Berichte 17.04.2017 | 08:44von Colin McGourty

GRENKE Classic, R2: Hou Yifan startet mit 100 Prozent

Nach zwei Runden führt bei den GRENKE Chess Classic 2017 die beste Frau der Welt, Hou Yifan, mit einem ganzen Punkt Vorsprung vor der versammelten Weltklasse. Die Chinesin schlug Georg Meier, während Magnus Carlsen und Levon Aronian bei ihrem Remis „reine Kunst“ (Leko) produzierten. Der Weltmeister ließ dabei allerdings eine gute Gewinnchance aus. Fabiano Caruana kehrte mit einem Sieg gegen Arkadij Naiditsch in den Club der 2800er zurück, und auch MVL feierte einen hart umkämpften Sieg in der längsten Partie des Tages gegen Matthias Blübaum.

Hou Yifan feiert einen absoluten Traumstart | Foto: Lennart Ootes

Aus der Sicht des Publikums | Foto: Lennart Ootes

Nach Runde 1 konnte man sich kaum noch eine Steigerung vorstellen, aber die Spieler taten alles, um die vielen Zuschauer vor Ort in Ekstase zu versetzen. Mit einem Klick auf das jeweilige Ergebnis könnt ihr alle Partien nachspielen. 

Unsere Kommentatoren Peter Leko und Lawrence Trent haben das Wichtigste des gestrigen Geschehens hier zusammengefasst (auf Englisch):

Drei Partien fanden einen Sieger, aber das Duell des Tages war zweifellos das einzige Remis.

Carlsen 1/2-1/2 Aronian

Aronian und Carlsen trafen bereits zum 51.Mal aufeinander und boten eines ihrer spannendsten Duelle | Foto: Lennart Ootes

Um diese Partie vollständig genießen zu können, muss man zumindest ein wenig in die Computeranalyse eintauchen, die sofort einige Fehler beider Spieler entdeckt. Verfolgt man nur den Live-Kommentar von Lawrence und Peter oder die Spielerinterviews danach, bekommt man aber einen Eindruck, wie kompliziert und zweischneidig diese Partie war. Hier der Live-Kommentar samt Interviews:

Bei dieser Partie handelte es sich um einen der seltenen Fälle, bei denen ein Kommentator mehr zu wissen schien als die Spieler am Brett. Peter Leko, dem einst nur ein Remis zum WM-Titel fehlte und der seit vielen Jahren eine Elo von über 2700 hat, gab preis, dass er für diese Variante des Anti-Marshall die Neuerung 9…Lc5 vorbereitet hatte, dann aber enttäuscht feststellen musste, wie Evgeny Tomashevsky sie 2016 beim Tata Steel Masters gegen Wei Yi aufs Brett brachte. Diese Partie endete mit einem schnellen Remis, aber Magnus und Levon ließen sich auf eine der spannendsten Varianten ein. Der Schlüsselmoment folgte auf 14…Sh5:


15.Sxe5! ist der prinzipielle Zug, aber Magnus fürchtete vermutlich zu Recht, dass Levon darauf bestens vorbereitet war – auch wenn jener hinterher behauptete, er habe in dieser Partiephase alles am Brett berechnet. 

Volle Konzentration | Foto: Lennart Ootes

Stattdessen spielte Carlsen das ruhige 15.Sbd2, und räumte ein, der anschließende Abtausch der Läufer auf e6 sei “ein wenig dumm gewesen”, aber „er habe versucht, seinen Gegner ein wenig zu provozieren“. Dieser Plan ging auf, denn Levon übernahm die Initiative, traf dann aber mit dem Turmtausch auf der b-Linie eine „lächerliche“ Entscheidung. Dann kam 24.Tb7 aufs Brett!


