Berichte 08.02.2015 | 13:17von chess24 staff

GRENKE Classic 5: Carlsen steigt auf, Anand fällt

Magnus Carlsen liegt nun gleichauf mit Arkadij Naiditsch an der Spitze des GRENKE Chess Classic, nachdem er David Baramidze in einem komplexen Endspiel überspielte. Es war Carlsens zweiter Sieg und Baramidzes dritte Niederlage in Folge. Die aufsehenerregendste Story des Tages war jedoch Viswanathan Anands zweite Niederlage hintereinander - ein schmerzhaft plötzlicher Rückschlag mit einer Stellung, in der sich der Ex-Weltmeister eigentlich gut gegen Levon Aronian zu schlagen schien. Die anderen beiden Partien endeten in Remis, aber erst nach sechstündigen Kämpfen. Das volle Haus in Baden-Baden kam also auf seine Kosten!

Ein zweiter Sieg brachte Carlsen zwei Runden vor Schluss an die Spitze, wobei er in der nächsten Partie mit Schwarz gegen Caruana spielt | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite  

GRENKE Classic 2015 Runde 5 Ergebnisse (klicke auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse nachzuspielen)

Aronian Levon27771 - 0Anand Viswanathan2797
Adams Michael2738½ - ½Bacrot Etienne2711
Naiditsch Arkadij2706½ - ½Caruana Fabiano2811
Carlsen Magnus28651 - 0Baramidze David2594

Aronian 1-0 Anand: Levons Glückstag

Nach einer Niederlage gegen Magnus Carlsen war ein Aufeinandertreffen mit Levon Aronian wohl fast das Letzte, das Viswanathan Anand brauchte. Sein Score gegen die armenische Nummer Eins ist überraschenderweise viel schlechter als der gegen den Weltmeister: 8 Niederlagen, 3 Siege, 20 Remisen im klassischen Schach, und das vor ihrer Partie in Baden-Baden. Der einzige Trost für Anand war jedoch, dass er die Partie gewonnen hatte, bei der es wirklich darauf ankam: ihren Kampf in der ersten Runde des Kandidatenturniers 2014.

In Runde 5 schien für Vishy zunächst alles gut zu laufen. Er wiederholte das Set-up, das Aronian 14 Tage zuvor in Wijk aan Zee gegen Carlsen verwendet hatte (nach einer unterschiedlichen Zugreihenfolge sind die Stellungen im 12. Zug identisch), aber während Levon passiv spielte und eine triste Partie ohne jegliche Kompensation verlor, expandierte Anand mit 15…g5! auf dem Königsflügel:


Aronian gab dann zu, "ich bin nicht sehr stolz auf meine Züge hier", und statt ein solides Spiel am Damenflügel anzustreben, versteckte er sich am Königsflügel. 12.Tfc1 und 21.Tcf1 stehen symbolisch für seine Herangehensweise ("ich bekam irgendwie Angst" und "ich fühlte mich wie ein kleiner Feigling..." sind ein paar von Aronians Zitaten aus der Pressekonferenz). Die Kommentatoren witzelten, dass er uns nun von der anderen Seite aus zeigen würde, wie man die Struktur falsch spielt, aber wie er selbst sagte, "war heute mein Glückstag". Anand knickte nach 23.Dd2 zum zweiten Mal in Folge ein:


Vishy hätte 23…hxg3! spielen sollen, als Aronian 24.fxg3!? plante (Carlsen erriet das ebenfalls: "Ich kenne Levon - er mag diese Art von Stellung!"), was aufregend gewesen wäre, obwohl es objektiv Schwarz begünstigt.

Stattdessen tappte Anand mit 23…Sh6? in die Falle und erlaubte Aronian, mit 24.e4 durchzubrechen! Aronian und die Kommentatoren waren sich einig, dass Anand übersehen haben musste, dass 24…Dxf3 25.Dxg5+ Kh7 26. e5 Lf5 27.Lxf5+ Sxf5 von einem absolut einzigen Zug übertroffen wird: 28.Tc3!


Das verführte Magnus Carlsen zu dem Lob: "Schöne Rechenleistung von Levon!" Für Anand war es eine bittere Pille. Aronian kommentierte, dass "e4 zu übersehen ein sehr, sehr schlechtes Gefühl geben kann". Vishy zeigte dann nicht zum ersten Mal nach einem Fehltritt nicht mehr viel Widerstand, lehnte die Möglichkeit ab, mit 25…Lxb4 einen Bauern zu nehmen und überraschte dann alle, indem er nach 34.hxg3 aufgab:


Es stimmt, dass Weiß nicht nur einen Mehrbauern, sondern auch zwei verbundene Freibauern hat, aber wie Nigel Short sagte, "es ist eine gewonnene Stellung, aber man muss sie immer noch gewinnen". 

