Berichte 05.02.2015 | 12:48von chess24 staff

GRENKE Classic 3: Magnus Jobava verliert gegen Naiditsch

Arkadij Naiditsch schlug Magnus Carlsen zum zweiten Mal in Folge, nachdem der Weltmeister ein Läuferopfer heraushaute, für das ihn Maxime Vachier-Lagrave "Magnus Jobava" taufte. Naiditsch entschärfte jede unmittelbare Gefahr, musste aber zwei oder dreimal einen epischen Kampf gegen Carlsens legendäre Widerstandsfähigkeit gewinnen. Dies überschattete die Tatsache, dass Fabiano Caruana nach einer wackeligen Leistung von Levon Aronian wieder auf Rang 2 der Weltrangliste steht, während Michael Adams mit einem Sieg gegen David Baramidze direkt wieder auf die Beine kam.

Arkadij Naiditsch schafft es wieder einmal! | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite

GRENKE Classic 2015 Runde 3 Ergebnisse (klicke auf ein Ergebnis, um die Partie mit Computeranalyse nachzuspielen)

NameRatingRes.NameRating
Bacrot Etienne2711½ - ½Anand Viswanathan2797
Aronian Levon27770 - 1Caruana Fabiano2811
Adams Michael27381 - 0Baramidze David2594
Naiditsch Arkadij27061 - 0Carlsen Magnus2865

Da kein Zweifel daran besteht, was die Partie das Tages war, lasst uns die anderen Aufeinandertreffen mit zwei Siegen und einem Remis in einer Berliner Mauer schnell durchgehen.

Aronian 0-1 Caruana: Komödie der Irrtümer

Levon Aronian bleibt weiterhin ein blasser Schatten des messerscharfen und einfallsreichen Spielers, den wir vor einem Jahr alle kannten und mochten. Am Mittwoch hatte er in Baden-Baden die weißen Figuren, überreichte Fabiano Caruana aber den Sieg auf einem Silbertablett. Caruana gab einen "schrecklichen Fehler" zu (30…Kg7? ermöglichte 31.Sc7!), aber das war nichts gegen Aronians Tirade an Selbstvorwürfen:

  • "Natürlich vergaß ich ganz mit 22…Dc7 [einen Bauern zu gewinnen] - das war total dumm von mir"
  • "Wenn du ein sofortiges Remis nach 30.Sf4 siehst und du weißt, dass du nicht besser stehst, ist es wirklich albern, es nicht zu machen"
  • "31.Sc3 war richtig dumm"
  • "33…Ta7 habe ich komplett vergessen – ein seltsamer Fehler"
  • "Es war lächerlich, in 32…Lc5 hineinzustolpern"
  • "Mit 34.Td8 [Txd8 35.Txd8] habe ich ebenfalls einen Fehler gemacht"


35…Lxf2+! (oben seht ihr, wie Caruana den Zug ausführt) führte zu dem Gewinn von noch mehr Material, da 36.Kxf2 auf den einfachen Doppelangriff 36…Df6+! trifft. Es war fast schmerzhaft, der Partie zuzuschauen, aber Caruana beschwert sich vermutlich nicht, da er die Führung übernahm und wieder auf den zweiten Platz der Live-Ratingliste kletterte. Aronian wurde früher mit diesem zweiten Platz gleichgesetzt, es geht mit ihm aber schon lange in die andere Richtung:

‌"Da er seine Partie in der dritten Runde von #GrenkeChess gegen FabianoCaruana verlor, fällt LevAronian zum ersten Mal seit fünf Jahren aus den Top 10 heraus."

Schaut euch die Pressekonferenz nach der Partie hier an:

Adams 1-0 Baramidze: Genau das, was Adams brauchte

Taktik ist vielleicht nicht Adams Spezialität, man bleibt jedoch nicht so lange an der Spitze der Schachwelt, wenn man sie nicht sehr sehr gut erkennen kann | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite

Nachdem er am Tag zuvor von Magnus Carlsen schmerzhaft überspielt worden war, bekam Michael Adams die Chance, direkt wieder auf 50% zu kommen. Er sagte, dass er vorher dachte, dass David Baramidzes 16…Se7? etwas fragwürdig aussah, und als es auf dem Brett erschien, erkannte er, dass es einfach ein Verlustzug war:


Das Problem war 17.axb5 axb5 18.Txa7! Txa7 19.Lg5 Dg6 20.De3!


Ein ungewöhnlicher Doppelangriff, da er sowohl den a7-Turm ins Visier nimmt als auch Sxe5 oder Sh4 vorbereitet, sodass die schwarze Dame gefangen ist. Für Baramidze gab es keine bessere Möglichkeit, als mit 20…f6 Material herzugeben. Die Stellung war jedoch objektiv hoffnungslos, auch wenn Adams einige Geister sah, die die Konvertierung des Vorteils verlängerten (sie hätten sie vielleicht unendlich in die Länge gezogen, wäre nicht Baramidzes Figurenopfer 25…Sxg2 gewesen – ein wiederkehrendes Motiv des Tages!).