Levon hat nicht nur einmal aus glänzenden Stellungen heraus gegen Magnus verloren, und er fürchtete, dass dies nun wieder passieren würde. Nach der Partie gab es folgenden Wortwechsel:

Aronian: Ich traute meinen Augen nicht, weil hier einfach etwas für mich gehen musste…

Carlsen: Es ist immer dasselbe!

Aronian: Ich sollte einfach keine Ambitionen mehr hegen.

Magnus und Levon auf der Suche nach der Wahrheit | Foto: Lennart Ootes

Levon probierte es mit 24…h3!? und glaubte zumindest so lange weiter an seine Stellung, bis Magnus die starke Zugfolge 30.d4! exd4 31.e5! entkorkte:

"31.e5. "Das ist schön!" (Leko) Magnus steht auf Gewinn, hat aber wenig Zeit."

Levon verbrauchte fünf Minuten für 31…dxe5, worauf Magnus die Pointe 32.Sc4! auspackte, und der Turm auf b2 sich wünschte, er wäre dort nie gelandet. 18 Minuten brauchte Aronian nun, um schweren Herzens 32…Tb1+ zu spielen. Das erzwang 33.Kxg2, wonach sich Aronian von seinen Mattabsichten verabschieden musste!

Levon überstand einige kritische Momente| Foto: Lennart Ootes

Die Schlüsselstellung der gesamten Partie war nach 33…e4 erreicht:


Die Varianten sind extrem kompliziert, aber nach 34.Sfe5! steht Weiß offenbar auf Gewinn – zwei schwarze Leichtfiguren sind angegriffen, von denen eine gefesselt ist. Wichtig ist, dass 34…e3 mit 35.Tf7! beantwortet werden kann.

Magnus spielte stattdessen das “einfachere” 34.Dxe4? – doch damit ermöglichte er 34…Sf4+! 35.Kg3 und den Zug, den er übersehen hatte: 35…Se2+! Der Springer kann wegen des folgenden Dauerschachs mit 36…Dg6+ nicht geschlagen werden, und Weiß muss sogar vorsichtig sein, da der Turm auf b1 zum Eingreifen bereit steht.

An Magnus' neues Outfit muss man sich immer noch gewöhnen | Foto: Lennart Ootes

Carlsen war zu seiner Freude überrascht, dass die Partie noch nicht vorbei war:

Nach 35...Se2+ ging ich davon aus, dass wir uns bald die Hände schütteln würden, aber dann ging noch was!

Magnus wich dem Dauerschach aus und goss stattdessen mit 42.Kf6! Öl ins Feuer:


Schwarz kann seinen c-Bauern umwandeln, müsste die Dame aber bald für einen Springer geben. 42…Tb8 führt laut Computer zum Remis, aber beide Spieler hielten diese Variante angesichts der weißen Figuren, die um den schwarzen König herumstehen, für extrem riskant.

Stattdessen spielte Levon 42…Tg1!?. Beide Spieler hatten die Variante 43.Sg5 Txg5 44.Se3! gesehen, schätzten das Springerendspiel aber als remis ein. In der Partie konnte Schwarz den Springer nach 43.Sxg1 c1=Q 44.Sxe2 mit Schach gewinnen, wonach eine theoretische Remisstellung mit Dame gegen Turm, Springer und Bauer aufs Brett kam. Magnus hatte zwar praktische Gewinnchancen, aber Levon verteidigte sich präzise und erreichte im 70.Zug den Remishafen.

Ein Blick in die Hexenküche | Foto: Lennart Ootes

Peter Leko meinte:

Für mich ist das die Partie der letzten Jahre, denn ich habe noch nie so ein faszinierendes Remis gesehen!

Und rannte damit in Levons Entgegnung:

Wir kennen deine Vorlieben!

Wir haben uns intensiv mit dieser Partie beschäftigt, aber auch an den anderen Brettern war eine Menge los. Die Sensation ist sicher, dass Hou Yifan mit 2 aus 2 an der Spitze liegt, wenngleich ihr Sieg gegen Georg Meier deutlich weniger überzeugend ausfiel als derjenige vom Vortag gegen Caruana.