Schaut euch Levons vollständige Kommentare nach der Partie hier unten an, einschließlich seiner Idee eines potentiellen Bestsellers mit dem Titel "Patzen wie ein Großmeister", und des Problems mit dem Großmeister-Titel:

Carlsen 1-0 Baramidze: Keine Überraschungen

Der Ko-Kommentator Nigel Short gab vor und nach der Partie jeweils einen knappen Kommentar ab:

‌"#GrenkeChess kommt in Schwung. Ein kreisender Großer Weißer Hai (@MagnusCarlsen) riecht das Blut des verwundeten Baramidze. Naiditsch führt mit 3/4."

"Der norwegische 'Große Weiße Hai' (@MagnusCarlsen) hat seine Beute (Baramidze) gefressen"

Nachdem Baramidze in den letzten beiden Runden mit vielen falsch berechnete Opfern gescheitert war, strebte er gegen den Weltmeister ein solides Spiel an. Das versuchte er mit einem Spanier, bei dem er seinen Läufer von e7 auf g7 umleitete. Carlsen erklärte:

Dieses Lg7 ist irgendwie ein faules System für Leute, die sich damit begnügen, einfach diese Art von System zu spielen, anstatt mit c5-c4 auszugleichen. Es ist gar nicht so dumm, wie ich in der Partie merkte…

Obwohl es ruhig aussah, spitzte sich das Aufeinandertreffen plötzlich zu mit 23.d5:


Carlsen fand, dass die richtige Reaktion hier 23…Sc7 war ("es sieht sehr hässlich aus, aber ich sehe keine andere tolle Möglichkeit für mich"), obwohl Schwarz nach 24.Sg5! den Bauern auf d6 nach einem Damentausch verliert. Das wäre nicht unbedingt schlechter gewesen als das, was in der Partie tatsächlich geschah. 

Baramidze konnte nicht vermeiden, dass die Partie endete wie von jedem erwartet | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite  

Es war hart für Baramidze, da er in der folgenden taktischen Sequenz fast alles richtig machte (28…Te7 anstelle von 28…Te6 hätte vielleicht eine kleine Verbesserung gebracht, aber die Nuance war so fein, dass der Weltmeister sie nach der Partie nicht erwähnte).

Nach den hektischen Abtauschen brachte Carlsen seine Vorteile zur Geltung mit 35.b4!


Schwarz kann den b5-Bauern nicht verteidigen, und die verbundenen weißen Freibauern können nur schwer aufgehalten werden. Vielleicht hätte es noch Chancen gegeben, wenn die schwarzen Bauern sich ebenfalls hätten bewegen können, aber die Zeit, die auf 38…Th4? verschwendet wurde, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Baramidze zeigte am Ende noch etwas Einfallsreichtum, sodass Magnus ihn für den trickreichen Zug 45…Tc2 lobte:


46.b7?? Sh3+! ist z.B. nur ein Remis durch Dauerschach, da Kf1 natürlich in das Tf2-Matt läuft. Nach Carlsens 46.Kh1! war es jedoch vorbei, und Baramidze gab vier Züge später auf.

Schaut euch Magnus Carlsens ganze Pressekonferenz hier an:

Die restlichen beiden Partien endeten in Remis, aber erst nach gewaltigen Anstrengungen.

Naiditsch 1/2 – 1/2 Caruana: Irgendwie wird es zusammengehalten…

Naiditsch tat alles, was er konnte, um den entscheidenen Sieg zu erzielen, aber Caruana überlebte das Aufeinandertreffen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite  

Nachdem wir diese Partie im vorherigen Bericht hochgejubelt hatten, indem wir die fantastischen Angriffsspiele erwähnten, die die beiden im 2013 GRENKE Chess Classic spielten, musste ihr diesjähriges Aufeinandertreffen natürlich die Art von Partie sein, auf die nur eine Mutter stolz sein könnte. Oder vielleicht Jan Gustafsson, da er eine neue Reihe über das Marshall-Gambit fast fertig hat, die seine bestehenden chess24-Videos ergänzen wird…

Fabiano Caruana fasste es zusammen:

Ich spielte den Marshall-Angriff, der nicht die ehrgeizigste Eröffnung ist. Ich habe nicht wirklich diese Variante erwartet… Ich stand etwas schlechter und dann spielte ich sie falsch und dann stand ich offensichtlich noch schlechter... Es grenzte an eine Niederlage, aber irgendwie konnte ich die Stellung halten.

