand nach tiefem Eindringen in die Stellung versteckte Ressourcen. Nach 24…Tcc6 25.Sd2 Sb7 26.Sc4 Tb5 27.Da7 Dc7 war der Weltmeister auf die naheliegendste weiße Fortsetzung bestens vorbereitet:


Er hoffte auf das natürliche 28.Ta1, worauf er 28…Tb4 spielen wollte, und wenn Weiß dann 29.Txa6 spielt, hat er 29…Tcxc4! 30.bxc4 Tb1+! 31.Kg2 Dxc4, was einen Bauern gewinnt und Weiß in Verlustgefahr bringt.

Es spielt eine Rolle, mit welchem Turm man auf c4 schlägt...

Hou Yifan war allerdings nicht dazu gezwungen, den a-Bauern in dieser Variante zu schlagen, und der Computer empfiehlt stattdessen mysteriöse Kraftzüge wie 28.h4. Es war aber verständlich, dass Hou Yifan, nachdem sie nichts Konkretes finden konnte, mit 28.Txb5 axb5 29.Sxd6 Sxd6 30.Dxc7 eine unverlierbare Variante wählte, in der sie im anschließenden Turmendspiel einen Mehrbauern hatte. Die Stellung war aber nicht zu gewinnen, und die Spieler blitzten ihre Züge herunter, bis im 38.Zug das Remis unterschriftsreif war.

Hier die gesamte Live-Show des Tages samt Analyse der Spieler:

Hou Yifan hat damit 2,5 aus 3 und ein Zwischenergebnis erzielt, mit dem sie vor Beginn nicht ansatzweise rechnen konnte. Vollständig zufrieden war sie aber nicht:

Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, aber in den beiden letzten Partien spielte ich nicht genau. Natürlich handelt es sich um praktische Partien, aber ich hatte die Hoffnung, meine Spielstärke verbessert zu haben.

Hier das Interview mit ihr nach der Partie:

Noch schneller beendet war die Partie zwischen Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave. Der Armenier feierte einen derart leichten Sieg, wie man ihn in einer Partie zwischen Weltklassespielern nur selten sieht. MVL wiederholte die Zugfolge aus einer Partie, die die beiden bei den London Chess Classic 2015 gespielt hatten, ehe Levon mit 13.Se4 vom damals gespielten 13.Bh3 abwich.


Damit verschwinden die Springer vom Brett, und als Aronian die Bauern am Damenflügel festlegen konnte, hatten seine Läufer die Kontrolle übernommen. Schließlich kam folgende, für Schwarz traurige Stellung aufs Brett:


Schwarz hat zwar einen Bauern mehr, aber der Bauer auf a5 ist Fallobst und Weiß gewinnt leicht.

"Man muss kein Genie sein" (aber es hilft!) | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

In der Analyse erklärte Levon, dass der Computer die schwarze Stellung zwar für gut befinde, er und sein Sekundant aber festgestellt hätten, dass Weiß sehr angenehm steht. Er fügte hinzu, „man muss kein Genie sein, um diese Stellung als Weißer zu spielen!“

Levon gab außerdem ein Interview, in dem er sich weiter zu der Partie äußerte:

Ich habe diese Variante schon einmal gegen Maxime gespielt. Damals ging die Partie remis aus, aber meiner Meinung nach ist sie trotz gewisser Remistendenz leichter für Weiß zu spielen. Nach der anstrengenden Partie von gestern dachte ich, es sei eine gute Idee, etwas zu spielen, worüber man nicht sonderlich lang nachdenken muss, und das hat funktioniert… Mein Gegner spielte aber auf längst nicht so hohem Niveau wie sonst.

Während MVL seine zweite Niederlage in der dritten Partie einstecken musste, sieht es bei seinem 2800er-Kollegen Fabiano Caruana mittlerweile deutlich besser aus. Er hat sich von seiner Auftaktniederlage gegen Hou Yifan mit zwei Siegen in Folge bestens erholt, und erneut war die Vorbereitung ein wichtiger Faktor. Fabiano und sein Sekundant Rustam Kasimdzhanov fanden in einer Variante, die Georg Meier dieses Jahr bereits gespielt hatte, eine Verbesserung (13.Lh4 Tc8 14.c3 statt 13.h4!?), und brachten die deutsche Hoffnung gehörig zum Nachdenken. 

"Caruana und sein Trainer Kasimdzhanov arbeiten hart an ihren (Tandem-)Eröffnungen."

Fabiano startete einen Angriff am Königsflügel, den Meier bei schwindender Bedenkzeit mit 21…h5) zu stoppen versuchte. Mit dem noch radikaleren 27…f5 forderte er seinen Gegner heraus, und der ließ sich nicht zweimal bitten:


28.Sxe6+! fxe6 29.Dd4+ und  der schwarze König schwebt in Lebensgefahr. Meier hatte nur noch Sekunden auf der Uhr, als Caruana prosaisch zur Exekution schritt:


Hier konnte Fabi mit 34.Txh8+! Kxh8 35.Te8+ Kh7 36.Lg8+! und Matt in 4 Zügen schön gewinnen, aber auch 34.Tee8 Df1+ 35.Ld1 reichte locker zum Sieg.

Caruana schaut zu, wie Aronian MVL quält | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

In der vierten Partie des Tages wurde Matthias Blübaums Eröffnungsvorbereitung zum Bumerang, als er den merkwürdig aussehenden Zug 7.Le3 (eingeführt von Pavel Eljanov in einer Schnellpartie) auspackte:


Arkadij Najditsch meinte, er habe diesen Zug nicht gekannt, hatte aber keinen Grund zur Beschwerde, da er eine soliden Mehrbauern hatte. Weiß hatte als Kompensation gewissen Druck, aber Matthias vergab diese mit 23.Da5 – einem laut Naiditsch „grausamen Zug“.

Für Blübaum hat sich das Turnier nach seinem Auftaktremis gegen den Weltmeister sehr ungünstig entwickelt | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Es ist nicht so klar, ob der Zug wirklich so schlecht war, aber nach 31.Tc1 gab es offenbar keine Rettung mehr:


Schwarz ignorierte den Angriff auf den c6-Bauern und spielte 31…a5! Genau dieser Bauer landete nach dem Schlagen auf b4 später auf b2 und gewann die Partie. Arkadij bezeichnete es als “sehr glücklich”, dass er schon zwei Partien mit Schwarz gewinnen konnte, aber vermutlich war eher die Erfahrung ausschlaggebend:

Vor dem Ruhetag liegt damit weiter Hou Yifan allein in Führung, aber Naiditsch, Caruana und Aronian sind ihr auf den Fersen.


Das Turniergeschehen ist damit in Karlsruhe beendet, und die Spieler ziehen nach Baden-Baden um. Das stark besetzte GRENKE Chess Open endete mit dem Sieg Nikita Vitiugovs, der die beste Wertung von vier punktgleichen Spielern hatte:


Freuen wir uns also auf die restlichen vier Runden der GRENKE Chess Classic, die ab morgen ausgetragen werden.

Hält Hou Yifan durch und sichert sich den größten Erfolg ihrer Karriere? | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Turnierseite

Am Mittwoch kommt es zum Klassiker Carlsen-Caruana, während Hou Yifan mit Schwarz gegen Maxime Vachier-Lagrave ranmuss. Live kommentieren werden dieses Mal Peter Leko und der vom Bangkok Chess Club Open zurückgekehrte Jan Gustafsson, wie immer ab 14:50 Uhr auf chess24. Natürlich könnt ihr die Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:   

         

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