Schaut euch die Pressekonferenz nach der Partie an:

Bacrot 1/2 – 1/2 Anand: Berlin-Blues

Es ist fair zu sagen, dass nur wenige vom Ausbleiben von Berliner Verteidigungen seit dem London Chess Classic traurig gestimmt werden, und dieses Aufeinandertreffen zeigte warum. Bacrot spielte den ersten neuen Zug ungefähr im 23. Zug, und Anand begann die Pressekonferenz mit den Worten: "Stellt nicht zuviele Fragen über die Eröffnung!"

Bacrot hatte nicht mehr Erfolg als Carlsen im Weltmeisterschaftsmatch, wenn es darum ging, einen Eröffnungsvorteil gegen die Berliner Verteidigung zu finden | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite

Zwei Züge später dachte Bacrot über 50 Minuten lang nach, kam zu dem Schluss, dass all seine Gewinnversuche scheiterten, und spielte dann, wie er später zugab, "auf remis". Die daraus entstehende Stellung erschien den Spielern anscheinend relativ einfach, da sie dieses sich im 37. Zug regelrecht in das Remis stürzten. Unten könnt ihr euch die Analyse der Partie ansehen:

Und nun zu einem wirklich epischen Kampf.

Naiditsch 1-0 Carlsen: Der Blitz schlug zweimal ein

Für diese Partie braucht man die Hintergrundgeschichte. Siebte Runde der Olympiade von 2014. Magnus Carlsen führt das norwegische Team an und entscheidet sich gegen Deutschland kurz vor der Zeitkontrolle für einen gewagten Gewinnversuch, nur um dann zu spät zu erkennen, dass es eine Stellung ist, in der ein Springer und ein Freibauer dem Läufer überlegen sind.

Ihr könnt die Partie hier nachspielen

Naiditsch gewann ein virtuoses Endspiel und da die anderen drei Aufeinandertreffen remis endeten, schlug Deutschland Norwegen.

Carlsen entwickelt einen schlauen Plan... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite

Bei dem Aufeinandertreffen der Spieler in der dritten Runde des GRENKE Chess Classic in Baden-Baden ging es also um mehr. Carlsen spielte diesmal mit Schwarz, aber als er auf 1.e4 mit 1…g6 reagierte, war klar, dass er auf's Ganze ging. Das hielt jedoch 10…Lxg4!? nicht davon ab, ein treffsicherer Pfeil aus dem Nichts heraus zu sein!


Der Weltmeister hatte gerade einen Läufer für zwei Bauern aufgegeben - und das war offensichtlich (wie jeder Schachcomputer den Zuschauern anzeigte) ein spekulatives Opfer. Nigel Short in der Kabine der Kommentatoren war sprachlos, aber glücklicherweise nicht im wahrsten Sinne des Wortes! 

Was zur Hölle? Was für ein Tier!! Er will Blut sehen. Er will Arkadij Naiditschs Kopf abreißen mit dieser Art von Schach. Sehr mutig, sehr gewagt. Ich würde mich das nicht trauen. Ich wäre zu ängstlich.

Maxime Vachier-Lagrave bekam jedoch den Preis für die Reaktion des Tages, da er uns zeigte, das nicht nur Fans, sondern auch Top 10-Spieler (nach Aronians Niederlage) sich von Schachmomenten hinreißen lassen können:

‌"Oh mein Goooooott @MagnusCarlsen #TweeteWieEinPsychopath #GrenkeChess #Lxg4WTF"

"Dieses Gefühl, wenn du einfach zuhause chillst, und dann passiert #Lxg4WTF und du weißt, wie du deinen Nachmittag verbringen wirst. Verdammt seiest du, Magnus Jobava"

An diesem Punkt war offensichtlich eine Klarstellung nötig (nicht beim Namen Magnus Jobava, dessen Bedeutung war klar!):

‌"Eine Debatte über die Bedeutung von MVLs #Lxg4WTF - Nigel: "Was zur FIDE?", Jan: "War das forciert?"

Und dann nach etwas Nachdenken:

‌"Noch eine Frage, die in den Sinn kommt: ob MagnusCarlsen gerade eine Wette gewonnen hat, nur indem er #Lxg4WTF gespielt hat"

Auch andere Spieler wurden nach ihren Partien gefragt, ob sie den Zug in Erwägung gezogen hätten:

Anand: "Ich hätte ihn in Erwägung gezogen" Hättest du ihn gespielt? "50:50"

Bacrot: "Nur wenn ich gedacht hätte, meine Stellung sei sehr schlecht"

Caruana: "Ich konnte Lxg4 nicht fassen – das war ein außergewöhnlicher Zug. Er ergibt Sinn, aber..."

Naiditsch selbst beschrieb ihn als "vielleicht ein recht guter praktischer Versuch" in einer Stellung, die er bereits als sehr schwierig für Schwarz ansah. Was dann folgte, kann man unmöglich in einem kurzen Bericht zusammenfassen, also gibt es hier einfach ein paar Schnappschüsse:

19.Txb7!