Bis zum 20. Zug folgten die Spieler einigen angesehenen Vorgängern, nicht nur Adams-Aronian von der Olympiade 2014, sondern auch Caruana-Aronian vom Zürich Chess Challenge im letzten Jahr:


Bei der Olympiade spielte Aronian 20…Dxf3+, wonach im 31. Zug ein Remis vereinbart wurde. Gegen Caruana hatte er 20...Kf8 gespielt und verloren. Caruana merkte an:

Ich habe diese Variante selbst gespielt, konnte mich aber einfach nicht mehr an die Details erinnern.

Auf der anderen Seite des Bretts, in Baden-Baden, entschied er sich für 20…Txe1 und wurde letztlich bis zum 65. Zug gequält, da Naiditsch sein Läuferpaar dazu nutzte, ein etwas besseres Turmendspiel zu erzwingen. Er hatte es geschafft, gegen Carlsen aus dem Nichts einen Sieg im Endspiel herauszuquetschen und vertraute daher seinen Chancen. Es war jedoch irgendwann so weit, dass die Kommentatoren um Videomaterial von der Partie baten, um zu überprüfen, dass die Spieler noch lebten…

Schaut euch die Diskussion nach der Partie hier an:

Adams 1/2 – 1/2 Bacrot: Tricky Mickey

Adams und Bacrot waren die letzten Spieler, die noch am Brett saßen... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite  

Etienne Bacrot hat nun in allen fünf Partien in Baden-Baden remis gespielt. In dieser Partie verpasste er eine weitere große Chance, genau wie im ersten Aufeinandertreffen mit David Baramidze. Auf der anderen Seite begann es schon nicht gut, der scharfe Zug 17.c5! gab Adams eine schöne Stellung. Der Augenblick, den der Engländer hätte nutzen müssen, kam vielleicht nach 24…Sd4:


25.Sxe5!? Dxe5 26.f4! kann zu spannenden Varianten führen, aber die Komplikationen scheinen zugunsten von Weiß zu verlaufen. Stattdessen übernahm Bacrot im Zeitlupentempo die Initiative, bis es für Adams düster aussah. Er wurde jedoch durch eine kritische Entscheidung gerettet, die Bacrot in großer Zeitnot und in einer sehr nervösen Stimmung traf:


Der "menschliche" Zug 55…Dg1 ermöglichte es Mickey, im Spiel zu bleiben, wobei der weiße a-Freibauer den schwarzen d-Bauern aufwog. Wenn Bacrot aber einige Minuten gehabt hätte anstelle von Sekunden, wäre er vermutlich auf den lähmenden Zug 55…Dd1!! gekommen. Der hätte bedeutet, dass 56.f4 Lh6 eine vernichtende Mattdrohung vorbereitet, z.B. 57. a4 Lxf4!! 58.gxf4 Dg4 Matt:


Stattdessen machten die Spieler im 65. Zug Feierabend (genau wie in der Partie Naiditsch-Caruana), nach fast sieben Stunden.

In der Turnierhalle gab es am Samstag nur noch Stehplätze | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite  

Zwei Runden vor Schluss hat Magnus Carlsen also ominöserweise die geteilte Führung übernommen:

Rk. NameFEDRatingPoints WinsRating +/-
1Carlsen MagnusNOR28653.530.8
2Naiditsch ArkadijGER27063.5213.6
3Caruana FabianoITA28113.010.5
4Aronian LevonARM27772.51-1.3
Adams MichaelENG27382.510.0
6Bacrot EtienneFRA27112.502.3
7Anand ViswanathanIND27971.50-11.6
8Baramidze DavidGER25941.00-4.3

In Runde 6 sehen wir wieder einmal, wie im Tata Steel Masters, wie Magnus Carlsen mit Schwarz auf Fabiano Caruana trifft. Kann er einen weiteren Sieg verbuchen oder wird Caruana seinen fünften klassischen Sieg über den Weltmeister erzielen? Und werden Anands und Baramidzes Leiden in ihrer Partie gegeneinander enden oder weitergehen?

Bo.Rtg NameResultName Rtg
12797Anand ViswanathanBaramidze David2594
22811Caruana FabianoCarlsen Magnus2865
32711Bacrot EtienneNaiditsch Arkadij2706
42777Aronian LevonAdams Michael2738

Verpasst nicht die vorletzte Runde live hier auf chess24 mit den Kommentatoren Jan Gustafsson und Nigel Short

Ihr könnt auch mit unseren kostenlosen Handy-Apps jeden Zug verfolgen:

         

Siehe auch:


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