Vielmehr handelte es sich bei der Partie um eine Ausnahme von der Bobby-Fischer-Regel, dass es in einer überlegenen Stellung automatisch einen taktischen Schlag gibt, oder wie Meier meinte, „normal gibt es eine natürliche Lösung, aber leider nicht hier“. Er stand so überlegen, dass Hou Yifan eine Reihe einziger Züge finden musste, doch als Meier seinen Königsflügel schwächte, brach seine Stellung binnen kürzester Zeit zusammen.

Meier und Hou Yifan nach ihrer Partie | Foto: Lennart Ootes

Der letzte Fehler war 29.Sh4?


Hou Yifan packte fast a tempo den tödlichen Schlag 29…Sxf2! aus und gewann nach 30.Kxf2 De2+ 31.Kg1 Te3 mühelos.

Die Spielerin der Stunde schreibt Autogramme| Foto: Lennart Ootes

Außerdem schlugen die beiden 2800er, die am Samstag verloren hatten, direkt zurück. Fabiano Caruana profitierte davon, dass Arkadij Naiditsch seine Dame nach b4 gestellt hatte:


Sowohl Fabiano als auch Peter Leko nahmen an, dass Naiditsch einfach übersehen hatte, dass 14…b6! ging (“eine kalte Dusche” – Leko), denn 15.Sxb6 scheitert an 15…Tb8! Bald fand sich die weiße Dame auf a3 wieder, ehe sie über a1 wieder ins Spiel zurückkehrte.  

Arkadij Naiditsch konnte nicht nachlegen | Foto: Lennart Ootes

Noch war aber nichts Entscheidendes passiert, und erst als Naiditsch in Zeitnot geriet und Caruanas 30…f5! provozierte, ging die Partie den Bach hinunter. Die Schlussstellung war dann aber völlig hoffnungslos:


Alle Schwerfiguren werden abgetauscht, und das entstehende Bauernendspiel ist leicht für Schwarz gewonnen. Fabiano Caruana sprach über diese Partie und seine Niederlage gegen Hou Yifan am Vortag:

Maxime Vachier-Lagrave brachte im 13.Zug eine Neuerung aufs Brett, und obwohl er angab, sich nicht mehr an seine Analyse erinnern zu können, sah es so aus, als habe er die anschließende Stellung, in der er einen Mehrbauern hat, schon auf dem Brett gehabt. Die Verwertung erwies aber als schwierig, zumal Matthias Blübaum sich genauso zäh verteidigte wie am Vortag gegen Magnus Carlsen.   

Matthias Blübaum erweist sich als zäher Verteidiger | Foto: Lennart Ootes

Auf die Frage nach dem kritische Moment der Partie antwortete Maxime: „Keine Ahnung.“ Hier die Stellung, in der sein Sieg feststand:


Nach 68.Txb6 ginge die Partie weiter, aber es kam der hübsche Gewinnzug 68.Le4! Schwarz verliert eine Figur und die Partie.

Maxime Vachier-Lagrave hatte gut lachen | Foto: Lennart Ootes

Hier der Stand nach zwei Runden:


Hou Yifan muss jetzt allerdings gegen Magnus Carlsen ran, der bisher alle Turnierpartien gegen die Chinesin gewinnen konnte. Außerdem treffen Aronian-MVL, Caruana-Meier und Blübaum-Naiditsch am Ostermontag aufeinander. Danach ziehen die Spieler nach Baden-Baden um, da das Open dann beendet ist. 

Beim Open führt aktuell Vladimir Fedoseev mit 6,5 aus 7 | Foto: Lennart Ootes

Den Live-Kommentar von Peter Leko und Lawrence Trent könnt ihr auch heute wieder ab 14:50 Uhr auf chess24 verfolgen. Das geht auch mit unseren kostenlosen Apps:   

         

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