Nachdem Naiditsch zunächst extrem genial spielte, um sein zusätzliches Material zu konsolidieren, hat er auf b2 einen Bauern aufgegeben und nimmt nun auf b7. Die Computeranalyse legt nahe, dass Weiß den Löwenanteil seines Vorteils aufgegeben hat, aber das Problem für Magnus ist, dass Weiß nach 19…Tab8 die Stellung mit 20.Txg7! Kxg7 21.Lxf5!! sprengen kann. Obwohl der Computer angibt, dass es alles in Dauerschach enden wird, erklärte Nigel Short:

Du stehst diesem bösen Angriff gegenüber und es sieht so aus, als hätte Weiß als absolutes Minimum ein Remis. Man muss hier alles bis zum Ende durchkalkuliert haben, um sich dafür zu entscheiden.

Es war also verständlich, dass Magnus 19…Tf7 spielte, sodass er definitiv wieder schlechter stand. Naiditsch erzwang dann einen Damentausch und schien bis 30…Ta2 auf einem guten Weg zum Sieg:


Ich habe mich selbst völlig schockiert, als ich auf e5 nicht nahm. Ich war sehr wütend darüber, 31.Lg2 gespielt zu haben.

Der Deutsche war in Zeitnot und es schien so wie in vielen Partien von Magnus, als würde der Weltmeister alle seine Probleme lösen und könnte davon träumen, auf Sieg zu spielen, da seine Bauernphalanx nicht deutlich schwächer war als die weißen Figuren. Nigel Short kommentierte:

Bei einigen Spielern kann man einfach darauf warten, dass sie sterben. Bei Magnus Carlsen muss man einen Pfahl durchs Herz rammen.

Vielleicht war es aber auch teilweise unser üblicher Carlsen-Komplex - als Jan Gustafsson Aronian fragte, wer auf Gewinn spielte, antwortete er sofort, "Definitiv Weiß".

Es kann auch ein Nachteil sein, aber Naiditsch' fast unzerstörbares Vertrauen in seine Stellungen ist genau das, was man braucht, um einen mental so starken Spieler wie Magnus Carlsen zu schlagen | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite

Vielleicht war der Augenblick, indem alles bergab ging, dieser hier nach 49.Kh1:


Naiditsch wies darauf hin, dass es für Schwarz fast keinen Zug gibt. 49…Tf4 war vielleicht die beste Möglichkeit, da nach 49…Kf6 50.Sc4! der a5-Bauer verloren ging und Weiß die Situation mit seinem Turm auf d3 beherrschte. Die Endstellung verdeutlicht alles, die schwarzen Bauern schaffen es nur knapp nicht, die Lage zu retten:



Naiditsch war verständlicherweise hinterher fröhlich:

Natürlich ist es ein gutes Gefühl, den stärksten Schachspieler der Welt zu schlagen!

Schaut euch sein ganzes Interview hier an:

Magnus blieb jedoch nicht zum Interview nach der Partie, obwohl er über Twitter einen außergewöhnlichen Fakt bekanntgab:

‌"Also, das ist meine vierte Niederlage in einer dritten Runde"

Es stimmt, Carlsen verlor gegen Caruana in der dritten Runde des Sinquefield-Cups, gegen Anand in der dritten Partie des Weltmeisterschaftsmatches und gegen Wojtaszek in der dritten Runde des Tata Steel Masters. Nach der Niederlage beim Tata hatte er danach zugegebenermaßen sechs Partien in Folge gewonnen, aber wie Jan bemerkte, ist das schwierig, da im GRENKE Chess Classic nur vier Runden verbleiben!

Wir haben also zwei neue Spitzenreiter in Baden-Baden:

RankNameRatingFEDPointsWins
1Caruana Fabiano281121
 Naiditsch Arkadij270621
3Adams Michael27381
 Carlsen Magnus28651
5Bacrot Etienne27110
 Anand Viswanathan27970
7Aronian Levon277710
 Baramidze David259410

Es ist vielleicht nicht gerade das, was er braucht, aber Magnus Carlsens nächste Partie nach dem Erholungstag am Donnerstag wird sein erstes Aufeinandertreffen mit Vishy Anand seit dem Weltmeisterschaftsmatch sein. Er spielt mit Schwarz und muss sich entscheiden, ob er etwas Raffinierteres versucht als sein Repertoire in dem Match, das an Vishys Rüstung abprallte.

Hier geht's lang für mehr gutes Schach der Weltklasse... | Foto: Georgios Souleidis, Offizielle Webseite

NameRatingResultNameRating
Anand Viswanathan2797Carlsen Magnus2865
Baramidze David2594Naiditsch Arkadij2706
Caruana Fabiano2811Adams Michael2738
Bacrot Etienne2711Aronian Levon2777

Schaut euch alles live bei chess24 mit Kommentaren von Jan Gustafsson und Nigel Short an! Ihr könnt auch mit unseren kostenlosen Handy-Apps jeden Zug verfolgen:

         

Siehe auch:


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